Telekom-Affäre Obermann verschleppt Aufklärung

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René Obermann weist solche Vorwürfe auf Anfrage des Handelsblatts von sich. Die Telekom betont, die Bestrafung Trzeschans sei nach den damaligen Erkenntnissen nicht milde gewesen. „Für Sanktionen wie Entfernung aus dem Beamtentum reichten die damaligen Erkenntnisse nicht aus“, heißt es in Bonn. Die Telekom räumt aber ein, nicht nachgeforscht zu haben, wessen Telefonate illegal überprüft worden sind, weil sie dazu das Fernmeldegeheimnis erneut hätte brechen müssen.

Oder hat Obermann sich möglicherweise dem Druck eines anderes Mannes gebeugt, der immer wieder in die Telekom hineinregiert hat, Aufsichtsratschef Zumwinkel? Dafür gibt es jedenfalls einen Hinweis in den Ermittlungsunterlagen: Aus einem Vermerk von Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger geht hervor, dass Klaus Zumwinkel enormen Druck gemacht haben soll, den Spitzelfall unter der Decke zu halten. Der Mann, der Trzeschan mit der Suche nach einem Leck beauftragt haben soll, wollte Trzeschan offenbar schützen – und damit sich selbst.

In einem Gespräch zu dritt im August oder September 2007, das Disziplinarverfahren gegen Trzeschan hat gerade begonnen, habe Zumwinkel Obermann besorgt und intensiv aufgefordert, das Verfahren gegen den Beamten still und leise zu beenden, schreibt Sattelberger. Es habe von Obermann großen Mut erfordert, seinen Oberaufseher Zumwinkel davon zu überzeugen, überhaupt gegen Trzeschan vorzugehen.

Der eng begrenzte Ermittlungseifer Obermanns könnte sich also auch als Kompromiss verstehen lassen: gegen den Haupttäter Trzeschan ermitteln, aber den Kreis möglichst eng halten, um den mächtigen Aufsichtsratschef nicht zu vergrätzen.

Wie viel Druck Zumwinkel damals auf Obermann ausgeübt hat, will der Telekom-Chef heute nicht sagen. Er verweist darauf, dass er sich im Falle einer Klage gegen Zumwinkel dazu vor Gericht äußern müsse.

Nach vier Monaten ist Klaus-Dieter Trzeschan kürzlich aus der U-Haft entlassen worden – gegen eine Kaution von 45000 Euro. Ausgesagt hat er bis heute nicht.

Chronologie: Der Telekom-Skandal

Januar 2005

Im Magazin „Capital“ erscheint ein Artikel über die Wachstumspläne des Telekom-Konzerns. Die Geschichte bringt Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel und den Vorstandsvorsitzenden Kai-Uwe Ricke in Rage, denn sie basiert auf dem Finanzplan, den die Telekom unter Verschluss halten wollte. Ricke und Zumwinkel beauftragen einen Mitarbeiter der Konzernsicherheit, Klaus-Dieter Trzeschan, den Informanten des Journalisten zu suchen.

Sommer 2005

Trzeschan stellt seine Ergebnisse vor. Demnach ist Wilhelm Wegner, Konzerngesamtbetriebsrat und stellvertretender Aufsichtsratschef, die undichte Stelle im Kontrollgremium – angeblich enttarnt durch einen Maulwurf in der „Capital“-Redaktion und Telefonverbindungsdaten. Die Ausspähaktionen sind belegt. Ob es einen Maulwurf gab, ist offen.

Oktober 2005

Ricke und Zumwinkel stellen Wegner zur Rede. Sie konfrontieren ihn mit Trzeschans Ergebnissen, Wegner streitet die Vorwürfe ab. Von einer Abberufung Wegners sehen Ricke und Zumwinkel ab.

November 2006

Wechsel an der Spitze der Telekom: René Obermann löst Ricke als Vorstandschef ab.

August 2007

Obermann erfährt von einem Mitarbeiter der Telekom von Trzeschans heiklen Aktivitäten. Er beauftragt seinen Chefjustiziar mit der Aufklärung der Sache, ein konzerninternes Disziplinarverfahren gegen Trzeschan wird eingeleitet. Obermann baut die Abteilung Konzernsicherheit um: Solche Vorfälle sollen sich nicht wiederholen, gelobt Obermann.

Frühjahr 2008

Wechsel an der Aufsichtsratsspitze: Ulrich Lehner löst Zumwinkel als Vorsitzender des Kontrollgremiums ab. Zumwinkel hat wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung sein Mandat bei der Telekom niedergelegt.

April/Mai 2008

Network Deutschland – ein Unternehmen, das Trzeschan zugearbeitet hatte – meldet sich in der Telekom-Zentrale (Foto links) mit der Drohung: Falls ausstehende Rechnungen über 650 000 Euro nicht bezahlt würden, würde man sich „medienwirksam wehren“. Parallel dazu deutet Firmenchef Ralph Kühn an, dass er noch mehr Geld will. Die Telekom übergibt die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft. Die leitet Ende Mai 2008 ein Ermittlungsverfahren ein. Der Verdacht: Verstoß gegen das Fernmelde- und Datenschutzgesetz. Zu den Verdächtigen gehören neben Trzeschan weitere Telekommitarbeiter. Nach und nach kommt raus, dass 60 Personen von Ausspähaktionen betroffen waren. Später ermitteln die Staatsanwälte auch gegen Zumwinkel und Ricke wegen des Verdachts auf Untreue.

Dezember 2008

Die Staatsanwaltschaft nimmt Trzeschan fest – wegen Fluchtgefahr. Er soll nicht nur die Schlüsselfigur im Spitzelskandal sein, sondern auch Telekom-Gelder veruntreut haben. Nach vier Monaten U-Haft wird Trzeschan im April vorerst entlassen.

Februar 2009

Telekom-interne Ermittler haben die Spitzelaffäre aufgearbeitet und erheben in ihrem Abschlussbericht schwere Vorwürfe gegen Ricke und Zumwinkel. Die Folge: Die Telekom fordert von beiden jeweils knapp eine Million Euro Schadensersatz.

Mai 2009

Nach fast einem Jahr Ermittlungen gewähren die Staatsanwälte den Beschuldigten Akteneinsicht. Angesichts der Ergebnisse müssen wohl Zumwinkel, Ricke und Trzeschan mit einer Anklage rechnen.

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