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Tim Berners-Lee Der Erfinder des World Wide Web fordert eine Reform des Internet

Tim Berners-Lee klagt über mangelnde Persönlichkeitsrechte und Hass im Netz. Er plant einen Vertrag fürs WWW – Google und Facebook haben bereits unterzeichnet.
Update: 06.11.2018 - 16:52 Uhr Kommentieren
Web Summit: Die weltweite Web-Elite trifft sich in Lissabon Quelle: dpa
Web Summit

Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, warnt: Das Netz entwickele sich in die falsche Richtung.

(Foto: dpa)

Lissabon, Düsseldorf Knapp 20.000 Besucher der Technologiemesse Web Summit in Lissabon hörten am Montagabend die harsche Kritik des World-Wide-Web-Erfinders Tim Berners-Lee am aktuellen Zustand seiner Schöpfung. Wenn ihr Applaus als Gradmesser herhalten kann, dann zeigte er deutlich: Es hat sich etwas gedreht in der digitalen Welt. Schon lange gilt nicht mehr das fröhlich-freundliche Narrativ des Silicon Valleys, nach dem die globale Vernetzung die Welt zwangsläufig zu einem besseren Ort machen würde.

Nicht nur digitaler Hass, Propaganda und Wahlmanipulation haben das einst so schöne Bild verändert – auch die zunehmende Zentralisierung auf immer weniger, dafür mächtige Akteure wie Amazon, Google und Facebook sorgt für immer lautere Kritik. Diesen Bedenken verlieh Berners-Lee in Lissabon eine gewichtige Stimme mit seiner Forderung, einen Vertrag für ein faireres Netz aufzusetzen. Dabei leisteten die angesprochenen Konzerne bereits Folge und kündigten eine Zusammenarbeit an. Doch es bleiben Zweifel.

Es ist 29 Jahre her, dass Berners-Lee das World Wide Web erfand. Heute ist er unzufrieden mit seinem Werk oder vielmehr mit dem, was daraus geworden ist. „Die Idee damals war, der Menschheit einen Dienst zu erweisen – das Web sollte frei und offen sein, die Menschen dort gute Dinge tun“, sagte er bei der Eröffnung der Technologiemesse Web Summit.

Wie sich das ändern ließe, hat er bereits erdacht: „Wir brauchen einen Vertrag für das Internet mit klaren und strengen Verantwortlichkeiten für diejenigen, die die Macht haben, es besser zu machen.“ Regierungen, Unternehmen und Privatnutzer sollten ihn unterschreiben und damit alle dafür verantwortlich werden, wie das World Wide Web in Zukunft aussehe.

An Unterstützern scheint es nicht zu mangeln: Zu den ersten Unterzeichnern gehören die französische Regierung, die Tech-Konzerne Google und Facebook sowie rund 50 Organisationen. So pflichtete der französische Digitalminister Mounir Mahjoubi Berners-Lee bei: Technologie müsse zuerst den Menschen dienen, sagte der Politiker.

Vertrag bis Mai 2019

Bis Mai kommenden Jahres sollen die Regeln des Vertrags stehen – dann sei auch der Zeitpunkt gekommen, wo die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet hat. „Wir müssen auch die zweite Hälfte der Bevölkerung anschließen“, forderte Berners-Lee. „Wir müssen diese beiden Probleme lösen: Wir müssen dafür sorgen, dass das Internet die Welt ist, die die Leute wollen, und dass wir diejenigen daran anschließen, die heute noch keinen Zugang haben.“

Einen Entwurf des Vertrages findet sich bereits jetzt bei der von Berners-Lee gegründeten World Wide Web Foundation: Darin ist zum Beispiel zu lesen, dass sich Regierungen dazu verpflichten sollen, das Internet für jeden zugänglich zu machen und den Grundsatz der digitalen Privatsphäre zu schützen. Unternehmen hingegen sollen, so der Entwurf, die privaten Daten der Nutzer respektieren, damit sie die Kontrolle über ihr Leben behielten. Zudem sollten Unternehmen Technologien entwickeln, die das Beste in der Menschheit fördern und das Schlechteste angehen.

„Ich bin völlig mit den Forderungen von Berners-Lee einverstanden“, sagt Gillian Tans, Chefin von Booking.com‧, dem Handelsblatt am Rande des Web Summits. Das weltweit größte Online-Reiseportal muss sich häufig den Vorwurf der Monopolisierung vorwerfen lassen. Tans sieht das größte Problem aktuell in der fehlenden Transparenz darüber, wie Unternehmen die Kundendaten nutzen.

Europa hat zwar schon 2016 die Datenschutz-Grundverordnung erlassen, die diesen Umgang regelt. „Das ist eine sehr gute Initiative“, sagt Tans. „Aber die gilt nur für Europa – aber was wir brauchen, ist ein wirklich globaler Ansatz, und da ist die Frage, wie man das erreichen will. Es ist ja schon innerhalb von Europa schwierig genug, einen Konsens zu finden.“ Booking.com unterstütze die Bemühungen aber in jedem Fall. „Das ist wichtig, weil dann für alle die gleichen Bedingungen gelten.“

Der Tech-Konzern Google meldete sich mit einem Blog-Eintrag von Managerin Jacquelline Fuller zu Wort: Man unterstütze den Aufruf der World Wide Web Foundation für einen neuen Vertrag für das Web, so die Präsidentin von Google.org, dem Wohltätigkeitsarm des Tech-Konzerns: „In den kommenden Monaten werden wir mit der Foundation und vielen anderen Partnern aus Regierungen und Wirtschaft und auch Internetnutzern zusammenarbeiten, um Prinzipien zu formulieren, die das offene Netz als öffentliches Gut und Grundrecht für jeden schützen.“ Zeitgleich unterstütze Google.org die Stiftung mit einer Million Dollar.

Jonathan Anscombe, Partner bei der Unternehmensberatung AT Kearney in London, hat die Rede von Berners-Lee im Saal in Lissabon ebenfalls verfolgt. „Es wird mehr Re‧gulierung der Internetkonzerne geben, da führt kein Weg mehr dran vorbei“, sagt er. „Aber die Firmen werden der Politik zuvorkommen und ihre Methoden entsprechend anpassen, um Strafen zu vermeiden – das tun sie jetzt schon.“ Deshalb hätten Facebook und Google bereits den Vertrag von Berners-Lee unterschrieben.

Rechtlich nicht bindend

Bei dem Vertrag dürfte es sich dann am Ende, so heißt es bei Branchenkennern, indes nicht um ein juristisch bindendes Schriftstück handeln, sondern um eine selbstverpflichtende Verhaltenserklärung. Davon gibt es allerdings nicht wenige: Die Konzerne haben sich bereits in verschiedener Art und Weise bereit erklärt, stärker gegen Fake-News und Hass im Netz vorzugehen, und eigene Initiativen ins Leben gerufen. Auch, um Regulierungen wie etwa dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz zuvorzukommen.

So meint Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung für Recht und Sicherheit, dass es grundsätzlich zu befürworten sei, wenn sich Menschen Gedanken darüber machen, wie die Architektur des Internets weiterentwickelt und verbessert werden kann, der Vorschlag von Berners-Lee sei ein interessanter Ansatz, sagt Dehmel: „Inwiefern dieser Ansatz bereits bestehende Strukturen ersetzen kann, die bisher sowohl Gesellschaft als auch Wirtschaft einen großen Mehrwert bieten, ist allerdings nur schwer vorstellbar.“

Dabei ist Berners-Lee, der in der Digitalbranche eine Art Heldenstatus genießt, auch eine gekonnte Werbeaktion für sich selbst und seine eigenen Projekte geglückt: Neben der World Wide Web Foundation ist er auch Mitgründer der Plattform Solid. Dahinter verbirgt sich eine Art Datensafe, bei dem Menschen selbst entscheiden sollen, wer ihre Daten einsehen kann.

Berners-Lees Appell passt in die Zeit: Google und Co. stehen wie nie zuvor unter Druck. Am Dienstag wurde bekannt, dass die oberste Datenschutzbehörde der Europäischen Union auf Bitte der britischen Datenschützer Facebook wegen des Umgangs mit den Nutzerdaten unter die Lupe nehmen wird.

Die Kritik wächst: Im Vorfeld der am Dienstag stattfindenden US-Kongresswahlen mussten Anbieter wie Twitter, Facebook und sogar das bisher als von Propaganda scheinbar unbefleckte Instagram zuletzt Nutzerkonten sperren, von denen wohl Wahlbeeinflussung ausgehen sollte.

Die Messe ist rasant gewachsen

Vom Web Summit in Lissabon soll dieses Jahr die Botschaft ausgehen, dass das Netz grundlegend reformiert werden soll. Der Ort ist bewusst gewählt. Die Messe hat sich zum festen Treffpunkt der weltweiten Tech-Elite gemausert. Es ist gerade einmal acht Jahre her, dass der Ire Paddy Cosgrave die Tech-Konferenz mit zwei Freunden ins Leben rief.

Der damals gerade 28-Jährige versammelte im ersten Jahr 400 Teilnehmer in Dublin. Schon wenige Jahre darauf reichten die Räumlichkeiten dort für die rasant wachsende Messe nicht mehr aus. 2016 wechselte sie nach Lissabon und erwartet in diesem Jahr 70.000 Teilnehmer aus 170 Ländern - 10.000 mehr als im Vorjahr.

Teilnehmer sind Start-ups, Tech-Konzerne, aber auch etablierte Unternehmen und die Politik. Mit dabei sind dieses Jahr die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair oder der Chef der Vereinten Nationen, António Gutteres. „Der Nukleus der Messe sind die Startups und die Unternehmer“, erklärt Cosgrave. „Die wirken wie ein Magnet auf alle anderen.“

Bevor Berners-Lee am Montagabend den Summit eröffnete, hatten sich tagsüber schon Startups und Investoren getroffen – allerdings hinter verschlossenen Türen. Teilnehmen konnte an diesem Tag nur, wer eine Einladung erhalten hatte.

Die Vorträge auf der für alle offenen Messe reichen in diesem Jahr von Fake News über emotionale Roboter, dem Boom von E-Scootern bis zum Datenschutz. Gegliedert ist das Programm in 24 verschiedene Bereiche wie Robotik und Autobau, Kryptowährungen, Gesundheit oder nachhaltige Investments, mit jeweils eigener Bühne. Parallel dazu können sich 170 ausgewählte Start-ups ihren Pitch präsentieren, am Ende wird der Sieger gekürt.

Auf der Hauptbühne ist das Programm thematisch durchmischt: Dort redet der Chef des Öl-Giganten Shell, Ben van Beurden, über die Fehler von Big Oil und was Big Tech davon lernen kann. Fußballstar Ronaldinho erklärt, welche Eigenschaften man braucht, um zu den Besten zu gehören und Samsung-Chef Young Sohn beschreibt, wie sein Konzern künstliche Intelligenz nutzt.

Ein Netzwerk für das „Davos der Geeks“

Besonders der Netzwerkgedanke steht bei der Internetkonferenz im Mittelpunkt. „Große Messen sind normalerweise ein Chaos – Du weißt nie, wohin Du gehen sollst und wen Du treffen kannst“, erklärt der Gründer im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Wer sich dagegen beim Web Summit anmeldet und der Konferenz-App erlaubt, auf das eigene Adressbuch und die Twitter-Kontakte zuzugreifen, der erhält automatisch Vorschläge, wen er treffen könnte. Das sind zum einen die eigenen Kontakte, von denen man womöglich nicht weiß, dass sie auch vor Ort sind. Die Software schlägt aber auch neue Personen vor – basierend auf der Kombination von allen Infos, die sie über einen Teilnehmer findet.

„Das ist wie eine Dating-App für Gleichgesinnte, die den Suchenden viel Mühe erspart und im besten Fall ein ganzes Leben verändern kann “, schwärmt Cosgrave. Dieses Matching ist seiner Meinung nach der Grund dafür, dass sie Messe so schnell gewachsen ist. „Das spricht sich in der Szene durch Mund-zu-Mund-Propaganda schnell rum“, sagt er. Und in der Tat hat die Konferenz viele Fans: Die US-Zeitschrift Forbes nennt sie „Die beste Technologie-Konferenz des Planeten“, die Nachrichtenagentur Bloomberg das „Davos für Geeks“.

Die Stadt Lissabon, die selbst bemüht ist, Startups anzuziehen, lässt sich den Summit einiges kosten: Zunächst als drei-Jahres-Vertrag ausgelegt, haben Cosgrave und die portugiesische Regierung das Engagement vor wenigen Wochen um weitere zehn Jahre verlängert. Elf Millionen Euro zahlt die Regierung dem Web Summit jedes Jahr. Sie hat damit über 20 Städte ausgestochen, die die Konferenz ebenfalls austragen wollten.

Lissabon verspricht sich davon einerseits, dass Tech-Elite auf die Stadt am Meer, die gut ausgebildete Bevölkerung und ihre zahlreichen Angebote für ausländische Investoren aufmerksam werden. Andererseits argumentiert die Stadt, dass sie auch direkt von den Besuchern profitiert: Laut Regierung sorgt das Treffen jedes Jahr für Einnahmen in Höhe von 300 Millionen Euro bei Hotels, Restaurants und anderen Dienstleistern. Bei 70.000 Teilnehmern würde das allerdings bedeuten, dass jeder während des Summits gut 4000 Euro in der Stadt lässt. Das scheint selbst für die gut verdienenden Chefs von Big Tech recht hoch gegriffen.

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