Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

TV-Branche Die Netflixisierung des deutschen Fernsehens

Die Umsätze im Pay-TV steigen rasant – Netflix & Co. sei Dank. Nun schlagen die deutschen Sender mit eigenen Serien zurück, sogar im Genre Horror.
Kommentieren
Der US-Streamingdienst hat einen entscheidenden Anteil daran, dass die Umsätze der deutschen Pay-TV-Branche in den Himmel wachsen. Quelle: dpa
Pay-TV-Branche profitiert von Netflix

Der US-Streamingdienst hat einen entscheidenden Anteil daran, dass die Umsätze der deutschen Pay-TV-Branche in den Himmel wachsen.

(Foto: dpa)

MünchenWenn Vertreter des deutschen Fernsehens derzeit zusammensitzen, ist stets jemand mit am Tisch, der mit der Branche nichts zu tun haben will: Netflix. Der US-Streamingdienst hat, zusammen mit Amazon Prime, einen entscheidenden Anteil daran, dass die Umsätze der deutschen Pay-TV-Branche in den Himmel wachsen.

2017 steht ein Plus von 15 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro zu Buche; für 2018 erwartet Vaunet, der Verband Privater Medien, eine erneute Steigerung von bis zu zehn Prozent auf 3,8 Milliarden. Ohne Amazon & Co. dürfte das Wachstum nur bei rund fünf Prozent gelegen haben.

Aus diesen Markttendenzen ziehen die Pay-TV-Chefs in Deutschland, die fast allesamt Ablegern großer US-Konzerne vorsitzen, einen Schluss: Sie machen es den neuen Stars aus Übersee nach und produzieren ebenfalls Serie auf Serie sowie hochwertige Dokumentationen. Ein dreistelliger Millionenbetrag fließt inzwischen in lokale Eigenproduktionen. Die Netflixisierung des deutschen Fernsehens ist in vollem Gange.

Schon sieht Marcus Ammon, Top-Manager von Sky Deutschland, „goldene Zeiten“ anbrechen. Sein Haus brachte mit „Berlin Babylon“ eine Erfolgsserie, die demnächst in dritter Staffel fortgesetzt wird. Im November kommt „Das Boot“, ein Remake des Wolfgang-Petersen-Hits von 1981 mit anderen Mitteln; es wird von Spiegel-TV-Dokumentationen zu den Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs („Entscheidung im Atlantik“) begleitet.

Sogar die Drehbücher für eine eigene Sky-Horrorserie werden derzeit geschrieben – es geht um einen ostdeutschen Plattenbau, der sich zum Leidwesen der Bewohner selbständig macht.

„Auf Serien liegt derzeit viel Aufmerksamkeit“, bekennt Sky-Sprecher Ralph Fürther, das führe zu einer „guten Gesamtstimmung“. Zwar ist die Zuschauerzahl bei den eigenen Fußball-Bundesliga-Übertragungen weitaus höher, aber das neue Genre bringt andererseits viele neue Zuschauer.

Weil sich die alte Sport-Fixierung von Sky überholt hat, gab das Unternehmen des Tycoons Rupert Murdoch, das derzeit von Disney geschluckt wird, nach 20 Jahren sogar die Übertragung der Formel-1-Rennen auf. Das viele Geld wird frei für eigene Serien-Produktionen, über deren Rechte man frei verfügen kann.

Es gehe darum, „die gesamte Wertschöpfungskette zu beherrschen“, erklärt Hannes Heyelmann, Managing Director in der Turner-Gruppe, die seit ein paar Wochen zum US-Telekommunikationskonzern AT&T gehört. Bei Serien wie „Weinberg“ oder „4 Blocks“ sei es so, dass man „Fans statt Masse“ habe, das mache den Unterschied.

Entwarnung? Das dürfte verfrüht sein

Traditionelle Sport-Formate würden heute im Pay-TV nur noch für das „Grundrauschen“ sorgen, sagt Managerin Katharina Behrends von der Comcast-Tochter NBC Universal, die zum Beispiel die Serie „Culpa“ offeriert und bald „Spides“ drehen lässt. Behrends preist den „neuen kreativen Boom“ der eigenen Branche. Zwischen den Pay-TV-Klassikern und Netflix & Co. sieht sie nur „eine komplementäre Nutzung“.

Entwarnung also? Das dürfte verfrüht sein, denn die Seriensucht könnte zur Blasenbildung führen. Im Markt treffen all die neuen Werke auf gesättigte Zuschauer, die schon jetzt zehn Stunden und mehr vor dem Bildschirm sitzen. Ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb um die Gunst des Netflix-Publikums zeichnet sich ab.

Noch aber dominiert Zuversicht. Von einem „Breaking-point zum Guten“, spricht Spiegel-TV-Mann Patrick Hörl. Jahrelang war das Bezahlfernsehen so etwas wie das Schmuddelkind der Fernsehindustrie, mit dem Kriechgang des Werbefernsehens und der Netflixisierung erfolgt eine nie geahnte Aufwertung.

„Noch nie gab es so eine große Vielfalt an qualitativ hochwertigen Dokumentationen im Pay-TV wie heute“, sagt Susanne Aigner-Drews, Deutschland-Chefin von Discovery, das wiederum dem US-Milliardär John Malone gehört.

In Deutschland gibt es derzeit 107 Pay-Programme und knapp acht Millionen Abonnenten – ein lukrativer Markt, auf den das defizitäre Netflix mit hohen Investitionen zielt. Der Video-Riese zieht derzeit in Madrid ein erstes großes europäisches Produktionsstudio hoch.

Der Kampf um Programminhalte („Content“) eskaliert – und ist ein wichtiger Grund für die beschleunigten Fusionen im Markt. So kämpft der Comcast-Konzern der Eigentümerfamilie Roberts derzeit gegen Disney um die Sky-Gruppe. Es sei in diesen Zeiten gut, findet Managerin Behrends von der Comcast-Einheit NBC Universal, Teil eines starken Konzerns zu sein.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: TV-Branche - Die Netflixisierung des deutschen Fernsehens

0 Kommentare zu "TV-Branche: Die Netflixisierung des deutschen Fernsehens"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.