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UFA-Chef Nico Hofmann „Nicht jeder Film muss unbedingt ins Kino kommen“

Das deutsche Kino steckt in der Krise. Im Interview spricht UFA-Chef Nico Hofmann über Fehler der Branche und die Macht der Streamingdienste.
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Der UFA-Chef ist der mächtigste Filmproduzent Deutschlands. Quelle: dpa
Nico Hofmann

Der UFA-Chef ist der mächtigste Filmproduzent Deutschlands.

(Foto: dpa)

WienDer 59-jährige Nico Hofmann ist als Chef der UFA der mächtigste Produzent Deutschlands. Die Bertelsmann-Tochter produzierte TV-Serien und Eventfilme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ku’damm 59“ und „Die Flucht“ sowie Kinofilme wie „Medicus" und „Ich bin dann mal weg“. Der frühere Regisseur und Drehbuchautor unterrichtet an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg und gilt als ein Vordenker der Film- und Fernsehbranche.

Herr Hofmann, die deutschen Kinos hängen schwer durch. Im ersten Halbjahr gingen die Zahl der Besucher und die Umsätze um 15 Prozent zurück. Ein Verweis auf die Fußball-Weltmeisterschaft und den Jahrhundertsommer reicht da wohl kaum aus. Verliert das Kino angesichts immer größerer Fernseher in den eigenen vier Wänden an Bedeutung?
Der steile Aufstieg von Streamingportalen hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie oft die Menschen noch ins Kino gehen. Heutzutage gibt es durch die ständig größer werdenden Flachbildschirme eine Art Kinoerlebnis zu Hause. Vor allem die jungen Zielgruppen schätzen das Abrufen von Filmen auf den Großbildschirm mit hervorragenden Lautsprechersystemen.

Ist der mangelnde Nachschub an attraktiven Filmen aus Hollywood der Hauptgrund für die Krise der Filmtheater?
Ich war erst vergangene Woche in Hollywood. Dort ist das Abwandern von Talenten von der Kino- in die Fernsehproduktion nicht mehr zu übersehen. Amazon und Netflix locken die besten Regisseure, Kameraleute und Schauspieler an. Der Serienboom der Streamingdienste garantiert den kreativen Kräften schließlich auf Jahre verlässliche Aufträge und Einnahmen. Das ist in Hollywood sehr viel wert.

Sind die Hollywood-Studios immer weniger bereit, wie früher ins unternehmerische Risiko zu gehen?
Es gilt eine klare Tendenz: Die Studios schauen immer stärker auf das Geld. Schließlich sind zahlreiche teure Filme gefloppt. Deshalb wird nun auf die Investments in teure Kinoproduktionen ganz genau geschaut.

Der deutsche Kinofilm kommt beim Publikum derzeit nicht besonders an. Unter den zehn meistgesehenen Streifen waren im ersten Halbjahr nur drei einheimische Produktionen. Was sind die Gründe für die schlechte Bilanz?
Ich kann nur für die UFA sprechen. Wir schauen uns sehr genau an, ob eine Kinoproduktion überhaupt Sinn macht. Unsere vorsichtige Unternehmensstrategie zahlt sich aus. Unsere Verfilmung des Bestsellerromans „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling haben knapp zwei Millionen Zuschauer gesehen. Mit dem Kinofilm „Der Medicus“ haben wir sogar über vier Millionen Zuschauer erreicht. Wir wollen auch weiterhin nur handverlesene Themen für das Kino verfilmen. Große Erwartungen setzen wir in die neue Hape-Kerkeling-Verfilmung „Der Junge muss an die frische Luft“ unter der Regie von Oscar-Preisträgerin Caroline Link. Nach herausragenden Testvorführungen bin ich sicher, dass dieser Film für das Weihnachtsgeschäft ein Kassenschlager sein wird. Das spürt man als Produzent.

Gibt es noch einen weiteren Hoffnungsträger?
Wir setzen große Hoffnung in die Musical-Verfilmung „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens, den wir zusammen mit Regina Ziegler produzieren. Auch in diesem Fall waren die Testvorführungen sehr ermutigend.

Sie produzieren sehr wenige Kinofilme. Der Markt sieht hingegen in Deutschland ganz anders aus. Im ersten Halbjahr kamen 119 deutsche Filme in die Kinos. Davon erreichten nur sehr wenige ein großes Publikum. Ist das ein Wildwuchs, der an den Bedürfnissen des Marktes vorbeigeht?
Zahlreiche meiner ehemaligen Studenten in Ludwigsburg schaffen derartige Filme. Eine lebendige eigene Kinolandschaft ist für den deutschen Markt enorm wichtig. Wir brauchen eine kulturelle Talentpflege. Doch eines ist auch klar: Wir haben zu viele Filme, viele der Kinoproduktionen passen besser ins Fernsehen oder auf Streamingdienste. Nicht jeder Film muss unbedingt ins Kino kommen.

Im ersten Halbjahr wurden nur noch 51 Millionen Kinokarten in Deutschland verkauft. Warum spielt Kino im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien hier eine so geringe Rolle?
In Frankreich gibt es ein völlig anderes Kulturverständnis. Dort ist der Film eine Kunstgattung, so wichtig wie Musik oder Oper. Es ist ein Teil der kulturellen Identität. Wir in Deutschland sind hingegen durch die amerikanischen Produktionen domestiziert. Wir haben sehr lange gebraucht, eine florierende Filmwirtschaft aufzubauen, die heute vor allem für das Fernsehen arbeitet. Es kommt nicht von ungefähr, dass Kinostars wie Til Schweiger und Elyas M’Barek ihre Karriere im Fernsehen begonnen haben. Der deutsche Fernsehmarkt ist sehr viel stärker als der Kinomarkt. Das lässt sich schwer verändern. Der Erfolg deutscher Fernsehproduktion auf dem eigenen und internationalen Markt zeigt aber auch: Der Hunger auf gute Inhalte ist gigantisch. Das ist ermutigend für die deutsche Kreativwirtschaft.

Was kann die Bundesregierung tun, um der Filmwirtschaft zu helfen?
Mein größter Wunsch ist, dass die Entscheider in der Politik begreifen, dass zwischen Kino, TV-Film und Serie keine Grenzen mehr sind. Die dauernde Aufspaltung zwischen Kino als Kultur und Fernsehen als Unterhaltung muss aufhören. Gerade die jungen Zuschauer unterscheiden hier schon längst nicht mehr. Wir sind in einer Umbruchsituation. Das sollte die Politik mit ihrer Förderpolitik begreifen. Sie muss die Produzenten auch im High-End Bereich der internationalen Fernsehproduktion so unterstützen, wie das in Italien oder Irland längst der Fall ist, das gebietet auch das Gleichheitsprinzip im europäischen Wettbewerb.
Herr Hofmann, vielen Dank für das Gespräch.

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