Unterhaltung So könnte Blockchain die Musikindustrie umwälzen

Per Blockchain können Künstler und Veranstalter direkt mit Konsumenten in Kontakt zu treten. Die großen Konzerne bleiben gelassen – bisher.  
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Streamingdienste sind heute prägend für die Musikbranche. Die Blockchain könnte nun erneut Bewegung in den Markt bringen. Quelle: dpa
Streaming-Dienst Spotify

Streamingdienste sind heute prägend für die Musikbranche. Die Blockchain könnte nun erneut Bewegung in den Markt bringen.

(Foto: dpa)

MünchenAn Mozarts Zauberflöte hat sich in den vergangenen gut 200 Jahren nichts geändert. Der Weg allerdings, auf dem das Werk seine Zuhörer erreicht, ist schon lange nicht mehr derselbe. Zu Lebzeiten des großen Komponisten mussten die Leute noch in die Oper, um die Musik zu genießen. Später genügten Schallplatten, dann kamen die CDs auf – und Anfang des neuen Jahrtausends schließlich die Download-Plattform iTunes von Apple.

Heute nutzen die Menschen Streamingdienste wie Spotify oder Deezer – und räumen die physikalischen Tonträger auf den Dachboden. „Streaming ist seit diesem Jahr der dominante Vertriebskanal“, sagt Werner Ballhaus, Leiter des Technologiebereichs der Wirtschaftsberatung PwC Deutschland.

So schnell werde sich an dieser Entwicklung auch nichts ändern. Streaming gewinnt, die CDs verlieren. Und trotzdem zeichnet sich bereits der nächste Wandel ab, erläutern die PwC-Experten in einer neuen Branchenstudie, die dem Handelsblatt bereits vor Veröffentlichung vorliegt.

Effizienz als wesentlicher Faktor

Es ist die Blockchain, die für die nächste Umwälzung sorgen könnte. Noch befinde sich die Technik in der Entwicklung, urteilt PwC. Sie habe aber das Potenzial, die traditionelle Struktur der Musikindustrie grundlegend zu verändern. Denn der Weg zwischen Künstler und Konsument werde wesentlich kürzer. Als Blockchain wird eine Art dezentrale Datenbank bezeichnet, die einer Kette ähnelt. Dieser Kette werden stetig neue Blöcke hinzugefügt, sobald die vorherigen vollständig sind. Das Verfahren gilt als sehr sicher, daher ist die bislang bekannteste Anwendung die Kryptowährung Bitcoin.

Heute überweisen die Kunden der Streamingdienste meist eine monatliche Abo-Gebühr. Doch die Blockchain eröffne der Ausarbeitung von PwC zufolge ganz neue Möglichkeiten für vollautomatische und damit sehr günstige Zahlungen.

Mit Blockchain brauchen die Kunden künftig nur noch für die Musik zu bezahlen, die sie tatsächlich anhören – und könnten sich Plattformen wie Spotify womöglich ganz sparen. Das Start-up Peertracks etwa arbeitet an einem solchen Verfahren. Nach jedem Abspielvorgang zahlt die Firma automatisch mithilfe sogenannter Smart Contracts die Musiker direkt aus. Die Künstler erhalten ihr Geld damit ohne Zeitverzug und ohne ein komplexes Abrechnungsmodell mit vielen Zwischenstationen. Damit bleibt bei dem Musiker mehr hängen.

Effizienz sei ein wesentlicher Faktor der neuen Technologie, betont Axel von Perfall, sogenannter Blockchain-Leader bei PwC Europe. „Es sind vor allem Start-ups, die das Thema anpacken“, meint von Perfall. Ujo Music etwa versucht, die Einnahmen der Branche gerechter zu verteilen. Zu jedem einzelnen Titel führt die Firma jegliche Informationen zu Autoren, Produzenten sowie instrumentalen Versionen auf, selbst die Marke der Instrumente sowie der zum Produktionszeitpunkt getrunkene Kaffee werden zu Vermarktungszwecken genannt. Alle Beteiligten bekommen dann über die Blockchain ihren fairen Anteil, sobald ein Werk heruntergeladen oder per Stream gehört wird.

Das Start-up Viberate wiederum will Live-Auftritte dezentraler organisieren. Die Plattform bietet einen Marktplatz an, der Musiker mit Agenturen und Veranstaltern zusammenbringt. Mehr als 2000 Eventveranstalter weltweit können über 300.000 Musiker bewerten, auswählen sowie direkt buchen. Die Parteien handeln über die Plattform unter Ausschluss aller sonstigen Vermittler die Konditionen ihrer Zusammenarbeit aus.

Damit nicht genug. Über sogenannte Initial Coin Offerings, einer Art Börsengang, können sich laut PwC junge Bands Kapital besorgen, um zum Beispiel ein neues Album einzuspielen. Dabei werde eine Kryptowährung an die Anleger verkauft.

PwC zufolge lässt sich mit Blockchain womöglich auch eine weltweite Datenbank der gesamten Musikbranche aufbauen. Damit könnten sämtliche Informationen gespeichert und die Abrechnung automatisiert werden. Das ist noch nicht alles: Der Vorteil liege in der ständigen Aktualisierung von Daten. Wechselt ein Urheber den Verlag, wird diese Information eingetragen und anschließend automatisch in den Metadaten bei allen anderen Teilnehmern angeglichen. So finden Einnahmen zügiger und einfacher den richtigen Berechtigten.

Die Musikbranche bleibt gelassen

Das käme dann den großen Musikkonzernen zugute, die bislang die weltweiten Rechte vermarkten. Daniel Federauer von Sony Music Entertainment: „Wenn beispielsweise eine Compilation erstellt werden soll, ist es sehr aufwendig, festzustellen, wer um Erlaubnis gefragt werden muss und wer in welcher Form an den Einnahmen zu beteiligen ist. Daher wäre es eine enorme Erleichterung, wenn es etwas wie eine globale Rechtedatenbank gäbe.“

Eine solche Datenbank einzurichten wäre allerdings ein gewaltiger Aufwand, und alle Konzerne müssten zusammenarbeiten. Die PwC-Experten sind daher skeptisch, dass es in absehbarer Zukunft dazu kommt. „Das ist ein sehr komplexes Unterfangen und wird vermutlich erst einmal eine Vision bleiben,“ sagt Manager Ballhaus.

Manche Tätigkeiten von Verwertungsgesellschaften wie der Gema, beispielsweise die Registrierung der Abspielzahlen und die anschließende Auszahlung, ließen sich in Zukunft viel einfacher über die Blockchain abbilden. Und die derzeit etablierten Ticketverkäufer verlieren in Zukunft möglicherweise Anteile an Start-ups wie Viberate, die den direkten Verkauf von Veranstaltungstickets anbieten.

Wie schnell die Kunden die neuen Angebote nutzen, ist allerdings offen. Denn es gibt viele Hürden. Bei PwC heißt es dazu: „Um mit Kryptowährung zu bezahlen, benötigt der Käufer bestimmte Browser sowie Add-ons. Deren Erwerb ist mit einigen Hindernissen verbunden und der Bezahlvorgang nicht mit einer normalen Banküberweisung vergleichbar. Bei herkömmlichen Geschäftsmodellen ist ein Kauf für den Kunden einfacher.“

Die Musikbranche bleibt daher gelassen. „Aus unserer Sicht wirkt sich die Blockchain-Technologie kurzfristig nicht auf die Musikindustrie aus“, sagt Sebastian Hentzschel, der Technikchef von BMG Rights Management. Aber es sei möglich, dass sie langfristig einen Teil der brancheninternen Technologieinfrastruktur ausmachen werde.

Wie schnell sich die Blockchain durchsetzt, das wagen auch die Spezialisten von PwC nicht vorherzusagen. Bei einem sind sie sich jedoch ziemlich sicher. Die Umsätze mit physischen Tonträgern in Deutschland werden sich in den nächsten vier Jahren auf 366 Millionen Euro nahezu halbieren. Die Einnahmen aus Downloads und Streaming werden dagegen von rund 900 Millionen in diesem Jahr auf knapp 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2022 steigen. Nur Mozarts Opern, die bleiben Jahr für Jahr dieselben.

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