Valley Voice Das dunkle Vermächtnis des Steve Jobs

Immer neue Skandale um sexuelle Belästigung erschüttern die amerikanische Tech-Szene. Das Silicon Valley hat eindeutig ein Macho-Problem. Und es ist das Vermächtnis eines Mannes: Steve Jobs.
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Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.
Die Stimme aus dem Valley

Axel Postinett, Korrespondent des Handelsblatts im Silicon Valley, berichtet über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

San FranciscoDave McClure hat aufgegeben. Zuerst wollte er von gar nichts wissen. Dann versuchte er alles zu erklären und die „Umstände“, die es mit sich brachten. Dann zog er sich „aus dem Tagesgeschäft“ zurück und verkündete, er habe es verdient, ein „Ekel“ genannt zu werden. Am Montag gab er dann klein bei. In einer internen E-Mail verkündete er seinen kompletten Rücktritt als General Partner von 500 Startups, einem der renommiertesten Inkubatoren des Silicon Valley.

Das Unternehmen hatte er mitgegründet. Er übernahm am Ende doch noch die Verantwortung für Anschuldigungen, er habe Unternehmerinnen, die Finanzierungen suchten, und weibliche Bewerber für Jobs im Unternehmen zumindest sexuell zweideutige Angebote gemacht. Nicht in seiner Freizeit, sondern während verhandelt wurde.

Wer nach dem spektakulären Rausschmiss von Uber-CEO Travis Kalanick und zwanzig weiteren Uber-Mitarbeitern nach noch geglaubt hatte, die Sache mit der Diskriminierung von Frauen sei damit vom Tisch und das Sodom und Gomorra der Tech-Industrie trockengelegt, dem ist seit vergangener Woche klargeworden, dass dem nicht so ist. Die Investigativ-Plattform „The Information“ und die New York Times gruben nicht nur die Geschichten um Dave McClure aus, auch ein anderer Prominenter der Risikokapitalszene geriet in Verruf. Chris Sacca, bekannt aus der TV-Reality-Show „Shark Tank“, gestand in zwei Blogposts, dass auch er Teil dieser „Bro-Kultur“, der allgegenwärtigen Art von digitaler männlicher Bruderschaft, gewesen sei.

Als ersten der aktuellen Welle hatte es Justin Caldbeck erwischt, einst bei Bain Capital und Lightspeed Ventures. Der Gründer von Binary Capital hat laut „The Information“ mindestens sechs Frauen belästigt. Er verließ Binary Capital, um zu retten, was noch zu retten war.

Die fünf Schattenseiten des Silicon Valley
1. Brutale Personalpolitik
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Zu viel Harmonie schade dem wirtschaftlichen Erfolg, lautet etwa das Credo bei Amazon. Berichte ehemaliger Mitarbeiter in der „New York Times“ zeigen, was das bedeutet: nach Mitternacht berufliche Mails, die zu beantworten sind; Appelle, weniger leistungsfähige Kollegen zu verpetzen. Im Bild: Amazon-Chef Jeff Bezos.

Stress und hohe Arbeitsbelastung
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Ein früherer Marketing-Mitarbeiter von Amazon sagte: „Fast alle Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, sah ich an ihrem Tisch sitzen und weinen.“

2. Eintönige Führungskultur
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Im Silicon Valley herrscht eine homogene Truppe: weiß, männlich, Mittelklasse. Die Atmosphäre in vielen Start-ups sei gar frauenfeindlich, sagt manch eine Investorin.

Weiß, männlich, Mittelklasse
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Die Investorin Nnena Ukuku, deren Eltern aus Nigeria stammen, sagte dem Handelsblatt: „Das Einzige, was schlimmer ist, als in der Technologiewelt eine Frau zu sein, ist eine schwarze Frau zu sein.“ Schwarze Gründer würden gar nicht ernst genommen.

3. Prekäre Selbstständigkeit
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Die „Uberisierung“ der Wirtschaft, in der Fahrer, Kuriere oder Putzkräfte nicht mehr angestellt sind, sondern Unternehmer, lässt die "Sharing Economy" boomen.

Ärger mit den Behörden
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Hotels und Taxi-Gewerbe werden damit überflüssig. Das schafft Unabhängigkeit, verlagert aber das unternehmerische Risiko. Das Modell sorgt auch bei Behörden für Unmut, die sich um Steuersummen in Millionenhöhe geprellt sehen.

4. Das Ende der Privatsphäre
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Das Valley feiert die Philosophie ständiger Verfügbarkeit und Arbeitsbereitschaft. Google oder Facebook holen ihre Programmierer morgens mit dem Bus zu Hause ab. Auf dem „Campus“ servieren sie kostenlose Bio-Mahlzeiten.

Es sind zwei große Fragen, die das Valley jetzt umtreiben. Die eine ist, wie schutzbedürftig Unternehmer und Gründer von Start-ups eigentlich sind. Alle sprechen über Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page oder Travis Kalanick. Diese Männer sind superreich, haben gewaltige Egos und sind, abgesehen von Kalanick, auf der Höhe der Macht. Aber VC-Investoren oder Seed-Investoren der ersten Stunde treffen auf junge, verwundbare Gründer. Sie sind nicht alle mit reichen Eltern gesegnet, sondern haben oft große Ideen im Kopf, aber große Schulden auf der Kreditkarte. Das Machtgefälle könnte nicht größer sein, oder wie McClure es ausdrückte, er habe bei solchen Gelegenheiten einfach Frauen in „unangemessene“ Situationen gebracht und eigensüchtig das Machtgefälle ausgenutzt.

In Unternehmen oder Organisationen gibt es Personalabteilungen oder Beschwerdefälle für solche Fälle. Aber bei Gründern und Finanziers? Soll vielleicht die Notenbank Fed die Überwachung übernehmen? Linkedin-Gründer Reid Hoffman schlägt so etwas wie eine freiwillige Selbstkontrolle der Branche vor, quasi eine übergeordnete Silicon-Valley-Personalabteilung, die in solchen Fällen einschreiten solle. Aber wie praktikabel das ist, lässt er offen.

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