Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Senderchef Tom Buhrow in seinem Kölner Büro

„Ich liebe den WDR“, erklärt er. In dieser Haltung forciert er einen tiefen Kulturwandel.

(Foto: Maurice Kohl für Handelsblatt)

WDR-Intendant Tom Buhrow „Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit“

Tom Buhrow wendet sich in der „Framing“-Debatte gegen eine Art Sprachpolizei. Ein Gespräch über Akzeptanzprobleme der Öffentlich-Rechtlichen und die „Metoo“-Affäre.
Kommentieren

Der WDR-Intendant Tom Buhrow wendet sich in der „Framing“-Debatte der ARD gegen eine Art interne Sprachpolizei: „Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit“, sagt er in einem Gespräch mit dem Handelsblatt zu einem internen Papier, das in öffentlichen Debatten zu positiven Sprachbildern rät.

Es handele sich um Schlussfolgerungen einer Wissenschaftlerin: „Ich kenne keinen in der ARD, der diese Begriffe zwanghaft benutzt. Ich schon gar nicht“, so Buhrow. Er werde sich mit Sicherheit nie vorschreiben lassen, „was ich zu sagen habe“.

Senderchef Buhrow, der in gut zehn Monaten den ARD-Vorsitz übernehmen wird, lehnt im Handelsblatt auch die in dem Papier erörterte Distanzierung des „gemeinsamen, freien Rundfunks“ von der „Profitwirtschaft“ der Privatsender ab: „Von mir werden Sie keine schlechten Beleumundungen der kommerziellen Sender hören. Meine Überzeugung ist: Wir haben uns gegenseitig besser gemacht. Das Aufkommen des Privatrundfunks war ein Tritt in den Allerwertesten für die Öffentlich-Rechtlichen.“

Im Interview bezeichnet sich Buhrow, dessen Vertrag noch bis 2025 läuft, zudem als „Manager der Transformation“. Die Zeiten würden niemals mehr geruhsam sein: „Digitalisierung ist wie Elektrizität. Am Anfang gab es eine Glühbirne, jetzt fahren wie elektrische Autos.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Tom Buhrow:

Herr Buhrow, als Journalist haben Sie auch Skandale genau beobachtet und analysiert. Nutzt Ihnen dieses Wissen in der Intendantentätigkeit?
Das sind zwei völlig verschiedene Tätigkeiten. Nur weil jemand Journalist ist, weiß er nicht besser, wie Skandale zu managen sind. Allerdings weiß er, wie und wo im eigenen Haus zu recherchieren ist. Das hat mir geholfen.

Genau vor einem Jahr hat der „Metoo“-Skandal den WDR erschüttert. Ist dieser Fall ausrecherchiert?
Wir haben für die sorgfältige und rückhaltlose Aufklärung sofort eine Taskforce gebildet, bestehend aus Personalern, Juristen, Journalisten und Kommunikationsleuten. Dieses Team hat unter Einbindung aller Kräfte im Haus die Vorwürfe und selbst kleinteiligste Fragestellungen aufgeklärt.

Es gab immerhin rund ein Dutzend Beschwerden über sexuelle Übergriffe.
Ja, manche Vorwürfe bezogen sich aber auch auf mangelndes Sozial- und Führungsverhalten. Insgesamt haben wir in diesem Zusammenhang drei Kündigungen ausgesprochen.

Gehen musste Ihr Fernsehspielchef, der alle Vorwürfe abstritt. War er Täter oder auch Opfer?
Wir haben uns damals mit sofortiger Wirkung von ihm getrennt aufgrund glaubhafter Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und Machtmissbrauch. Es bestand kein Vertrauensverhältnis mehr zwischen ihm und dem WDR.

Sie wollten ein Zeichen der Härte setzen?
Nein. Ich wollte mit Sorgfalt aufklären und dann das tun, was ich mit meinem Gewissen verantworten kann. Dafür gab es manchmal Beifall, manchmal nicht. Das hing mit der Beliebtheit der einzelnen Personen zusammen. Ich habe die Aufgabe, mich nur um den Sachverhalt zu kümmern.

Die Gewerkschafterin Monika Wulf-Mathies, die ein Gutachten für den WDR anfertigte, spricht von „subtilen und verdeckten Formen von Diskriminierung, mit der vorwiegend männliche Dominanz gefestigt wird“. Inwieweit hat sich die alte Macho-Kultur innerhalb eines Jahres geändert?
Natürlich gibt es noch Chauvinismus. Wahrscheinlich auch Versuche von Machtmissbrauch, wie im Übrigen in allen großen Unternehmen. Frau Wulf-Mathies wies auf der Personalversammlung jüngst zu Recht darauf hin, dass man Jahre für einen grundlegenden Kulturwandel braucht. Wir stehen erst am Anfang.

Offenbar gibt es große Mängel in der Unternehmenskultur.
Das ist kein „WDR-Problem“. Jede Großorganisation hat mal Probleme mit der Betriebskultur – besonders in Zeiten der Veränderungen. Wir setzen die von Frau Wulf-Mathies empfohlenen Maßnahmen konsequent um. Das spürt die Belegschaft. Natürlich ist es für die Führung schmerzhaft zu erkennen: Wir haben uns an einigen Stellen besser gesehen, als es wirklich war. Aber nur so können wir auch etwas verändern.

Baut der WDR im Kulturwandel Hierarchien ab und wird „agil“, so wie das Konzerne oft predigen?
Sich „agil“ in kleinen Teams zu organisieren ist gut für die aktuelle journalistische Arbeit. Bei Umstrukturierungen sollte man eher sorgfältig statt schnell sein. Es geht nicht darum, Hierarchien abzuschaffen, sondern um verantwortliches Führen. Ohne Zwischenebenen ist dieses Haus nicht zu managen. Man braucht gute Hierarchien und gute Führung.

Was macht „gute Führung“ im WDR aus?
Wertschätzung. Alle wissen: Wir müssen uns wirtschaftlich anstrengen, es gibt weniger Geld, wir bauen Personal ab, da knirscht es überall. Da kommt es bei all unseren Handlungen auf die Wertschätzung des Einzelnen an. Auf persönliche Gespräche, die weiterhelfen.

„Ich bringe die Liebe mit“, sagten Sie 2013 bei Ihrem ersten Intendantenauftritt. Was bringen Sie heute mit?
Ich liebe den WDR. Und Liebe bedeutet Verantwortung, besonders als Intendant, das ist nicht einfach ein Job. Liebe bedeutet nicht einfach, Konfetti zu werfen, sondern verantwortliches Handeln mit Konsequenz. Gerade bei schwierigen Entscheidungen muss man noch mehr Nähe zu den Mitarbeitern suchen.

Einer, den Sie nicht überzeugen konnten, ist Ex-ARD-Starmoderator Günther Jauch. Er klagt öffentlich, er habe nicht frei arbeiten können.
Jauch ist ein guter Journalist und ein guter Unterhalter. Aber bei aller Wertschätzung: Er hat da etwas gründlich missverstanden. Völlige Freiheit und Unabhängigkeit kann es in diesem Bereich gar nicht geben. Bei uns nennt sich das „redaktionelle Abnahme“. Wenn ich freie Moderatoren oder Produzenten machen lasse, was sie wollen, habe ich keinen Überblick. Und kann mich wiederum nicht gegenüber meinen Aufsichtsgremien verantworten, die das ganze Spektrum der Gesellschaft widerspiegeln. Wenn es bei Jauchs jetzigem Arbeitgeber keine solche Kette von Verantwortlichkeiten geben sollte, kann ich nur sagen: „herzlichen Glückwunsch!“

„Es haben am Ende da zu viele hereingeredet“, sagt Jauch.
Vielleicht hat er Meinungsäußerungen schon als Kontrolle empfunden.

Leiden Sie generell unter einem wachsenden Unverständnis, was ARD und ZDF machen? Die Jungen abonnieren lieber Netflix oder Amazon Prime, Ultrakonservative von der AfD sehen einen „Staatsfunk“, bis in die Mitte hinein redet man von „Zwangsgebühren“.
Viele sagen sich inzwischen leider: „Ich bezahle nur für das, was ich regelmäßig nutze.“ „Pay as you go“ stellt aber alles, was solidarisch ist, infrage. Ich glaube, es muss beides geben. Man kann doch nicht sagen: Für Altersheime gibt man kein Geld, weil man selbst nicht alt werden will. Eine Gesellschaft fällt ohne solidarische Modelle auseinander.

Und so ist das wachsende Misstrauen den Öffentlich-Rechtlichen gegenüber zu erklären?
Das Misstrauen wächst allen Mainstream-Medien gegenüber, vor allem gegenüber Zeitungen und Zeitschriften. „Lügenpresse“ ist ein ideologisches Kampfwort, ein klassisches „Framing“, wenn Sie so wollen.

Also eine Technik, um mit moralisch aufgeladenen Termini Stimmung zu machen. Diesen Trick will die ARD offenbar selbst nutzen – mit einem „Framing Manual“, das derzeit in Workshops für ARD-Mitarbeiter erörtert wird und in die Öffentlichkeit gelangte. Die richtigen Sprachbilder sollen für Akzeptanz sorgen.
Es ist normal und richtig, sprachliche Gesetzmäßigkeiten wie „Framing“ zu untersuchen. Sonst ist man denen ausgeliefert. Gerade in einer Zeit, in der verschiedene Gruppen die Medien mit Schimpfworten bombardieren. Dann kommt aber der Punkt, an dem Schlussfolgerungen gezogen werden. Und da sage ich: Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit.

Keine Sprachpolizei also?
Nein. Es handelt sich in dem Papier um Schlussfolgerungen einer Wissenschaftlerin. Ich kenne keinen in der ARD, der diese Begriffe zwanghaft benutzt. Ich schon gar nicht.

Während unseres Gesprächs haben Sie wiederholt „solidarisch“ gesagt – laut dem „Framing Manual“ für die ARD ein Fehler. Denn so werde ein „Frame“ aktiviert, sich „mit anderen solidarisch zu zeigen“. Es gehe aber um einen „gemeinsamen Rundfunk“, von dem alle profitieren würden.
Ich werde natürlich in einen dieser Workshops gehen – mir aber mit Sicherheit nie vorschreiben lassen, was ich zu sagen habe.

Erklären Sie uns doch einmal, wie es zu einem solchen Papier in der ARD mit Empfehlungscharakter überhaupt kommen kann?
Wir haben in der ARD doch schon lange erkannt, dass wir darüber reden sollten, welchen Beitrag ARD und ZDF für die Gesellschaft leisten, und nicht darüber, welcher Beitrag zu zahlen ist.

Ist die Schärfe der Framing-Debatte in Wahrheit nicht doch mit tieferen Akzeptanzproblemen von ARD und ZDF bei einigen zu erklären?
Es ist auf jeden Fall ein Symptom für eine Lust, bei uns nach Fehlern zu suchen. Also ein gefundenes Fressen. Es ist selbst auch ein Beispiel für Framing, wenn eine Zeitung schreibt, hier liege ein „Umerziehungspapier“ vor. „Reeducation“, wie sie die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt haben, hat die deutsche Öffentlichkeit nicht noch einmal nötig.

Aber ist es nicht auch ein Symptom für eigenes Versagen der ARD? Ein solches Papier aus dem Kreis der Intendanten in Auftrag zu geben ist eine Sache. Es dann aber nicht kritisch zu hinterfragen und unbegleitet zur Weiterbildung in der ARD zirkulieren zu lassen eine ganz andere.
Wir haben Studien zu allen möglichen Themen. Kein Intendant kann das alles durchforsten. Dieses Papier ist eine Arbeitsgrundlage, aus der jeder nach der inhaltlichen Auseinandersetzung seine individuellen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Das Papier kontrastiert „unseren gemeinsamen, freien Rundfunk“ mit der „Profitwirtschaft“ und seinen „medienkapitalistischen Heuschrecken“. Wie sieht Ihr Framing aus?
Von mir werden Sie keine schlechten Beleumundungen der kommerziellen Sender hören. Meine Überzeugung ist: Wir haben uns gegenseitig besser gemacht. Das Aufkommen des Privatrundfunks war ein Tritt in den Allerwertesten für die Öffentlich-Rechtlichen. Ich habe damals mit 34 Jahren die Chance bekommen, ins Ausland zu gehen, weil der Markt dynamischer geworden war. Unsere Qualität macht umgekehrt aber auch die Privaten besser. Und die deutsche Öffentlichkeit will nun einmal ein bestimmtes Niveau nicht unterschreiten. Ich bin immer Anhänger des dualen Systems gewesen. Wir haben das beste Rundfunksystem der Welt.

Und nun erobern die neuen Rivalen im Internet wie Netflix den Markt. Auch ein Tritt in den Allerwertesten?
Warten wir einmal ab. In Metropolen ist das sexy. Aber Netflix ist nicht gut, weil sie ein besseres Programm machen – sondern es ist Teil der größten technologische Revolution dieser Tage. Netflix produziert ein Segment: Serien und Filme, das ist das erfolgreiche Kerngeschäft. Die Öffentlich-Rechtlichen sind gesetzlich verpflichtet, ein viel breiteres Angebot zu machen: Unterhaltung, Information, Kultur und Bildung. Und das ist auch gut so. Denn wir sind der Kitt für die ganze Gesellschaft.

Worüber müsste die ARD mehr reden als über Sprachbilder?
Keine Sorge, wir reden sehr intensiv über unsere Inhalte – derzeit über unsere Mediathek, das ist doch unsere Plattform. Und das ist komplexer, als es sich anhört. Wie ist der rechtliche Rahmen? Welche Rechte sind einzukaufen? Wie ist die Verweildauer? Wie soll finanziert werden? Das ist dann der Job von Hierarchen.

Schwebt Ihnen eine nationale Video-Plattform aller Sender und Anbieter vor, ein deutsches Anti-Netflix?
Das ist schon mal am Bundeskartellamt gescheitert. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, wäre es ein absolut erstrebenswertes Modell. Der deutsche Markt lechzt danach. Dieses Feld sollte nicht einseitig von amerikanischen Konzernen beherrscht werden. Aber nun organisieren sich die Öffentlich-Rechtlichen erst einmal jetzt selbst mit ihren Mediatheken.

Sie treten in gut zehn Monaten als neuer Vorsitzender der ARD an. Noch eine zeitintensive Zusatzaufgabe.
All diejenigen, die es erlebt haben, sagen: „Man muss sich anschnallen.“

Wie lange kann es sich die ARD eigentlich leisten, alle zwei Jahre den Chef auf diese Art auszuwechseln? Die Bundesbank ist auch föderal organisiert und hat einen hauptamtlichen Chef …
… der mehr Gestaltungsmacht hat als ein ARD-Vorsitzender. Nein, dann würde ja sehr leicht ein Konzern entstehen. Das geht gegen die föderale DNA der ARD. Aber, immerhin (lacht): Der ARD-Vorsitz geht über zwei Jahre. Da haben wir doch schon erheblich mehr Kontinuität als die EU-Ratspräsidentschaft.

Ihre zweite Amtszeit beim WDR läuft bis 2025. Was ist in dieser Zeit unbedingt zu erledigen?
Der Umbau unserer Silostrukturen zu themenbezogenem Arbeiten. Bisher sind Fernsehen, Radio und Internet zu oft getrennt voneinander aufgetreten – künftig müssen wir thematisch crossmedial arbeiten. Und es muss immer sichtbar sein, dass der WDR in seinem Bundesland bei den Menschen verwurzelt ist. Wir sind Teil des Bindestrichs, der Nordrhein und Westfalen verbindet.

In der Ahnenreihe der großen WDR-Intendanten wie von Sell, Nowottny oder Pleitgen werden Sie einmal erinnert werden als ...
… der Manager der Transformation. Die Zeiten werden niemals mehr geruhsam sein. Digitalisierung ist wie Elektrizität. Am Anfang gab es eine Glühbirne, jetzt fahren wir elektrische Autos.

Herr Buhrow, danke für das Interview.

Startseite

Mehr zu: WDR-Intendant Tom Buhrow - „Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit“

0 Kommentare zu "WDR-Intendant Tom Buhrow: „Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote