Freizeitartikelhersteller Rettung vor dem Aus – Kettler erhält überraschend eine Zwischenfinanzierung

Alle Versuche, den Freizeitartikelhersteller vor dem Aus zu retten, sind bisher gescheitert. Doch nun gibt es eine überraschende Wende.
Update: 09.11.2018 - 19:48 Uhr Kommentieren
Der Kettcar-Hersteller stand kurz vor dem Aus. Quelle: dpa
Kettler

Der Kettcar-Hersteller stand kurz vor dem Aus.

(Foto: dpa)

DüsseldorfNicht wenige der geschätzt 400 bis 500 Mitarbeiter brechen in Tränen aus, viele fallen sich in die Arme. Sie alle sind an diesem Freitagabend ins Werk Mersch des Freizeitartikelherstellers Kettler gekommen. Dort, wo der Versand abgewickelt wird, ist es deshalb eng zu dieser späten Stunde.

Sie alle hatten diese Woche gearbeitet, ohne zu wissen, ob und wann die Arbeit bezahlt wird, und ob sie an diesem Freitag freigestellt werden. Doch dann spricht Geschäftsführer Olaf Bierhoff und verkündet: Eine Zwischenfinanzierung sei gesichert. Die Heinz-Kettler-Stiftung gibt die entsprechenden Gelder frei. Die Summe ist noch nicht bekannt – auch ist unklar, für wie lange das Geld reicht.

Es ist eine überraschende Wende im dramatischen Kampf um die Rettung des sauerländischen Freizeitartikelherstellers Kettler, der seit 1961 die berühmten Kettcars produziert.

Ohne Zwischenfinanzierung hätte das insolvente Unternehmen an diesem Freitag den Geschäftsbetrieb einstellen müssen, wie die Kettler-Geschäftsführung Anfang der Woche mitgeteilt hatte.

Kettler hatte bereits im Juli einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Ziel war eine Neuausrichtung mithilfe eines Luxemburger Investors. Der Investor warf allerdings das Handtuch, als die Heinz-Kettler-Stiftung nicht bereit war, seine Forderungen zu erfüllen.

Das Unternehmen hatte zunächst seine letzte Hoffnungen auf einen Moderationsversuch des Landes Nordrhein-Westfalen gesetzt, zu dem alle Beteiligten nach Düsseldorf eingeladen worden waren. Dabei sollte es hauptsächlich um eine Brückenfinanzierung gehen, die es dem Unternehmen erlauben sollte, weitere Gespräche mit potenziellen Investoren zu führen.

Doch das Treffen am vergangenen Mittwoch kam nicht zustande. Der Kuratoriumsvorsitzende war nicht erschienen. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) wunderte sich sehr, dass das Moderationsangebot nicht angenommen wurde.

Die Belegschaft war noch viel empörter. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn es heute Abend einen anderen Ausgang genommen hätte“, erzählt der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Antonio Salerno am Freitag nach der Betriebsversammlung. Dabei brachte das Nichterscheinen des Kuratoriums schlussendlich die Wende, berichten Unternehmenskreise.

In der vergangenen Woche war der Investor Altera Capital, dessen Einstieg Bierhoff trotz diverser Unwägbarkeiten über Monate vollmundig angekündigt hatte, kurzfristig abgesprungen. Seither schien es, als ob das Traditionsunternehmen, das im Juli zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren Insolvenz anmelden musste, kaum noch zu retten.

Insbesondere die Heinz-Kettler-Stiftung-Stiftung, Rechtsnachfolgerin der im vergangenen Jahr verstorbenen Karin Kettler, Tochter des Firmengründers, blockierte dabei offenbar die Verhandlungen. Sie ist zwar nicht die Eigentümerin des Unternehmens, kann aber wichtige Entscheidungen verhindern.

Das Kuratorium der Stiftung, insbesondere dessen Vorsitzender Manfred Sauer, hatte sich zuletzt möglichen finanziellen Hilfen an Kettler verweigert. In der Stiftung selbst gingen dabei die Vorstellungen darüber auseinander, ob ein solcher Beitrag zur Rettung des Unternehmens rechtlich zulässig ist.

Einer der beiden Stiftungsvorstände, Andreas Sand, hielt diesen Weg für gangbar, Sauer nicht. Sauer verwies auf die Satzung der Stiftung, deren Zweck einzig die Förderung des Behindertensports sei. In einem seit Längeren andauernden Streit um die Zukunft Kettlers und die Beteiligung der Stiftung hatte Sauer erst vor wenigen Wochen Sand entlassen, ein Gericht hatte diese Entscheidung aber kassiert.

Doch Sand konnte sich bis dato mit seinem Kurs nicht durchsetzen. Erst am Donnerstag hatte er sein Amt daraufhin niedergelegt.

Stiftungsaufsicht greift ein

Einen Tag später reagierte die Bezirksregierung Arnsberg und berief in ihrer Funktion als Stiftungsaufsicht nun das dreiköpfige Kuratorium um dessen Spitze Manfred Sauer sowie mit Werner Scheiwe einen der beiden Vorstände ab.

Zudem setzte die Stiftungsaufsicht Sand als einzelvertretungsberechtigen Vorstand wieder ein. Ihm zur Seite gestellt wurde der Münchner Rechtsanwalt Christoph Schotte, der nun als Sachwalter der Heinz-Kettler-Stiftung bestellt wurde.

NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart zeigte sich erfreut über die Entwicklung. „Ich hoffe, dass es jetzt sehr zeitnah zu einer Übernahme des Gesamtunternehmens und nach vielen Jahren der Ungewissheit zu einer verlässlichen Zukunft für die Beschäftigen kommt.“ Ausdrücklich dankte er der Stiftungsaufsicht für ihren Einsatz.

Neue Spitze zuversichtlich

Die neue Stiftungsspitze zeigte sich in einer ersten Stellungnahme zuversichtlich: „Die Kettler-Stiftung führe derzeit konstruktive Gespräche mit dem Kettler-Sachwalter und der Kettler GmbH über die Gewährung eines Massekredits durch die Stiftung, um die Fortführung des operativen Geschäfts und im nächsten Schritt den Einstieg eines Investors zu ermöglichen, ließ sie verlauten.

Nun soll es zwei neue Interessenten geben, die noch Einblick in die Bücher erhalten müssen. Bis zu einer etwaigen Entscheidung der potenziellen Investoren brauchte es dringend eine Zwischenfinanzierung. Diese soll in hoher einstelliger Millionenhöhe liegen.

Tödlicher Autounfall der Kettler-Erbin

Kettler kämpft seit Jahren ums Überleben. Schon 2015 hatte es erstmals Insolvenz anmelden müssen. Doch gelang nach dem Abbau von rund 200 Stellen und dem Verkauf der Fahrradsparte ein Neuanfang. 2017 sorgte dann ein tödlicher Autounfall der Kettler-Erbin, Karin Kettler, für neue Turbulenzen.

Die Heinz-Kettler-Stiftung ist die Rechtsnachfolgerin der im vergangenen Jahr verstorbenen Tochter des Firmengründers. Damit die insolvente Kettler GmbH überhaupt noch eine Zukunftschance haben kann, braucht es die Stiftung. Denn die Konstruktion der Stiftung ist so beschaffen, dass sie wichtige Entscheidungen bei Kettler blockieren kann – ohne die Eigentümerin des Unternehmens zu sein. In ihr liegen unter anderem wichtige Marken- und Lizenzrechte.

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