Unternehmensfinanzierung

Die Unternehmen müssen sich jetzt neu aufstellen.

(Foto: obs)

Strategie Wieso der Mittelstand das Potenzial der Digitalisierung nicht ausschöpft

Mittelständler investieren vor allem in traditionelle Anlagen und Maschinen. Die Digitalisierung kommt oft zu kurz.
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HamburgDas Hamburger Traditionsunternehmen Seca mit 500 Mitarbeitern hat mit der Digitalisierung der Produkte bereits vor 20 Jahren begonnen. Doch richtig Fahrt nimmt die Entwicklung erst jetzt auf.

Die älteste Waagen-Fabrik der Welt, die 1840 gegründet wurde, ist seit 1970 auf medizinisches Messen und Wiegen spezialisiert.

„Zum einen beginnt erst heute der medizinische Markt damit, das Thema Integration und digitale Prozesse konsequent umzusetzen. Zum anderen waren unsere technischen Lösungen zum Teil noch nicht zugelassen und ausreichend standardisiert“, sagt Frederik Vogel, Geschäftsführer Technik bei Seca.

Damit zählt Seca zu den Vorreitern. Der deutsche Mittelstand schöpft das Potenzial der Digitalisierung aber längst nicht aus. Das ist auch das Fazit einer aktuellen Research-Studie der KfW. Demnach hat in den vergangenen drei Jahren nur jedes vierte kleine oder mittlere Unternehmen in den Einsatz digitaler Technologien investiert.

Stattdessen stecken die Unternehmen weiterhin das meiste Geld in neue Maschinen, Gebäude und Einrichtungen: 169 Milliarden Euro pro Jahr. Für Digitalisierungsvorhaben sind es gerade einmal 14 Milliarden Euro. „Digitalisierungsprojekte werden zu selten und zu zaghaft angegangen“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe. Als problematisch bezeichnet er nicht nur das fehlende Tempo, sondern auch den engen Blick: „Digitalisierungsvorhaben werden häufig nur auf die Möglichkeit von Effizienzgewinnen reduziert.“

Der Fokus müsse auf neuen Geschäftsmodellen sowie neuen Service- und Produktangeboten liegen. Und das erfordere mehr Investitionen. Hier sieht Frederik Vogel, der das Unternehmen seit 2010 gemeinsam mit seinem Bruder Robert führt, die größte Herausforderung für den Mittelstand: „Wir müssen die Innovationen von morgen vorfinanzieren. Dabei kann weniger die Liquidität zum Engpass werden als vielmehr die benötigten Ressourcen.“

Um die Chancen der Digitalisierung auszuschöpfen, brauchen Mittelständler vor allem geeignete Mitarbeiter. Doch im Kampf um die besten Köpfe der Digitalisierung haben sie weiterhin schlechtere Karten als Konzerne, viele Stellen können sie nicht besetzen. „Dennoch haben wir die Mitarbeiterzahl unserer Softwareentwicklung verdoppeln können und streben an, bis Ende 2019 das Team noch weiter auf über 40 Softwareentwickler auszubauen“, so Frederik Vogel.

Das wollen die Nordlichter erreichen, indem sie pro Jahr mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren. Zuletzt flossen mehrere Millionen Euro, rund zwei Drittel des Entwicklungsbudgets, in die Integrationsfähigkeit der Produkte und den Wandel zu einem Software- und Systemanbieter. Robert Vogel, verantwortlich für Vertrieb und Marketing, hebt mahnend den Zeigefinger: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Jeder muss analysieren, wo digitalisierte Prozesse und integrationsfähige Lösungen einen Mehrwert für den Anwender bringen und wo sie das noch nicht tun.“

Wertschöpfung im Fokus

Andere Branche, anderer Digitalisierungsgrad: Beim Heizungs- und Haustechnik-Spezialisten Stiebel Eltron mit 3.300 Mitarbeitern und 500 Millionen Euro Umsatz in Holzminden stehen die Zeichen seit mehr als zehn Jahren auf Digitalisierung und Vernetzung der Produktion.

Die dafür benötigten Gelder wurden von Anfang an in das bestehende Investitionsbudget für die Produktion eingeplant: „Industrie 4.0 bedeutet mehr als bloße Digitalisierung oder Automatisierung. Im Vorfeld muss die Optimierung der Produktion angegangen werden. Stichwort: ,lean production'“, sagt Geschäftsführer Kai Schiefelbein. So werde sichergestellt, dass ausschließlich wertschöpfende Tätigkeiten digitalisiert werden.

Investitionen rechnen sich

Stiebel Eltron hat mithilfe digitaler Prozesse rund 40 Prozent seiner Produktionskosten gesenkt. Ein Beispiel: Bei der Blechfertigung für die Hauptprodukte Durchlauferhitzer, Lüftungsgeräte und Wärmepumpen läuft bereits fast alles automatisch.

„Wir programmieren unsere Kommunikationsplattform, die unsere Maschinen brauchen, selbst“, erklärt Schiefelbein. Dafür hat er ein gutes Dutzend Programmierer im Haus. Und die kosten Geld. „Das nimmt ein Drittel unseres Aufwands für die Anlagenerstellung in Anspruch“, erklärt der Stiebel-Eltron-Chef.

Trotzdem geht die Rechnung für ihn auf, denn einerseits sinken so die Produktionskosten, andererseits ist das Unternehmen gut aufgestellt für die Zukunft. Auf Dritte ist Stiebel Eltron nicht angewiesen. Bisher ungelöst sind für ihn Fragen nach einer vereinheitlichten Sprache in einer vernetzten, digitalen Fabrik. Schiefelbein wünscht sich Antworten auf die Frage, wie Maschinen, Werkzeuge und Logistik künftig die Flut der Daten synchronisieren können.

Schiefelbein rät anderen Mittelständlern, sich nicht in Details zu verlieren: „Alles, was nicht mit dem Kerngeschäft zu tun hat, muss nicht aufwendig modernisiert werden.“ Damit verliere man nur Zeit und Geld: „Investieren sollte man ausschließlich in die eigene Manpower, in Know-how und in die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen.“

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