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Lebensmittelhandel Edeka-Chef Markus Mosa: „Die Logistikprobleme der Markenhersteller sind hausgemacht“

Der Edeka-Chef verschärft den Ton in den Preisverhandlungen. Er wirft den Herstellern vor, Lieferketten schlank gespart zu haben. Doch auch die Händler haben Druck gemacht.
15.02.2022 - 09:14 Uhr 5 Kommentare
Der Edeka-Chef wirft Lebensmittelkonzernen vor, bei den Logistikkosten die Fakten auf den Kopf zu stellen. Quelle: picture alliance/dpa
Markus Mosa

Der Edeka-Chef wirft Lebensmittelkonzernen vor, bei den Logistikkosten die Fakten auf den Kopf zu stellen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Düsseldorf Fast jeder Lebensmittelhersteller klagt zurzeit über gestiegene Logistikkosten. Die Frachtkapazitäten seien knapp und teuer, die Lieferkosten zweistellig gestiegen. Auch deshalb fordern die Hersteller in den Jahresverhandlungen mit den Einzelhändlern Preiserhöhungen.

Edeka-Chef Markus Mosa hat für diese Klagen wenig Verständnis. „Die Lebensmittelkonzerne stellen die Fakten auf den Kopf, wenn sie jetzt über erhöhte Logistikkosten klagen“, sagte er dem Handelsblatt. „Das sind hausgemachte Probleme“, behauptet der Chef des Marktführers im Einzelhandel.

Damit verschärft Mosa erneut den Ton in den ohnehin schon eskalierten Preisverhandlungen. Er wirft den Konzernen vor, ihre Lieferlogistik so sehr zusammengespart zu haben, dass sie in der Coronapandemie nicht mehr ausreichend belastbar waren. Ist der Preisschock also selbst verschuldet?

„Die Lieferketten der Hersteller waren vor der Pandemie auf Kosten getrimmte Effizienzmaschinen“, konstatiert Stephan Kunigk, Leiter Konsumgüter von Kerkhoff Consulting. Die Abläufe in den Lieferketten wurden – wo immer es geht – vereinfacht. Viele Hersteller etwa beliefern die Supermarktketten nicht mehr jeden Tag, sondern beispielsweise dreimal die Woche.

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    Die Konzerne müssen sich für die Börse schlank aufstellen und ihr Working Capital minimieren, erklärt Julian Maasmann, Leiter Konsumgüterindustrie der Supply-Chain-Beratung Miebach Consulting. Deshalb hielten sie bisher auch möglichst wenige Rohwaren vor, teilweise nur für einige Tage.

    Mondelez wollte Beschaffungskosten um 20 Prozent senken

    Beispiel Mondelez: Der US-Konsumgüterkonzern mit Marken wie Oreo oder Milka hatte vor zehn Jahren unter der damaligen Chefin Irene Rosenfeld begonnen, seine Lieferkette mithilfe von Lean Six Sigma umzubauen. Das sollte in drei Jahren drei Milliarden Dollar einsparen. Dazu zählte etwa eine 20-prozentige Senkung der Beschaffungskosten durch Partnerschaften mit „strategischen Zulieferern“.

    Doch in der Pandemie hat sich die bis ins Letzte optimierte Logistik in vielen Fällen als wunder Punkt herausgestellt. Wer keine großen Lager mehr hat und einen Großteil der Waren „just in time“ durchschleust, macht sich angreifbar, wenn der Nachschub wegen gerissener Lieferketten ausbleibt oder Kapazitäten zu völlig überhöhten Preisen nachgeordert werden müssen.

    Für Edeka-Chef Mosa ist damit klar: Aus Sicht des Handels haben viele Hersteller Lieferkapazitäten leichtfertig abgebaut und outgesourct und müssen sie jetzt in Krisenzeiten teuer kurzfristig einkaufen. Und wer die Kapazitäten nicht mehr selbst unter Kontrolle hat, bekommt Probleme, wenn sie knapp werden.

    „Auch wir müssen steigende Energiekosten tragen, stellen aber eigene Lager und Fuhrparks nicht infrage“, betont der Edeka-Chef. Und er ergänzt – auch an die Adresse der Konzerne gerichtet: „Denn wir wollen weiter funktionierende Lieferketten sicherstellen.“

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    So einfach sind jedoch aus Sicht von Fachleuten die Schuldzuweisungen nicht. „Der Druck, die Kosten in der Supply-Chain zu drücken, kam nicht nur von den Shareholdern, sondern auch vom Handel“, betont Lieferketten-Experte Maasmann.

    Hersteller machen sich abhängig von wenigen Lieferanten

    Hersteller haben bisher die Zahl der Lieferanten möglichst gering gehalten. Denn je mehr Menge ein Lieferant beschafft, umso mehr Rabatt gibt es. Nur so konnten sie gegen den steigenden Preisdruck des Handels im Wettbewerb bestehen. Doch das hat Folgen: „Weil Hersteller ihre eigenen Lagerbestände minimiert haben, sind sie stark abhängig von ihren Lieferanten“, konstatiert Maasmann.

    Corona hat die eng getakteten Lieferketten ins Stocken gebracht. Unstrittig ist, dass die Weltmarktpreise für Rohstoffe, Verpackung, Energie und Logistik rasant gestiegen sind – überwiegend zweistellig. Solche Kostenexplosionen konnte kein Hersteller in dem Maße vorhersehen, noch hätte er kostenneutral Vorsorge dagegen treffen können.

    Doch nach Einschätzung eines Top-Einkäufers einer großen Handelskette hätten sich etliche Hersteller auch ziemlich blauäugig angestellt. Einen „Mix aus Unprofessionalität und Dilettantismus“ attestiert er einigen Unternehmen. Viele hätten sich viel zu spät Transportkapazitäten gesichert und müssten diese jetzt teuer am Spotmarkt einkaufen.

    >>> Lesen Sie auch: Die den Globus umspannenden Lieferketten haben lange Zeit gut funktioniert. Nun werden sie zur offenen Flanke

    Wenn der Einzelhandel sich jetzt an den gestiegenen Lieferkosten beteilige, könne dies nur vorübergehend sein. Sobald die Kosten für Fracht wieder sänken, müssten auch die Einkaufspreise für den Handel wieder nach unten gehen, so der Einkaufsmanager. Er erlebe aber immer wieder, dass Hersteller diese gestiegenen Produktpreise dauerhaft festschreiben wollten.

    Um diese Streitfälle in Zukunft zu vermeiden, müssen die Lebensmittelproduzenten nun umsteuern. „Hersteller müssen ihre Lieferketten widerstandsfähiger gegen Störungen machen. Seit der Pandemie geht es nicht mehr nur um Kosteneffizienz“, beobachtet Berater Maasmann. Resilienz ist nach einer aktuellen Miebach-Studie deutlich wichtiger geworden, auch wenn das mehr kostet.

    Verpoorten mietet zusätzliche Lagerhallen an

    „Eine Lehre aus der Pandemie: Die Hersteller müssen überdenken, wie global eine Lieferkette eigentlich sein kann“, erklärt auch Matthias Fleischer, Leiter Supply-Chain und IT bei Nestlé Deutschland. Er erwartet ein Umsteuern in der Branche: „Um Risiken zu streuen, werden Hersteller künftig auch auf mehr Lieferanten setzen.“ Zugleich gehe der Trend dahin, mit Sourcing und Produktion wieder näher an den Endverbraucher zu rücken.

    Das hat bereits Auswirkungen, die Logistiklager in Deutschland sind ausgelastet wie lange nicht mehr. Nur zwei bis drei Prozent stehen derzeit leer, so eine Analyse des Immobiliendienstleisters JLL. „Denn Unternehmen steuern in der Pandemie um und halten mehr auf Lager. Sie bauen Puffer in der Lieferkette ein“, so Maasmann.

    Hersteller horten verstärkt Rohstoffe und Vorprodukte. „Sie ordern mehr Menge, als sie eigentlich brauchen“, beobachtet Kunigk von Kerkhoff Consulting. Erdbeeren für Joghurt etwa würden tiefgekühlt eingelagert, um gegen schlechte Ernten gewappnet zu sein.

    >>> Lesen Sie auch: Zweistellige Preissteigerungen: Welche Produkte jetzt knapp und teuer sind

    Auch Eierlikörhersteller Verpoorten aus Bonn geht auf Nummer sicher. „Wir kaufen weit über den aktuellen Bedarf ein, haben zwei große Lagerhallen extern angemietet, um die Lieferfähigkeit sicherzustellen. Das alles kostet“, sagte Viktoria Verpoorten, Einkaufsleiterin des Familienunternehmens, kürzlich dem Handelsblatt.

    Für die Jahresgespräche mit den Lebensmittelhändlern ist damit weiterer Ärger programmiert – mit möglichen Folgen für die Verbraucher. „Zusätzliche Lagerhaltung erhöht zwar die Liefersicherheit, aber auch die Kosten“, gibt Kunigk zu bedenken. „Gerade bei Lebensmitteln werden wir deutliche Preissteigerungen erleben.“

    Mehr: Hohe Energiekosten, knappe Düngemittel, teure Rohstoffe: Nahrungsmittel werden 2022 wohl deutlich teurer

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    • Logistikkosten & Kostensteigerung der regionalen landwirtschafltichen Produktion

      Nicht nur die Logistik-, Energiekosten sondern auch die Preise für die Produktionfaktoren der landwirtschaftlichen Produktion: Werkstoffe (Bodenpreise, Pacht, Saatgut, Dünge-, Pflanzenschutzmittel, Futtermittel, Boden-, Natur-, Umweltschutz, Tierwohl, Fremdarbeitkräfte usw.), Betriebstoffe (Diesel, Heizöl, Gas), Betriebmittel (Baustoffe, Landmaschinen) usw. steigen.

      Die Landwirte erhalten keinen entsprechenden Ausgleich der Produktionkosten (einschließlich Kosten des Boden-, Natur-, Umweltschutzes, Tierwohles) durch gerechte Tarifverträge (Art. 9 Abs. 3 S 1 GG) zwischen den Verbänden der landwirtschaftlichen Produzenten (Agrarwirte (Land-, Forst-, Wein-, Gartenbau)) und den Verbänden der Verarbeiter/Händler/Konsumenten (Mühle, Bäckerei, Molkerei, Kellerei, Fleischerei, Lebenmittelindustrie, Handelkette, Discounter, Sägewerk usw.) von denen alle ohne Agrar-oder Nahrungmittelsubventionen gut leben.

    • Die Zulieferer haben sich sicher nicht schlank gespart weil Edeka sie so gut bezahlt. Für seine Arroganz und die hohen Preise sollte man Edeka eigentlich beukotieren.

    • Herr Zuckschwerdt/Herr Moser: irgendwie haben Sie recht; aber so einfach ist das nicht! Ich kaufe regelmäßig in Supermärkten ein; wenig Aldi, viel Rewe, manchmal Edeka. Hängt mit der Lage zusammen. Dabei wird generell darauf geachtet, dass z.B. Obst nicht aus Südafrika oder Neuseeland kommt; es gibt alternative Anbieter zu ähnlichen Preisen innerhalb Europa; auch sowas wie Mango aus Chile muss nicht sein. In meiner Beobachtung stürmen nicht andere Käufer aus dem Supermarkt und fahren irgendwo hin, wo es vielleicht billiger ist.

    • Das größte Problem ist das Oligopol der REWE, Edeka, Lidl, Aldi. Das zweitgrößte die ewige billig billig Manie, besonders bei Lebensmitteln.

    • Man könnte meinen, dass die Verbrauchermärkte keinen Anteil an "Geiz ist geil" und jedes Gemüse und Obst auch außerhalb der Jahreszeit wie Erdbeeren im Winter hätten. Das Problem kann man wohl kaum singulär bei den Herstellern verorten.

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