Amazon automatisiert Lager Wenn das Regal Räder bekommt

Wo früher Menschen zu Regalen eilten, um Windeln, Smartphones und Bücher einzusammeln, sind nun Hunderte von Robotern im Einsatz. Wie Internetriese Amazon seine Lager automatisiert – und die Konkurrenz unter Druck setzt.
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Drei Roboter von 80.000: Amazon baut die Geräte selbst. Quelle: PR
Amazon

Drei Roboter von 80.000: Amazon baut die Geräte selbst.

(Foto: PR)

ManchesterFrüher gab es Schiebespiele als Werbegeschenk an der Tankstelle. Da mussten kleine Plättchen auf einer quadratischen Plastikscheibe, groß wie ein Bierdeckel, hin- und hergeschoben werden; so lange, bis die Zahlen in der richtigen Reihenfolge angeordnet waren. Ein Geduldsspiel für Kinder auf der langen Fahrt in die Ferien.

Die modernen Logistikzentren von Amazon erinnerten ihn ein wenig an jene Schiebespiele aus seiner Jugend, meint Roy Perticucci. Der Italoamerikaner ist für die gesamte Logistik des amerikanischen Internetkaufhauses in Europa zuständig. In der Tat: Hunderte Roboter schleppen lautlos Regale durch den Raum, kreuz und quer, mal schneller, mal langsamer, aber nie in Kurven; stets ändern die Maschinen ihren Weg im rechten Winkel. Bislang sind Menschen von Regal zu Regal geeilt, um Pampers und Seife, Smartphones und Bücher einzusammeln. Alles, was die Kunden auf der Webseite von Amazon eben so ordern. Nun bringen die elektrischen Helfer die Regale zu den Mitarbeitern.

Vergangene Woche hat der Manager einige ausgewählte europäische Journalisten in sein neuestes Logistikzentrum im nordenglischen Manchester eingeladen. Der Standort ist eine Blaupause, wie es bald in zahlreichen anderen Verteilzentren des US-Konzerns aussehen wird. Und nicht nur dort: Amazon gibt seit Jahren den Takt im Onlinehandel vor. Viele Konkurrenten werden daher nicht darum herumkommen, technisch ebenfalls aufzurüsten.

Durch die Roboter liefere Amazon schneller, günstiger, zuverlässiger. „Auf derselben Fläche bringen wir wesentlich mehr Ware unter“, betont Perticucci. Das ist ein enormer Vorteil, denn in vielen Ländern tobt ein Kampf um die Grundstücke. Auch in Deutschland. „Große Einzelhändler suchen gerade gigantische Flächen“, sagt Kuno Neumeier, Chef des Münchener Logistikimmobilien-Beraters Logivest. Die quadratischen Regale in Manchester stehen dicht gedrängt, die breiten Gänge für die Mitarbeiter braucht es nicht mehr. Die orange-schwarzen Roboter fahren einfach unter die gut zwei Meter hohen Regale, heben sie an. Anschließend geht es im Eiltempo zu den Leuten am Rand des Lagers. Die Arbeiter nehmen die bestellten Produkte heraus, reichen sie an jene Kollegen weiter, die dann die Pakete schnüren. Die Regale samt Roboter sind da schon wieder verschwunden.

Die Transportmaschinen kommen nicht viel anders daher als Mähroboter für den heimischen Rasen. Doch sie haben mehr Power und können gut 300 Kilo schultern. Mehr noch: statt riesiger, hoher Hallen lassen sich die Regale jetzt in vergleichsweise niedrigen Räumen anordnen. So lagert Amazon in Manchester die Artikel auf drei Stockwerken und kann dadurch eine größere Auswahl vorhalten.

So brechen Paketboten alle Rekorde
Immer billiger
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So günstig war der Pakettransport für Versender seit 2003 nicht mehr. Gerade einmal 5,85 Euro kostete 2016 der Versand im Durchschnitt – wobei sogar die teureren Express- und Kuriersendungen mit eingeschlossen sind. Die Preise fielen gegenüber dem Vorjahr um ein Prozent. Das hat der Bundesverband Paket- und Expresslogistik (BIEK) nun in einer Studie herausgefunden, die dem Handelsblatt vorab exklusiv vorliegt. Zu ihren Glanzzeiten vor neun Jahren hatten die Transporteure ihre Aufträge noch zum Durchschnittspreis von 6,22 Euro abgerechnet. Seither geht es fast ohne Pause mit den Erlösen pro Sendung nach unten. Die weiteren Trends im Überblick.

Quelle: Bundesverband Paket- und Expresslogistik

Schallmauer durchbrochen
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Erstmals fanden in Deutschland mehr als drei Milliarden Warensendungen ihren Adressaten. 10,1 Millionen Pakete lieferten DHL, UPS und Co. 2016 im Schnitt an jedem Werktag aus, was aneinandergereiht einer täglichen Schlange von Oslo bis Teneriffa entsprechen würde. Weil vor allem der Online-Versand rund um Weihnachten das Geschäft befeuerte, wuchs das Sendungsvolumen um 7,2 Prozent – und damit um 1,3 Prozentpunkte stärker als 2015.

Kräftiges Umsatzwachstum
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Insgesamt 360 Millionen Euro investierten die Pakettransporteure 2016 in Deutschland – und steigerten damit ihren Umsatz um 1,1 Milliarden Euro. Unterm Strich bedeutete das einen Anstieg um 6,2 Prozent auf 18,5 Milliarden Euro. Weil es aber insbesondere die günstige Paketzustellung an Privathaushalte ist, die das Wachstum bringt, während die weitaus teureren Kurier- und Expressdienste nur verhalten zulegten, stieg der Umsatz nicht in gleicher Weise wie das Transportvolumen.

Klein, aber fein
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Zwar dominieren die nationalen Paketversender wie DHL, DPD, Hermes und GLS das Straßenbild. Tatsächlich setzten sie im gesamten Zustellmarkt aber nur 10,2 der insgesamt 18,5 Milliarden Euro um. Auf immerhin 4,3 Milliarden Euro kamen 2016 in Deutschland die Expressanbieter, von denen es mit DHL, UPS und Fedex nur noch drei wesentliche Anbieter gibt. Sie organisieren einen weltweiten Übernachtversand und garantieren verbindliche Zustellzeiten. Die restlichen vier Milliarden Euro Umsatz entfielen auf Kurierdienstleister wie Go!. Sie befördern ihre Lieferungen meist auf direktem Wege vom Absender zum Adressaten, die meist regional operierenden Anbieter verlangen für die „begleitete“ Zustellung aber deutlich höhere Preise.

Trautes Heim
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Erstmals wurden 2016 mehr Paket an Privathaushalte abgegeben als an den Firmentoren. Express- und Kurierdienste mitgerechnet, stand der sogenannte B2C-Markt für 48 Prozent der Sendungen. Lieferungen von Firmen untereinander (B2B) kamen dagegen nur noch auf einen Anteil von 47 Prozent. Pakete zwischen Freunden und Bekannten (C2C) standen für die restlichen fünf Prozent.

Brummender Jobmotor
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10.000 neue Jobs gab es 2016 in der Branche, weitere 40.000 sollen laut Schätzungen des Bundesverbands BIEK bis 2021 hinzukommen. Damit wird der Paketversand zu einer Jobmaschine. 219.400 Beschäftigte gab es 2016 bei den Transportunternehmen selbst, einschließlich der Vorleistungsunternehmen summierte sich die Zahl auf 450.000. Seit 2002 wuchs die Anzahl der Jobs jährlich um 2,3 Prozent, die Zahl der Sendungen allerdings mit 4,3 Prozent fast doppelt so schnell. Von der höheren Produktivität profitieren allerdings auch die Mitarbeiter. Pro Beschäftigtem zahlten die Unternehmen 2016 im Schnitt 32.000 Euro, 2002 waren es gerade einmal 23.937 Euro.

Neue Wachstumsfelder
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Zwar sind es mit einem Warenanteil von 21,2 Prozent immer noch Bekleidungsartikel, die den Löwenanteil des Versandhandels bestreiten. Und auch Elektroartikel halten sich mit 16,6 Prozent nahe an der Spitze. Doch bislang unterrepräsentierte Warengruppen holen auf, darunter laut Handelsverband HDE Uhren und Schmuck, aber auch Baumarktartikel und Sportbedarf. Den zukünftig größten Wachstumsschub erwarten Experten allerdings durch den Lebensmittelhandel im Internet. Neben Anbietern wie Rewe ist auch Amazon seit wenigen Wochen mit seinem „Fresh“-Dienst in Deutschland aktiv.

Derart wie in Manchester, so rasen die Roboter bereits in vier anderen sogenannten Fulfillment-Centern in Europa über den glatten, grauen Betonboden. Doch es entstehen gerade noch viel mehr neue Lager bei Amazon. Bis Jahresende will Perticucci 15 zusätzliche Standorte auf dem gesamten Kontinent eröffnen, sechs davon wird der Ex-Manager der Supermarktkette Tesco mit Robotern ausstatten. In Deutschland baut der Konzern für 90 Millionen eine hochautomatisierte Filiale in Winsen, südlich von Hamburg.

Perticucci beteuert, dass durch die Roboter kein Job verloren gehe; zumindest nicht bei Amazon. Wie viele Stellen weniger wendige Konkurrenten abbauen müssen, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind, das weiß niemand. Der US-Konzern nutzt die Maschinen nur an neuen Standorten, bestehende Lager werden nicht aufgerüstet. Dabei sollen in den sechs neuen Robo-Standorten, die dieses Jahr in Europa öffnen, langfristig 8 000 Arbeitsplätze entstehen. In Winsen hat Amazon 1 000 Stellen zu besetzen.

Die Roboter baut Amazon selber
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1 Kommentar zu "Amazon automatisiert Lager: Wenn das Regal Räder bekommt"

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  • Die Digitalisierung schreitet voran.

    Bald sind:

    - 95% der Logistik-Arbeiter
    - 90% der unteren Büro-Angestellten (Finanzagentur, öffentlicher Dienst, Verwaltung,...)

    - 80% der Reporter
    - 80% der Ärzte,...

    u.s.w überflüssig.

    Werden die dann in 10 Jahren in der VR-Matrix von Facebook und Google verschwinden?

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