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Aktionärstreffen Virtuelle Hauptversammlungen – Ausnahme oder Zukunftsmodell?

Firmen loben den straffen Ablauf virtueller Hauptversammlungen, Investoren monieren das fehlende Rederecht. Werden Anlegerrechte weiter beschnitten?
16.05.2020 - 14:30 Uhr Kommentieren
Fast ein Drittel mehr Anteilseigner als üblich verfolgten die virtuelle Hauptversammlung des Rückversicherers. Quelle: Munich Re, Oliver Soulas
Virtuelle Hauptversammlung der Munich Re

Fast ein Drittel mehr Anteilseigner als üblich verfolgten die virtuelle Hauptversammlung des Rückversicherers.

(Foto: Munich Re, Oliver Soulas)

Düsseldorf, Frankfurt Die Kameraregie in der Münchener BMW-Welt hatte klare Anweisungen: Bei der Rede von Vorstandschef Oliver Zipse auf der virtuellen Hauptversammlung am vorigen Donnerstag sollte nicht ständig nur sein Oberkörper am Pult zu sehen sein. Immer wieder ging die Kamera in die Totale und zeigte den neuen BMW i4, einen Mini, ein Motorrad und eine Rolls-Royce-Limousine, die neben dem CEO geparkt waren.

Der Blick auf die Modelle in BMWs Eventstätte brachte etwas Glanz und Abwechslung in das Aktionärstreffen, das zum 100. Jubiläum erstmals nicht in einer mit Aktionären gefüllten Halle, sondern nur im Internet stattfand. Der Autobauer war der sechste Dax-Konzern, der binnen weniger Wochen Corona-bedingt eine rein virtuelle Hauptversammlung organisieren musste.

Erstes Fazit nach dem Auftakt: Konzerne wie Bayer, Allianz und Lufthansa loben den straffen Ablauf, die geringeren Kosten und die bessere Vorbereitung auf die Fragerunde. Aktionäre und Investoren hingegen bemängeln die Sterilität der Veranstaltungen, fehlende Debatten und die Beschneidung der Aktionärsrechte. Schon jetzt ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob virtuelle Hauptversammlungen das Format der Zukunft sind.

Technisch liefen die bisherigen Aktionärstreffen im Internet weitgehend problemlos ab. Es gab ein paar Kamerawackler oder kurze Bildaussetzer, doch die Aufsichtsratsvorsitzenden konnten die Veranstaltungen inklusive Stimmabgabe sicher zu Ende bringen – und vor allem schneller: Statt zwölf Stunden wie im Vorjahr brauchte Bayer nur sieben Stunden. Bei der Allianz war schon nach dreieinhalb Stunden Schluss und damit vier Stunden eher als im vergangenen Jahr.

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    Das lag an den Möglichkeiten, die das Corona-Notgesetz der Bundesregierung den Gesellschaften in diesem Jahr einräumt: Die vorab eingereichten Fragen der Aktionäre konnten die Firmen gebündelt beantworten. Stundenlange Redebeiträge von Aktionären und Investoren gab es im Internet nicht – es waren Sendungen mit dem CEO und dem Aufsichtsratschef aus den Konzernzentralen, ohne Möglichkeiten zur Nachfrage.

    Als „blutleer“ empfand Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die bisherigen virtuellen Veranstaltungen. Der Aktionärsschützer, der sonst auf Hauptversammlungsbühnen das Management in die Mangel nimmt, fühlte sich an die Tagesschau oder ans Heute-Journal erinnert. „Konsequenterweise hätte man auch direkt Judith Rakers oder Claus Kleber für das Vorlesen engagieren können“, sagt er.

    Tatsächlich liefen die virtuellen HVs emotionslos und ohne größere Auflockerungen ab. Aus Sicht von Beobachtern lieferte BMW, umgeben von Produkten des Konzerns, wenigstens noch ein attraktives Umfeld für die Übertragung, zudem sorgte ein Einspielfilm über BMW und seine durchstandenen Krisen für einen emotionalen Moment, der Mut machen sollte.

    Viel Pflicht, wenig Kür

    Ansonsten wurde bei den HVs eher audiovisuelles Schwarzbrot geliefert, mit einer aufs Rednerpult gerichteten Kamera und wenigen Schnitten hin zu den anderen Firmenvertretern im Raum. „Die bisherigen virtuellen Hauptversammlungen zeigten viel Pflicht und wenig Kür“, sagt Philipp Schüler, Director bei der Kommunikationsberatung Brunswick. „Die Unternehmen haben das sehr traditionell gestaltet, man hatte das Gefühl, die Liveübertragung einer Präsenzveranstaltung anzuschauen.“

    In den meisten HVs fehlten multimediale Elemente wie eingespielte Videos und animierte Grafiken. Das ist vor allem bei den Redebeiträgen problematisch, die teils zu lang und „ohne Pfiff“ waren, wie Schüler sagt. Schließlich sei die Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer am Bildschirm viel geringer.

    Den Unternehmen muss man zugutehalten, dass sie nur wenige Wochen Zeit für die Organisation hatten, ohne dabei auf Best Practices anderer Firmen zurückgreifen zu können. Das galt vor allem für die Bayer AG, die Ende April als erster Dax-Konzern eine virtuelle HV abhielt. Die Leverkusener zeigten sich daher auch zufrieden mit dem Ablauf der Sendung aus dem firmeneigenen Kommunikationszentrum.

    In der Spitze verfolgten 5000 Teilnehmer das Bayer-Event und damit deutlich mehr, als sonst zu den Hauptversammlungen des Konzerns kommen. Allerdings dürften darunter auch zahlreiche Nicht-Aktionäre gewesen sein, die aus Interesse zuschauten. Zumal Bayer die gesamte HV als Livestream frei empfangbar übertrug, während bei den anderen Dax-Konzernen nach der Rede des Vorstandschefs nur noch die Aktionäre über einen speziellen Zugangscode dabei sein durften.

    Doch auch bei der Allianz und Munich Re nahm im Vergleich zum Vorjahr fast ein Drittel mehr Aktionäre an dem Treffen teil. Die Präsenz des Grundkapitals entsprach in fast allen Fällen den üblichen Werten. Und zur Überraschung vieler galt dies auch für die Zahl der eingereichten Fragen.

    Laut dem Notgesetz zu den HVs dürfen Fragen nur bis zu zwei Tage vorher eingereicht werden – während der Veranstaltung konnten keine mehr gestellt werden. Die Zahl von 100 bis 250 Fragen lag auf dem Niveau der Vorjahre, bei der Lufthansa wurden sogar 70 Prozent mehr Fragen eingereicht, was aber vor allem an der besonderen Krisensituation der Fluggesellschaft gelegen haben dürfte.

    Die Unternehmen werten die Frageregelung als Erleichterung. Bei Präsenzversammlungen wird das Management akut mit Fragen bombardiert, für deren korrekte Beantwortung die Firmen einen großen Stab an Mitarbeitern mit Fachwissen sozusagen live hinter den Kulissen bereitstellen müssen.

    Nun konnten sie die Antworten tagelang vorbereiten. „Die längere Vorlaufzeit hat es uns ermöglicht, die eingegangenen Aktionärsfragen teilweise noch detaillierter zu beantworten“, heißt es bei Bayer. Wie alle anderen Konzerne auch bündelten die Leverkusener die Fragen zu Themenkomplexen, die dann im Webcast abgearbeitet wurden.

    „Bei einigen virtuellen Hauptversammlungen hat die Qualität der Antworten gewonnen“, beobachtet Alexander Kiefner, Partner bei der Kanzlei White & Case. „Man merkt, dass die Gesellschaften für die Beantwortung mehr Zeit hatten und durch die Zusammenfassung der Fragen in Themenblöcken die Zusammenhänge deutlicher wurden.“

    Aktionärsvertreter und Investoren hingegen kritisieren den Ablauf der bisherigen virtuellen Hauptversammlungen scharf. Sie sind aufgebracht, weil die Firmen ihnen während der Events keinerlei Möglichkeit zu Statements, Nachfragen und Auseinandersetzungen mit dem Management ermöglicht haben.

    „Wenn die Aktionäre ihrer Einflussmöglichkeiten beraubt werden, weil sie auf der Hauptversammlung kein vollumfängliches Frage-, Rede- und Auskunftsrecht mehr haben, werden sie eher geneigt sein, mit den Füßen abzustimmen, also ihre Aktien zu verkaufen“, sagt Janne Werning, Portfoliomanager bei Union Investment. Er moniert auch, dass kaum ein Unternehmen die Rede des CEOs so weit vor der HV veröffentlicht hat, dass noch Nachfragen dazu eingereicht werden konnten.

    Bislang bietet nur die Deutsche Bank ihren Aktionären diese Möglichkeit. Seit Mitte dieser Woche steht die Rede von CEO Christian Sewing im Netz, die er am kommenden Mittwoch auf der HV halten wird. Die Deutsche Bank hat zudem ein Online-Debattenportal eingerichtet, auf dem auch während der HV die Aktionäre Feedback geben können.

    DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler wundert sich, dass die Unternehmen „nicht entspannter und offener mit dem Fragerecht umgehen“, also auch eine Debatte während der Hauptversammlung ermöglichen. Schließlich gebe es dafür technische Möglichkeiten, und vor allem sei das Anfechtungsrecht im neuen Gesetz nahezu ausgeschlossen.

    Virtuelle HV ist deutlich billiger

    Tatsächlich hat die Bundesregierung den üblichen Klagen gegen Hauptversammlungsbeschlüsse aufgrund von Verfahrensfehlern hohe Hürden gesetzt. „Den Unternehmen muss vorsätzliches Handeln nachgewiesen werden, was kaum möglich ist“, sagt Rechtsexperte Kiefner. Doch die Furcht der Unternehmen vor Anfechtungsklagen ist seit jeher hoch, deswegen bleiben sie auch aktuell weiterhin vorsichtig.

    So sieht Lufthansa-Chef Carsten Spohr ein Kernproblem bei wirklich interaktiven Hauptversammlungen: Wenn etwa das Netz während einer Live-Frage eines Aktionärs zusammenbreche, könnte das diesen gegenüber den anderen benachteiligen und den Weg für Klagen öffnen.

    Rechtsexperten wie Tobias Tröger, Professor an der Uni Frankfurt, gehen davon aus, dass es auch bei den virtuellen HVs Anfechtungsklagen geben wird – möglicherweise mit Bezug auf europäisches Recht, auch wenn die Erfolgsaussichten gering sind. Aus Trögers Sicht muss es aber eine Ausnahme bleiben, dass Anfechtungsklagen vonseiten des Gesetzgebers praktisch ausgeschlossen sind.

    Dies dürfte einer der wichtigen Punkte sein, wenn die Bundesregierung möglicherweise schon im nächsten Jahr das Hauptversammlungsrecht dauerhaft modernisiert. Das Notgesetz zu den HVs in Coronazeiten gilt nur für dieses Jahr. Die Herausforderung lautet: Welche Elemente einer virtuellen HV können übernommen werden, ohne die Rechte der Aktionäre dauerhaft zu beschneiden?

    Dass es zu rein virtuellen Hauptversammlungen kommen wird, erwarten Experten gegenwärtig nicht – auch wenn diese Form die Unternehmen deutlich billiger kommt. Beispiel: Die Munich Re ließ sich die HV im vorigen Jahr 2,4 Millionen Euro kosten, die virtuelle Version schlug nur mit 1,1 Millionen Euro zu Buche.

    Erwartet wird, dass es zu einer Mischform kommen wird. „Die virtuelle HV kann die Präsenz-HV nur ergänzen, aber nicht ersetzen“, ist Union-Manager Werning überzeugt. Investoren fürchten, dass sonst die zuletzt gewachsene Aktionärsdemokratie in Deutschland leidet. Schließlich ist für die meisten Aktionäre die Hauptversammlung das einzige Forum, um mit dem Management in einen direkten Austausch zu gelangen.

    Aktionärsvertreter Tüngler schlägt ein Hybridmodell vor: Ein Teil der Aktionärsrechte könnte nur in der Präsenz-HV vor Ort ausgeübt werden, etwa Rederecht und Anträge. Bei der gleichzeitigen virtuellen Version könnte die Auswahl der Rechte enger gefasst sein. Aus Sicht von Beratern könnten die Firmen ihre HV in einem Mischmodell zu einem lebendigen Investorentag machen und dabei viel stärker die digitalen Präsentationsmöglichkeiten nutzen.

    Die Unternehmen sind sich in der Frage noch uneins: So vermied Lufthansa-Chef Spohr eine klare Festlegung, wie die HV im kommenden Jahr stattfinden soll. „Wir werden die Chance ergreifen, das traditionelle Hauptversammlungsformat zu modernisieren, aber nicht, ohne die Aktionäre um ihre Meinung zu fragen“, sagte er. Bayer will ebenfalls abwarten, bis die aktuelle virtuelle HV-Saison abschließend zu bewerten ist.

    Andere haben sich schon festgelegt: Die Allianz hofft auf eine Präsenz-HV im kommenden Jahr, ebenso der Konsumgüterhersteller Beiersdorf. Dessen Aufsichtsratschef Reinhard Pöllath kündigte beim HV-Webcast Ende April an, dass das nächste Treffen im Jahr 2021 wieder als Präsenzveranstaltung im Kongresszentrum in Hamburg stattfinden soll.

    Mehr: Digitale Hauptversammlungen müssen die Ausnahme bleiben. Lesen Sie hier den ganzen Kommentar.

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