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Auslandsinvestitionen US-Unternehmen fahren die Investitionen in Deutschland zurück

Amerikanische Konzerne investieren immer seltener in der größten Volkswirtschaft Europas. Dafür gibt es mehr Gründe als nur die Corona-Pandemie.
28.05.2020 - 00:01 Uhr Kommentieren
Erstmals seit der Finanzkrise geht die Zahl der US-Investitionen in Deutschland zurück. Quelle: Google
Neue Google-Büros in München

Erstmals seit der Finanzkrise geht die Zahl der US-Investitionen in Deutschland zurück.

(Foto: Google)

Düsseldorf Zumindest auf Amerikas Technologiegrößen ist Verlass: Tesla investiert im brandenburgischen Grünheide über vier Milliarden Euro. 12.000 Mitarbeiter sollen hier ab 2021 jährlich eine halbe Million Elektroautos produzieren. Amazon will 1200 Mitarbeiter in seinem neuen Logistikzentrum im Bördekreis nahe Magdeburg einstellen, um von dort Pakete in die Region und nach ganz Europa zu liefern. Google schafft auf dem Gelände des historischen Postpalasts an der Münchener Hackerbrücke 1500 neue Arbeitsplätze in Berufsfeldern wie Datenschutz und IT-Systeme.

Doch Tesla, Amazon und der Google-Mutterkonzern Alphabet können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich amerikanische Investoren mit neuen Engagements in Europas größter Volkswirtschaft mehr und mehr zurückhalten. Sie kündigten im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Investitionen in 193 Projekte in Deutschland an.

Das sind zwar immer noch weit mehr Zusagen als aus jedem anderen Land der Welt. Doch gegenüber dem Jahr davor bedeutet das ein kräftiges Minus von zwölf Prozent. Es ist der erste Rückgang seit der Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt.

Insgesamt hielten sich die Investitionszusagen ausländischer Unternehmen mit 971 Projekten in Deutschland fast stabil; es waren nur zwei weniger als im Jahr davor. Gezählt werden nur Projekte, bei denen Arbeitsplätze entstehen und Geld fließt. Übernahmen und Fusionen bleiben außen vor.

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    Vor allem chinesische Unternehmen machten die Zurückhaltung der Amerikaner wett und erhöhten ihr Engagement um 27 Prozent. China schob sich damit hinter Großbritannien (104 Projekte) auf Rang drei mit 84 Projekten.

    Der spektakulärste Fall ist dabei wohl Contemporary Amperex Technology, bekannter unter dem Namen CATL. Der weltweit größte Hersteller von Batteriezellen für Elektroautos will im thüringischen Arnstadt, gut eine Fahrradstunde von der Landeshauptstadt Erfurt entfernt, auf einer Fläche von 60 Hektar für zwei Milliarden Euro Europas größte Batteriefabrik bauen. Über das Vorhaben wurde lange diskutiert, weil sich deutsche und europäische Hersteller nicht auf ein gemeinsames Projekt einigen konnten – und sich damit einmal mehr abhängig von chinesischer Technologie machen.

    Doch alle guten Absichten und Projektzusagen ausländischer Investoren bleiben angesichts des globalen Konjunktureinbruchs seit Februar unter einem Vorbehalt. „Die Coronakrise führt weltweit aufseiten der Unternehmen zu massiven Sparmaßnahmen“, beobachtet Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland, „Investitionen werden auf ein Minimum reduziert.“

    Konzerne verschieben Investitionen

    Von den im vergangenen Jahr europaweit angekündigten 6412 Investitionsprojekten wurden nach EY-Schätzung 65 Prozent vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie bereits realisiert oder befinden sich nach wie vor in der Umsetzung. 25 Prozent wurden jedoch aufgeschoben und zehn Prozent sogar gestrichen.

    Die Zahlen beruhen auf Schätzungen und Hochrechnungen nach Gesprächen der Wirtschaftsprüfer von EY mit Unternehmen weltweit. Niemand verkündet gerne, dass er Investitionen aufschiebt oder gar abbricht, weil Geld und Liquidität möglicherweise fehlen.

    Manchmal sickern solche Entscheidungen aber doch durch – oder werden gar öffentlich, wie bei BMW. Der Autobauer verschiebt seine Inbetriebnahme eines neuen Werks in Ungarn um ein Jahr. „Grundsätzlich stellen wir in der aktuellen Situation alle Projekte noch einmal auf den Prüfstand“, sagte Vorstandschef Oliver Zipse. Finanzvorstand Nicolas Peter ergänzte mit Blick auf die Absatzkrise, dass außer dem Werk in Ungarn noch weitere Projekte verschoben werden dürften.

    Grafik

    Der Autozulieferer Continental kündigte an, seine Investitionen um mindestens 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu senken. Nicht dringend erforderliche Projekte und Investitionen werden bis auf Weiteres verschoben.

    „Das wirtschaftliche Umfeld hat sich seit Anfang März wegen der Corona-Pandemie noch einmal deutlich verschlechtert“, teilte der Vorstand in seinem Kurzbericht zum ersten Quartal mit. „Wir haben daher den Druck auf die Kostenbremse noch einmal weiter erhöht. Die Notwendigkeit aller Ausgaben und Investitionen zum jetzigen Zeitpunkt prüfen wir ganz genau. Es geht uns hierbei um Einsparungen mit sofortiger Wirkung.“

    Ziel ist es, so viel Liquidität wie möglich im Unternehmen zu halten, solange unklar ist, wie stark und nachhaltig der Konjunktureinbruch ausfällt. Insgesamt ist laut Prognose von EY im laufenden Jahr mit einem Rückgang der ausländischen Investitionen um 35 bis 50 Prozent zu rechnen.

    Je nach Branche dürfte die Entwicklung sehr unterschiedlich verlaufen. „Maschinenbau und Autoindustrie etwa treten derzeit bei Investitionen massiv auf die Bremse, Pharmaunternehmen erhöhen hingegen teilweise ihre Kapazitäten. Und auch in die digitale Infrastruktur wird kräftig investiert, der digitale Wandel beschleunigt sich gerade“, beobachtet EY-Deutschlandchef Barth.

    Vor allem aber der drastische Rückgang aus den USA schon vor Ausbruch der Coronakrise überrascht. Deutschland zieht wegen der US-Zurückhaltung insgesamt weniger ausländische Investitionen ins Land als die beiden kleineren Volkswirtschaften Großbritannien und Frankreich.

    Die britische Insel realisierte trotz – oder sogar wegen – der Unsicherheit über den bevorstehenden Austritt des Landes aus der Europäischen Union fünf Prozent mehr ausländische Investitionsprojekte gegenüber 2018. Möglicherweise entscheiden sich mehr ausländische Unternehmen für einen Standort in Großbritannien – aus Sorge über Grenzkontrollen und komplizierter werdende Lieferketten.

    Wer nach den Gründen sucht, warum viele amerikanische Firmen auf Distanz zu Deutschland gehen, bekommt eine Reihe von Antworten. Nach einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG unter 100 US-Unternehmen in Deutschland sieht jedes fünfte befragte Unternehmen die Attraktivität des Standorts Deutschland in Bezug auf Steuern und Abgaben im Vergleich mit den Staaten der Europäischen Union auf einem der letzten fünf Plätze. Auch was Innovationen angeht, hat Deutschland nach Ansicht der Amerikaner viel Luft nach oben.

    Dazu kommt: Nicht einmal jedes fünfte Unternehmen (17 Prozent) fühlt sich in Deutschland optimal unterstützt, sich neu anzusiedeln oder mehr zu investieren. Insofern war Elon Musks öffentlichkeitswirksamer Seitenhieb: „Wir werden definitiv ein höheres Tempo vorlegen müssen als der Flughafen“, nicht nur als Kritik des Tesla-Chefs an alle Beteiligten bei den bevorstehenden Genehmigungsverfahren für die angedachte „Gigafactory“ gerichtet – sondern auch eine generelle Bewertung des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

    Deutsche Unternehmen lassen sich nicht anstecken

    Die Skepsis liegt im Trend. Die Amerikanische Handelskammer (AmCham) in Deutschland bestätigt seit einiger Zeit die zunehmende Sorge der amerikanischen Unternehmen. Die AmCham fördert seit Jahrzehnten die globalen Handelsbeziehungen. Dabei unterstützt sie die Interessen der US-Unternehmen in Deutschland und sieht sich als Brücke zwischen den beiden Volkswirtschaften.

    Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist die Bedeutung der AmCham gewachsen. Mehr als 2000 US-Firmen beschäftigen hierzulande insgesamt rund 300.000 Mitarbeiter.

    Laut der jüngsten Umfrage unter ihren Mitgliedsfirmen erhöhte im vergangenen Jahr nur jedes dritte US-Unternehmen (36 Prozent) seine Investitionen in Deutschland – obwohl zwei von drei Unternehmen ihre Umsätze hierzulande steigerten. Dazu befragt, wie die US-Firmen den Standort Deutschland mit Blick auf 2020 bewerten, erhielt Deutschland die Note 2,1. Vor zwei Jahren war es noch eine 1,8.

    Zwar ist auch das gesenkte Urteil immer noch ganz ordentlich. „Jedoch führen die aktuellen Herausforderungen im Umgang mit der US-Handelspolitik, den Arbeits- und Energiekosten und der digitalen Infrastruktur zu Unsicherheiten in der Wirtschaft“, warnte AmCham-Präsident Frank Sportolari.

    In Grünheide sollen in einer ersten Phase von Sommer 2021 an jährlich 150.000 Elektroautos der Typen Model 3 und Y gebaut werden. Quelle: dpa
    Demonstration für Tesla-Fabrik in Brandenburg

    In Grünheide sollen in einer ersten Phase von Sommer 2021 an jährlich 150.000 Elektroautos der Typen Model 3 und Y gebaut werden.

    (Foto: dpa)

    Deutsche Unternehmen lassen sich indes von der in vielen Ländern wachsenden Skepsis gegenüber Globalisierung und weitverzweigten Lieferketten nicht anstecken: Insgesamt 675 Investitionsprojekte führten sie im europäischen Ausland durch. Das waren zwar drei Prozent weniger als im Vorjahr, dennoch belegen deutsche Unternehmen damit hinter US- und noch vor den britischen Unternehmen den zweiten Platz in der Rangliste der Nationen, die in Europa investieren. Hauptziele der Deutschen in Europa sind Frankreich, Großbritannien und Spanien.

    Traditionell sind deutsche Firmen für die mittel- und osteuropäischen Länder die mit Abstand wichtigsten Investoren: Sie haben dort 2019 die Zahl der Projekte um ein Prozent auf 253 erhöht, ihr Marktanteil stieg von 16 auf 20 Prozent. Diesen Trend gibt es seit Jahren, daran ändern auch nationalkonservative Regierungen in Ländern wie Polen und Ungarn nichts.

    Ihre Politik mag Donald Trump näherstehen als Angela Merkel. Doch Fakt ist: Amerikanische Konzerne haben ihr Engagement in Mittel- und Osteuropa im vergangenen Jahr um 21 Prozent auf 176 Investitionsprojekte reduziert.

    Mehr: Die 317-Milliarden-Euro-Blase: Hoffnungswerte belasten Bilanzen der Dax-Konzerne

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