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Autodidaktin Anne Fontaine schafft mit Edelblusen den Aufstieg ins internationale Modegeschäft Indianer, Wale und die Farbe Weiß

Sie kämpft für die Rettung des brasilianischen Urwalds. Monatelang lebt sie mit Indianern im Dickicht des Dschungels. Sie lernt deren Sprache und wird von ihnen „Cocoï“ genannt. Dann endet ihr Engagement abrupt. Ein Hubschrauber landet in dem Blättermeer, zwei Regierungsbeamte springen heraus und führen sie ab.
  • Georg Weishaupt (Handelsblatt)

HONFLEUR. 16 Jahre alt ist Anne Fontaine da. Schon damals kennt sie keine Furcht, wenn sie einmal von einer Sache überzeugt ist. „Ja, das musste ich tun“, sagt sie noch heute. Dann hebt sie ihren Arm zur kämpferischen Geste, die nicht zu der schlanken Frau mit den hochhackigen Bastschuhen und der romantisch verspielten Kleidung passen will.

Inzwischen ist sie 35 Jahre alt. Sie sitzt nicht mehr in einer primitiven Behausung in der tropischen Schwüle des brasilianischen Urwalds, sondern in einem angenehm kühlen, hellen Raum in ihrem Atelier am Rande des malerischen Touristenortes Honfleur in der Normandie. Sie wird eingerahmt von Kleiderständern und Büsten mit Dutzenden Blusen – von der Naturschützerin zur Modedesignerin.

Und da geht die Brasilianerin Anne Fontaine ebenso überzeugt und kompromisslos ihren eigenen Weg. Sie startet als Außenseiterin, konzentriert sich auf die Marktnische aufwendig gearbeiteter, weißer Blusen mit weiblicher Note – weiß ist das Symbol für Glück in ihrer Heimat – und verkauft heute ihre Kollektion in über 55 eigenen Läden in Toplagen von New York über Düsseldorf bis Schanghai. Das Unternehmen, erst vor zwölf Jahren gegründet, beschäftigt nach eigenen Angaben 200 Mitarbeiter und erreichte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 45 Millionen Euro. Damit rangiert es nach Auskunft von Experten im Mittelfeld der Modefirmen. „Ich habe nie geglaubt, dass wir so schnell Erfolg haben würden“, erzählt sie lebhaft auf Englisch mit einem charmanten französischen Akzent.

„Es ist schon ungewöhnlich, dass ein Außenseiter in der Modebranche so weit kommt“, weiß Margit Jandali, Geschäftsführerin des Düsseldorfer Modemesse-Veranstalters Igedo Company.

Anne Fontaine hat weder Design studiert noch eine Modeschule besucht. Sie war Hobbyschneiderin, nähte Kostüme für den Karneval in ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro, wie sie erzählt. „Aber wenn etwas aus dem Bauch heraus kommt, ist es authentisch“, ist sie überzeugt.

Sie hätte den Sprung in die Modebranche jedoch kaum geschafft, wäre sie nicht irgendwann Ari Zlotkin begegnet. Sie ist 22 Jahre alt, steckt mitten im Biologiestudium in Paris, engagiert sich in einer Organisation zur Rettung der Wale, als sie den acht Jahre älteren Franzosen in einem Restaurant kennen lernt. Der hat ein Problem: Seine Eltern haben ihm eine Hemdenfabrik vererbt, die nicht mehr läuft. Dichtmachen oder neu anfangen, ist die Frage. Mit seiner künftigen Frau entscheidet er sich fürs Weitermachen. Sie konzentrieren sich auf weiße Blusen der Preiskategorie von 100 bis 400 Euro nach dem Motto von Karl Lagerfeld „Jede Frau braucht mindestens eine weiße Bluse“.

Fontaine und Zlotkin scheinen sich auch beruflich gesucht und gefunden zu haben: Hier der gelernte Betriebswirt mit dem markanten kahlen Kopf, der Produktion, Verkauf und alle Zahlen fest im Griff hat. Dort die kreative Frau mit dem langen schwarzen Haar, die sich auf Stoffe, neue Schnitte und Ideen konzentriert.

Klare Arbeitsteilung auch bei der Modenschau für die Winterkollektion in Honfleur: Sie steht vorne am Laufsteg und plaudert über ihre Kreationen auf Französisch. Er sitzt hinter ihr und übersetzt alles ins Englische. In den ersten Jahren schlagen sie sich von Tag zu Tag, Woche für Woche durch. „Wir wollten vor allem die Firma retten“, sagt Anne Fontaine. Erst verkaufen sie ihre Blusen nur über Boutiquen. Dann starten sie in Paris einen kleinen eigenen Laden. Das Konzept geht auf. Weitere Läden folgen.

Später ziehen sie aus Platzgründen mit ihrem Atelier von Paris nach Honfleur in die Nähe ihres Landhauses. Da lebt sie heute mit ihrem Mann, den acht Monate und sechs Jahre alten Töchtern sowie „30 Schafen, 25 Hühnern und neun Enten“.

Inzwischen wächst die junge Modefirma „sehr schnell, es ist nicht weit entfernt von: zu schnell“, sagt Zlotkin. Was bislang auf Zuruf im kleinen Team funktionierte, muss professionell organisiert werden. Er hat eine Unternehmensberatung ins Haus geholt, um „Prozesse zu verbessern und die Strukturen an die neue Größe anzupassen“.

Fontaine entwirft unterdessen immer neue Blusen, auch schon mal etwas Farbiges, sowie Jacken, Korsagen, Accessoires. Jedes Jahr kommen über 200 Modelle hinzu. „Manchmal stehe ich nachts auf, um eine Idee festzuhalten.“ Sie sei aber keine so gute Zeichnerin, gesteht sie. Sie arbeitet lieber direkt mit Stoffen. Anregen lässt sie sich auch von alten Mustern mit Spitzenware, die sie auf einem Flohmarkt fand.

Mitarbeiterinnen loben ihren Elan, ihre nahezu unerschütterliche gute Laune und ihre herzliche Art. Die Vorstellung der neuen Kollektion gerät da zum Familientreffen. Anne Fontaine begrüßt die Shopmanagerinnen aus aller Welt mit „Hallos“, Küsschen links und rechts und der jüngsten Tochter auf dem Arm.

Im anschließenden Seminar lernen die Filialleiterinnen dann, dass sie beim Verkaufsgespräch klar machen sollen, dass hinter der Marke Anne Fontaine eine Designerin gleichen Namens steckt. Allerdings handelt es sich nur um einen Künstlernamen. Wie sie wirklich heißt, verrät sie nicht. Auch um ihr Geburtsdatum macht sie ein Geheimnis. Immerhin nennt sie das Jahr: 1969.

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