Beluga-Verfahren Mammutprozess beendet – Ex-Reeder Niels Stolberg muss ins Gefängnis

Mit erfundenen Umsätzen und geheimen Kickback-Verträgen erschwindelte sich der Reeder Millionenkredite. Jetzt muss er ins Gefängnis.
Update: 15.03.2018 - 17:09 Uhr 1 Kommentar
Der wegen mehrfachen Kreditbetruges zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte Niels Stolberg im Saal des Landgerichts. Quelle: dpa
Beluga-Prozess

Der wegen mehrfachen Kreditbetruges zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte Niels Stolberg im Saal des Landgerichts.

(Foto: dpa)

BremenDrei Jahre und sechs Monate Gefängnis – so lautet das Urteil gegen Niels Stolberg, den Gründer der untergegangenen Bremer Schwerlast-Reederei Beluga. Das entschied heute das Landgericht der Hansestadt.

Die Große Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Monika Schaefer erteilte ihm damit die Quittung für Untreue, Bilanzfälschung und Kreditbetrug in 16 Fällen. Drei Ex-Manager der untergegangenen Reederei, die Stolberg bei seinen Taten unterstützten, erhielten Bewährungsstrafen.

Damit endet eines der längsten Wirtschaftsverfahren in der Geschichte des Bremer Landgerichts. Mehr als zwei Jahre wurde über das Strafmaß des heute 57-Jährigen verhandelt, 68 Verhandlungstage waren bis zur Urteilsverkündung nötig.

Mit dem Urteil blieb das Gericht ein Jahr hinter dem geforderten Strafmaß der Anklage. Verteidiger Bernd Groß hatte für seinen Mandanten lediglich eine Bewährungsstrafe beantragt – und nannte das Urteil am Nachmittag „in Teilen nicht nachvollziehbar“.

Doch nur noch eine Revision, also der Nachweis von Verfahrensfehlern, könnte das Urteil aufheben, eine Berufung ist ausgeschlossen. Einen solchen Antrag, der in den kommenden sieben Tagen erfolgen müsste, wollen beide Seiten prüfen.

Der Absturz des einstigen Vorzeige-Reeders könnte spektakulärer kaum sein. Noch 2006 hatte ihn die Hansestadt Bremen, wo er einst auf der Weserhalbinsel Teerhof seinen Seefahrtsbetrieb startete, zum „Unternehmer des Jahres“ gekürt. Der im nahen Brake geborene Firmenchef saß beim Erstligisten Werder im Aufsichtsrat, engagierte sich sozial in Thailand und avancierte zum Liebling der Ökologiebewegten, als er seine Schwergutfrachter mit riesigen Zugdrachen ausrüstete. Mit ihnen versprach Stolberg, den Spritverbrauch zu drosseln.

Doch was damals niemand ahnte: 2006 hatte der einstige Kapitän zur See damit begonnen, Teile seiner Reedereiflotte mit Straftaten zu finanzieren. Wiederholt legte er falsche Unterlagen vor, die Eigenkapital vorschwindelten, wie das Gericht über den Beluga-Gründer urteilte. Um Bankenkredite an Land zu ziehen, hantierte er mit frisierten Schiffsrechnungen, die ihm die niederländische Werft Volharding lieferte.

Umsatz heimlich aufgebläht

Statt der üblichen Fremdfinanzierung von 70 Prozent gaben die Bremer Landesbank, NordLB, HSH und Commerzbank in der Folge sogar teilweise mehr, als die Schiffe tatsächlich kosteten. Mehrere Millionen Euro aus den überhöhten Rechnungen flossen als Kickback an Stolberg zurück, der das Geld zurück in die Firma steckte.

Im Sommer 2009 lockte er zudem den Hedgefonds Oaktree ins Unternehmen, der nicht nur 37,5 Prozent der Anteile übernahm, sondern auch 160 Millionen Euro Kredit gewährte. Als Anreiz hatte Stolberg den Umsatz heimlich um 189 Millionen Dollar aufgebläht – mit cleveren Tricks: Zum Teil hatte Beluga bei chinesischen Werften um die Stundung letzter Bauraten gebeten, um das gesparte Geld über Schweizer Konten auf eine Briefkastenfirma nach Panama überweisen zu können.

Die Panama-Firma versorgte Beluga daraufhin zum Schein mit Frachtaufträgen, die den Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe aufpumpte. Im März 2011 erstattete Oaktree Anzeige – und brachte damit ein Mammutverfahren ins Rollen.

In seinem Schlusswort vor einer Woche erklärte Stolberg: „Ich bereue meine Fehler zutiefst.“ Doch er fand für die Fehltritte auch Erklärungen. So habe er in der 2009 ausgebrochenen Schifffahrtskrise alles versucht, die zuletzt 400 Arbeitsplätze allein in Bremen zu retten.

Staatsanwältin Silke Noltensmeier sah dagegen „hohe kriminelle Energie“ und „wenig Reue und Einsicht“. Als Reeder sei Stolberg „blind vor Ehrgeiz“ gewesen, wobei er im Verlaufe der Zeit „alte Lügen mit neuen“ gedeckt habe.

Genutzt hat ihm das nichts. Wenige Tage nach dem Strafantrag rutschte Beluga in die Pleite, für Stolberg, Vater von vier Kindern, folgte die Privatinsolvenz mit 2,2 Millionen Euro Schulden. Die Ehe zerbrach, zudem erkrankte der Ex-Reeder während der über zweijährigen Verhandlung an Magenkrebs. Als hilfreich erwies sich für ihn jedoch die Presse. „Strafmildernd“, erklärte Richterin Schaefer bei der Urteilsbegründung, „war das große mediale Interesse.“

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1 Kommentar zu "Beluga-Verfahren: Mammutprozess beendet – Ex-Reeder Niels Stolberg muss ins Gefängnis"

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  • Ich habe auch meine Altersvorsorge durch ihn verloren. Nun hat Herr Stolberg seine gerechte Strafe erhalten. Eigentlich sollten alle Vermittler, Emittenten, Bankangestellte, Geschäftsführer von Beteiligungen, die auf bloßen Lügen gegründet wurden, dasselbe Schicksal ereilen. Dafür bete ich täglich.

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