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Tatort des Säure-Attentats auf Innogy-Vorstand Bernhard Günther in Haan bei Düsseldorf.

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Bernhard Günther Das Attentat – Innogy-Topmanager spricht erstmals über den Säureanschlag

Am 4. März überschütten zwei Männer Bernhard Günther mit Säure. Der Innogy-Vorstand spricht erstmals über das Attentat und seine Zukunft.
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EssenDiese Nachricht schockierte die deutsche Wirtschaft: „Anschlag auf Finanzvorstand der Innogy SE“. Am 4. März, einem Sonntag, überfielen zwei Männer Bernhard Günther und überschütteten ihn mit Säure. Die Öffentlichkeit hat er seitdem gemieden. Jetzt empfängt Günther Handelsblatt-Redakteur Jürgen Flauger zu einem ersten Interview. Ohne Sakko betritt Günther den kleinen Besprechungsraum im 25. Stock des Innogy-Turmes, mit weitem Blick über Essen. Der Anschlag hat den 51-jährigen im Gesicht gezeichnet. Eine getönte Brille schützt seine Augen. Der Vorstand von RWEs Ökostromtochter äußert sich erstmals zum Attentat, den Spekulationen über die Täter – und seine eigene ungewisse berufliche Zukunft.

Herr Günther, wie geht es Ihnen?
Wie sagt man immer: Den Umständen entsprechend gut. Wie man die Umstände beurteilt, liegt halt im Auge des Betrachters. Daran gemessen, wie es mir vor dem 4. März ging, sind die Umstände natürlich nicht gut. Aus medizinischer Sicht scheine ich aber alles in allem noch Glück im Unglück gehabt zu haben. Es gibt Bilder von Säureopfern, bei denen die Folgen noch viel drastischer sind als bei mir. Die körperliche Genesung kommt also voran. Die seelische Verarbeitung braucht natürlich viel länger.

Sie hätten Ihr Augenlicht verlieren können. Das Sehvermögen ist aber noch intakt?
Ja, das ist so etwas, was ich mit Glück im Unglück meine.

Als Finanzvorstand stehen Sie in der Öffentlichkeit. Haben Sie sich nach dem Anschlag überlegt aufzuhören?
Nach so einem fassungslos machenden Ereignis geht einem schon alles Mögliche durch den Kopf – auch das. Ich bin aber niemand, der überhastet kurzfristige Entscheidungen fällt, und letztlich habe ich mich entschieden, weiterzumachen. Nach einem Schicksalsschlag, egal welcher Art, ist es sehr wichtig, wieder den Alltag zu erleben. Rituale und Normalität helfen sehr bei der Bewältigung. Es ist zwar trivial, aber das Leben geht weiter.

Ihre Position ist aber sehr herausfordernd. War es für Sie keine Option, jetzt kürzerzutreten?
Natürlich habe ich meine Work-Life-Balance verändert – und ich werde vermutlich auch dauerhaft meine Prioritäten anders setzen. Als ich im Rettungshubschrauber zur Klinik geflogen wurde, ging mir alles Mögliche durch den Kopf, nur nicht, dass ich besser mehr gearbeitet hätte. In so einer Situation merkt man schon, was wirklich wichtig ist.

Ich bin aber auch körperlich noch nicht wieder zu hundert Prozent belastbar. Das spüre ich schon, auch wenn die Genesung vorankommt. Mir hat sich ein Satz eingeprägt. Er stammt von einem Psychiater, Viktor Frankl, und lautet sinngemäß so: „Wir können uns die Umstände unseres Lebens nicht aussuchen, aber wir können die Einstellung, die wir dazu einnehmen, wählen.“ Das versuche ich zu beherzigen.

Können Sie sich an den Vorfall selbst noch im Detail erinnern?
Ja, ich war wohl immer bei Bewusstsein.

„Die körperliche Genesung kommt voran. Die seelische Verarbeitung braucht natürlich viel länger.“ Quelle: Reuters
Bernhard Günther vor dem Attentat

„Die körperliche Genesung kommt voran. Die seelische Verarbeitung braucht natürlich viel länger.“

(Foto: Reuters)

Sie wurden in der Nähe Ihres Wohnhauses überfallen.
Ja. Der Tathergang ist schnell beschrieben. Ich war mit Freunden Joggen. Nachdem wir uns getrennt hatten und ich die letzten 300 Meter alleine nach Hause laufen wollte, haben mir an einer Stelle, an der am helllichten Tage keiner mit einer Attacke rechnen würde, zwei jüngere Männer aufgelauert. Der eine hat mir den Weg abgeschnitten, der andere kam von hinten angerannt. Einer hat mich zu Boden geworfen und festgehalten. Der andere hat ein Gefäß geöffnet und über mir entleert. Die beiden haben danach sofort von mir abgelassen und sind verschwunden. Das lief innerhalb von wenigen Sekunden ab.

Wussten Sie direkt, dass es Säure war?
Nein, anfangs dachte ich noch, es wäre vielleicht Reizgas, weil es in den Augen brannte, aber dann brannte es auch auf der Haut. Ich bin dann so schnell wie möglich nach Hause und hatte nur einen Reflex: Mir möglichst schnell und möglichst viel davon abzuwaschen. Was auch richtig war. Währenddessen habe ich den Notruf gewählt.

Haben die Täter etwas gesagt?
Nein, kein Wort.

Ein Säureattentat ist eine besonders heimtückische Attacke.
Ja, das stimmt und macht mich betroffen.

Gibt es inzwischen Hinweise auf die Täter?
Die polizeilichen Ermittlungen laufen noch – und dazu will ich mich nicht im Detail äußern. Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft hat ja inzwischen bekanntgegeben, dass umfangreiches Videomaterial ausgewertet worden ist. Man ist vielen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen. Allerdings gibt es wohl noch keine konkrete Spur zu den Tätern.

Haben Sie Hoffnung, dass die Täter noch gefasst werden?
Die Hoffnung habe ich sicher. Natürlich ist es besonders schwierig mit so einer Tat umzugehen, solange sie nicht aufgeklärt ist. Wenn man nicht weiß, warum sie erfolgt ist. Ist man noch bedroht? Sind andere bedroht? Diese Fragen treiben mich sehr um.

Galt das Attentat Ihnen als Privatmann oder dem Manager?
Diese Dinge sind Teil der Ermittlungsarbeit. Solange man nichts Konkretes weiß, kann man auch nichts ausschließen.

Haben Sie selbst eine Theorie?
Ja, die will ich aber für mich behalten.

Die Belegschaft von Innogy treibt natürlich die Frage um, ob der Anschlag Ihnen in Ihrer Funktion als Finanzvorstand galt.
Zunächst einmal hat es eine unglaubliche Welle der Anteilnahme im Unternehmen gegeben. Es wurde sofort eine E-Mail-Adresse eingerichtet. „Thoughts for Bernhard“ hieß die. Das war eine Art „elektronisches Kondolenzbuch“. Da gingen mehr als 500 Botschaften aus dem Unternehmen ein – übrigens auch von vielen RWE-Mitarbeitern.

Ich bekam das dann ausgedruckt und in Pappe gebunden, weil ich E-Mails noch nicht gut lesen konnte. Darin steckte sehr viel Anteilnahme und Menschlichkeit, die mich tief berührt hat, für die ich sehr dankbar war. Das hat mir sehr geholfen, nicht die Hoffnung zu verlieren. Bei allem Performancedruck, allen Effizienz-Bestrebungen und allen Exzellenz-Überlegungen gibt es für mich gewisse menschliche Grundkoordinaten, die die Kultur eines Unternehmens ausmachen und die nicht verhandelbar sind. Ich bin stolz, Teil dieser Kultur, und damit dieses Unternehmens zu sein.

Der Innogy-Finanzvorstand wurde nach dem Attentat direkt ins Krankenhaus geflogen. Quelle: BILD / Patrick Schüller
Abtransport von Bernhard Günther

Der Innogy-Finanzvorstand wurde nach dem Attentat direkt ins Krankenhaus geflogen.

(Foto: BILD / Patrick Schüller)

Bei aller Betroffenheit wurde aber auch im Unternehmen über die Hintergründe der Attacke auf den Finanzvorstand spekuliert. Der Abgang des damaligen Innogy-Chefs Peter Terium im Dezember, das Attentat auf sie, und nur eine Woche später gaben Eon und RWE bekannt, dass Innogy übernommen werden soll: Diese zeitliche Koinzidenz hat viele verwundert.
Natürlich. Aber das wäre reine Spekulation, wenn ich das kommentieren würde.

Das Attentat auf die Mannschaft von Borussia Dortmund hat doch gezeigt, wie weit ein Täter zum Beispiel für Kursmanipulationen gehen kann.
Das zeigt doch nur, wie weit das Spektrum an möglichen Motiven ist: von Kursmanipulationen und Übernahmeplänen, über meine Tätigkeit bei Innogy oder auch andere berufliche Motive bis hin zum Privatleben.

Sie waren ja schon einmal Opfer eines Überfalls. Vor Jahren wurden Sie beim Joggen zusammengeschlagen. Sehen Sie da einen Zusammenhang?
Auch das schließe ich nicht aus.

Die Ungewissheit über das Motiv muss Sie doch verrückt machen.
Wie schon gesagt habe ich ein enormes Interesse an der Aufklärung der Tat. Andererseits will ich in so einer Situation aber auch nicht in eine existenzielle Krise verfallen – und ständig um dieselben Fragen kreisen: Warum ich? Warum das? Warum Säure? Warum bin ich an diesem Tag an diesem Ort gewesen? Ich glaube, diese Fragen bringen einen auf Dauer nicht wirklich weiter. Was passiert ist, ist passiert, es ist schrecklich, aber ich kann es nicht ungeschehen machen. Dieser Gedanke war bei der seelischen Bewältigung des Attentats für mich der erste Schritt. Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was ich daraus mache.

Diese Erkenntnis braucht aber schon Zeit?
Die Zeit hatte ich ja. Auf der Intensivstation war ich ja wenig abgelenkt. Ich hörte nur die Apparate piepsen.

Wir haben Unternehmen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen für Manager befragt und erfahren, dass der Schutz eigentlich nur noch rudimentär ist. Ist das blauäugig?
Ich glaube, dass wir im globalen Vergleich sicherheitsmäßig auf einer Insel der Glückseligen leben. Nachdem die Bedrohung durch die RAF vorbei war, als Manager mit Maschinenpistolen geschützt werden mussten, hat sich die Lage ja wirklich entspannt. Es ist doch gut, dass Manager im Gegensatz zu Ländern etwa in Südamerika oder Afrika hier ein normales Leben führen können. Ich hoffe, dass das so bleibt.

In Teilen der Bevölkerung dominiert jetzt schon das Gefühl, dass es um die Sicherheit nicht mehr gut bestellt ist. Ist Deutschland noch ein sicheres Land?
Es ist wohl so, dass sich das Sicherheitsempfinden verschlechtert hat. Ich will meinen Fall jedoch nicht verallgemeinern. Vermutlich liegt mein Fall anders als etwa die blinde Gewalt von S-Bahn-Attacken.

Wie steht es um Ihr ganz persönliches Sicherheitsempfinden?
Natürlich ist das stark angeschlagen. Dieses Gefühl der Grundsicherheit, der Grundgeborgenheit, das für uns eigentlich normal ist, ist erst einmal weg. Wir rechnen einfach nicht damit, dass so etwas passieren kann. Man merkt, dass die Normalität sehr brüchig ist – und das wir letztlich doch sehr verletzlich sind.

War das Sicherheitsgefühl also eine Illusion?
In gewisser Weise ja. Wir alle wissen, dass regelmäßig schreckliche Dinge passieren. Es müssen nicht mal Verbrechen sein, es kann auch ein Unfall oder ein Krankheitsfall in der Familie sein. Das sind auch Schicksalsschläge, die genauso unverdient sind, und die Normalität zerreißen. Wir hoffen aber, dass uns solche Schicksalsschläge nicht persönlich treffen.

Die Tat hat auch die Öffentlichkeit schockiert, speziell in der Wirtschaft saß der Schock tief. Haben sich Manager anderer Unternehmen bei Ihnen gemeldet?
Ja, die Anteilnahme war sehr, sehr breit. Manche haben sich schon am ersten Tag der Tat mit Textnachrichten gemeldet. Einige haben sich später gemeldet, offenbar auch aus der Angst, die falschen Worte zu wählen. Das ist aber unberechtigt. Jedes aufrichtige Wort hilft in so einer Situation.

Auf einem Plakat bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung nach dem Säureangriff auf den Finanzvorstand des Energieversorgers Innogy. Quelle: picture alliance / Henning Kaise
Plakataktion der Polizei

Auf einem Plakat bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung nach dem Säureangriff auf den Finanzvorstand des Energieversorgers Innogy.

(Foto: picture alliance / Henning Kaise)

Haben Sie denn auch unangenehme Erfahrungen gemacht? Ihr Fall war tagelang in den Medien.
Da gab es definitiv Grenzüberschreitungen. Unser Haus wurde anfangs regelrecht belagert. Ich sehe keinen Grund der Welt, warum man Bilder unseres Hauses veröffentlichen muss oder Details über meine Familie oder unsere Adresse. Ich bin zwar Finanzvorstand, aber damit bin ich noch kein Promi.

Ich hatte immer das Gefühl, dass das Privatleben getrennt vom Interesse der Öffentlichkeit am Job bleiben kann. Wenn das dann in die Öffentlichkeit gezerrt wird, ist das schon ein Schock. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die wissen wollen, wie es mir geht. Als Finanzvorstand einer börsennotierten SE habe ich da eine gewisse Verantwortung und deshalb habe ich mich auch zu diesem Interview entschlossen. Ich erwarte allerdings, dass meine Privatsphäre – und insbesondere die meiner Familie – auch in Zukunft respektiert wird.

Wie leicht oder schwer fällt Ihnen jetzt der Gang an die Öffentlichkeit? Sie haben nach dem Anschlag zwar bereits wieder an einer Pressekonferenz teilgenommen, aber nur am Telefon.
Das war natürlich die schonendste Variante. Ich mache das Schritt für Schritt. Auch im Privatleben. Erst waren es kleinere Kreise, jetzt werden die Kreise größer. Je bekannter mir die Gruppe von Menschen ist, denen ich mich zeige, umso leichter fällt es mir. Ich bekomme schon mit, dass viele Leute im ersten Moment etwas erschrecken. Aber dem muss ich mich stellen. Das ist nicht leicht, aber es wird auch nicht leichter, wenn man sich dem entzieht. Ich will ja nicht als Einsiedler leben.

Haben Sie externe Veranstaltungen besucht? Haben Sie sich beispielsweise schon mit Analysten getroffen?
Es waren schon einige Analysten im Haus und das war kein Problem. Der Gang nach draußen ist schwieriger. Auch weil es schlichtweg körperlich anstrengend ist. Ich bin einfach noch nicht wieder komplett fit.

Wie beeinflussen die Tat und die Folgen Ihre Tätigkeit als Führungskraft? Als Manager müssen sie ja besonders selbstbewusst auftreten.
Mein Selbstbewusstsein hat, so empfinde ich es jedenfalls, nicht gelitten. Ich glaube, dass ich noch genauso führen kann wie bisher. Ich würde aber hoffen, dass ich in manchen Punkten durchaus bewusst anders führen werde als bisher.

Inwiefern?
Ich habe über vieles nachgedacht, was wirklich wichtig ist und wie man mit Menschen umgeht. Man kann Menschen sehr klar und konsequent führen, und das trotzdem möglichst wertschätzend machen. Mit dem, was ich erfahren habe an Mitmenschlichkeit und Anteilnahme im und außerhalb des Unternehmens, ist mir sehr klar geworden, wie wichtig diese Dinge für mich sind.

Eine Woche nach dem Attentat auf Sie wurde Ihr Unternehmen mit einer Übernahmeofferte konfrontiert. Eon will die Sparten Vertrieb und Netz übernehmen, ihr Mutterkonzern RWE die erneuerbaren Energien. In letzter Konsequenz soll Ihr Unternehmen zerschlagen werden. Wann und wie haben Sie von der Übernahmeofferte erfahren?
Meine Kollegen haben mich damals schon sehr geschont. Angerufen hat mich keiner als die ersten Meldungen in der Nacht von Samstag auf Sonntag kamen. Als ich am nächsten Morgen meine E-Mails gecheckt habe, habe ich es selbst gesehen.

Die polizeilichen Ermittlungen laufen noch. Quelle: BILD / Patrick Schüller
Spurensuche

Die polizeilichen Ermittlungen laufen noch.

(Foto: BILD / Patrick Schüller)

War das für Sie damals überhaupt wichtig?
Ja, schon. Es war eine Woche nach der Tat. Ich war aus der Intensivstation raus. Kritisch war mein Zustand nicht mehr. Die Nachricht ging mir schon sehr nahe.

Wie leicht oder schwer fiel es Ihnen sich trotzdem die nötige Ruhe zu geben?
Das habe ich schon hinbekommen. Ich wusste ja, dass meine Kollegen und Mitarbeiter die Arbeit im Griff haben. Solche Fälle wurden ja auch regelmäßig in Trockenübungen durchgespielt. Es gibt regelrechte Handbücher für solche Fälle. Ich wusste, dass der Verlauf in den ersten Tagen wie in einem Drehbuch teilweise minutiös durchgeplant ist.

Ist die Übernahmeofferte ein Grund, warum Sie schon wieder in den Beruf eingestiegen sind?
Das hat definitiv meine Rückkehr ins Arbeitsleben beschleunigt. Ich glaube, dass das in dieser für viele Mitarbeiter schwierigen Zeit auch ein wichtiges und positives Signal war. Die Situation war ja wirklich schwierig. Durch den Abgang von Peter Terium und meinen Ausfall waren bei Innogy die beiden Vorstände weg, die die meiste Erfahrung mit solchen Situationen haben.

Sollte die Transaktion abgeschlossen werden, und danach sieht alles aus, würde Innogy schon wieder verschwinden. Sie selbst waren maßgeblich an der Gründung vor zwei Jahren beteiligt. Wie schwer würde Ihnen das persönlich fallen?
Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Emotional fällt es mir schwer. Als wir RWE und Innogy aufgeteilt haben, habe ich mich wie viele andere bewusst für Innogy entschieden. Wenn wir alle gewusst hätten, dass das Theaterstück so weitergespielt wird, wie es sich jetzt abzeichnet, hätten wir das sicherlich nicht so gemacht.

Andererseits sehe ich persönlich durchaus eine unternehmerische Logik, das Netz- und Vertriebsgeschäft von Eon und Innogy zusammenzulegen und auch die erneuerbaren Energien beider Unternehmen zu bündeln. Die neuen Unternehmen hätten schon eine größere Wucht. Wir haben aber hier bei Innogy viel Gutes aufgebaut. Ich hoffe, dass auch möglichst vieles davon in dem neuen Unternehmen aufgehen würde, falls es denn wirklich zur Fusion kommt. Und wenn nicht, sind wir stark genug, um alleine erfolgreich zu sein.

In der Belegschaft ist aber auch eine Wut auf RWE spürbar. Vor zwei Jahren hat der Mutterkonzern Innogy abgespalten und jetzt verkauft er die Tochter an den ewigen Konkurrenten Eon. Können Sie das verstehen?
Diese Wut und Enttäuschung ist bei vielen zu spüren. Die Mitarbeiter haben seit 2016 ein neues Unternehmen mit einer besonderen Vision und einer besonderen Marke aufgebaut, das jetzt schon wieder zerschlagen werden soll. Das Theaterstück begann fröhlich, scheint nun aber kein Happy End zu haben, sondern ähnelt einer Tragödie. Dass man da enttäuscht ist, ist doch verständlich. Zumal der Deal ja ohne Beteiligung von Innogy ausgehandelt wurde. Wir wollen ja gestalten und nicht gestaltet werden.

Wie schwer macht das den möglicherweise anstehenden Integrationsprozess?
Das muss man sehr ernst nehmen. Ich persönlich glaube, dass kulturelle Faktoren für den Erfolg eines Unternehmenszusammenschlusses entscheidend sind. Ich hoffe, dass das Bewusstsein dafür bei allen Akteuren da ist. Vielleicht war dafür der schwierige Start sogar hilfreich.

Und wie gehen Sie persönlich mit den Übernahmeplänen um?
Sollte Innogy in Eon und RWE aufgehen, ist meine Rolle als Innogy-Finanzvorstand ohnehin in absehbarer Zukunft beendet. Beide Firmen haben ja Finanzvorstände. Und ich kenne keinen Dax-Vorstand, der zwei Finanzchefs hat. Deshalb muss ich in der Tat überlegen, wie es weitergeht. Was dann kommt, wird man sehen. Die Zukunft ist offen – spätestens nach der Integration von Eon und Innogy für mich ganz persönlich. Nach dann fast 30 Jahren Berufstätigkeit, davon über 20 bei RWE und Innogy, versuche ich das jetzt als Chance zu sehen.

Herr Günther, vielen Dank für das Interview.

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