Börsenbewertung: US-Aktien sind teurer als europäische Industriewerte – aber auch aussichtsreicher
Der Vorsprung von US-Unternehmen auf Europas Konkurrenz wirkt sich auch an den Börsen aus.
Foto: dpaDüsseldorf. Was absolute Gewinne, Wachstum und die Profitabilität angeht, sind US-Konzerne den Europäern weit enteilt. Dieser Trend verfestigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt. Nach der Finanzkrise 2008/09 brauchten die 500 umsatzstärksten börsennotierten US-Unternehmen nur bis zum Jahr 2011, um ihre alten Rekorde zu übertreffen. Europas Konzerne schafften dies erst 2018.
Dieser qualitative Unterschied spiegelt sich an der Börse wider: US-Aktien sind teurer, das heißt höher bewertet als europäische Titel. Dennoch halten die meisten Analysten mit Blick auf künftige Investments US-Titel für aussichtsreicher. Denn an dem rasanteren Wachstum in Amerika dürfte sich wohl vorerst nichts ändern.
Wer heute auf alle Aktien der 50 größten europäischen Unternehmen, einschließlich Großbritanniens und der Schweiz, setzt, beispielsweise in Form eines ETFs, bezahlt die Konzerne und heruntergerechnet jeden Anteilsschein durchschnittlich mit dem 15-fachen Nettogewinn. Basis dafür sind die erzielten Gewinne in den vergangenen vier Quartalen.
Bei den 40 Aktien im Dax liegt das auf diese Weise berechnete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit 12,6 deutlich niedriger. Grund für den Bewertungsabschlag: Deutsche Unternehmen sind überdurchschnittlich stark vom Wohl und Wehe der unsicheren Weltkonjunktur abhängig. Hinzu kommen die deutlich höheren Strompreise und die stärkere Abhängigkeit vom russischen Gas, was die Produktionskosten künftig erheblich verteuern wird.
Auch die hohen Umsatzanteile in China wirken sich negativ aus: Aktien von Unternehmen mit besonders hoher China-Abhängigkeit stehen seit Monaten besonders unter Druck. Dazu zählen etwa die Autobauer BMW, Mercedes und Volkswagen sowie der Sportartikelhersteller Adidas. In China sinken erstmals seit mehreren Jahrzehnten die Erträge, weil sich dort die Konjunktur angesichts der harten Coronamaßnahmen der kommunistischen Regierung schwach entwickelt.
Amerikanische Unternehmen im Dow Jones sind deutlich höher bewertet als die großen Unternehmen in Deutschland und Gesamt-Europa. Sie kosten durchschnittlich den 17,5-fachen Jahresnettogewinn. Berechnungsgrundlage sind auch hier die tatsächlich erzielten Gewinne in den vergangenen vier Quartalen. Die Unternehmen im weltweit wichtigsten Börsenindex S&P 500 kommen auf ein noch höheres KGV von 19,5. Damit sind US-Aktien aktuell um 55 Prozent höher bewertet als der Dax.
Auf Rekordgewinne folgen neue Rekordgewinne
Anlegerinnen und Anleger bezahlen für US-Aktien also deutlich mehr. Analysten gehen davon aus, dass dies mit Blick auf die Zukunft gerechtfertigt ist. Craig Burelle vom Vermögensverwalter Loomis Sayles prognostiziert, dass die US-Unternehmen ihre Gewinne weiter steigern werden: 2022 im „mittleren bis hohen einstelligen Bereich“ gegenüber dem Vorjahr.
Das würde zwar nicht an das hohe Gewinnwachstum von 2021 gegenüber 2020 heranreichen, zeigt aber, dass die Gewinnmargen im historischen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau bleiben: Auf Rekordgewinne folgen neue Rekordgewinne.
„Beruhigend ist, dass die Gewinnsteigerungen über alle Sektoren hinweg breit gestreut sind“, sagt Marc Decker, stellvertretender Aktienchef bei der Quintet Private Bank, der Muttergesellschaft von Merck Finck. Dies bestätige, dass der US-Markt trotz einer technischen Rezession widerstandsfähig bleibe und sowohl Gewinne als auch Umsätze oberhalb der Erwartungen liefere.
Kommt es so, dann werden die Firmengewinne in den USA weiterhin stärker als in Europa wachsen. Hier drohen schon im laufenden dritten und noch stärker im vierten Quartal Rückgänge: Europa liegt näher am Kriegsgeschehen und ist stärker vom russischen Gas abhängig. „Wir gehen im Blick nach vorn davon aus, dass die Aktien der Euro-Zone im Vergleich zu den US-Aktien zunehmend unter Druck geraten werden“, prognostiziert Decker. Eine Rezession in der Euro-Zone sei inzwischen „sehr wahrscheinlich, und obwohl sie auch in den USA immer wahrscheinlicher wird, ist sie dort noch nicht unser Basisszenario.“