CFO des Monats Guido Kerkhoff – der Dealmaker von Thyssen-Krupp

Der Finanzchef von Thyssen-Krupp hat in den vergangenen Jahren alle wichtigen Deals verhandelt. Jetzt muss er den Konzern vor der Zerschlagung retten.
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Der Finanzvorstand führt Thyssen-Krupp, bis ein neuer Vorstandschef gefunden ist. Quelle: Pressefoto Thyssen-Krupp
Guido Kerkhoff

Der Finanzvorstand führt Thyssen-Krupp, bis ein neuer Vorstandschef gefunden ist.

(Foto: Pressefoto Thyssen-Krupp)

FrankfurtFür Guido Kerkhoff war die Welt vor wenigen Wochen noch in Ordnung. Gut gelaunt flanierte er durch die Bibliothek Solvay. In dem alten Prachtbau im Brüsseler Zentrum hatten die Spitzen von Thyssen-Krupp und Tata Anfang Juli Journalisten und Analysten geladen, um ihre Pläne für ein gemeinsames Stahlgeschäft vorzustellen. Mit der Fusion wollte der Ruhrkonzern sich von seiner Hüttensparte lösen. Stabiler und profitabler sollte Thyssen-Krupp fortan sein.

Kerkhoff, mit kräftiger Statur und blondem Lockenschopf, hatte allen Grund, gut gelaunt zu sein. „Es hat seine Zeit gebraucht, aber wir haben es geschafft“, sagte er. Sein Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte zwar die Pläne für die Stahlfusion entworfen, die Umsetzung überließ er aber Kerkhoff.

Der 50-Jährige ist als Finanzvorstand von Thyssen-Krupp bestens mit dem Zahlenwerk des Unternehmens vertraut; bei ihm lag es daher, die richtige Bewertung für die Sparte zu finden und abzuschätzen, wie viele Schulden Thyssen-Krupp der fusionierten Gesellschaft aufladen kann.

Bei seiner Runde durch die Hallen der Bibliothek ahnte Kerkhoff nicht, dass sich sein Arbeitsfeld bald gründlich ändern würde. Wenige Tage nach der Vertragsunterzeichnung mit Tata trat Hiesinger von seinem Posten zurück. Den Rückzug begründete er indirekt mit der mangelnden Unterstützung durch den größten Aktionär, der Krupp-Stiftung.

Hiesingers Abgang hinterlässt eine große Lücke, die Kerkhoff vorerst füllen soll. Der Aufsichtsrat berief ihn zum Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens mit seinen 160.000 Mitarbeitern. Er soll die Geschäfte so lange führen, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Kenner des Kapitalmarkts

Eine Alternative zu Kerkhoff gab es in den Reihen des Unternehmens nicht. Die beiden anderen Vorstände Oliver Burkhard (Personal) und Donatus Kaufmann (Recht) haben wenig Erfahrung in der Führung des operativen Geschäfts. Kerkhoff musste die Aufgabe übernehmen. Es tat dies auch aus Pflichtgefühl, ist aus dem Konzern zu hören.

Und ganz in der Tradition seines Vorgängers. Für eine vielfach im Finanzmarkt diskutierte Zerschlagung von Thyssen-Krupp (Aufzüge, Anlagenbau, Komponenten) will er nicht bereitstehen. „Kurzfristige Renditemaximierung auf Kosten der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ist nicht unser Ziel“, schrieb er den Mitarbeitern nach dem Antritt.

Auch wenn der Betriebswirt bislang eine Interimslösung an der Konzernspitze ist, die Doppelfunktion – Vorstandsvorsitz und Finanzen – birgt einen wichtigen Vorteil. Er kennt den Kapitalmarkt und seine Akteure. Mit den Vertretern der Finanzinvestoren Cevian und Elliott – die nicht zufrieden sind mit der Entwicklung des Konzerns – und anderen Fonds hat der Betriebswirt mehr als jeder andere Vorstand gesprochen.

Umschwung bei Thyssen-Krupp – So wehrt sich Kerkhoff gegen drohende Zerschlagung

Er weiß, was sie wollen. Und er hat an Selbstvertrauen gewonnen: Blickte er früher auf Veranstaltungen noch ins Publikum, als hätte er kurz zuvor in eine Zitrone gebissen, wirkt er jetzt gelöster und zeigt sich locker. Dass er eine Strategie in ihrem Sinne entwirft, dürfen die Fonds allerdings nicht erwarten. Auch wenn Kerkhoff, nachdem Thyssen-Krupp in der vergangenen Woche eine Gewinnwarnung ausgeben musste, Restrukturierungen vor allem im Anlagenbau angekündigt hat.

Denn Kerkhoff ist loyal, hatte eng mit Ex-Chef Hiesinger zusammengearbeitet. „Die beiden Männer sind das Gespann, das Thyssen-Krupp in den vergangenen Jahren geprägt hat“, berichtet ein Manager aus ihrem Umfeld. Nie musste Hiesinger dabei die Sorge haben, dass ihm der Jüngere den Job streitig machen würde.

Kerkhoff habe natürlich den Ehrgeiz eines Vorstands, aber er kenne seine Grenzen. Eine weitreichende Strategie zu entwerfen entspricht nicht seinem Talent. Er ist ein Praktiker, der die Zahlen bis ins kleinste Detail durchdringt. Diese Fähigkeit half ihm, die Stahlfusion nach zwei Jahren Verhandlungen mit Tata Steel abzuschließen.

Die Strategie von Hiesinger hat er voll und ganz mitgetragen. Für ihn war dabei maßgeblich, dass er um deren Alternativlosigkeit wusste, wie ein hochrangiger Manager sagt. Thyssen-Krupp ist zwar die Verbindung von zwei traditionsreichen Namen der Ruhrindustrie, allerdings ist es ein finanzschwaches Konglomerat. 

Schon bei seinem Wechsel von der Deutschen Telekom zu Thyssen-Krupp im April 2011 wusste Kerkhoff, dass auf ihn harte Arbeit wartete. Beim Bonner Telekomkonzern hatte er nach seiner Arbeit im Finanzbereich im Vorstand die Verantwortung für das Geschäft in Osteuropa, später dann für Europa übernommen.

An der Ruhr erwartete ihn eine handfeste Krise: Der Industriekonzern mit dem klangvollen Namen stand vor dem finanziellen Aus. Milliardenschwere Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Übersee sowie Kartellverstöße belasteten die Bilanz. Das Unternehmen hatte zudem auch im Jahr elf nach der Fusion von Thyssen und Krupp nicht wirklich zusammengefunden.

Vom ersten Tag an musste Kerkhoff gegen diese Krise ankämpfen. Mit einer Eigenkapitalquote von deutlich unter zehn Prozent hatte er wenig Spielraum. Der Neue im Finanzressort musste die Mittel für die von Hiesinger angestoßene Neuausrichtung organisieren – und dafür sorgen, dass der Konzern liquide blieb.

Der Umbau ist auch eine Insolvenzvermeidungsstrategie. Dass sie bis zu jenem 2. Juli in der Brüsseler Bibliothek Solvay aufging, ist auch das Verdienst von Kerkhoff. Mit der Stahlfusion sollte das Unternehmen aus der Defensive kommen.

Mit der Abgabe von Schulden und einem gestärkten Stahlgeschäft sollte Thyssen-Krupp die Krise nach sieben Jahren hinter sich lassen. „Endlich“, wie ein Vorstand in Brüssel sagte. Auch deshalb war Kerkhoff so gelöst in Brüssel. Denn bei aller Kritik von Cevian und Elliott gilt: Thyssen-Krupp steht heute solider da als vor Kerkhoffs Antritt.

Im Dialog mit Kritikern

Der studierte Betriebswirt hat in den Jahren im Vorstand des Essener Unternehmens aber noch mehr gelernt, als sein Lächeln vor den TV-Kameras zu zeigen. Er hat gelernt zu gestalten. Ob er das Verhältnis zum größten Aktionär, der Krupp-Stiftung, wieder verbessert kann, muss sich noch zeigen.

Mit 21 Prozent ist die Stiftung, an deren Spitze Ursula Gather steht, an Thyssen-Krupp beteiligt. Hiesinger hatte seinen Rückzug indirekt mit der mangelhaften Unterstützung durch die Stiftung und Gather begründet. Als Aufsichtsratschef Ulrich Lehner wenige Tage später ebenfalls zurücktrat, wies er explizit darauf hin.

Hiesinger und Lehner hatten kein Vertrauen mehr zu Gather, auch Kerkhoff dürfte dies schwerfallen. Ihm müsste aber an einem funktionierenden Verhältnis zur Stiftung gelegen sein, will er seine Ziele umsetzen. In den kommenden Tagen wird sich nun zeigen, wie es mit Kerkhoff und Thyssen-Krupp weitergeht.

Möglichst bald wollen Krupp-Stiftung, Cevian und Betriebsrat einen neuen Aufsichtsratschef finden. An der Personalie wird sich ablesen lassen, welche Strategie der Konzern einschlagen wird. Die vordringlichste Aufgabe des neuen Chefkontrolleurs wird sein, den künftigen Vorstandsvorsitzenden zu finden. An dessen Kurs wird sich auch entscheiden, ob Kerkhoff Finanzchef bleibt oder ob er geht.

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