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Coronakrise Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern wird für Start-ups zum Problem

Die deutschen Frühphaseninvestoren warnen: Die große Abhängigkeit von Wachstumskapital aus dem Ausland wird in der Coronakrise zur Falle.
30.03.2020 - 18:20 Uhr Kommentieren
Die Gründer haben sich noch Geld sichern können. Quelle: Lilium
Flugtaxibauer Lilium

Die Gründer haben sich noch Geld sichern können.

(Foto: Lilium)

Düsseldorf, Hamburg Die deutschen Start-up-Finanzierer warnen vor einem Engpass, weil sich in der Krise ausländische Investoren zurückziehen. Laut einer Studie, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, war der Anteil ausländischer Geldgeber mit 75 Prozent deutlich höher als in den anderen großen europäischen Ländern. Demnach ist der Anteil vor allem der US-Fonds bis 2019 deutlich gestiegen – insbesondere bei Anschlussfinanzierungen. Das könnte die Start-ups nun anfällig machen.

„Ich habe Fälle gesehen, wo über Nacht mehrere US-Investoren aus Deals rausgegangen sind und sich völlig aus dem deutschen Geschehen zurückgezogen haben. Das hätte ich so nicht erwartet“, sagte Pawel Chudzinski vom Berliner Frühphaseninvestor Point Nine. Noch vor drei Wochen sei das Interesse der US-Investoren an der deutschen Gründerszene auf einem Höhepunkt gewesen, jetzt sei die weitere Entwicklung unklar.

Für die deutschen Geldgeber sind die versiegenden Geldströme ein Problem. Sie geben Start-ups meist direkt nach der Gründung Geld. Die großen Finanzierungsrunden, die das Wachstum nach einigen Jahren absichern, stemmten dagegen zuletzt zum Großteil ausländische Fonds – laut der Studie, die auf Daten von Dealroom.co basiert, vor allem Softbank aus Japan und Temasek aus Singapur. Die beiden Asiaten steckten unter anderem viel Geld in den Reisevermittler GetYourGuide, der von der Krise akut betroffen ist.

Die größten US-Geldgeber waren Insight und Valar, die unter anderem die Online-Bank N26 mitfinanziert haben. 2019 hatte sich der Zustrom ausländischen Kapitals in die Gründerszene auf fünf Milliarden Euro fast verdreifacht.

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    Die deutschen Frühphasen-Finanzierer fürchten nun, dass ihren Portfolio-Unternehmen die Aussicht auf Anschlussfinanzierungen verloren geht. Probleme sehen sie vor allem auf etwas ältere Start-ups zukommen, die bald weiteres Geld brauchen. Sofern Finanzierungsrunden überhaupt stattfinden, dürften sie kleiner werden und die zugrundeliegenden Bewertungen zurückgehen, erwartet Jörg Goschin, Co-Geschäftsführer bei der KfW Capital, dem Wagnisfinanzierer der staatlichen Förderbank KfW – obwohl einige Start-ups in der Krise mehr Geld verbrennen dürften als geplant. 

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    Die Wagniskapitalgeber dürften daher eher nicht in neue Start-ups investieren, sondern ihr Kapital lieber für die Firmen zurückhalten, in die sie bereits investiert haben und die womöglich bald Unterstützung brauchen, erwartet der Investor und ehemalige Strabag-Chef Peter Jungen. Die Fonds vieler Frühphaseninvestoren sind dafür laut der Dealroom-Daten gut gefüllt. Fast alle größeren haben in den vergangenen Monaten Fonds geschlossen, zuletzt noch im Februar Target Global.

    Um den Unterstützungsbedarf ihrer Portfolio-Unternehmen zu ermitteln, gehen die Investoren systematisch vor. Jan Miczaika von Holtzbrinck Ventures etwa hat seine Start-ups in drei Gruppen eingeteilt. In der ersten sind diejenigen 30 bis 40 Prozent der Unternehmen, die akut leiden – wie die Reiseunternehmen Flixbus und Tourlane – und schnell Maßnahmen wie Kurzarbeit und Liquiditätsmaßnahmen umsetzen sollten.

    In der zweiten Gruppe sind etwa Anbieter von Unternehmenssoftware, die sich darauf einstellen müssen, dass weniger Neukunden als gedacht hinzukommen und daher ihre Investitionspläne strecken müssen. Nur zehn Prozent fallen in die dritte Kategorie: Profiteure der Krise wie Telemedizin-Anbieter oder Beschaffungsdienstleister.

    Regierung arbeitet an weiteren Lösungen

    Die Wagniskapital-Fonds begrüßen daher, dass die Bundesregierung den Schutzschirm mit Liquiditätshilfen auf Start-ups ausgeweitet hat, die in einer Investitionsrunde mit mindestens 50 Millionen Euro bewertet worden sind. Allerdings befürchten sie, dass der Zugang etwa zu KfW-Hilfen über die Hausbank für Start-ups, die noch hohe Anlaufverluste schreiben, schwer wird. Hilfen müssten praktikabel sein: „Kurzarbeit ist ein brillantes Mittel. Aber wenn es Wochen oder Monate braucht, bis das Geld an die Unternehmen fließt, kann das für einige zu langwierig sein“, warnte Jan Miczaika von Holtzbrinck Ventures.

    Für den Großteil der Gründer, für die es bisher nur die Standardhilfen wie Mietstundungen und Kurzarbeitergeld gibt, arbeite man bereits an weiteren Lösungen, hat das Bundeswirtschaftsministerium angekündigt. Wie die aussehen sollen, ist noch nicht bekannt. Ideen dafür gibt es viele. Der Start-up-Verband hat eine ganze Liste vorgelegt, die er am Dienstag in einer Pressekonferenz näher erläutern will – von Wachstumskrediten bis zu staatlichem Co-Investment.

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    Die Hoffnung der Wagniskapitalgeber ist, dass Corona dank solcher Hilfen nur zu einer Delle führt, der langfristige Start-up-Boom aber intakt bleiben kann. „An dem langfristigen Trend, dass sich die Wagniskapital-Szene zunehmend globalisiert, wird sich wahrscheinlich nichts ändern“, hofft Chudzinski von Point Nine: „Es gibt soviel Innovation in Europa, eine Krisensituation wird daran nichts ändern. Es gibt so viele gute Start-ups und ein starkes Ökosystem.“

    Davon müssen die Venture-Fonds vor allem ihre eigenen Geldgeber überzeugen. Denn diese müssen das zugesagte Geld auch tatsächlich bereitstellen. Zuletzt hatten gerade die deutschen Frühphaseninvestoren viele Unternehmerfamilien neu für sich gewonnen, die anders als Großinvestoren unsicher mit der Anlageklasse Venture Capital sind. „Die ersten Gespräche mit den Family Offices laufen sehr ermutigend“, sagte Target-Global Partner Yaron Valler. Vielen sei klar, dass die Krise eine Chance sein könnte – auch weil Einstiege zu geringeren Bewertungen möglich sind.

    Optimisten glauben an Reinigungsprozess

    Ausgemacht ist ein gutes Ende noch nicht. „Die Lage ist desolat. Viele Investoren weichen massiv zurück. Bei unseren Mitgliedern, egal welcher Größe, gibt es vielfach unmittelbare existenzbedrohliche Situationen“, warnt Paul Brandenburg, Vorstand des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung, dem Start-up-Verband der Digital-Health-Szene und selbst Gründer.

    Markus Müschenich vom Inkubator Flying Health befürchtet, dass Privatanleger und Unternehmen kaum noch in die Szene investieren: „Risikokapital kann und muss im Zweifel lange auf ein krisensicheres Investment warten. Dieses Verhalten ist aus vorangegangenen Krisen wohlbekannt.“

    Optimisten dagegen glauben an einen Reinigungsprozess. Die Krise könnte einigen Übertreibungen aus der Boom-Zeit den Garaus machen – und beispielsweise solche Gründer von Business-Hochschulen abschrecken, die mit einem eigenen Start-up nur ihren Lebenslauf aufhübschen wollen.

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    „Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn sich der Markt ein bisschen konsolidiert und sich einige Nachzügler – ob bei Gründern oder Investoren – wieder verabschieden“, sagt Target-Partner Valler. Und auch die Geldgeber könnten sich nun auf ihre eigentlichen Aufgaben zurückbesinnen, statt einander mit viel Geld zu überbieten.

    Mehr: So steht es um die Überlebenschancen deutscher Start-ups in der Coronakrise

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