Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Coronakrise Deutschlands Konzerne rüsten sich für eine zweite Infektionswelle

Die Nachfrage stockt, die Wirtschaft fürchtet einen erneuten Corona-Ausbruch. Firmen reagieren mit Kostensenkungen und saugen sich mit Liquidität voll.
26.05.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Ceconomy, Fielmann & Co.: Deutschlands Konzerne rüsten sich für zweite Coronawelle Quelle: Reuters
Media Markt

Der Mutterkonzern Ceconomy bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Bernhard Düttmann, Chef des Elektronikhändlers Ceconomy, ist persönlich sensibilisiert für die Folgen der Corona-Pandemie. Anfang April wurde er selbst positiv auf das Virus getestet. Wohl auch deshalb ist er besonders zurückhaltend, jetzt schon das Ende der Krise auszurufen. „Wir können nicht ausschließen, dass wir noch mal eine zweite Welle der Pandemie mit einer Schließung von Geschäften bekommen“, warnt er.

Auch wenn Düttmann hofft, dass es nicht zu einem erneuten Lockdown kommt: Er bereitet den Konzern mit seinen Ketten Media Markt und Saturn auf alle Szenarien vor. So hat sich der Elektronikhändler eine zusätzliche Kreditlinie in Höhe von 1,7 Milliarden Euro über die staatseigene KfW-Bank gesichert – obwohl er bereits über eine Kreditlinie von fast einer Milliarde Euro verfügt. „Damit haben wir eine ausreichende Reserve für eine mögliche zweite Pandemiewelle“, sagt Düttmann.

Unsicherheit herrscht derzeit in allen deutschen Unternehmen. Sie müssen auf Sicht fahren, horten Liquidität, wo immer es geht, und bereiten sich auf eine länger anhaltende Krise vor – auch für den Fall einer zweiten Welle an Neuinfektionen mit Konsequenzen für ihr Geschäft. Der Optimismus, dass die Firmen die Krise schnell wegstecken können, ist bei den Managern gesunken.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC unter Finanzvorständen börsennotierter deutscher Unternehmen, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Von einem V-Szenario der Konjunkturerholung, also eine schnelle Erholung nach dem Einbruch, gehen darin nur noch wenige Chief Financial Officer aus.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Mittlerweile erwarten 79 Prozent einen Rückgang bei Umsatz und Gewinn in diesem Jahr, rund ein Drittel davon rechnet mit einem Einbruch zwischen zehn und 25 Prozent. PwC hat die Befragung seit Mitte März zum vierten Mal erstellt, daher lässt sich eine Stimmungskurve aus den Ergebnissen zeichnen – und die fällt ab.

    So war Ende März noch die Mehrheit der Befragten davon überzeugt, dass die Rückkehr in einen normalen operativen Geschäftsbetrieb nur ein bis drei Monate dauern wird. Aktuell rechnen die Finanzchefs laut PwC mehrheitlich mit drei bis sechs Monaten fürs business as usual. Sie merken, dass die Nachfrage von Konsumenten und Firmen nur schleppend wieder in Gang kommt.

    Was passiert bei einem erneuten Restart?

    In dieser Situation müsse ein erneuter Lockdown verhindert werden, sagt PwC-Deutschlandchef Ulrich Störk. „Viele Unternehmen würden einen zweiten Restart nicht überleben“, warnt er. Der Weg in die „neue Normalität“ müsse mit Augenmaß gegangen werden. Störck hält die kontrovers diskutierten Corona-Apps für ein geeignetes Mittel. Mit ihrer Hilfe sollen Infektionsketten schnell verfolgt werden. PwC hat eine eigene derartige App entwickelt.

    Ob und wie gut solche Apps funktionieren, ist aber völlig offen. Für die Firmen bleibt derzeit nur eines: Für sie hat Liquiditätssicherung absolute Priorität, denn nur so bleiben sie handlungsfähig. Das Risikomanagement ist in den Vorstandsetagen zur Alltagsarbeit geworden.

    Beim Kölner Spezialchemiekonzern Lanxess etwa bedeutet dies, dass der Vorstand die Frequenz seiner Sitzungen deutlich erhöht hat und die Entwicklungen bei seinen Kunden und entlang der Lieferkette analysiert. Vorstandschef Matthias Zachert rechnet damit, dass die Erschütterungen durch die Coronakrise bis ins kommende Jahr hinein spürbar bleiben. Zachert hat aus der Finanzkrise 2009 – damals war er Finanzvorstand von Lanxess – eine zentrale Erkenntnis mitgenommen: „In solchen Phasen kann man gar nicht genug Liquidität sichern.“ Das Polster an flüssigen Mitteln ist bei den Kölnern auf drei Milliarden Euro gewachsen. „Damit fahren wir die nächsten zwei Jahre durch“, erklärt der Vorstandsvorsitzende.

    Der Triebwerksbauer hat sich eine neue Kreditlinie gesichert. Quelle: dpa
    MTU-Produktion

    Der Triebwerksbauer hat sich eine neue Kreditlinie gesichert.

    (Foto: dpa)

    Viele Unternehmen sichern sich derzeit neue Kredite, um nicht in Schieflage zu geraten, die eine mögliche zweite Infektionswelle bringen könnte. So verhandelt der Flugzeug-Triebwerkzulieferer MTU über die Ausweitungen seiner derzeitigen bei 600 Millionen Euro liegenden Kreditlinie sowie über ein neues Schuldscheindarlehen der Landesbanken LBBW und BayernLB über 100 Millionen Euro. „Wir fühlen uns mit diesen Instrumenten gut gewappnet, um da durchzukommen“, sagt Finanzvorstand Peter Kameritsch.

    An ausreichend frisches Geld kommen die meisten Unternehmen derzeit, sofern ihre wirtschaftlichen Aussichten nicht zu schlecht sind und sie am Finanzmarkt über einen guten Leumund verfügen. Der Dialysekonzern Fresenius Medical Care etwa platzierte vorige Woche problemlos eine neue Anleihe über 1,25 Milliarden Euro. Der von der Krise stark getroffene Autozulieferer Continental verweist auf seine anhaltend guten Bonitätsnoten bei den Ratingagenturen.

    Vergangene Woche nahm das Unternehmen mit zwei Anleihen am Markt 1,5 Milliarden Euro ein. Selbst wenn sich die Krise noch lange hinziehen sollte und möglicherweise eine zweite Welle komme, sieht sich der Konzern in der Lage, noch weitere Mittel am Kapitalmarkt aufzunehmen.

    Der Kreditmarkt ist für viele Unternehmen noch offen

    Andere sind da skeptischer, wie etwa der Düngemittelhersteller K+S, der sich die Option offenhält, einen staatlich gesicherten Kredit der KfW-Bank beantragen zu wollen. Der große Run auf die KfW-Kredite ist aber bislang ausgeblieben. Das liegt zum einen daran, dass die deutschen Firmen – auch im überwiegenden Teil des Mittelstands – über ausreichende Finanzpolster verfügen.

    Zum anderen zeichnet sich noch kein Engpass bei der Refinanzierung über Geschäftsbanken ab. „Wir habe alle Liquiditätsanfragen unserer Bestandskunden positiv beschieden“, sagt Heinz Hilger, Deutschlandchef der britischen Bank Standard Chartered. „Der weit überwiegende Teil der Liquiditätslinien ist jedoch noch nicht gezogen. Da ist noch genügend Puffer vorhanden.“

    Zwischen zwölf und achtzehn Monate – diese Zeitspanne nennen große Unternehmen zumeist, wenn sie gefragt werden, wie lange ihr Finanzpolster hält. Selbst vom Lockdown hart getroffene Firmen wie der Betreiber des Flughafens Frankfurt geben sich zuversichtlich. 150 Millionen Euro verliert Fraport derzeit jeden Monat. Doch mit einer freien Liquidität von zuletzt 2,5 Milliarden Euro komme man weit ins Jahr 2021, unterstreicht das Unternehmen.

    Höhere Liquidität gilt auch in diesen Zeiten vor allem als ein Vertrauenssignal an andere, erläutert Martin Eisenhut, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Kearney. Dass sich die Firmen rein vorsorglich mit frischem Geld versorgen, hält er prinzipiell für sinnvoll.

    Teilweise sei allerdings auch zu beobachten, dass Unternehmen mit an sich nicht funktionierenden Geschäftsmodellen sich billig refinanzieren. „Die Marktbereinigung und die Selbstheilungskräfte des Marktes werden durch das billige Geld aufgeweicht werden“, warnt Eisenhut. Klar ist: Der Neustart der Geschäfte wird eine erhebliche Kapitalbindung verursachen. Die muss finanziert sein – und das, ohne dass bereits wieder größere Umsätze reinkommen. Die Firmen versuchen sich daher nicht nur mit Krediten weitere Luft zu verschaffen: Dividenden werden vielerorts gestrichen oder zumindest gesenkt, wenn man die Investoren nicht ganz verprellen will. Dazu kommen Pläne für radikale Kostensenkungen.

    Der Neustart wird Jobs kosten

    Es zeichnet sich ab, dass es dabei auch einen kräftigen Abbau von Arbeitsplätzen geben wird. In der aktuellen PwC-Umfrage geben 34 Prozent der Finanzchefs börsennotierter Firmen an, zu diesem Mittel greifen zu wollen. Das ist zwar immer noch die Minderheit, aber der Wert steigt in den PwC-Umfragen der vergangene Monate an.

    Deutlich gesunken hingegen ist die Zahl der Firmen, die weiterhin auf Kurzarbeit setzen wollen – laut PwC sind es noch 33 Prozent nach 51 Prozent bei der letzten Umfrage Ende April. Das ist ein Zeichen für den Neustart der Unternehmen – zugleich wächst die Gefahr, dass aus Kurzarbeit ein Personalabbau wird. Denn die Unternehmen müssen über kurz oder lang zwangsläufig ihre Strukturen und Kosten an einen schwächeren Markt anpassen.

    Bei vielen Firmen zeigt sich die Lage so: Geld für den Neustart ist vorhanden – es fehlt bloß an Nachfrage. „Wir haben kein Problem mit der Liquidität, sondern eines, sich an die Situation anzupassen“, sagt Guillaume Faury, Chef des Flugzeugbauers Airbus. „Was wir zum Überleben brauchen, ist eine bestimmte Zahl an Flugzeug-Auslieferungen.“

    Die Unternehmen bereiten sich derzeit auf eine „Krise nach der Krise“ vor, wie Eisenhut es formuliert. Und dabei dreht es sich neben Personalschnitten auch um Investitionen: Das Streichen oder Strecken geplanter Projekte steht für 58 Prozent der von PwC befragten Finanzvorstände weiterhin oben auf der Liste von Schritten, mit denen man der Coronakrise begegnet. So kündigte Continental an, die Investitionen um mindestens 20 Prozent herunterzufahren. Dazu gehören nicht nur Erweiterungen der Produktion, sondern auch Entwicklungsprojekte wie das vollautomatisierte Fahren.

    Dessen Realisierung stehe ohnehin in den Sternen, da die gesamte Automobilbranche ihr Geld in der Krise zusammenhalten muss, sagte Conti-CFO Wolfgang Schäfer, unterstreicht aber: „Wenn man in dieser Zeit das ein oder andere schiebt und die Gelder nicht ausgibt, heißt das nicht, dass man den Markt insgesamt aufgibt oder aussteigt.“ Experten raten dazu, bei den Investitionen und Sparprogrammen genau abzuwägen.

    „Unternehmenslenkerinnen und -lenker müssen zwischen „guten“ und „schlechten“ Kosten unterscheiden“, sagt PwC-Deutschlandchef Störk. „Es gibt gerade in der Krise Investitionen, die auf jeden Fall getätigt werden sollten, weil bestimmte Themen auch in der ,neuen Normalität‘ eine wichtige Rolle für den Erfolg von Unternehmen spielen.“

    Tatsächlich versuchen viele Firmen, an wichtigen Projekten festzuhalten. So hat die Optikerkette Fielmann einen Einstellungsstopp verhängt, Gehaltserhöhungen ausgesetzt und die Werbe- und Beraterbudgets gestutzt. An der Entwicklung einer neuen App aber hält Fielmann fest. Das Programm, mit dem man per Smartphone seine Brille optimieren kann, soll noch dieses Jahr auf den Markt.

    Fielmann scheut auch vor neuen Beteiligungen nicht zurück. Die Firma kündigte vorige Woche an, mit zehn Prozent beim Softwareanbieter Smart Glasses aus Bremen einzusteigen. Kearney-Chef Eisenhut gibt sich überzeugt, dass solvente Unternehmen ihr Finanzpolster auch für externe Verstärkungen ausgeben werden, um sich für die Zeit nach der Krise neu aufzustellen. „Das billige Geld, die niedrige Bewertung und die strukturellen Veränderungen auf den Märkten werden sicherlich zu einer Welle der Fusionen und Übernahmen führen“, sagt er.

    Mitarbeit: Maike Telgheder

    Mehr: Das große Schuldenexperiment – Retten wir uns zu Tode?

    Startseite
    Mehr zu: Coronakrise - Deutschlands Konzerne rüsten sich für eine zweite Infektionswelle
    0 Kommentare zu "Coronakrise: Deutschlands Konzerne rüsten sich für eine zweite Infektionswelle"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%