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Corporate Governance Die Metamorphose der Aufsichtsräte

Die Sozialdemokraten fordern eine Frauenquote in Aufsichtsräten. Doch auch ohne gesetzliche Regelungen wandeln sich Deutschlands Kontrollgremien und Vorstände. Eine Exklusiv-Studie belegt: Immer mehr Unternehmen folgen den Empfehlungen des Corporate Governance Kodex.
  • Katrin Terpitz und Dieter Fockenbrock
SPD-Chef Müntefering möchte die Frauenquote in Aufsichtsräten gesetzlich regeln. Quelle: dpa

SPD-Chef Müntefering möchte die Frauenquote in Aufsichtsräten gesetzlich regeln.

(Foto: dpa)

Die Sozialdemokraten wollen die fast "frauenfreien Zonen" deutscher Aufsichtsräte kräftig aufmischen. Geht es nach den Vorstellungen von Parteichef Franz Müntefering, sollen künftig mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein. "Das muss gesetzlich fixiert werden", betonte er vergangene Woche. Bisher sind Schätzungen zufolge nur knapp zwölf Prozent der Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen Frauen. Die meisten davon wurden von der Arbeitnehmerseite gewählt. Norwegen etwa hat eine solche gesetzliche Quote Anfang 2008 umgesetzt - gegen erhebliche Widerstände. Bei Verstößen droht eine Geldstrafe, schlimmstenfalls die Zwangsauflösung als AG.

"Die Corporate Governance ist in Deutschland auf gutem Wege, weitere gesetzliche Regelungen sind weitestgehend überflüssig", ist dagegen Willi Schoppen, Partner der Personalberatung Spencer Stuart, überzeugt. Denn auch ohne den Druck des Gesetzgebers sei Bewegung in deutsche Aufsichtsräte gekommen.

Zwar sitzen auf vielen Aktionärsbänken der Aufsichtsräte weiterhin ältere Herren unter sich. Doch immerhin 60 Prozent der Dax-30-Konzerne haben heute mindestens einen weiblichen Vertreter der Anteilseigner - eine Verdoppelung gegenüber 2006. Allerdings ist die Frauenquote mit 7,4 Prozent immer noch bescheiden.

Das ist ein Ergebnis des "Board Index 2008", den Spencer Stuart zum dritten Mal in Folge alle zwei Jahre für Deutschland durchführt. Die Studie liegt dem Handelsblatt vorab exklusiv vor. Aufsichtsräte und Vorstände von 53 Dax-Gesellschaften, darunter alle Dax-30-Unternehmen, wurden im Geschäftsjahr 2007 untersucht.

Auch der Ausländeranteil auf den Aktionärsbänken deutscher Aufsichtsräte ist in den vergangenen vier Jahren von 15 auf 19 Prozent gestiegen. Ein Grund für die langsam wachsende Vielfalt: Mehr als zwei Drittel der befragten Firmen nutzen für Besetzungen heute einen Nominierungsausschuss. "Eine schnelle Reaktion auf die erst 2007 eingeführte Empfehlung des Deutschen Corporate Governance Kodexes", meint Schoppen.

Der Steckbrief des typischen deutschen Aktionärsvertreters in Aufsichtsräten sieht wie folgt aus: männlich, deutsch, 60 Jahre alt und sechs Jahre im Amt. Interessant: Die Verweildauer ist im Vergleich zur Vorstudie um ein Jahr gesunken.

Schoppen: "Zahlreiche Aufsichtsgremien haben nach Empfehlung des Kodexes eine Altersgrenze festgelegt, was ein stetes Nachrücken neuer Mitglieder erfordert. Haftungsrechtlich wird der Aufsichtsrat zudem immer stärker in die Pflicht genommen, und das Mandat ist heute viel zeitintensiver als noch vor wenigen Jahren." Marcus Lutter, Professor Emeritus am Zentrum für Europäisches Wirtschaftsrecht (ZEW) in Bonn: "Es ist ausgeschlossen, dass ein Aufsichtsrat seine vielfältigen Aufgaben in vier eintägigen Sitzungen pro Jahr leisten kann."

Die Konsequenz: Die Arbeit als Aufsichtsrat, früher als "Ehrenamt" betrachtet, verlangt eine immer höhere Professionalisierung. Das spiegelt sich auch in der fixen Vergütung wider. Diese hat sich seit 2004 mehr als verdoppelt. Ein Aufsichtsratschef erhält heute im Schnitt ein Fixum von rund 74 000 Euro, ein ordentliches Mitglied rund 29 500 Euro.

Hinzu kommt: Acht von zehn untersuchten Firmen zahlen ihren Aufsichtsräten eine erfolgsorientierte Vergütung, in der Voruntersuchung waren es erst sieben. Fast jeder Dritte setzt auf eine Langfristkomponente, jeder Zweite gewährt nur einen Kurzfrist-Bonus. Dessen Höhe hängt jedoch nur noch bei 34 Prozent der Firmen von der Dividende ab, 2004 waren es noch 87 Prozent. Damit haben die Unternehmen auf Kritik reagiert, da der Aufsichtsrat über die Dividendenausschüttung mitentscheidet.

Die untersuchten Aufsichtsräte haben im Schnitt 16 Mitglieder, Folge der gesetzlichen Vorschriften. Für Schoppen sind das deutlich zu viele: "Schiere Größe garantiert keine effektive Kontrolle. Nach internationalen Maßstäben gelten acht bis zwölf Mitglieder in einem Board als optimal: klein genug für eine effiziente Arbeit - groß genug, um Ausschüsse kompetent zu besetzen."

Die Allianz etwa hat mit der Umwandlung in eine Societas Europaea (SE) 2006 den Aufsichtsrat von 20 auf zwölf Mitglieder verkleinert. Schoppen beobachtet, dass immer mehr AGs über diesen Schritt nachdenken. Ein Gesetz, das die Zahl der Aufsichtsräte reduziert, wie von der Unionsfraktion vorgeschlagen, hält er für überflüssig. Wie im Ausland auch sollten die Firmen selbst über die Größe bestimmen.

Ohnehin folgten immer mehr Unternehmen freiwillig den Empfehlungen des Kodexes. So bilden Ex-Vorstände aus dem eigenen Haus mit einem Anteil von 3,6 Prozent an allen Aufsichtsratsmitgliedern nur eine Minderheit. "Die oft unterstellte Dominanz solcher ehemaliger Vorstände und die daraus abgeleitete mangelnde Unabhängigkeit der Aufsichtsgremien ist nicht zu erkennen", ist Schoppen überzeugt.

Auch amtierende Vorstandschefs übernehmen immer weniger externe Aufsichtsratsmandate, im Schnitt sind es 1,5. Gar kein Mandat haben 41 Prozent (2006: 35 Prozent). Diese Zurückhaltung resultiert aus den stetig steigenden Anforderungen. Personalberater Schoppen: "Es wird immer schwieriger, Board-Positionen mit exzellenten Managern zu besetzen."

Vorstandsposten selbst werden zu zwei Dritteln intern besetzt. Doch längst nicht alle Vorstände - Durchschnittsalter 52 Jahre - erleben das Ende ihrer Vertragslaufzeit. Die Verweildauer wird immer kürzer - ein Indiz für den hohen Druck vom Kapitalmarkt. Schoppen bezweifelt, dass häufiges Heuern und Feuern zu nachhaltiger Leistung führt. "Auch ein hoch leistungsfähiger Manager braucht fünf Jahre und mehr, damit grundlegende Veränderungen angestoßen und wirksam werden können."

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