Corporate Governance Vorstand, Aufsichtsrat und die dritte Kraft

Kodexchef Manfred Gentz lehnt zu viel Einfluss institutioneller Investoren auf Unternehmen ab. Er löst damit eine heftige Debatte aus. Was hat das für Auswirkungen auf die Hauptversammlungskultur?
„Die Hauptversammlung ist seit Jahren in der Krise“, stellt Ulrich Seibert, Ministerialrat im Bundesjustizministerium, fest. Quelle: dpa
Hauptversammlung

„Die Hauptversammlung ist seit Jahren in der Krise“, stellt Ulrich Seibert, Ministerialrat im Bundesjustizministerium, fest.

(Foto: dpa)

BerlinKein Jahr ist es her, dass die Corporate-Governance-Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung Regeln zur guten Unternehmensführung entwirft, für Aufregung sorgte. Im Sommer musste Kommissionschef Manfred Gentz Empfehlungen zum Zeitbudget von Aufsichtsräten gegen heftige Kritik verteidigen. Das gehe zu sehr ins Detail, hieß es.

Nun hat sich Gentz ein noch größeres Thema vorgenommen: den Einfluss von institutionellen Investoren auf Unternehmen. Gentz warnte auf einer Tagung der Fondsgesellschaft Union Invest und der Welt-Gruppe in Berlin davor, Aufsichtsräten und Vorständen „weitere Ratgeber“ ohne Legitimation aufzuzwingen. Das fürchtet der ehemalige Daimler-Finanzchef als eine Folge der geplanten EU-Aktionärsrichtlinie.

Institutionelle Investoren hätten „keine weitergehenden Rechte und Pflichten“ als einfache Aktionäre. Es könne nicht sein, dass Brüssel neben Vorstand und Aufsichtsrat einen „Dritten“ installiere, der auch noch „quasi-öffentliche und Gemeinwohlinteressen“ vertreten soll.

Das sind Deutschlands teuerste Konzernwächter
Ferdinand Piëch
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2014 noch Spitzenreiter, dieses Jahr ausgebootet. Der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch ist 2015 aus dem Rennen. Er bekommt von VW kein Geld mehr. Die Unternehmensberatung Towers Watson veröffentlicht jährlich die Bezüge der Aufsichtsräte der Dax-Konzerne. Außerdem werden Vergütungsschwerpunkte und die Struktur des Aufsichtsrates analysiert.

Platz 30: Wolfgang Büchele
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Die geringste Vergütung erhält der Merck-Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Büchele. 2015 erhält er 97.800 Euro. Angefangen hatte der Chemiker seine Karrierelaufbahn bei BASF, wo er von 1987 bis 2007 angestellt war. 2008 sollte Büchele in den Vorstand von BASF aufrücken. Doch daraus wurde nichts. Eine außereheliche Affäre mit einer BASF-Mitarbeiterin wurde ihm zum Verhängnis.

Platz 10: Simone Bagel-Trah
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Sie ist die einzige weibliche Aufsichtsratsvorsitzende. Simone Bagel-Trah wacht über die Geschicke des Chemieriesens Henkel. Sie ist die Ur-Ur-Enkelin des Henkel-Gründers Fritz Henkel. 2015 überweist der Chemiekonzern 400.000 Euro auf das Konto von Bagel-Trah.

Platz 9: Gerd Krick
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Mit 433.800 Euro liegt Fresenius-Aufsichtsrat Gerd Krick über dem Dax-Schnitt, der bei 350.800 Euro liegt. Insgesamt sind die Bezüge der Aufsichtsräte 2015 um 2,1 Prozent gestiegen. Fresenius gönnt seinem Aufsichtsratsvorsitzenden eine deutliche Bezugssteigerung. Verglichen mit 2014 steigt Kricks Vergütung um satte elf Prozent. Doch bei den 433.800 Euro bleibt es nicht. Krick ist auch bei der Fresenius-Tochter Fresenius Medical Care (FMC) Aufsichtsratsvorsitzender. FMC überweist Krick in diesem Jahr 179.500 Euro. Summiert man die Bezüge, würde Krick im Ranking den vierten Platz belegen.

Platz 8: Wolfgang Bischof
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Der Volkswirt Wolfgang Bischof sitzt seit 2007 im Aufsichtsrat von Daimler. Davor war er von 1995 bis 2003 im Vorstand von DaimlerChrysler Aerospace. Im Vergleich zum Vorjahr stagnieren seine Bezüge für die Ausübung seiner Aufsichtsratstätigkeit bei Daimler. Er kommt auf 446.300 Euro.

Platz 7: Werner Wenning
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Die Aufsichtsratstätigkeit ist eigentlich eine zeitintensive Tätigkeit. Werner Wenning scheint das aber kaum zu stören. Er wacht als Aufsichtsratsvorsitzender über die Tätigkeiten von Eon und Bayer. Nimmt man nur die Bezüge von Eon (454.000 Euro, plus drei Prozent im Vergleich zu 2014) belegt Wenning den siebten Platz im Ranking. Rechnet man aber die Vergütung von Bayer hinzu (372.000 Euro, plus ein Prozent) würde Wenning mit 826.000 Euro im Jahr die Spitze der Rangliste übernehmen.

Platz 6: Manfred Schneider
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Auch der Betriebswirt Manfred Schneider scheint der Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender bei gleich zwei Unternehmen gewachsen zu sein. Schneider wacht über Linde und RWE. Beim Industriegashersteller verdient er 462.000 Euro, der Versorger überweist ihm in diesem Jahr 308.000 Euro. Zusammen ergibt sich damit eine Vergütung von 770.000 Euro, womit Schneider eigentlich den dritten Platz im Ranking belegen würde.

Gentz machte damit deutlich, dass die EU-Richtlinie seiner Ansicht nach das duale deutsche Führungssystem aus Vorstand und Aufsichtsrat ignoriert. Nicht nur das: Nach deutschem Gesetz habe ein Aktionär auch ein „Recht auf Passivität“. Institutionelle Investoren sollten laut EU künftig aber „aktiv mit Unternehmen kommunizieren“. Wer nur die Interessen anderer vertrete, wie Fonds eben, habe keine weiter reichenden Rechte, findet der Kommissionchef.

Die Provokation kommt an. Vertreter institutioneller Investoren fordern genau diese Mitsprache ein. Gerade die „Passivität von Investoren führt oft dazu, dass es Probleme bei den Unternehmen gibt“, sagte Jens Tischendorf, Partner des Finanzinvestors Cevian Capital.

Und für Jens Wilhelm, Vorstand bei Union Invest, würde das „ganze System aus 'Checks and Balances' nicht funktionieren, wenn sich alle passiv verhielten“. Stimmrechtsberater wie ISS treiben den Streit um die Mitsprache sogar noch weiter, weil sie anhand standardisierter Listen ihre Abstimmungsempfehlungen festlegen.

Corporate-Governance-Experten fürchten, dass Unternehmen deswegen ihr Verhalten darauf ausrichten könnten, ohne zu fragen, ob das im Einzelnen Sinn macht.

Union, die Investmentgesellschaft der Volks-und Raiffeisenbanken begnügt sich damit, ihre Rechte als Aktionär auf den Hauptversammlungen und in Einzelgesprächen mit Vorstand und Aufsichtsrat einzufordern.

Niedergang der Hauptversammlungskultur
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