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Creditreform-Daten Trendwende bei den Insolvenzen – Warum die Zahl der Firmenpleiten zunimmt

Ein Jahrzehnt lang gingen die Pleiten in Deutschland zurück. Damit ist wohl bald Schluss. Eine große Insolvenzwelle droht aber nicht – aus zwei Gründen.
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Die schwache Weltkonjunktur wird mehr mehr Unternehmen in Schieflagen bringen. Quelle: Getty Images
Talfahrt

Die schwache Weltkonjunktur wird mehr mehr Unternehmen in Schieflagen bringen.

(Foto: Getty Images)

Düsseldorf Gerry Weber, Loewe und Germania: In diesem Jahr gab es schon drei prominente Insolvenzen. Davor traf es Solarworld, Kettler und die Paracelsus Kliniken mit ihren 5000 Mitarbeitern. Insgesamt mehr als 200.000 Arbeitnehmer waren im vergangenen Jahr von Insolvenzen betroffen, 2019 sind es bereits über 100.000.

Der Grund: Weniger Wachstum schwächt die Konjunktur, drückt die Unternehmensgewinne und vergrößert die Schieflagen. Droht Deutschland eine neue Pleitewelle wie zuletzt 2009?

Die Zutaten dafür sind auf den ersten Blick vorhanden. Im dritten Quartal schrumpfte Deutschlands Wirtschaft um 0,2 Prozent, im Schlussquartal stagnierte sie. Damit schrammte Europas größte Volkswirtschaft nur knapp an einer Rezession vorbei. Auch 2019 läuft schlecht an. Ökonomen sprechen bereits von einer „Industrie-Rezession“ und meinen damit den Abschwung bei den Autobauern, dem Maschinenbau und verarbeitenden Gewerbe.

Die Folgen sind für die Unternehmen schon jetzt drastisch, zumal die gesamte Weltwirtschaft schwächelt, und aus dem einstigen Boomland China deutlich weniger Nachfrage kommt. Im vergangenen Geschäftsjahr sanken bei den 100 größten börsennotierten Unternehmen die Nettogewinne um gut zehn Prozent.

Im Auftaktquartal 2019 beschleunigte sich die Talfahrt: die Vorsteuergewinne fielen um gut 20 Prozent. Besonders betroffen sind neben den Autobauern auch die Chemiehersteller. Ihnen setzen die schwächere Nachfrage und gesunkene Weltmarktpreise besonders stark zu.

Grafik

Nach Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stagniert die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr praktisch – sie sank nur noch minimal um 0,4 Prozent auf 9900. „Der Boden ist erreicht“, urteilt Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform – und warnt: „Die Fast-Stagnation deutet auf eine Trendwende hin.“ Der Experte rechnet schon im laufenden Jahr mit einem Anstieg bei den Firmeninsolvenzen – es wäre der erste seit dem Krisenjahr 2009.

Auf die Trendwende deutet jedenfalls die schwache Konjunktur hin. Auffällig ist, dass es derzeit viele größere Unternehmen trifft. Dies ließ Banken zumindest in der Vergangenheit mit Kreditzusagen vorsichtiger werden. Darunter aber leiden dann in erster Linie die vielen kleineren und mittelgroßen Unternehmen.

So wie im Krisenjahr 2009. Damals rutschten im Anschluss an die Finanzkrise erst reihenweise große deutsche Unternehmen in die Insolvenz, darunter der Modellbahnbauer Märklin, der Wäschehersteller Schiesser, die Modemarke Escada, der Arcandor-Konzern mit Karstadt und Quelle. Anschließend folgten dann aber auch Mittelständler in allen Branchen.

Von solch einer Pleitewelle ist Deutschland noch weit entfernt – und wird es nach Meinung von Experten auch bleiben. Ausnahme wäre ein großer, nicht vorhersehbarer Schock, wie eben vor gut einem Jahrzehnt die Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman.

Sieben Prozent der Betriebe in Deutschland sind aus unserer Sicht akut gefährdet. Michael Bretz ,Creditreform Leiter Wirtschaftsforschung

Sie war der Auslöser dafür, dass mit einem Mal die Weltkonjunktur in eine Schockstarre verfiel, Aufträge ausblieben und bestehende Bestellungen storniert wurden. Aber: Die guten Zeiten mit immer weiter sinkenden Insolvenzahlen, wie in den vergangenen zehn Jahren (siehe Grafik) sind vorbei. Das signalisiert auch ein Blick über die Landesgrenzen hinaus.

Der Kreditversicherer Euler Hermes erwartet, dass die Insolvenzen im laufenden Jahr weltweit um sechs Prozent steigen werden, in Westeuropa um drei Prozent. Haupttreiber ist Großbritannien angesichts der Unsicherheit vor einem unkontrollierten Austritt des Landes aus der Europäischen Union. Auch in Frankreich, Italien und Spanien dürften mehr Unternehmen zum Aufgeben gezwungen sein. „Die fetten Jahre sind vorbei“, urteilt der Chefvolkswirt der Allianz-Tochter, Ludovic Subran.

Während im deutschen Einzelhandel, am Bau und im verarbeitenden Gewerbe die Zahl der Insolvenzen weiter sinkt, steigt sie in der Industrie. Besonders betroffen ist der Maschinenbau: im ersten Halbjahr stiegen die Insolvenzfälle um 14 Prozent. Einer der spektakulärsten Fälle ist Schiess.

Besserung nicht in Sicht

Der angeschlagene Werkzeugmaschinenbauer aus Aschersleben bei Magdeburg entlässt einen Großteil seiner 226 Beschäftigten. Der 1857 gegründete Betrieb fertigte Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen als Werkzeuge für Produzenten, die damit beispielsweise Turbinen und Windkrafträder bauen.

Besserung ist nicht in Sicht. Der Maschinenbau, mit über einer Million Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 200 Milliarden Euro Deutschlands wichtigste Branche, plante ursprünglich für 2019 mit einem Produktionswachstum von zwei Prozent. Aktuell liegt die inzwischen mehrfach herabgesetzte Prognose bei minus zwei Prozent. Einen so steilen Absturz gab es seit der großen Krise in den Jahren 2008 und 2009 nicht mehr.

Dass sich der 2018 begonnene Abschwung bislang nicht in allen Branchen in steigenden Insolvenzen widerspiegelt, überrascht kaum. Zum einen sind Pleiten immer eine nachgelagerte Spätfolge in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Anfangs verfügen die Unternehmen noch über gut gefüllte Auftragsbücher und Kapitalreserven, wenn der Abschwung beginnt. Erst nach finanzieller Schieflage droht im Extremfall das Insolvenzverfahren.

Darüber hinaus haben die Unternehmen in den vergangenen guten Jahren vorgesorgt und ihre Eigenkapitalquote auf rekordhohe 40 Prozent erhöht. Das belegen dem Handelsblatt vorliegende Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Diese basieren auf Auswertungen von Daten aus mehreren Hunderttausend Firmenbilanzen, die insgesamt 50 Prozent der gesamten Unternehmensumsätze in Deutschland abbilden.

Im Januar scheiterte Vorstandschef Johannes Ehling mit seinem Sanierungskonzept. Quelle: dpa
Gerry Weber

Im Januar scheiterte Vorstandschef Johannes Ehling mit seinem Sanierungskonzept.

(Foto: dpa)

Sie haben damit gesamtwirtschaftliche Aussagekraft. Der Trend ist eindeutig: Weil vielen Firmen im Krisenjahr 2009 das Eigenkapital fehlte, waren sie auf Kredite angewiesen – die sie dann nicht bekamen. In solch eine Notlage wollen die Unternehmen, vor allem die vielen kleineren und mittelgroßen Mittelständler nicht noch einmal geraten. Deshalb haben sie in den vergangenen Jahren einen Großteil ihrer Gewinne ins Eigenkapital gesteckt, anstatt es an die Eigner auszuschütten.

Schließlich verhindern die extrem niedrigen Zinsen eine Pleitewelle. Das ist gut für die betroffenen Unternehmen. Angesichts der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, deren Ende nicht in Sicht ist, und rekordniedriger Zinsen für Bankdarlehen und Firmenanleihen schlagen sich die Kredite bei den Gesamtkosten in der Bilanz kaum nieder.

Zinsen für Anleihen und andere Schulden machen nach Berechnungen der DZ Bank gerade einmal 1,4 Prozent der gesamten Unternehmenskosten aus – so wenig wie nie zuvor. Grund dafür sind die drastisch gesunkenen Zinssätze. Kurz vor Beginn der Niedrigzinsphase vor knapp zehn Jahren bezahlten deutsche Firmen im Schnitt noch 5,5 Prozent Zinsen für ihre Darlehen.

Unternehmen haben vorgesorgt

Seitdem ging es kontinuierlich nach unten auf zuletzt knapp über zwei Prozent. Angesichts ständiger Refinanzierungen lang laufender Kredite wird das Niveau künftig noch weiter sinken. Die Folge: Immer mehr verschuldete Unternehmen überleben.

Niedrige Zinsen schützen zwar vor Pleiten, doch sie zögern sie oft nur heraus, weil zwar die Kreditzinsen gezahlt, die hohe Grundschuld aber nicht getilgt werden kann. „Sieben Prozent der Betriebe sind seit mindestens drei Jahren in den roten Zahlen und deshalb aus unserer Sicht akut gefährdet“, warnt Creditreform-Experte Bretz.

Das billige Geld als Folge der Finanzkrise habe es in Europa den „Firmen mit schwacher Profitabilität ermöglicht, ihre Schulden weiter zu refinanzieren und Zahlungsausfälle abzufangen“, warnte bereits unlängst Bank-of-America-Analyst Barnaby Martin. An den Finanzmärkten gelten dauerhaft auf Pump lebende Firmen als Zombie-Unternehmen. Ihr Kennzeichen: geringes Wachstum, wenig Produktivität, fortgesetzt rote Zahlen – weshalb sie immer neue Kredite brauchen.

Nach Definition der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zählen dazu Unternehmen, die mindestens zehn Jahre alt sind und es seit mehr als drei Jahren nicht mehr schaffen, ihre Schulden aus dem Gewinn zu begleichen. Sie schreiben rote Zahlen, ihre Kredite sind ausfallgefährdet, und nach traditionellen Marktgesetzen müssten sie längst pleite sein.

Doch sie überleben mithilfe der niedrigen Zinsen – und halten so kreative Jungunternehmen vom Markt fern. „Es greift deshalb zu kurz“, warnte Jörn Weitzmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht im Deutschen Anwaltsverein, „wenn man sich nur darüber freut, dass die Zahl der Insolvenzen stetig sinkt.“

Eine neue Pleitewelle wie 2009 steht zwar nicht bevor. Das verhindern die Notenbanken mit ihrer Politik des billigen Geldes, aber auch die Unternehmen, die in den vergangenen Aufschwungjahren für die nächste Krise vorgesorgt haben. Aber immer mehr Unternehmen geraten in Schieflage.

Mehr: Anfang des Jahres meldete das Modeunternehmen Gerry Weber Insolvenz an. Ein misslungener Generationswechsel und das Versagen von Kontrollgremien sind nur zwei der Ursachen für den Absturz.

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3 Kommentare zu "Creditreform-Daten: Trendwende bei den Insolvenzen – Warum die Zahl der Firmenpleiten zunimmt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Helmut Merz

    Gute Strategie :-), sofern keine Erben vorhanden sind und kein Unternehmen in der Erbmasse.

    Sobald Unternehmen in der Erbmasse sind wird es mit "Die broke" schwierig. Der Deutsche Staat ist gierig! Europa und "Neubürger" kosten viel Geld und auch China wird auf die Deutsche Entwicklungshilfe nicht verzichten ... Deutschland hat mehr als genug Steuereinnahmen, das Problem sind die teilweise sinnlosen Ausgaben! Deutschland rettet die Welt und die eigenen Rentner gehören in's Armenhaus und im Wohlstandsbericht landet der Deutsche im letzten Drittel. Soviel zum Amtseid: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des DEUTSCHEN VOLKES widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde."

  • @ Michael Müller

    Das Problem mit der Erbschaftssteuer haben die Amis schon mal überhaupt nicht. Dort gilt nämlich: "Die broke!" ;-))
    Wenn KEINE Erben da sind, ist das auch hier bei uns anzuraten, damit der Staat nix bekommt.
    Das Problem ist halt nur, dass man in der Regel nicht weiß, wann einem das letzte Stündlein geschlagen hat . ;-)
    Und jetzt sind wir schon bei einem der tiefsten Beweggründe, weshalb Menschen überhaupt sparen bzw. Kapitalbildung betreiben: weil nämlich die Zukunft UNGEWISS ist...

  • Was die schwächelnde Konjunktur nicht schafft, erledigt die Deutsche Erbschaftsteuer!

    In Deutschland zerstört die Erbschaftsteuer für Ehepartner und Kinder den Deutschen Wohlstandsmotor, den Mittelstand! Diese Steuer vertreibt Unternehmer und wohlhabende Menschen in das nicht neidgetriebene Ausland. Deutschland verliert immer mehr Unternehmen und somit Steuern und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.

    Österreich erkannte den volkswirtschaftlich kontraproduktiven Effekt der Erbschaftsteuer für Ehepartner und Kinder und hat diese 2008 abgeschafft! Seither hat Österreich für Ehepartner und Kinder keine Erbschaftsteuer.

    Auch in Bulgarien, Estland, Griechenland, Irland, Italien, Litauen, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Tschechien, Schweden, Schweiz, Slowakei und Zypern fallen keine nennenswerten Erbschaftssteuern für Ehepartner und Kinder an. Selbst in Russland gibt es für Ehepartner und Kinder keine Erbschaftsteuer!

    Auffallend viele EU-Netto-Zahlungsempfänger berechnen keine Erbschaftsteuer für Ehepartner und Kinder!

    Sehr viele Unternehmen haben auf Grund dieses gewichtigen Nachteils des Wirtschaftsstandorts Deutschland die Konsequenzen gezogen und ihre Firmensitze verlagert. Neben Steuern gehen somit auch sehr viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren!

    Deutschland braucht einen Wandel, weg von der international ungerechten, wettbewerbsverzerrenden, kontraproduktiven und den Mittelstand zerstörenden Erbschaftsteuer!