Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Der Risikoinvestor Dietmar Hopp will mit Curevac „Rennen um besten Impfstoff gewinnen“

Der Mehrheitseigentümer des Biotechunternehmens und SAP-Mitgründer über die Suche nach einem Corona-Impfstoff und Deutschlands fehlenden Wagemut.
04.09.2020 - 03:52 Uhr Kommentieren
„Wir sind sehr zuversichtlich mit Blick auf eine Zulassung.“ Quelle: Thomas Kuhlenbeck
Risiko-Investor Dietmar Hopp

„Wir sind sehr zuversichtlich mit Blick auf eine Zulassung.“

(Foto: Thomas Kuhlenbeck)
  • Im Kampf um den Covid-19-Impfstoff mischt das Tübinger Biotechunternehmen Curevac ganz vorn mit. Mit seinem IPO Mitte August wurde der Konzern kurzzeitig zum Star der New Yorker Börse, in dieser Woche erhielt er Besuch von Tesla-Gründer Elon Musk.
  • „Wir planen auf Erfolg und wollen bis zum Ende des Jahres mehr als 100 Millionen Dosen zur Verfügung haben“, sagt Dietmar Hopp im Interview mit dem Handelsblatt. Der Curevac-Mehrheitseigentümer und SAP-Mitgründer spricht über die bevorstehende Impfstoff-Zulassung, die Zusammenarbeit mit Elon Musk und den fehlenden Wagemut in Deutschland.
  • SAP-Gründer, Investor, Mäzen und Wohltäter: Als Unternehmer ist Dietmar Hopp durchaus vielseitig. Eine außergewöhnliche Laufbahn in vier Stationen.

Es ist das dritte Interview in den vergangenen zehn Jahren, das die Handelsblatt-Redakteure Peter Brors und Siegfried Hofmann mit Dietmar Hopp führen. Alle Gespräche fanden in Hopps Golfklub St. Leon-Rot statt, 15 Kilometer südwestlich von Heidelberg. Stets begegneten die Journalisten einem Mann, den nicht mehr die Aussicht auf Millionen- oder gar Milliardengewinne antrieb, sondern der Wunsch, ein Medikament gegen eine unheilbare Krankheit zu finden.

Dazu investierte Hopp, der nach seinem jahrzehntelangen Schaffen bei SAP zu den reichsten Deutschen zählt, sehr viel Geld in mehr als ein Dutzend Biotechunternehmen – bisher ohne den großen medizinischen Erfolg. Doch das könnte sich nun unmittelbar ändern, gilt seine Tübinger Firma Curevac doch als weltweit mitführend bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Corona.

Zum Gespräch brachte Dietmar Hopp nicht nur viel Optimismus und gute Laune mit, sondern auch seine beiden Dievini-Holding-Geschäftsführer Friedrich von Bohlen und Christof Hettich, die ihn bei der Beantwortung spezifischer Biotech- und Börsenfragen unterstützten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Herr Hopp, wenn alles glattgeht und Ihre Firma Curevac bald einen Corona-Impfstoff präsentieren kann, hätten Sie ein zweites Mal nach der Gründung von SAP veritable Pionierarbeit in Deutschland geleistet. Wie fühlt sich das an?
    Es ist ein gutes Gefühl, dass sich die Geduld ausgezahlt hat.

    Sie mussten lange auf diesen Erfolg warten.
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mich vor rund 15 Jahren auf Empfehlung von Friedrich von Bohlen und Christof Hettich Curevac-Gründer Ingmar Hoerr hier in meinem Büro im Golfklub St. Leon-Rot besucht hat. Er hat mich sofort nachhaltig überzeugt. Und schon am nächsten Tag habe ich ein Investment von 20 Millionen Euro zugesagt.

    Inzwischen haben Sie mehr als 1,4 Milliarden Euro in den Biotechsektor investiert. Etliche Kritiker haben Ihnen immer wieder vorgehalten, dass sich dieses Investment niemals rechnen werde. Empfinden Sie nun auch Genugtuung angesichts eines Curevac-Börsenwerts von neun Milliarden Euro?
    Genugtuung ist das falsche Wort. Ich empfinde Freude, pure Freude, und das nicht etwa, weil sich die Geschäfte rechnen, sondern vor allem, weil wir mit unserer Arbeit den Menschen helfen können.

    Gab es Momente, wo Sie selbst gezweifelt haben? Immerhin hatten Sie vor Corona schon sehr viel Geld investiert, ohne bis heute einen bahnbrechenden therapeutischen Erfolg vorweisen zu können.
    Zweifel, ob es richtig war, in Biotech zu investieren, hatte ich keine – und schon gar nicht im speziellen Fall Curevac. Aber es hat alles viel länger gedauert, als ich anfangs gedacht hatte. Wir brauchten viel Geduld.

    Ist jetzt der Moment gekommen, wo Sie der Welt einen Termin nennen können, wann genau es den von Curevac entwickelten Impfstoff gegen Corona geben wird?
    Das hängt letztlich von den Ergebnissen der klinischen Studien und von den Zulassungsbehörden ab. Die „Phase 1“ werden wir dieses Jahr noch abschließen, die Daten der kombinierten „Phase 2/3“-Studie werden im Laufe des nächsten Jahres vorliegen. Wir sind sehr zuversichtlich: Alle bisherigen Ergebnisse weisen auf gute Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit hin.

    Eine Zulassung könnte also im Frühjahr oder Sommer 2021 kommen?
    Ja, wobei auch nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass der Impfstoff noch in diesem Jahr auf Basis von Interimsdaten zugelassen wird, etwa für bestimmte, besonders gefährdete Berufsgruppen oder Regionen. Das müssen die Behörden entscheiden, wenn die Daten vorliegen.

    Grafik

    Das klingt alles so, als würden Sie fest mit dem Erfolg des Impfstoffs rechnen.
    So ist es. Wir planen auf Erfolg und wollen bis zum Ende des Jahres mehr als 100 Millionen Dosen zur Verfügung haben.

    Bedeutet das, dass Sie bereits auch die exakte Dosierung kennen?
    Nein, wir sind noch dabei, die optimale Dosis in den klinischen Tests zu ermitteln. Aber wir gehen davon aus, dass unser Impfstoff mit einer sehr geringen Dosierung von um die zehn millionstel Gramm (Mikrogramm) auskommt. Der Impfstoff wird später ohnehin in größeren Multidosen-Chargen ausgeliefert werden. Nur so wird eine rasche und breite Verteilung möglich sein.

    Wenn Sie den Impfstoff jetzt bereits in erheblichem Umfang produzieren: Was passiert, wenn er am Ende doch keine Zulassung erhält? Ist das nicht ein enormes unternehmerisches Risiko?
    Wie gesagt, wir sind sehr zuversichtlich mit Blick auf eine Zulassung. Außerdem sind viele Staaten und Organisationen bestrebt, sich Impfstoffe über feste Vorbestellungen zu sichern. Auch wir führen Gespräche mit der EU und auch einzelnen Ländern. Im Rahmen dieser Verträge fließt in der Regel Geld, das auch im Fall des Scheiterns nicht komplett zurückgezahlt werden muss. Das reduziert das unternehmerische Risiko etwas, dafür kann vielen Menschen sofort geholfen werden.

    Ihre beiden Hauptkonkurrenten, die US-Firma Moderna und die Mainzer Biontech, die ebenfalls an mRNA-basierten Impfstoffen arbeiten, testen ihre Produktkandidaten bereits in „Phase 3“-Studien. Hat Curevac im Rennen um den ersten Impfstoff gegen diese Wettbewerber noch eine Chance?
    Wir werden sicher nicht die Ersten sein. Dieses Rennen können wir nicht gewinnen. Aber wir wollen das Rennen um den besten Impfstoff gewinnen, und da haben wir gute Chancen.

    „Es fehlt generell an Wagemut bei den Investoren in diesem Land.“ Quelle: Getty Images
    Dietmar Hopp bei einer Pressekonferenz im Juni

    „Es fehlt generell an Wagemut bei den Investoren in diesem Land.“

    (Foto: Getty Images)

    Was bedeutet in diesem Zusammenhang „bester“ Impfstoff?
    Gute Wirksamkeit und lang anhaltender Impfschutz bei möglichst geringer Dosierung. Das senkt auch die Produktionskosten und damit den Preis.

    Weshalb, glauben Sie, schneidet der Curevac-Impfstoff in dieser Hinsicht besser ab?
    Zum einen arbeiten wir mit sogenannten unmodifizierten Nukleotiden, also natürlichen Bausteinen, während Moderna und Biontech auf chemisch modifizierte Bausteine setzen. Wir haben hier eine starke Patentposition.

    Zum anderen …?
    … hat jeder seine biologischen Geheimrezepte. Da geht es auch um die nichtcodierenden RNA-Abschnitte, also jene RNA-Teile, die keine Baupläne für ein Protein enthalten. Außerdem spielt auch die Verpackung der RNA, also die Umhüllung mit bestimmten Lipiden, eine wichtige Rolle für die Wirksamkeit. Wir glauben, dass wir in Summe ein sehr gutes Gesamtpaket haben.

    Neben den mRNA-Impfstoffen befinden sich zahlreiche weitere Projekte mit anderen Technologien in der Entwicklung. Pharmakonzerne wie Astra-Zeneca, Johnson & Johnson oder Sanofi etwa setzen auf modifizierte Viren oder Proteine. Müssen Sie nicht auch von dieser Seite harte Konkurrenz fürchten?
    Es laufen zahlreiche Projekte auf diesem Gebiet. Aber soweit bisher Daten vorliegen, deutet unserer Einschätzung nach vieles darauf hin, dass die mRNA-Impfstoffe insgesamt die besseren Resultate liefern.

    Wird Curevac den Impfstoff später in eigener Regie vertreiben? Oder suchen Sie einen Partner?
    Eines ist klar: Wir werden keine große Vermarktungsorganisation aufbauen, sondern diese Frage ganz opportunistisch angehen. Wenn der Impfstoff erst einmal zugelassen ist, wird es kein Problem sein, einen Partner mit globalen Vertriebsstrukturen zu finden. Die Telefonnummer von Curevac ist in der Pharmabranche bekannt.

    Wie groß schätzen Sie das Marktpotenzial für Covid-Impfstoffe ein?
    Das ist noch schwierig zu beurteilen. Es kann sein, dass die Immunisierung nicht sehr lange anhält und das Coronavirus zudem mutiert. Voraussichtlich wird man daher einmal im Jahr impfen müssen, unter Umständen sogar zweimal. Zudem werden für jede Impfung zwei Injektionen im Abstand von drei Wochen nötig sein. Rein rechnerisch könnte das allein für Deutschland auf einen Bedarf von bis zu 160 Millionen Dosen pro Jahr hinauslaufen. Ohne dass wir jetzt schon etwas über den Preis sagen können, wird daran deutlich, wie groß das globale Marktvolumen sein könnte.

    Die Telefonnummer von Curevac ist in der Pharmabranche bekannt.

    Wie viele Einheiten wird Curevac liefern können?
    Wir wollen unsere Kapazitäten, teilweise auch mit EU-Geldern finanziert, im Laufe des kommenden Jahres auf etwa eine Milliarde Dosen pro Jahr ausbauen. Mit unserer neuen Anlage, die wir für 2023 planen, dürften wir in der Lage sein, mehrere Milliarden Einheiten zu produzieren.

    Besondere Aufmerksamkeit hat Curevac in dieser Woche auch durch den Besuch von Elon Musk erfahren. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen der Musk-Firma Grohmann und Curevac?
    Die mRNA ist eine neue Produktklasse in der Medizin, mit der so gut wie gegen alle Infektionserkrankungen prophylaktisch geimpft werden kann, mit der gegen die meisten Krebsarten therapeutisch geimpft werden kann und mit der viele andere Krankheiten bekämpft werden können. Eine so breite Produktklasse gab es noch nicht. Curevacs mRNA-Printer, der bei Grohmann gebaut wird, ist eine vollautomatische kleine mobile Produktionseinheit, die weltweit aufgestellt und mit der jede mRNA innerhalb weniger Tage produziert werden kann. Auch das ist gänzlich neu.

    Was wird sich durch die neue Technologie der sogenannten RNA-Minifabriken beziehungsweise RNA-Printer verändern?
    Die Kooperation mit Tesla-Grohmann geht auf eine Idee und Initiative von Curevac zurück. Durch den RNA-Printer könnte die schnelle Produktion von RNA-basierten Arzneimitteln sehr flexibel vor Ort eines Krankheitsgeschehens stattfinden. Lange und logistisch komplexe Produktionsprozesse und Lieferwege können vermieden werden. Unter Verwendung von nur wenigen Mikrogramm mRNA etwa einer Impfstoffdosis könnten je Produktionslauf Zehntausende Dosen Impfstoff vor Ort produziert werden. Mehrere Printer können ähnlich einer Cloud-Lösung für eine schnelle umfangreiche Versorgung direkt vor Ort sorgen. Das ist ideal bei Ausbrüchen wie einer Pandemie.

    Könnte die Zusammenarbeit mit Elon Musk weiter ausgebaut und vertieft werden?
    Vermutlich ja. Jetzt konzentrieren wir uns darauf, die Zulassung für den Printer zu bekommen und ihn dann interessierten Regionen, Organisationen und Kliniken zur Verfügung zu stellen.

    Angesichts des riesigen Bedarfs und der Tatsache, dass Curevac so prominente Partner wie Elon Musk und Investoren wie Sie, Herr Hopp, die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und neuerdings auch die Bundesregierung hat: Warum sind Sie mit dem Börsengang trotzdem in die USA an die Nasdaq gegangen? Wäre nicht auch ein IPO in Deutschland möglich gewesen?
    Wir hätten nie diese Bewertung bekommen. In Deutschland ist das nicht möglich.

    Das deutsche Aktienrecht passt im Grunde nicht zu einem so risikobehafteten und kapitalintensiven Segment wie Biotech.

    Warum nicht?
    Dafür gibt es vielfältige Gründe. Erstens passt das deutsche Aktienrecht im Grunde nicht zu einem so risikobehafteten und kapitalintensiven Segment wie Biotech. Man hat immer relativ langwierige Kapitalbeschaffungsprozesse, unter anderem weil der Ausschluss von Bezugsrechten schwierig und der Rahmen für das genehmigte Kapital begrenzt ist. Das Aktienrecht in den USA, der Schweiz und auch in den Niederlanden ist in dieser Hinsicht viel attraktiver. Deshalb nutzen auch so viele deutsche Biotechfirmen das Modell einer Holding in den Niederlanden, um an den US-Kapitalmarkt zu gehen.

    Woran hapert es noch?
    Es fehlt zweitens an Banken, die sich mit der Branche intensiv beschäftigen. Daher gibt es auch kaum noch Analysten, die das Geschäftsmodell der Biotechfirmen in der Tiefe verstehen. Und nicht zuletzt fehlt es drittens auch generell an Wagemut bei den Investoren in diesem Land.

    Aber zeigen die hohen Bewertungen von Firmen wie Biontech und Curevac nun nicht doch, welches Potenzial Investoren in der Biotechnologie sehen? Wäre vor dem Hintergrund nicht wenigstens ein Zweitlisting in Deutschland interessant?
    Das ist Teil unserer Überlegungen. Aber es wäre eben auch wichtig, dass uns die Börse etwas entgegenkommt und bessere Bedingungen schafft für ein innovatives Zukunftssegment wie die Biotechnologie.

    Nicht nur was den Kapitalmarkt angeht, auch politisch scheinen uns die Amerikaner immer noch weit voraus zu sein. Schließlich war die Regierung Trump noch vor der Bundesregierung an Curevac sehr interessiert.
    Dass die Amerikaner zuerst das Potenzial von Curevac erkannt haben, ist wahrscheinlich nicht richtig. Richtig ist, dass zuerst darüber berichtet wurde. Der heutige Curevac-Vorstandsvorsitzende Franz-Werner Haas und der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Ulrich Nußbaum, kennen sich beruflich schon lange und gut.

    Es kann sein, dass das öffentlich gemachte Interesse der Amerikaner in Berlin vielleicht den letzten Schub ausgelöst hat, sich schließlich auch direkt bei Curevac zu beteiligen. Auf jeden Fall aber hat der Termin bei Trump, über den dann ja breit berichtet wurde, klargemacht, dass moderne Impfstoffe und biotechnologische Innovationen großes politisches Interesse erzeugen.

    Nicht zuletzt fehlt es auch generell an Wagemut bei den Investoren in diesem Land.

    Was war am Ende das entscheidende Argument, mit dem Berlin überzeugt werden konnte, sich direkt als Aktionär zu beteiligen?
    Entscheidend war, dass wir in vielen Dingen letztlich die gleichen Interessen verfolgen. Wie ich ist auch die Bundesregierung selbstverständlich daran interessiert, dass Forschung und Entwicklung in einer Schlüsseltechnologie im Land verbleiben. Und auch der Aufbau von Produktionskapazitäten mit den entsprechenden Arbeitsplätzen ist sicher wirtschaftspolitisch hochinteressant.

    Die Bundesregierung hat 300 Millionen Euro in Curevac investiert und hält nach dem IPO rund 17 Prozent der Anteile. Hat sie in Verbindung mit dem Engagement irgendwelche Forderungen gestellt, etwa, dass der Impfstoff in Deutschland produziert wird?
    Nein, es war von vornherein die Bedingung, dass es keinen Einfluss gibt wie bei der Lufthansa oder der Commerzbank. Wir stimmen überein, dass die wesentlichen Forschungs- und Produktionsaktivitäten in Deutschland bleiben sollen. Die Bundesregierung hat darüber hinaus keine Mitspracherechte, schon gar kein Vetorecht. Berlin entsendet einen Vertreter in den Aufsichtsrat. Das ist alles.

    Angesichts der starken Kursgewinne am ersten Handelstag und der Bewertung von zeitweise neun Milliarden Euro für Curevac: Müssen Sie sich nicht fragen, ob Sie die Aktien für den Bund viel zu günstig ausgegeben haben?
    Das ist schwer zu beantworten. Heute, nach dem Börsengang, ist sicher klar, dass die Bewertung der Firma deutlich höher ausfällt. Aber diese Dynamik kam auch für uns überraschend. Als wir vor einem halben Jahr erste Gespräche mit Investoren führten, war eine solche Bewertung noch nicht absehbar. Insofern haben uns der Einstieg des Bundes und auch die Engagements von Glaxo-Smithkline und Katar als vertrauensbildende Maßnahmen mit Blick auf die Märkte sehr geholfen.

    Auch der Ausgabepreis beim IPO erscheint im Rückblick viel zu bescheiden. Die Preisspanne beim Börsengang repräsentierte einen soliden Aufschlag von etwa 25 Prozent gegenüber der letzten Finanzierungsrunde. Wenn wir eine noch deutlich höhere Bewertung von vier oder fünf Milliarden für die Firma verlangt hätten, wäre der IPO vermutlich gescheitert. Und es ging uns ja auch nicht darum, im IPO auf jeden Fall den höchsten Preis auszureizen.

    Sondern?
    Es ging vor allem auch darum, anerkannte, branchenversierte und möglichst langfristig orientierte Investoren zu gewinnen. Darauf haben wir auch bei der Zuteilung von Aktien im IPO besonders geachtet.

    Wie haben Sie selbst den ersten Handelstag erlebt?
    Voller Spannung. Ich hatte mit Mathias Hothum, unserem weiteren Geschäftsführer, eine Wette abgeschlossen. Er schätzte die erste Notierung auf 21 Dollar, ich war mutiger und tippte auf 25 Dollar. Als es dann mit 44 Dollar losging und der Kurs später auf fast 56 Dollar stieg, konnte ich es kaum glauben.

    Ich kann jetzt erst einmal etwas entspannen, weil nun etwas zurückkommt aus den Investments. Unser Augenmerk liegt nun auf Konsolidierung.

    Dass Sie auch selbst beim Börsengang noch einmal 100 Millionen Euro zusätzlich investiert haben, war entsprechend auch kein schlechtes Geschäft.
    Das kann man sicher so sehen. Aber es ist kein realisierter Gewinn, ich bin vollumfänglich investiert.

    Nach dem erfolgreichen IPO verfügt Curevac nun über rund eine Milliarde Euro an Liquidität. Was heißt das für Ihre weitere Strategie im Biotechsektor?
    Ich kann jetzt erst einmal etwas entspannen, weil nun etwas zurückkommt aus den Investments. Unser Augenmerk liegt nun auf Konsolidierung.

    Was meinen Sie damit?
    Es geht uns darum, dass nicht nur Curevac, sondern alle unsere zehn Biotechengagements gut ans Ziel kommen.

    Sie könnten auch Ihre nun knapp 50-prozentige Beteiligung an Curevac reduzieren und mit dem Erlös neue Investitionen im Biotechsektor angehen?
    Wir könnten mit Blick auf die Haltefristen derzeit gar keine Curevac-Aktien verkaufen und haben dies auch mittelfristig nicht geplant.

    Wie sieht es mit neuen Engagements aus?
    Wenn uns etwas Hochinteressantes über den Weg läuft, würden wir das nicht völlig ausschließen. Aber im Grunde haben wir den Kopf nicht frei für neue Dinge. Primär wollen wir uns vielmehr auf die existierenden Firmen in unserem Portfolio konzentrieren. Curevac ist sicher im Moment der Star. Aber wir haben ja auch mit den anderen Firmen viel vor und zu tun.

    Sind weitere Erfolge wie bei Curevac in Sicht?
    Wir sind zuversichtlich, dass auch die anderen neun Firmen erfolgreich sein können. Vielleicht nicht so erfolgreich wie Curevac, aber erfolgreich.

    Wo sehen Sie aktuell die größten Fortschritte bei den anderen Firmen?
    Mit unserer Beteiligungsfirma Immatics, die an neuen Immuntherapien gegen Krebs arbeitet, haben wir vor Kurzem ja noch einen weiteren Börsengang an der Nasdaq vollzogen, in diesem Fall über eine bereits börsennotierte Zweckgesellschaft. Die Bewertung von Immatics ist zwar nicht so hoch, aber auch das ist im Grunde eine tolle Geschichte mit wichtigen neuartigen Therapien für Krebspatienten.

    Auch in der Produktentwicklung konnten Ihre Firmen jüngst Erfolge vermelden.
    Unsere italienischen Beteiligungsfirmen Cosmo und Cassiopea haben vor wenigen Tagen die Zulassungen für ein neues Diagnostikum zur Darmkrebsvorsorge und eine neuartige Creme gegen Akne erhalten. Millionen von Teenagern werden uns vielleicht einmal dankbar sein, dass ihnen nun erstmals ein Mittel zur Verfügung steht, welches an den Ursachen der Akne ansetzt. Und auch wenn wir nur kleinere Beteiligungen an diesen Firmen halten, sind wir stolz, dass wir mit der Dievini-Holding zu diesen Produkten beitragen konnten.

    Mehr zum Thema:

    Über Ihr Engagement bei Curevac und den anderen Firmen Ihres Biotechportfolios sind Sie jetzt quasi zum zweiten Mal bei der Entwicklung einer ganz neuen Technologie von Anfang an dabei. Welche Parallelen sehen Sie zu den Erfahrungen, die Sie damals in den 1970er-Jahren mit Ihren vier Mitstreitern bei der Gründung von SAP sammelten?
    Zwei Aspekte waren ähnlich wie heute: Wir waren alle fünf fest davon überzeugt, dass das, was wir versuchen wollten, richtig war und irgendwann auch erfolgreich sein würde. Und gleichzeitig war uns das Risiko bewusst, dass es auch schiefgehen könnte. Allerdings war es ein relativ überschaubares Risiko.

    Inwiefern?
    Weil wir zunächst kein Geld investieren mussten, sondern nur unsere Köpfe. Wir kannten als IT-Berater für IBM den Markt alle bestens und wussten genau, was die Kunden brauchten. Wenn es trotzdem mit SAP schiefgegangen wäre, hätte uns IBM sicher auch wieder zurückgenommen, wahrscheinlich sogar mit verbessertem Gehalt.

    Was das Risiko für Sie persönlich anging also kein Vergleich zu Biotech?
    So ist es. Bei Curevac und den anderen Firmen war ein sehr hoher Kapitaleinsatz erforderlich, und wir alle brauchten sehr viel Geduld. Das ging mit SAP doch alles viel schneller. Wir hatten frühzeitig Erfolg, den wir dann über 16 Jahre kontinuierlich weiterentwickelt haben, bis zum Börsengang.

    Die Frage der Finanzierung war also kein Thema damals?
    Schon deshalb nicht, weil keiner der Gründer über Kapital verfügte. Wir haben lange Jahre mit verschiedenen Kunden zusammengearbeitet und durften deren Computer nutzen – gegen Lieferung moderner Software. Die größte Herausforderung bestand eigentlich darin, die eigene Familie davon zu überzeugen, dass es richtig war, bei IBM zu kündigen und diesen Weg zu gehen. Insbesondere meine Schwiegermutter hatte allergrößte Bedenken.
    Herr Hopp, vielen Dank für das Interview.

    Startseite
    Mehr zu: Der Risikoinvestor - Dietmar Hopp will mit Curevac „Rennen um besten Impfstoff gewinnen“
    0 Kommentare zu "Der Risikoinvestor: Dietmar Hopp will mit Curevac „Rennen um besten Impfstoff gewinnen“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%