Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Deutscher Corporate Governance Kodex Rolf Nonnenmacher: „Der Fall Wirecard ist wie ein Brennglas“

Wirecard ist ein Unglück für die deutsche Wirtschaft, meint der Chef der Corporate-Governance-Kommission. Der Kodex für gute Unternehmensführung müsse verschärft werden.
02.07.2020 - 12:22 Uhr Kommentieren
Der Kommissionsvorsitzende des Deutschen Corporate Governance Kodex und ehemalige KPMG-Deutschlandchef sieht die Zeit für schärfere Regeln gekommen. Quelle: ProSiebenSat1.com
Rolf Nonnenmacher

Der Kommissionsvorsitzende des Deutschen Corporate Governance Kodex und ehemalige KPMG-Deutschlandchef sieht die Zeit für schärfere Regeln gekommen.

(Foto: ProSiebenSat1.com)

Düsseldorf Sein Start als Vorsitzender der Regierungskommission „Deutscher Corporate Governance Kodex“ war rumpelig. Seine Reformvorschläge trafen im Jahr 2019 zunächst auf heftigen Widerspruch: zu weitreichend, zu bürokratisch, zu investorenorientiert. Doch der einstige KPMG-Deutschlandchef Rolf Nonnenmacher setzte sich grundlegend durch.

Der Kodex wurde im März dieses Jahres gründlich überholt. Die Kommission wurde zudem personell neu aufgestellt. Auf seinen Vorschlag hin berief Bundesjustizministerin Christine Lambrecht sechs neue Mitglieder, darunter vier Frauen.

Die Wirecard-Affäre lässt den 66-Jährigen nun einen weiteren Vorstoß wagen. „Der Fall Wirecard ist wie ein Brennglas. Die Standards für die Berichterstattung über die Corporate Governance sollten konkretisiert werden. Zudem sollte man darüber nachdenken, dass die Berichte darüber künftig vom Wirtschaftsprüfer geprüft werden müssen. Das wäre ein wesentlicher Beitrag zur Steigerung der Transparenz“, erklärte der langjährige Chef von KPMG Deutschland im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Und weiter sagte er: „Die Prüfungspflicht für Corporate-Governance-Berichte durch den Abschlussprüfer könnte Teil einer Reform sein. Wir brauchen eine auf Transparenz beruhende und wirksame Überwachung der Corporate Governance durch den Markt, aber keine Behördenlösung.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Für Nonnenmacher ist Wirecard damit zwar „ein Unglücksfall für die deutsche Wirtschaft“, aber doch auch „ein Impuls für die Diskussion über Corporate Governance, der genutzt werden sollte“. Denn: „Wirecard wird nicht ohne Grund mit dem Bilanzskandal des amerikanischen Energiekonzerns Enron verglichen. Dieser Vergleich trifft meines Erachtens gut zu.“

    Von der Coronakrise erwartet er keine verschärfte Regulierung, wie sie etwa nach der Finanzkrise für die Geldindustrie stattgefunden hat. Nonnenmacher: „Das erwarte ich nicht. Die Coronakrise ist nicht aus der Wirtschaft heraus entstanden, sondern auf das Virus zurückzuführen. Die Dotcom-Pleite zur Jahrtausendwende und die Finanzkrise acht Jahre später waren dagegen selbst verschuldet.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Nonnenmacher, was sagen Sie zum Fall Wirecard? Gab es ein Totalversagen aller Kontrollinstanzen?
    Das wird so gesagt und auch geschrieben. Mein Punkt ist, dass die interne Überwachung durch den Aufsichtsrat und die externe Überwachung durch den Markt im Fall Wirecard nicht funktioniert haben.

    Sie sind der Herr der guten Regeln in „Corporate Germany“. Hat Ihr Kodex auch nicht gehalten, was er verspricht?
    Dass die Regeln des Deutschen Corporate Governance Kodex eingehalten werden, wird nicht von einer Behörde oder Institution überwacht, sondern vom Kapitalmarkt. Die Unternehmen müssen einen Corporate-Governance-Bericht veröffentlichen und eine Entsprechenserklärung abgeben. Die Investoren und Analysten müssen mit diesen Informationen umgehen. Beides hat im Fall Wirecard nicht funktioniert.

    Was genau hat nicht funktioniert? 
    Wirecard hat einen Bericht zur Corporate Governance abgegeben, der viele Fragen aufgeworfen hat, die aber offenbar nicht verfolgt wurden. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Das Gesetz schreibt vor, dass jeder Aufsichtsrat einen unabhängigen Finanzexperten haben muss. In gut geführten Unternehmen steht im Corporate-Governance-Bericht, wer dieser unabhängige Finanzexperte ist. Er wird mit Namen genannt, und es wird auf seinen beruflichen Hintergrund verwiesen.

    Und was steht im Corporate-Governance-Bericht von Wirecard? 
    Dort steht, dass Wirecard einen unabhängigen Finanzexperten hat. Das wars. Kein Name, kein Hintergrund. Wirecard behauptet, nur zu tun, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Nicht mehr. Das ist keine gute Berichterstattung, die ein Urteil über die Qualität der Governance erlaubt. Dies hätte von Investoren beanstandet werden müssen. Der Corporate-Governance-Bericht von Wirecard ist weitgehend inhaltsleer und provoziert die Frage, ob die Corporate Governance als solche taugt.

    Haben also auch Investoren und Stimmrechtsberater geschlafen?
    Die Formulierung würde ich mir nicht zu eigen machen wollen. Inhaltlich stimme ich Ihnen aber zu. Die Investoren, Stimmrechtsberater und Nachhaltigkeitsanalysten müssen aufrüsten. Sie müssen sich mit mehr Zeit und Kompetenz mit diesen Berichten befassen, um sich auf dieser Basis zu Wort zu melden oder gut begründet aus Unternehmen auszusteigen. Der Fall Wirecard ist wie ein Brennglas.

    Grafik

    Angesichts dieser mangelnden Transparenz und Qualität der Berichterstattung: Hätte ein Unternehmen wie Wirecard überhaupt in den Vorzeige-Börsenindex Dax aufgenommen werden dürfen?
    Für die Zugehörigkeit zum Dax gelten andere Kriterien.

    Welche Konsequenzen sollten wir daraus ziehen? 
    Die Standards für die Berichterstattung über die Corporate Governance sollten konkretisiert werden. Zudem sollte man darüber nachdenken, dass die Berichte darüber künftig vom Wirtschaftsprüfer geprüft werden müssen. Das wäre ein wesentlicher Beitrag zur Steigerung der Transparenz.

    Das müsste dann der Gesetzgeber vorschreiben? 
    Die Prüfungspflicht für Corporate-Governance-Berichte durch den Abschlussprüfer könnte Teil einer Reform sein. Wir brauchen eine auf Transparenz beruhende und wirksame Überwachung der Corporate Governance durch den Markt, aber keine Behördenlösung.

    Da müsste aber der Gesetzgeber noch mal ran und diese Pflicht vorschreiben ...
    Die Prüfungspflicht für die Erklärung zur Unternehmensführung müsste vom Gesetzgeber kommen. Das Inhaltliche liegt bei den Emittenten und Investoren.

    Der Fall Wirecard spielt einmal mehr in der Finanzbranche, die uns in den vergangenen Jahren mit Skandalen schlecht unterhalten hat. Braucht diese Branche eine besonders harte Hand, sprich Regulierung? Einen Extra-Kodex?
    Nein. Die Kodex-Empfehlungen sind völlig branchenunabhängig – gleichermaßen wichtig und kritisch für jede Branche. Der Fall Wirecard ist meines Erachtens zudem nicht finanzindustriespezifisch. Er hätte auch in jeder anderen Branche stattfinden können. Wirecard wird nicht ohne Grund mit dem Bilanzskandal des amerikanischen Energiekonzerns Enron verglichen. Dieser Vergleich trifft meines Erachtens gut zu.

    Der Fall des Zahlungsdienstleisters dient als Lehrstück für Lücken in der Kontrolle der Corporate Governance. Quelle: dpa
    Wirecard

    Der Fall des Zahlungsdienstleisters dient als Lehrstück für Lücken in der Kontrolle der Corporate Governance.

    (Foto: dpa)

    Haben Sie vor, den Kodex kurzfristig erneut anzupassen?
    Der Deutsche Corporate Governance Kodex entspricht dem, was heute national und international verlangt wird. Der Kodex wurde in den vergangenen 15 Jahren zwölf Mal überarbeitet. Die jüngste Reform war grundlegender und sehr umfassend. Wir haben damit ein Niveau erreicht, das für einige Jahre halten sollte. Der Fall Wirecard wirft aber Fragen auf, wie es um die Anwendung dieses Kodex in der Praxis steht.

    Die Zunft der Wirtschaftsprüfer hat sich im Fall Wirecard auch nicht mit Ruhm bekleckert. Auch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung steht in der Kritik. Sie selbst sind erfahrener Wirtschaftsprüfer.
    Ich bin seit sechs Jahren hauptberuflicher Aufsichtsrat und halte mich seither mit Kommentaren über meine alte Branche zurück.

    Wir erleben mit der Coronakrise gerade die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Welchen Einfluss hat diese Krise auf die „gute Unternehmensführung“? Wird es eine verschärfte Regulierung wie nach der Finanzkrise für die Geldindustrie geben?
    Das erwarte ich nicht. Die Coronakrise ist nicht aus der Wirtschaft heraus entstanden, sondern auf das Virus zurückzuführen. Die Dotcom-Pleite zur Jahrtausendwende und die Finanzkrise acht Jahre später waren dagegen selbst verschuldet.

    Die Politik kommt in diesen Krisenzeiten in die Versuchung, sich an Unternehmen zu beteiligen. Lufthansa ist das prominenteste Beispiel. Erwarten Sie künftig verschärfte staatliche Einflussnahme?
    Ich habe die Aussagen der Politik so verstanden, dass sie sich nicht in die Unternehmensführung einmischen wird, sondern Rettungsaktionen stattfinden.

    Wie steht es um die Themen Vielfalt und Klima in deutschen Chefetagen? Sind die noch präsent, oder sind sie durch das akute Corona-Krisenmanagement verdrängt worden?
    Die Coronakrise ist natürlich kein Grund, solche langfristig wichtigen Fragen liegen zu lassen.

    Die Kodex-Kommission hat sich in diesem Jahr personell neu und divers aufgestellt. Ist mit dieser Neubesetzung eine Richtungsänderung verbunden?
    Die Kodex-Kommission hat sich die Frage vorgenommen, wie durch Corporate Governance zur ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung beigetragen werden kann, was auf eine Stakeholder-orientierte Corporate Governance hinausläuft. Der Fall Wirecard hat wieder deutlich gemacht, wie entscheidend gute Corporate Governance für den Schutz der Aktionäre ist. Das darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass auch die Interessen der Arbeitnehmer, der Kunden und der Allgemeinheit zu schützen sind. Diese Diskussion wird im Übrigen auch von großen institutionellen Investoren eingefordert. Und auch die Europäische Kommission befasst sich inzwischen mit Sustainable Corporate Governance.

    Inwiefern bewegt Sie der Fall Clemens Tönnies? Was ist da schiefgelaufen? Gibt es da Regelungsbedarf?
    Ich sehe mich nicht dazu berufen, den Fall Tönnies zu kommentieren. 

    Sie sind seit drei Jahren Vorsitzender der Kommission. Ihr Start war etwas rumpelig. Ihre ersten Vorschläge zur Renovierung des Kodex stießen auf Ablehnung. Hätten Sie da vorsichtiger vorgehen sollen? 
    Lassen Sie es mich so sagen: Als Vorsitzender der Kommission muss ich ein Stück weit auch Provokateur sein. Die Institution der Corporate-Governance-Kommission und der Kodex haben in Deutschland schließlich nicht nur Befürworter. Insofern waren die zum Teil heftigen Reaktionen auf die ersten Vorschläge nicht überraschend. Wir brauchen eine breite Diskussion über diese Themen.

    Waren Sie Ihrer Zeit voraus?
    Wir werden wegen Wirecard nun – da bin ich mir sicher – auf den einen oder anderen Vorschlag, der vor eineinhalb Jahren noch vehement abgelehnt wurde, zurückkommen. Die konkretere Berichterstattung über Corporate Governance haben wir damals schon vorgeschlagen. 

    Der Fall Wirecard ist damit für Sie fast eine Art Glücksfall …
    Nein, das ist ein Unglücksfall für die deutsche Wirtschaft. Aber es ist auch, wenn Sie so wollen, ein Impuls für die Diskussion über Corporate Governance, und diesen sollten wir nutzen.

    Herr Nonnenmacher, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Der Fall Wirecard – Wie Ex-Chef Markus Braun den Konzern in die Insolvenz trieb.

    Startseite
    Mehr zu: Deutscher Corporate Governance Kodex - Rolf Nonnenmacher: „Der Fall Wirecard ist wie ein Brennglas“
    0 Kommentare zu "Deutscher Corporate Governance Kodex: Rolf Nonnenmacher: „Der Fall Wirecard ist wie ein Brennglas“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%