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digitale Transformation
Gesichtserkennung

Die Maschine fertigt eine Schablone von Augen, Mund und Nase, die zur Identifizierung dient.

(Foto: Imago)

Digitale Revolution Gesichtserkennung wird immer häufiger eingesetzt – Datenschützer warnen

Sicherheitsbehörden wie Unternehmen setzen Software zur Gesichtserkennung ein – zur Überwachung und als Produktfunktion. Datenschützer fürchten das Ende der Anonymität.
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Düsseldorf/San FranciscoEinigen Reisenden ist die Skepsis anzumerken. Der Urlaub ist vorbei, das Flugzeug gerade gelandet, nun wollen sie zügig nach Hause. Vorher müssen sie aber durch die Passkontrolle – und die erinnert an einen Agentenfilm aus Hollywood: Die Passagiere sollen ihren Pass erst auf einen Scanner legen und dann geradeaus in eine Kamera blicken. Anschließend leuchtet ein helles Licht auf.

Was bislang menschliche Grenzschützer tun, erledigt immer häufiger eine Maschine: Sie überprüft, wer ins Land reisen will – dafür gleicht sie ab, ob die Person vor der Kamera zum Bild im Ausweis passt. Schon seit Anfang 2014 werden diese „Easy Pass“-Geräte eingesetzt, mittlerweile an sieben Flughäfen. 180 von ihnen sind in Betrieb. Hier, am Düsseldorfer Flughafen, sind es 18.

„Spuren“ nennt sie Polizeidirektor Udo Peltzer. Der weitere Ausbau sei bereits geplant. Kein Wunder: Das von der Bundesdruckerei gemeinsam mit dem IT-Sicherheitsanbieter Secunet entwickelte Verfahren erspart den Grenzbeamten viel Zeit. 90 Prozent der unverdächtigen Passagiere soll die Technologie durchschleusen und den Mitarbeitern so mehr Zeit für andere Aufgaben verschaffen.

Maschinen, die Menschen am Gesicht erkennen, das klingt nach einem Zukunftsszenario – doch die Technologie kommt längst vielerorts zum Einsatz. Denn künstliche Intelligenz wird immer besser darin, biometrische Merkmale zu identifizieren. James T. Shreve von der Anwaltsfirma Buckley Sandler aus Washington hält sie dem Menschen sogar für überlegen. „In vielerlei Hinsicht kratzen wir nur an der Oberfläche dessen, was heute bereits mit Gesichtserkennung möglich ist.“

Die Vorteile der Technologie liegen auf der Hand. Sie identifiziert Menschen schnell und zuverlässig, zumindest wenn die Qualität der Vorlage stimmt. Und das gilt potenziell für immer mehr Bereiche des Lebens: Die Komponenten werden billiger und besser, die Bildsensoren für die Aufnahmen ebenso wie die Kleincomputer zur Datenverarbeitung. Intelligente Kameras dürften zur Massenware werden.

Und so entstehen immer mehr Einsatzszenarien. Das gilt nicht nur für die Sicherheitsbeamten am Flughafen und andere Behörden. Immer mehr Elektronikhersteller vermarkten Gesichtserkennung als Feature. Ein Blick in Apples neues iPhone X genügt, und das Gerät gibt dem Besitzer den Bildschirm frei. Alphabet-Tochter Nest oder das inzwischen zu Amazon gehörige Start-up Ring bieten Sicherheitskameras für den Hausgebrauch an, die die Bewohner erkennen, aber vor Unbekannten warnen können.

Wohlgemerkt: Diese Produkte haben Nutzer freiwillig in der Wohnung oder der Tasche.

Auch die Werbeindustrie zeigt Interesse an Biometrie. Kameras können beispielsweise zählen, wie viele Menschen sich ein Plakat anschauen, zwischen Männern und Frauen unterscheiden und ihr ungefähres Alter schätzen – das gelingt relativ zuverlässig.

Allerdings kritisieren Datenschützer diese Szenarien als Eingriff in die Privatsphäre. Die Supermarktkette Real hat deswegen im vergangenen Jahr einen Test gestoppt.

Eine ähnliche Diskussion dürfte erneut Facebook bevorstehen. Das Online-Netzwerk führte die Gesichtserkennung bereits 2011 ein, schaltete sie jedoch nach Protesten von Datenschützern in Europa 2012 ab. Nun wagt der Konzern den nächsten Anlauf: In den kommenden Wochen wird die Funktion wieder eingeführt. Facebook wirbt einerseits mit Bequemlichkeit – die Erkennung ermöglicht es, Freunde in Fotos und Videos automatisch zu markieren. Andererseits sieht der Konzern einen Gewinn an Sicherheit: Die Funktion schütze beispielsweise vor Daten- und Identitätsdiebstahl.

Sorge um Datenschutz

Facebooks Algorithmus erstellt aus den Bildern, die ein Nutzer in sein Profil hochgeladen hat, eine digitale Schablone. Sie hilft bei der Identifikation: Lädt ein Nutzer ein neues Foto hoch, gleicht die Software es mit der Schablone ab. Dabei analysiert sie unter anderem den Abstand von Augen und Nase, die Kopfform oder auch die Ohren.

Technisch läuft es so: Auf jeder Aufnahme markiert die Software markante Kennzeichen – etwa an den Augen- und Mundwinkeln, an der Nasenspitze, am Kinn, der Pupille, den Leberflecken oder Falten. Die Punkte werden verbunden, wodurch ein einzigartiges Muster entsteht. Stimmt es mit der Schablone überein, kann die Maschine die Person zuordnen.

Das massenhafte Sammeln und Analysieren personenbezogener Daten alarmiert Datenschützer. Ein kalifornischer Richter ließ eine Sammelklage gegen Facebooks Gesichtserkennung zu. Die Kläger werfen dem Konzern vor, die biometrischen Daten von Nutzern ohne deren Zustimmung verwendet zu haben. Bei einer Verurteilung drohen dem Netzwerk Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Der Konzern erklärte die Vorwürfe für haltlos. Niemand müsse das neue Feature nutzen, selbst eine nachträgliche Deaktivierung sei möglich, hieß es aus der Facebook-Zentrale in Menlo Park. Ob seine Mitglieder die neue Funktion zulassen, fragt das Unternehmen seit etwa einer Woche ab. Seit dem Datenskandal um die britische Datenfirma Cambridge Analytica, die sich illegal Zugriff auf die Profile von mindestens 87 Millionen Facebook-Nutzern verschaffte, mehrten sich zuletzt indes Zweifel daran, dass Facebook sensible Daten ausreichend schützt.

Diskriminierende Software

Zudem sei unklar, was über die geschilderte Nutzung hinaus mit den biometrischen Daten der Facebook-Nutzer geschehe, kritisieren Verbraucherschützer. „Auch wenn es aktuell keine Pläne gibt, die Daten mit anderen Unternehmen auszutauschen, kann sich das in Zukunft ändern“, mahnt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. So war es beispielsweise bei WhatsApp nach der Übernahme durch Facebook. Hier hatte das Netzwerk sich über vorherige Versprechen hinweggesetzt und die Daten zusammengeführt.

Ein weiteres Problem benennt Chris Pierson vom amerikanischen Sicherheitsdienstleister Binary Sun. Schon heute lieferten Firmen wie Facebook personalisierte Werbung aus. Der Einsatz von Gesichtserkennung im Anzeigengeschäft könne bestehende Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder ethnischer Herkunft verstärken, warnt er.

Eine Studie der Ökonomen Meghan R. Busse, Ayelet Israeli und Florian Zettelmeyer von der Kellogg School of Management fand schon 2013 heraus, dass eine Autoreparatur-Werkstatt von Frauen höhere Preise als von Männern verlangt. Diskriminierende Algorithmen könnten das Schubladendenken verstärken.

Für Technologiefirmen sollte es nicht nur darum gehen, was sie mit den biometrischen Daten alles tun können, mahnt Rechtsanwalt Shreve von der Kanzlei Buckley Sandler. Er fordert die digitale Wirtschaft zum Umdenken auf. „Die Daten auf ewig zu behalten muss nicht immer die beste Lösung sein“, rät er. Leicht könne die Datensammelei zu einer „Belastung für die Marke“ werden.

Die deutschen Behörden sichern sich ab. Das Programm „Easy Pass“ am Flughafen lösche die Daten des Touristen sofort wieder vom Gerät, verspricht der Düsseldorfer Polizeidirektor Peltzer. Allerdings sei das in andern EU-Ländern anders. Derzeit werde diskutiert, inwieweit auch in Deutschland ab 2020 Daten gespeichert werden sollen. An der Rechtmäßigkeit dürften zumindest Zweifel bestehen.

Die Kontrolle am Flughafen dürfte nur der Anfang sein. Die Bundesregierung testet seit August 2017 am Berliner Bahnhof Südkreuz ein System für Gesichtserkennung. Kameras im Gebäude sollen 300 freiwillige Teilnehmer identifizieren. Das Bundesinnenministerium verspricht sich von dem Projekt einen „unglaublichen Sicherheitsgewinn“. Mit dem System könnten Terroristen, schwere Straftäter oder Gefährder schneller gefunden werden, hofft die Behörde. Mitte Dezember verlängerte sie das Projekt um weitere sechs Monate. Danach solle entschieden werden, unter welchen rechtsstaatlichen Bedingungen die Technik flächendeckend eingesetzt werden könne.

Das Ende der Anonymität?

Für Ulrich Schellenberg, Präsident des Deutschen Anwaltvereins, ist das die falsche Vorgehensweise. „Hier wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht“, sagte er dem Handelsblatt nach dem Start des Tests. „Ich halte nichts davon, zuerst technische Experimente durchzuführen und dann zu schauen, ob das überhaupt rechtens ist.“

Die Speicherung biometrischer Daten geht für den Juristen sogar noch einen Schritt weiter: „Das hat eine andere Qualität. Wir verlieren die Anonymität im öffentlichen Bereich.“ Auch das Argument der erhöhten Sicherheit überzeugt ihn nicht. Statt alle Bürger zu überwachen, sollten die Strafverfolgungsbehörden lieber auf klassische Polizeiarbeit setzen, meint Schellenberg. „Wir brauchen mehr Zielfahnder, die die Spur von Verdächtigen aufnehmen. Wir können nicht warten, bis sie an einer Kamera vorbeikommen.“

Es sei von besonderer Bedeutung, diese Diskussion nun zu führen, betonte Schellenberg. Im Gesetz zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises, das im Juli 2017 geändert wurde, steht festgeschrieben, dass alle Polizeibehörden, aber auch der Zoll und Steuerfahnder auf Fotos „in automatisierten Verfahren“ zugreifen dürfen. Damit können sie auch biometrische Daten nutzen. Damit sei es relativ einfach, Bewegungsprofile von Personen zu erstellen.

Dass Biometrie geeignet ist, um die Bevölkerung zu überwachen, zeigt sich in China: Das Regime nutzt Gesichtserkennungssoftware, um Gesetzesverstöße zu ahnden. Selbst in die kleinen Dinge des Alltags greift die Technologie ein: Öffentliche Toiletten geben eine begrenzte Menge Papier an die Besucher aus – die Identifizierung erfolgt über eine Kamera.

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