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digitale Transformation
Mark Zuckerberg

Der Facebook-Chef will die schwere Krise seines Netzwerks weglächeln.

(Foto: AFP)

Facebook Zuckerbergs Spaßoffensive – Virtual Reality und Dating statt Datenskandal

Mark Zuckerberg präsentiert sein Netzwerk nach dem Datenskandal als harmloses Spaßparadies. Experten zweifeln, dass der Neustart so einfach gelingt.
Update: 02.05.2018 - 10:34 Uhr Kommentieren

San JoseIm Umgang mit schwierigen Situationen besitzt Mark Zuckerberg inzwischen Erfahrung. Routiniert parierte der Facebook-Chef kürzlich die Fragen der Politiker bei der Anhörung in Washington zum Datenskandal um Cambridge Analytica. Zwei Wochen später witzelt er schon darüber: „Stellen wir uns vor, Eurer Freund sagt im Kongress aus“, scherzt der 33-Jährige bei seiner Keynote zur Facebook-Entwicklerkonferenz F8. Ein Beamer projiziert die Szene in den Bühnenhintergrund: Zuckerberg im dunklen Anzug und mit angespannten Gesicht.

Sein Netzwerk biete für derart schwierige Situationen künftig eine Lösung an, wirbt Zuckerberg. Mit der neuen Funktion „Watch Party“ können sich Freunde einfach in den Facebook-Stream zum Live-Event zuschalten, um den Verhörten zu unterstützten. Das Publikum kichert. Doch der Facebook-Chef setzt noch einen Witz drauf. „Lasst uns das nicht wiederholen“, ruft den mehr als 4000 Menschen im Convention Center in San Jose grinsend zu.

Zuckerberg flirtet, scherzt, er will die Krise endgültig hinter sich lassen, den schlimmsten Datenklau weglächeln, die seine Firma je erfasste, nachdem die britische Datenfirma Cambridge Analytica illegal auf die Daten von 87 Millionen Nutzern zugriff. Facebook verlor bis zu 70 Milliarden Dollar Börsenwert, der Aktienkurs rutschte zwischenzeitlich um 18 Prozent in den Keller.

Doch an diesem Dienstagmorgen klingt das bei Zuckerberg geradezu wie eine Jugendsünde. „Das war ein intensives Jahr“. Die vergangenen Monate seien nicht einfach gewesen, lässt er durchblicken. Doch nun wolle er nach vorn schauen. „Lasst uns gemeinsam weitermachen.“

Bei der Entwicklerkonferenz ruft Zuckerberg den Neuanfang aus. Erstmals verspricht Facebook, die eigene Datengier zügeln. Die neue Funktion „Clear History“ zeigt Nutzern künftig an, welche Apps und Webseiten von Drittanbietern auf ihre Informationen zugreifen. Sie können die gehorteten Informationen löschen oder unterbinden, dass Facebook die Daten weiter speichert.

Facebook will demonstrieren, dass es die Bedenken um Datenschutz und Privatsphäre ernst nimmt. In der Skandalserie gewann die Plattform zwar vorerst die Kontrolle zurück. Bei den jüngsten Quartalszahlen vermeldete das Netzwerk steigende Umsätze und Gewinne. Auch die Fans halten der Plattform die Treue. Facebook gewann sogar 70 Millionen neue Mitglieder dazu. Doch ausgestanden ist die Krise für Facebook nicht.

Steve Massocca von der Investmentfirma Wedbush Securities sieht schwere Zeiten auf das Netzwerk zukommen. „Facebook ist ganz klar ein Monopol, es besitzt keinen ernsthaften Konkurrenten“, urteilt der Analyst. „In den USA ist die typische Antwort auf ein Monopol die Zerschlagung.“ Zudem drohten im Heimatmarkt, aber auch in Europa strengere Gesetze und Regulierung, die Facebooks Werbegeschäft „empfindlich schädigen“ könnten.

An diesem Tag setzt Zuckerberg alles daran, um solche Bedenken zu zerstreuen. Er präsentiert ein geradezu harmloses Netzwerk, ein unbekümmertes Spaßparadies, ganz auf Flirt- und Kuschelmodus mit der Welt. Der Konzern stellt eine neue Dating-Funktion vor und kunterbunte Zusatzfunktionen für Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR). Die bereits im Oktober angekündigte Datenbrille Oculus Go kommt ebenfalls in den Handel.

Bei der letzten Entwicklerkonferenz vor gut einem Jahr trat Zuckerberg noch erheblich ehrgeiziger auf. Damals wollte er wollte die Gedanken seiner Nutzer lesen. Über die Bühne schritt Regina Dugan, Ex-Chefin der Forschungsbehörde Darpa, und fabulierte von der kühnen Zukunftsvision des blauen Imperiums. Doch der Anspruch soll Geschichte sein. Seit Datenskandale und Wahlmanipulationen die Schattenseite von Facebooks Weltherrschaftswunsch offenbarten, gibt sich Zuckerberg bescheidener, menschlicher.

Neue Konkurrenz für Tinder

„Wir wollen, dass Facebook ein Ort wird, an dem bedeutsame Beziehungen beginnen“, wirbt Zuckerberg für die neue Partnersuche. Facebook wolle echte langfristige Bindungen fördern, „nicht nur das Abschleppen“. 200 Millionen Facebook-Nutzer gäben als Beziehungsstatus „Single“ an, ihnen müsse geholfen werden, selbstverständlich ganz privat.

Das neue Dating-Profil existiert unabhängig vom üblichen Facebook-Account, Nutzer steuern es über ein kleines Herzsymbol in ihrem Account an. Anders als Kommentare oder „Gefällt mir“-Angaben spielt Facebook alle Aktivitäten der Partnersuche nicht als Statusmeldung im Newsfeed aus, versichert Facebooks Produktchef Chris Cox. Bei ihren virtuellen Dates kommunizierten die Nutzer in einem extra Text-Fenster, aus Sicherheitsgründen ohne Fotos.

Date mit Zuckerberg? Facebook entwickelt nun eine Dating-App

Facebook hat die digitale Kuppelei nicht erfunden. Doch anders als kleiner Konkurrenten wie Tinder, dem bisherigen Dating-Marktführer, der auf eine Bewertung von drei Milliarden Dollar kommt, verfügt Facebook über ungleich größere Marktmacht. Es rollt die Funktion schlagartig für 2,2 Milliarden Menschen weltweit aus. Der Markt reagierte umgehend. Die Aktie von Tinder-Eigentümer Match Group verlor am Dienstag bis zu 22 Prozent.

Wie beim ersten Date zeigt sich Facebook auch den Entwicklern bei der der F8 von seiner besten Seite. Nach Cambridge Analytica schränkte es den Zugriff von Drittanbietern auf seine Plattform stark ein. Nun will Facebook die Entscheidung überprüfen. „Cambridge Analytica war ein riesiger Vertrauensverlust, wir müssen sicherstellen, dass dies nicht wieder geschieht“, sagt Zuckerberg an. Er sei sich sicher, dass die meisten Entwickler gute Motive umtreibe, schmeichelt er.

Auch die übrigen Facebook-Manager verteilen Komplimente. „Wir sind dankbar für Eurer Verständnis“, betont Messenger-Chef David Marcus. „Ich denke nicht, dass ihr schon genug ‚Danke‘ genug gehört habt“, sagt Ime Archibong, bei Facebook verantwortlich für die Produktpartnerschaften. “Danke, danke danke.”

Einen Höhepunkt erreicht der Kitsch, als ein kleines Hündchen auf die Bühne rollt und treuherzig in die Runde blickt. Der Spitz namens Jiffpom ist ein Instagram-Star und besitzt 8,6 Millionen Follower. Auf der Bühne verteilt er virtuelle 3D-Herzchen.

Das Tier ist ein Maskottchen für die neuen, putzigen AR-Inhalte, die Facebook über all seine Produkte stülpt. Die Facebook-Welt soll bunter werden, die schnöde Realität überblendet mit virtuellen Realitäten, einer schöneren Welt. Und wie sich die digitale Zusatzinhalte geradezu magisch ins Sichtfeld des Nutzers schieben, könnten sie auch Facebooks unschöne Historie überzuckern, hofft Zuckerberg offenbar.

Noch intensivere Nutzer-Erlebnisse

In Facebooks „AR Studio“ können Entwickler künftig interaktive 3-D-Filter für Bilderdienst Instagram programmieren, darunter Gesichtsfilter und Effekte. Auch in den Messenger baut Facebook die digitalen Zusatzinhalte ein. Die Kommunikation wird verspielter. Das Design bestimmen Tassen mit Regenbogenzungen, grüne Dinosaurier oder Schleim-Effekte in Neon.

Dahinter steckt durchaus finanzielles Interesse. „Augmented Reality soll Nutzer länger im Netzwerk halten“, analysiert der Forrester-Analyst Thomas Husson. Je mehr Zeit sie dort verbringen, desto besser für Facebooks Werbegeschäft.

Im Chat-Fenster hebt sich etwa ein dreidimensionaler roter Sneaker von Sporthersteller Nike von einem Podest in die Lüfte. Das Produkt kann der Kunde direkt im Messenger kaufen. Der Kosmetik-Hersteller Sephora verschönert virtuell Foto-Lippen mit roter Farbe. „Die Nutzer fühlen wie ein VIP, wenn die Brands solche Erfahrungen für sie schaffen“, wirbt Loredana Crisan, Designerin bei Messenger.

Ein noch intensiveres Nutzer-Erlebnis verspricht Facebook für Oculus Go, der ersten Datenbrille, die unabhängig von einem Computer oder dem Smartphone funktioniert. Das Headset verkauft die Firma nun für 199 Dollar oder 219 Euro. Mehr als 1000 Apps, Spiele und Erfahrungen sollen ab sofort im Oculus Store verfügbar sein, kündigt die Firma an.

Das mit dem chinesischen Elektronikkonzern Xiaomi und Qualcomm entwickelte Gerät verfüge über eine 42 Prozent höhere Auflösung als Vorgängermodell Oculus Rift, wirbt Oculus-Manager Madhu Muthukumar. Ein ins Headset integriertes Soundsystem liefert 360-Grad-Sound aus, weitere Kopfhörer sind nicht nötig.

Die neue kostengünstigere Brille soll die Eintrittsbarriere in die virtuellen Welten senken. Doch bei einem ersten Test sitzt sie nach wie vor wie ein seltsamer Klotz im Gesicht. Nach Meinung von Analysten ist die Technologie noch weit vom Massenmarkt entfernt. „VR steht immer ganz noch am Anfang“, urteilt Ramon Llamas vom Marktforscher IDC. Die Technologie stehe dem sozialen Gemeinschaftsgefühl entgegen, das Facebook auf seiner Plattform angeblich erzeugen wolle. „VR kann eine sehr isolierende Erfahrung sein“, warnt er.

Wird Zuckerberg halten, was es verspricht? Facebooks ehemaliger Privatsphäre- und Policy-Berater Dipayan Ghosh vom US-Thinktank New America hat da seine Zweifel. Er fordert einen neuen Code für Software-Entwickler. Facebook und andere Vertreter der digitalen Industrie müssten ihren Designern „einen Sinn für Ethik“ einträufeln. Nur wenn jeder Entwickler und Technologie verpflichtet würde, ein ethisches Training im Hinblick auf das Sammeln und Nutzen persönlicher Daten abzulegen, „werden wir erleben, dass sich unsere derzeitige Überwachungskultur verändert“.

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