digitale Transformation
Digitale Hilfsmittel im Gesundheitswesen

In anderen Ländern können bereits Patientendaten in elektronischen Akten abgerufen oder Medikamente verschrieben werden.

(Foto: Stone/Getty Images)

Gesundheitswesen Deutschland könnte mit digitaler Medizin Milliarden sparen

Neue Technologien versprechen nicht nur eine bessere und effizientere Gesundheitsversorgung. Eine Studie sieht ein enormes Sparpotenzial.
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Berlin, FrankfurtAls Apple-Manager Jeff Williams mit dem neuesten Modell der Apple Watch am Handgelenk in der kalifornischen Firmenzentrale auf die Bühne tritt, liegt ihm eine Funktion besonders am Herzen. Buchstäblich. Mit der Smartwatch können Nutzer ein Elektrokardiogramm (EKG) erstellen, ein Sensor soll Herzrhythmusprobleme erkennen.

Die digitale Uhr sei nun auch „eine intelligente Hüterin der Gesundheit“, verkündet Williams bei der Produktvorstellung Mitte September. Von der US-Arzneimittelbehörde hat Apple bereits die Erlaubnis für die Anwendung erhalten.

In Deutschland will der Tech-Konzern die Funktion erst später anbieten. Ohnehin dauert alles ein bisschen länger bei der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen.

Während in anderen europäischen Ländern schon seit einiger Zeit Patientendaten in elektronischen Akten abrufbar sind und Ärzte Medikamente per E-Rezept verschreiben, steckt die Bundesrepublik beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur noch in der Anfangsphase. Start-ups tüfteln zwar an innovativen Produkten im Bereich Digital Health, haben aber Schwierigkeiten, im regulierten deutschen Gesundheitsmarkt ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Dabei sind die Hoffnungen, die mit der digitalen Medizin verbunden werden, groß. Die Vernetzung von Gesundheitsdaten kann Fehlmedikationen und Doppeluntersuchungen vermeiden. Algorithmen sollen für präzisere Diagnosen sorgen, Apps die Patienten dazu bewegen, Therapien gewissenhafter zu befolgen. Und in einer alternden Gesellschaft wie in der Bundesrepublik, die sich auf wachsende Gesundheitsausgaben einstellen muss, können digitale Lösungen die Kosten spürbar dämpfen.

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Die Unternehmensberatung McKinsey hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Managed Care (BMC) eine Digitalisierungsdividende für das deutsche Gesundheitswesen errechnet. Bis zu 34 Milliarden Euro hätten in diesem Jahr eingespart werden können, wenn die Gesundheitswirtschaft konsequent digitale Technologien anwenden würde – das entspricht gut einem Zehntel der jährlichen Gesamtausgaben im System.

Die Summe spiegelt mögliche Ersparungen durch den papierlosen Austausch von Patientendaten, eine bessere Steuerung der Patientenströme oder Online-Versandapotheken wider. Zugleich können durch eine reduzierte Nachfrage Kosten gesenkt werden: Patienten, die via Fernbehandlung betreut werden oder sich per App selbst versorgen, werden seltener zum teuren stationären Behandlungsfall.

Ärzte und Krankenhäuser profitieren

In der Analyse, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, hat McKinsey für den deutschen Markt das Potenzial von 26 derzeit verfügbaren digitalen Gesundheitstechnologien beziffert. „Wir räumen mit zwei großen Mythen zur Digitalisierung im Gesundheitsbereich auf“, sagt Studienautor Stefan Biesdorf.

„Die Annahme war lange, dass Leistungserbringer wie Ärzte und Krankenhäuser keinen Nutzen daraus ziehen könnten, sondern die Digitalisierungsdividende vor allem bei den Krankenkassen landet. Unsere Studie zeigt aber, dass die Effizienzgewinne zum größten Teil bei den Leistungserbringern anfallen.“ Für Biesdorf entkräftet diese Erkenntnis das Argument der Ärzteschaft, dass für sie durch digitale Technologien nur zusätzliche Arbeit anfalle, die es extra zu vergüten gelte.

Der zweite Mythos betrifft die Vorstellung, dass die größten Einsparungen möglich sind, indem sich Patienten zunehmend selbst behandeln können, etwa mithilfe von Apps. „Hier fällt das ökonomische Potenzial aber deutlich geringer aus als gedacht“, sagt Biesdorf. Dennoch ließen sich der Studie zufolge immerhin rund vier Milliarden Euro durch digitale Diagnosetools oder Apps zur Behandlung chronischer Krankheiten einsparen.

Eine dieser Apps ist MySugr. Gründer Frank Westermann hat selbst erfahren, welche Vorteile die kontinuierliche Begleitung einer chronischen Erkrankung hat. Der Betriebswirt hatte schon länger das Gefühl, dass er seinen Diabetes besser managen würde, wenn er sich dazu motivieren könnte, die Therapiedaten aufzuschreiben. Zusammen mit Frederik Debong, ebenfalls Diabetiker, und zwei weiteren Gründern wurde MySugr gestartet – eine Smartphone-Anwendung, die spielerisch den Alltag mit Diabetes erleichtern sollte.

„Diabetes ist eine datengetriebene Krankheit“, sagt Westermann. Er müsse ständig mit Blutzuckerwerten, Insulin- und Kohlenhydratmengen umgehen. Die App kann mit Blutzuckermessgeräten verschiedener Hersteller kombiniert werden, sodass die Daten automatisch ausgewertet werden. Die Nutzer werden erinnert, wenn sie Insulin messen und spritzen müssen. Heute hat MySugr mehr als 100 Mitarbeiter und 1,4 Millionen Nutzer, die Hälfte davon lebt in den USA.

Seit vergangenem Jahr gehört das Unternehmen zum Schweizer Roche-Konzern, tritt aber weiter als eigenständige Firma auf. Gerade hat MySugr in seinem zweitwichtigsten Markt Deutschland mit der sechsten Krankenkasse einen Vertrag geschlossen, der Barmer.

Langwierige Verfahren der Kassen

Kooperationen zwischen Kassen und Start-ups sind keine Seltenheit. Der Weg in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit ihren mehr als 70 Millionen Versicherten führt aber über ein langwieriges Verfahren. „Wir brauchen lebensfähige Geschäftsmodelle für Start-ups im Bereich E-Health.

Dazu gehört auch, digitalen Lösungen einen schnellen Weg in die Erstattung durch die GKV zu ebnen“, sagt Volker Amelung, Professor für Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover. Eine Möglichkeit wäre, stärker auf Pay-for-Performance-Modelle zu setzen, bei denen sich die Vergütung nach dem medizinischen Erfolg richtet.

Handlungsbedarf sieht auch Gesundheitsminister Jens Spahn. Als der CDU-Politiker im März sein Amt antrat, erklärte er die Digitalisierung des Gesundheitssystems zur Priorität. Ein Bereich, in dem bisher viel schiefgelaufen ist. Die zerstrittene Selbstverwaltung aus Kassen, Ärzteschaft und Krankenhäusern vertrödelte Jahre beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur für den Austausch von Patientendaten. „Im europäischen Vergleich ist Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen abgehängt“, sagt Amelung.

Der Professor hat an einem Forschungsprojekt mitgearbeitet, das den Fortschritt bei der Einführung von elektronischen Patientenakten in 20 europäischen Ländern misst. Die Studie im Auftrag der Stiftung Münch untersucht die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Vernetzung von Patientendaten sowie die tatsächliche Umsetzung der Pläne und die Nutzung durch Patienten und Ärzte. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder. Die Bundesrepublik dümpelt im unteren Mittelfeld.

Den E-Akten kommt eine Schlüsselrolle zu. In der McKinsey-Studie wird das Einsparpotenzial durch die Umstellung auf papierlose Daten mit neun Milliarden Euro beziffert. Außerdem sei der Austausch von Gesundheitsdaten „eine wesentliche Grundlage für das Vorankommen bei anderen digitalen Gesundheitsservices“, sagt Biesdorf.

Immerhin ist Bewegung erkennbar: Minister Spahn will die Krankenkassen verpflichten, den Versicherten bis spätestens 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen. Mehrere Kassen sind bereits mit Smartphone-Anwendungen vorgeprescht, in denen Arztbriefe, Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert werden können.

Auch in der Ärzteschaft, die dem digitalen Wandel lange mit Argwohn begegnete, findet ein Umdenken statt. „Das Potenzial von digitalen Technologien wird gesehen, etwa bei Apps, die bei der Diagnose helfen oder die Therapietreue von Patienten verbessern können“, sagt Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die Vorteile lägen aber vor allem in einer besseren Qualität der ärztlichen Versorgung. „Ob es Milliardeneinsparungen geben wird – ich bin da skeptisch.“

Im Mai stellte der Ärztetag die Weichen für das Ende des Fernbehandlungsverbot. Ärzte sollen künftig per Telefon oder Videochat eine Diagnose stellen dürfen – ohne persönlichen Kontakt. „Das ist ein richtiger Game-Changer. Deutschland wird ganz anders dastehen bei der ärztlichen Versorgung“, sagt Katharina Jünger, Gründerin der TeleClinic, die im Rahmen eines Modellprojekts in Baden-Württemberg bereits Telemedizin anbietet. Das Nutzenpotenzial der Teleberatung schätzen die McKinsey-Berater auf 4,4 Milliarden Euro.

Die Patienten stehen der Digitalisierung im Gesundheitswesen laut einer Studie im Auftrag der KBV offen gegenüber, möchten aber auf den persönlichen Kontakt mit dem Arzt nicht verzichten.

Zudem werfen sie einen kritischen Blick auf die Sicherheit von personenbezogenen Daten. Carla Kriwet, Vorständin beim Gesundheitskonzern Philips, hat bei Datenschutzängsten allerdings eine differenzierte Erfahrung gemacht. „Grundsätzlich beobachten wir, dass die Frage nach der Datensicherheit vor allem von gesunden Menschen gestellt wird“, sagt die Managerin. „In dem Moment, in dem Menschen beispielsweise an Krebs erkranken, wollen sie nur noch gesund werden.“

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1 Kommentar zu "Gesundheitswesen: Deutschland könnte mit digitaler Medizin Milliarden sparen"

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  • Vielen Dank für diesen Aufschlag.

    Ein kleiner aber bedeutender Einwand meinerseits. Sie schreiben "Minister Spahn will die Krankenkassen verpflichten, den Versicherten bis spätestens 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen."

    Das ist in der Sache so nicht richtig. Krankenkassen (GKV/PKV) arbeiten derzeit an eigenen Gesundheitsakten, die nach §68 SGB V finanzierbar sind und nichts mit der elektronischen Patientenakte gemein haben. Der Bundesgesundheitsminister will die Krankenkassen verpflichten, über die Chancen der ePA aufzuklären. Mehr nicht. Dafür müsste es diese Akte zunächst einmal geben und sie müsste eine ähnliche Funktionalität bieten wie die gerade gestartete Gesundheitsakte Vivy Health.

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