digitale Transformation

Medikura Dieses Start-up will das Melden von Nebenwirkungen einfacher machen

In der EU sterben pro Jahr mehr als 200.000 Menschen an Nebenwirkungen von Medikamenten. Eine neue Plattform will mehr Information bieten.
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Von links: Friderike Bruchmann, Philipp Naegelein, TobiasNendel und Patrick Proppe. Quelle: PR
Das Team von Nebenwirkungen.eu

Von links: Friderike Bruchmann, Philipp Naegelein, TobiasNendel und Patrick Proppe.

(Foto: PR)

FrankfurtOft sind es persönliche Erlebnisse, die Gründer bewegen, mit einem Start-up die Lösung für ein Problem zu bieten. Bei Friderike Bruchmann waren es die schweren Nebenwirkungen eines Antibiotikums, die die Initialzündung gaben, mit der Online-Plattform Nebenwirkungen.de an den Start zu gehen.

Die promovierte Betriebswirtschaftlerin erkrankte während ihrer Doktorarbeit und bekam vom Arzt ein Antibiotikum verschrieben. In der Folge litt die 27-Jährige unter anderem unter einem Gesichtsfeldausfall und konnte zeitweise auf dem rechten Auge nicht mehr sehen. Auf dem Beipackzettel fand sie keine Informationen, dass derart starke Nebenwirkungen bekannt seien, aber den Hinweis, diese beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) melden zu können.

„Doch den Meldeprozess beim Bfarm empfand ich als sehr kompliziert und langwierig“, sagt Bruchmann. Weil sie auch sonst kein zufriedenstellendes Angebot für das Thema im Internet fand, entschied sie sich, selbst eine Anlaufstelle zu schaffen, damit Nebenwirkungen einfacher gemeldet werden können.

Unterstützung für ihre Idee bekam sie im Münchner Center for Digital Technology und Management, ein Forschungs- und Lehrinstitut von der Technischen Universität und der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Dort fand sie auch ihre Mitgründer Philip Nägelein, verantwortlich für Finanzen und Tobias Nendel (Technik), mit denen sie im Dezember 2017 die Medikura Digital Health GmbH gründete. Finanziert mit Geldern aus dem Gründerprogramm „Exist“ des Bundeswirtschaftsministeriums machten sich die drei an den Aufbau der Online-Plattform.

„Nebenwirkungen sind eine gesellschaftliche Angelegenheit“, sagt Bruchmann und verweist auf die Schätzung der Europäischen Kommission, dass jedes Jahr circa 200.000 Menschen aufgrund von Nebenwirkungen sterben. Laut Bundesgesundheitsministerium gehen etwa fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf unerwünschte Nebenwirkungen von Arzneimitteln zurück, etwa weil Mittel gleichzeitig eingenommen wurden, die sich nicht vertragen. Ein Viertel dieser Einweisungen könnte vermieden werden.

Ein Problem beim Thema Nebenwirkungen ist auch, dass sie nur in geringem Maße gemeldet werden. Laut Schätzungen des Bfarm werden jährlich nur etwa 28.000 von insgesamt sechs Millionen Fällen offiziell mitgeteilt. Bruchmann will mit ihrem Start-up dazu beitragen, dass mehr Menschen Nebenwirkungen melden und sich auch einfacher über bereits gemeldete Fälle informieren können.

Dazu greift das Start-up unter anderem auf die bis November 2017 betriebene Datenbank des Bfarm zurück und will auch die Informationen aus der europaweiten Datenbank, die die Länderdatenbanken abgelöst hat, einpflegen. Die Hinweise der Patienten werden laut Bruchmann digital und pseudonymisiert – ohne dass die Identität des Patienten preisgegeben wird – an den Arzneimittelhersteller übermittelt und dort von Experten geprüft. Die Patienten können auf Wunsch auch den Arzt ihres Vertrauens einbinden.

Für Patienten ist der Service von Nebenwirkungen.eu kostenfrei. Bruchmann und ihr Team stellen sich vor, ihr Angebot in Zukunft über Entgelte von Pharmaunternehmen zu finanzieren, die mit den Daten ein Monitoring für die Wirkung ihrer Medikamente aufbauen können. Derzeit ist das Unternehmen in Gesprächen mit verschiedenen Investoren über eine erste Finanzierungsrunde.

Aktuell gehen beim Start-up etwa 100 Meldungen pro Monat ein. Aber die Tendenz ist stark steigend, gibt Bruchmann an.

Verdachtsmeldungen zu Nebenwirkungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit. Denn nur wenn Risiken bekannt und identifiziert werden, können die offiziellen Behörden auch entsprechende Warnungen veröffentlichen.

Während das Team von Nebenwirkungen.eu mit ihrem Angebot vor allem den Nutzen für den Patienten im Blick haben, kommt man aus Sicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte man beim Thema Meldungen von Nebenwirkungen nicht an behördlichen Meldesystemen vorbei. „Denn je früher, häufiger und detaillierter die Arzneimittelbehörden Meldungen erhalten, desto früher können Risikosignale erkannt und bewertet werden, um bei Bedarf behördliche Maßnahmen zum Schutz der Patientinnen und Patienten zu treffen“, so die Antwort auf die Anfrage des Handelsblatts.

Um die etablierten behördlichen Meldesysteme wirkungsvoll ergänzen zu können, müssten neue Informationsangebote wie Nebenwirkungen.eu sinnvoll in bestehende Meldewege eingebunden werden und vor allem auch ausreichend systematische und fachlich belastbare Informationen über Nebenwirkungen erfassen, so die Behörde: „Insofern erscheint das neue Angebot zumindest in der bisherigen Ausbaustufe aus Sicht des Bfarm nicht geeignet, einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele leisten zu können.“

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