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digitale Transformation
Carla Kriwet

„Schere zwischen hohen Anforderungen und hohen Kosten schließen.“

(Foto: Philips)

Philips-Managerin Carla Kriwet „Die Strukturen in vielen Krankenhäusern sind heute noch wie vor 50 Jahren“

Die Philips-Vorständin spricht im Interview über das rückständige deutsche Gesundheitssystem und die Chancen neuer Verfahren für die Medizin.
Update: 27.09.2018 - 11:40 Uhr Kommentieren

DüsseldorfIhr Schreibtisch steht bei Philips in Boston, aber meist ist Carla Kriwet ohnehin unterwegs beim Kunden, in Krankenhäusern rund um den Globus. Wenn sie es einrichten kann, schaut sie gerne in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf vorbei. Dort, am Flughafen, nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch mit dem Handelsblatt. Die 47-Jährige verantwortet bei Philips den Vorstandsbereich Connected Care und Health IT. Wie sehr es ihr am Herzen liegt, medizinische Versorgung durch Vernetzung und Technologie besser zu machen, wird schon nach wenigen Sätzen klar.

Frau Kriwet, wenn Sie an die Medizin der Zukunft denken, dann eher an eine Pille gegen das Altern oder das Smartphone, das vielleicht eines Tages auch Ultraschallaufnahmen macht?
Weder noch, ehrlich gesagt. Oder beides ein bisschen. Ich denke weniger an einzelne Produkte, sondern eher an gesamtheitliche Lösungen. Medizin der Zukunft wäre für mich, wenn möglichst viele Menschen bestmöglich versorgt werden und wir uns das auch leisten können.

Woran liegt es denn Ihrer Ansicht nach vor allem, dass diese Vorstellung noch keine Realität ist?
Der Bereich Gesundheitsversorgung war in den letzten Jahrzehnten nicht sehr innovativ. Wenn Sie sich die Strukturen und Abläufe in vielen Krankenhäusern anschauen, dann sind diese im Wesentlichen heute noch so wie vor 50 Jahren. Patientenakten auf Papier, althergebrachte Hierarchien, Defizite in der abteilungsübergreifenden Kommunikation und steigende Kosten.

Aber Innovationen gab es doch, wenn man an die technologischen Errungenschaften denkt.
Natürlich gab es Innovationen, die wichtig für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens sind. Aber man muss schauen, welche Innovationen Mehrwert bieten. Eine zukunftsweisende medizinische Versorgung hat für mich vor allem mit besseren Prozessen zu tun und nicht mit einzelnen Produktinnovationen. Prozesse, die etwa dazu beitragen, dass weniger Menschen ins Krankenhaus überwiesen werden müssen und dass sie dort schneller, besser und kostengünstiger behandelt werden.

Da sägen Sie an dem Ast, auf dem Sie sitzen. Philips lebt doch stark vom Krankenhausgeschäft.
Vor 20 Jahren hätten Sie eine solche Aussage von einem Philips-Mitarbeiter auch nicht gehört. Aber unser Unternehmen hat sich fundamental geändert. Es geht nicht mehr allein um die Verbesserung der Technik für eine bessere Diagnostik oder Therapie. Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, Patienten, die schon krank sind, zu behandeln und sie dann wieder auf sich gestellt sein zu lassen, haben wir den Fokus nicht richtig gesetzt.

Geht es um mehr Prävention?
Nicht nur. Es geht vor allem darum, von einem System der Krankenversorgung auf eine umfassende Gesundheitsversorgung umzuschalten. Von „sick-care“ zu „health-care“, heißt es im Englischen plakativ. Dass der Patient nicht nur episodisch behandelt wird, sondern dass man ihn proaktiv unterstützt, um eine Krankheit zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern, und ihn dann über den ganzen Behandlungspfad über die Diagnostik, Therapie bis hin zur Versorgung zu Hause begleitet. Wir haben dafür bei Philips den Begriff Health Continuum geprägt.

Aber dafür müsste sich auch das heutige System der Kostenerstattung ändern ...
Das muss sich ändern, und das wird es! Wir kommen in Deutschland an einen Punkt, wo Ansprüche und Realität nicht mehr zusammenpassen und das Gesundheitswesen unbezahlbar wird. In den USA, Großbritannien und Skandinavien ist die Entwicklung weiter, dort wird zunehmend nicht mehr darauf geschaut, wie viele Aktivitäten man macht, also wie oft etwa geröntgt wird, und es wird auch nicht mehr danach bezahlt. Dort wird der Behandlungserfolg beurteilt und bezahlt.

„Pay for Performance“ als Schlagwort. Das wird auch in Deutschland diskutiert.
Die Veränderungen greifen breiter. Es geht nicht nur um den therapeutischen Erfolg. Es geht auch darum, Kosten zu sparen, effizienter zu werden. Es geht ebenso um die Zufriedenheit der Ärzte und des Pflegepersonals, die oft in suboptimale Prozesse gezwängt sind. Und natürlich auch um die Zufriedenheit der Patienten. Die ist nicht immer gleichzusetzen mit klinischer Exzellenz. Diese Bereiche werden gemessen, auch wir als Unternehmen werden zunehmend an diesen Kriterien gemessen.

Das ist doch Zukunftsmusik.
In Deutschland noch. In den innovativen Krankenhäusern der USA nicht. Immer mehr unserer Klinikkunden fragen nicht mehr, wie viele Geräte wir aufstellen. Sondern sie sagen: „Unsere Kosten sind x, und wir müssen sie um 15 Prozent senken, und zwar so, dass sich der klinische Nutzen nicht verschlechtert und Mitarbeiter und Patienten nicht unzufrieden werden. Könnt ihr das leisten?“

Aber Philips ist ein Unternehmen im Prozess und kann nicht alles steuern, was gemessen wird. Wie gehen Sie damit um?
Wir können vieles beeinflussen, wenn wir uns als Spieler in diesem Ökosystem verstehen, in dem es auf Partnerschaften ankommt. Und das ist ein weiterer Punkt, der sich signifikant ändert. Früher haben wir unser geistiges Eigentum eher geschützt, um die Innovation später vielleicht lizenzieren zu können und damit Geld zu verdienen. Heute arbeitet unsere Technologieplattform mit Open Source und ist offen für andere Unternehmen. Wir arbeiten mit Wettbewerbern in unseren Kernbereichen zusammen. Etwa mit American Well, einem großen amerikanischen Telemedizinunternehmen, mit Start-ups, Medizintechnik-, Technologie- und IT-Unternehmen.

Alles, um bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen?
Mehr noch. Ich glaube, dass wir durch die aktuelle technologische Entwicklung, durch IT und Digitalisierung, zum ersten Mal eine Chance haben, die Schere zwischen hohen Anforderungen und hohen Kosten einerseits und mangelnder Bezahlbarkeit andererseits wieder schließen zu können. Weil wir zusammen mit anderen Unternehmen und unseren Kunden an Lösungen arbeiten, die nicht nur kleine Verbesserungen, sondern echte Fortschritte bieten.

Haben Sie ein Beispiel?
Die meisten unerwarteten Todesfälle im Krankenhaus passieren auf den Normalstationen, wo eine Pflegekraft viele Patienten gleichzeitig überwachen muss. Wir haben jetzt eine Art Pflaster entwickelt, einen Patch, der die Vitaldaten misst und drahtlos überträgt. 70 Prozent aller Patienten, die innerhalb einer Klinik einen Herzstillstand erleiden, zeigen innerhalb von acht Stunden vor dem Ereignis Anzeichen einer respiratorischen Verschlechterung und Veränderung ihrer Körpertemperatur. Mittels unserer Guardian-Technologie können wir so Herzinfarkte oder einen Herzstillstand vorhersagen.

Und das ist dann günstiger?
Ja, erstens, weil die Überwachungstechnik günstiger ist als ein Einsatz auf der Intensivstation. Der zweite Faktor ist aber die Zeit, die Pflegekräfte gewinnen, um sich bedürftigen Patienten zuwenden zu können. Oder nehmen Sie als zweites Beispiel die Radiologie: Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz werden wir einen Quantensprung bei der Diagnosequalität erleben. Die neuen Technologien werden das Gesundheitswesen revolutionieren. Dabei geht es nicht nur um Daten, sondern auch um relevante Informationen, die klinische Entscheidungen unterstützen und helfen, die weiteren Entwicklungen zu prognostizieren.

Wie sicher sind die Patientendaten?
Zunächst einmal: Die Daten werden anonymisiert, die Identität des einzelnen Patienten ist geschützt. Grundsätzlich beobachten wir, dass die Frage nach der Datensicherheit vor allem von gesunden Menschen gestellt wird. In dem Moment, in dem Menschen beispielsweise an Krebs erkranken, wollen sie nur noch gesund werden. Sie haben kein Problem damit, dass ihre Daten zusammen mit denen von Millionen anderen Menschen ausgewertet werden, wenn das zu Ergebnissen führt, wie man ihr Leben möglicherweise verlängern und verbessern kann.

Frau Kriwet, vielen Dank für das Interview.

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