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Ehemaliger Wirtschaftsminister Werner Müller: Der letzte Ruhrbaron ist gestorben

Der Politiker und Energiemanager ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Werner Müller bereitete einst den Weg für den Ausstieg aus Atomkraft und Kohle-Bergbau.
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Der frühere Bundeswirtschaftsminister starb am Montagabend im Alter von 73 Jahren. Quelle: dpa
Werner Müller

Der frühere Bundeswirtschaftsminister starb am Montagabend im Alter von 73 Jahren.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Werner Müller war ein unruhiger Geist – eine seltene Kombination von großem Intellekt und künstlerischen Begabungen. Er spaltete und versöhnte. Brillant spielte er im Energiepoker mit Politikern und Unternehmer seine Karten aus; seine Trümpfe stachen dabei keineswegs immer sofort. Als gebürtiger Essener brachte er die nötige Bodenhaftung mit und blieb auch mal mit Geduld im Spiel. Die Energiewirtschaft und die Ruhrregion lagen ihm wahrlich am Herzen.

Mit großer Überzeugungskraft und Flexibilität verstand es Müller, seine Vorstellungen zu verwirklichen: Ausstieg aus der seiner Meinung nach auf Dauer unwirtschaftlichen sowie in der Bevölkerung allzu umstrittenen Kernenergie und Stilllegung des international nicht wettbewerbsfähigen Steinkohlenbergbaus in Deutschland mit sozialverträglichen Flankierungen.

Am Montagabend erlag Müller im Alter von 73 Jahren seinem langjährigen Krebsleiden. Das bestätigte ein Sprecher des Unternehmens Evonik. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Als Manager und Politiker war Müller schon früh „der letzte Ruhrbaron mit Visionen für notwendige Neuorientierungen einer zukunftsfähigen Wirtschaft an Rhein und Ruhr“, meinte ein Wegbegleiter, der ihm eher kritisch gegenüber stand.

Müllers Lebensweg war schillernd und ungewöhnlich. Er begann Anfang der 1970er-Jahre beim damals nationalen Stromgiganten RWE. Dort wurde er mit seinen Prognosen der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zum Außenseiter. Er bestritt die Mehrheitsmeinung der Experten, dass Zuwächse im Wirtschaftswachstum einen proportionalen Mehrverbrauch von Energie bedeuteten.

Als Mitarbeiter von RWE scheute sich Werner Müller nicht davor, den Wachstumsglauben seiner Vorstände als großen Irrtum zu entlarven. Mit seiner vehement in aller Öffentlichkeit vertretenen Entkopplungsthese – 1978 veröffentlichte er das Buch „ Entkopplung – Wirtschaftswachstum ohne mehr Energie?“ – war er beim Stromriesen völlig isoliert. Abgeschnitten von allen unternehmensinternen Informationssträngen schied Müller 1979 grollend bei RWE aus und heuerte beim Konkurrenten Veba an.

Dort war der Essener ein Jahrzehnt lang bis zum unerwartet frühen Tod des legendären Veba-Chefs Rudolf von Bennigsen-Foerder im Oktober 1989 der energiestrategische Kopf im Hintergrund. Müller sah die Akzeptanzprobleme der Entsorgungsprojekte in Niedersachsen und der Wiederaufarbeitung im bayerischen Wackersdorf.

Er stärkte die nachdenkliche Haltung des Veba-Chefs gegenüber der Kernenergie mit vielen Veröffentlichungen unter dessen Namen. Bennigsen wurde in der Energiewelt populär und hätte Müller mit Sicherheit schließlich mit einem überragenden Posten im Konzern belohnt.

Freundschaft mit Gerhard Schröder

Das unerwartete Ableben Bennigsens veränderte alles. Müller sah sich wie schon bei RWE auch in der Düsseldorfer Veba-Kommandozentrale zunehmend als Außenseiter. Seinen Vorstandsjob bei der Veba-Enkelin VKR AG in Gelsenkirchen fand er auf Dauer kaum angemessen und vor allem fern ab von strategischen Entscheidungen.

In Hannover – dort war die VKR-Mutter Preussen Elektra zu Hause – lernte Müller mit Gerhard Schröder einen Genossen kennen, der nach seiner Wahlniederlage 1986 in Niedersachsen auch vorübergehend in einer Sackgasse steckte, aber 1990 die Landtagswahlen dann gewinnen konnte. Der Essener schließt Freundschaft mit Schröder und wird dessen „One Dollar Man“.

Als Berater baute Müller den SPD-Mann Schröder mit dem Energiethema bundesweit auf. Niedersachsen verfügte mit dem Salzstock Gorleben und dem Schacht Konrad über ein Faustpfand für die Entsorgung von Atommüll. Die Proteste in Gorleben sorgten für nationale Aufmerksamkeit. Es galt, einen Konsens in der Energiepolitik zu finden, der in der Bevölkerung auf breite Akzeptanz stieß.

Müller erkannte, dass man neben der Kernenergiebefristung auch bei den Steinkohlesubventionen einen stabilen Kompromiss finden musste. Hermann Rappe, damals Chef der in Hannover residierenden IG Chemie, und Schröder entwickelten schon 1992 Eckdaten für einen nationalen Energiekonsens; das Konzept basierte auf Müllers Überlegungen: „Wir müssen in der Energiepolitik die Bevölkerung mitnehmen“, so seine Überzeugung.

Das Gedankengebäude für einen geordneten Ausstieg aus der umstrittenen Kernenergie stand, als Schröder in der Bundestagswahl 1998 zusammen mit SPD und Grünen die Regierungsmehrheit eroberte. Müller wäre damals gerne im Kanzleramt Chef geworden. Doch der neue Kanzler brauchte nach Absagen aus der Wirtschaft rasch einen Bundeswirtschaftsminister. Müller ließ sich von Schröder in einem Vieraugengespräch überreden und fand an dem Amt schließlich sogar Freude.

Er musste zum ersten Mal sein „Einflüstererdasein“ als Kopf im Hintergrund aufgeben und sich an der Front öffentlich bewähren. Zusammen mit Grünen-Bundesumweltminister Jürgen Trittin organisierte Müller den Rahmen für einer längerfristigen Atomausstieg im Einvernehmen mit den Betroffenen aus der Nuklearindustrie.

Werner Müller beurteilte die um die Jahrtausendwende eingeleitete Energiewende eher nüchtern. Sollten sich in der Bevölkerung die Einstellungen zur Kernkraft ändern, könnten längerfristig wieder neue Reaktoren gebaut werden, so Müller im Jahr 2000 in einem Gespräch. Viele kritische Fragen musste er sich anhören, als im Jahr 2002 die Ministererlaubnis für die Übernahme der Ruhrgas durch Eon erteilt wurde. Am Ende der Legislaturperiode 2002 schied Müller als Bundeswirtschaftsminister aus. Ohne Groll. Freiwillig. Er war bereit für neue unternehmerische Aufgaben.

An der Spitze von Evonik und RAG

Für die Energieindustrie war Müller ein begehrter Partner geworden. Der West-LB-Chef Friedel Neuber hätte ihn gerne als RWE-Chef gewonnen. Das wäre für Müller nach seinem Abgang 1979 eine besondere Genugtuung gewesen, so ein intimer Kenner aus der Energiewissenschaft.

2003 wurde Müller dann für die Öffentlichkeit völlig überraschend Vorstandsvorsitzender der Ruhrkohle AG. Als RAG -Chef schaffte Müller dann sein Meisterstück. Er überzeugte die RAG-Aktionäre von den Vorteilen eines freiwilligen Rückzugs aus dem Kohleunternehmen und ordnete das Beteiligungsportfolio der RAG völlig neu. Das Gerüst für einen sozialverträglichen Auslaufbergbau wurde geschaffen.

Es entstand die Evonik AG, deren Dividenden die Abwicklung der Folgeschäden des Bergbaus finanziell sichern sollten. 2007 wurde Müller Vorstandsvorsitzender der Evonik AG. Die angestrebte Präsidentschaft in der gleichzeitig gegründeten RAG-Stiftung scheiterte für Müller zunächst; NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) blockierte ihn. Doch Ende 2012 konnte Müller dann endlich Vorsitzender der RAG-Stiftung werden.

Fast ein halbes Jahrhundert wirkte Müller erfolgreich in der Energieszene. Er hat nachhaltige Akzente gesetzt, vor allem die Abwicklung der Kernenergie und des Steinkohlebergbaus in einem weitgehend friedlichen gesellschaftspolitischen Miteinander. Energietechniken müssten wirtschaftlich sein und im Konsens mit der Bevölkerung entwickelt werden, so Müllers Grundeinstellung.

Sein Engagement reichte aber weit über den Energiesektor hinaus. Von 2005 bis 2010 war Müller Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn. Und dass Essen 2010 Kulturhauptstadt Europas wurde, ist von Müller stark gefördert worden.

Bis Mai 2018 stand der frühere Bundeswirtschaftsminister als Vorsitzender des Vorstands der RAG-Stiftung und als Chefaufseher von Evonik und RAG AG noch mitten im Arbeitsleben. Als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats blieb Müller Evonik bis zuletzt engagiert verbunden.

„Werner Müller hat Evonik gegründet, geleitet und maßgeblich zu dem gemacht, was der Konzern heute ist“, sagte Evonik-Chef Christian Kullmann. „Ohne Werner Müller würde es Evonik nicht geben. Wir sind ihm bleibend dankbar und verneigen uns in tiefer Trauer vor seinem Lebenswerk.“

Als Gründungvater der RAG-Stiftung habe er das Schicksal tausender Bergleute sowie der Bergbauregionen maßgeblich zum Guten gelenkt, unterstreicht Bernd Tönjes, der Müller als Vorsitzender des Vorstands der RAG-Stiftung und als Aufsichtsratsvorsitzender von Evonik nachgefolgt war. „Wir werden ihn als großen Denker und als Menschen sehr vermissen.“
Mitarbeit: Bert Fröndhoff

Zum Autor: Heinz Jürgen Schürmann, ehemaliger Leitender Redakteur des Handelsblatts, hatte Werner Müller schon Anfang der 70er-Jahre kennengelernt. Schürmann arbeitete damals beim Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln, Müller fing bei RWE an – beide diskutierten und stritten über Energiestatistiken und -Prognosen für Deutschland.
Ab 1987 verfolgte Schürmann als Energieexperte des Handelsblatts Müllers Karriere bei Veba, seine Berufung zum Bundeswirtschaftsminister und seinen Wechsel zurück in die Wirtschaft – zur RAG, wo Müller den Ausstieg aus der deutschen Steinkohle einleitete. Mehr als drei Jahrzehnte hielten die beiden engen Kontakt, debattierten und stritten leidenschaftlich. Jetzt hat der 75-jährige Schürmann nach seinen Worten einen engagierten „Energiefreund“ verloren.

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