Erfinder der „Hidden Champions“ Vom Eifelkind zum Global Player – „Preispapst“ Hermann Simon legt seine Autobiografie vor

Der Professor, Berater und Erfinder der „Hidden Champions“ erzählt in seiner Autobiografie vom Spannungsfeld zwischen Südeifel und Globalisierung.
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Der Professor hat die zweigrößte deutsche Unternehmensberatung aufgebaut. Quelle: Simon - Kucher & Partners
Hermann Simon

Der Professor hat die zweigrößte deutsche Unternehmensberatung aufgebaut.

(Foto: Simon - Kucher & Partners)

MünchenEin „Trierer Langhaus“ war einmal das Höchste, was sich arme Kleinbauern in der Südeifel leisten konnten. Es vereinigte Wohnung, Scheune, Stall. So sah in Hasborn auch das Elternhaus von Hermann Simon aus, dem Professor, den sie „Preispapst“ nennen und der die zweitgrößte deutsche Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners aufgebaut hat.

Nun zeigt er in der alten Scheune den grünen Traktor, Jahrgang 1961, die Mistgabeln, Spaten und Dreschflegel an der Wand, die Sepia-Fotos der Familie in der Küche, wo bis 1955 Brot gebacken wurde, und den Garten mit Rasen. In seiner Jugend war hier der Schweinepferch, Hühner liefen herum.

Heute ist die Immobilie das Refugium des Berater-Prominenten, der auf Platz 25 der wichtigsten Management-Denker der Welt geführt wird. 2003, nach dem Tod der Mutter, entstand per Renovierung seine stille Gegenwelt. Es ist, wenn man so will, die erste Welt des Globalisten Simon, 71, neben der zweiten – Wohnen und Arbeiten in Bonn – und der dritten – Vorträge in aller Welt, oft in China, wo er Honorarprofessor ist.

In Hasborn reflektiert er sein Leben, seine „Prägung“, er schreibt, so, wie er immer geschrieben hat, auch über die Eifel („Die Gärten der verlorenen Erinnerung“). Hier arbeitete er auch an seiner am Donnerstag erscheinenden Autobiografie „Zwei Welten: Vom Eifelkind zum Global Player“. Als Älterer habe man „einen Drang, Erfahrungen zugänglich zu machen“, kommentiert der Autor, „und sicher spielt auch eine Rolle, sich selbst darzustellen“.

Es ist ein Buch, das lauter Pole und die Spannungen dazwischen beschreibt: Heimat versus Globalisierung, Zwang versus Freiheit, Geistkapital versus Finanzkapital, akademisches Leben versus Unternehmertum, USA-Liebe versus China-Faszination.

Dazwischen der hagere Eifeljunge, einst hart schuftend für die Subsistenzwirtschaft der Eltern, aus einer Laune heraus aufs Gymnasium gekommen, fasziniert von zwei Lehrern und zwei Schülerreisen nach Südeuropa, der Disziplin erst spät bei der Luftwaffe lernte. Der Mann wollte Starfighterpilot werden.

Es ist ein Buch über eine Karriere und das Erwachsenwerden der Republik. Und über die Widersprüche der modernen Welt. Den Eitelkeiten der Eliten setzt es „Eifelkeiten“ entgegen.

Herr Simon: Sie sind vielreisender Globalist, hängen andererseits aber auch an der Scholle. Zwiespalt oder Doppelstrategie?
Für mich geht es in der großen Welt nicht anders zu als in der kleinen Welt. Ich rede auch mit bekannten Unternehmern nicht als der große Herr Professor, sondern so wie mit einem ehemaligen Bauern aus Hasborn. Der große Zampano, das ist nicht meine Rolle.

Gibt es so etwas wie ein „Eifel-Erbe“?
Das Leben der Bauern hier war einerseits hart und voller Zwänge, andererseits waren die Leute eigenverantwortlich und hatten keinen Boss über sich. Das hat mich geprägt. Hasborn ist mein Global Village, mein Auftankzentrum. Was will ich auf Mallorca? Das ist ja doch wieder nur die Mühle der Flughäfen und Flugzeuge.

Haribo-Chef Riegel wollte ihn zum Aufseher seiner Stiftung machen

Hermann Simon sitzt im Garten des bäuerlichen Elternhauses, trägt Pilotensonnenbrille und zeigt sich wieder überrascht, wie viele Dinge er gemacht hat. Der Diplom-Volkswirt, der in Bonn beim berühmten Ökonomen Horst Albach promoviert hat, war Gastprofessor in den USA an den renommierten Unis MIT, Stanford und Harvard, an der Business-School Insead in Fontainebleau, später an der Keio-Universität in Tokio.

Er lehrte von 1979 bis 1989 an der Universität in Bielefeld und danach für sechs Jahre in Mainz, was er sich nach eigener Einschätzung hätte sparen sollen. Damals tanzte er einfach auf zu vielen Hochzeiten, er war sogar als Schattenminister für Wirtschaft in einer Landesregierung des rheinland-pfälzischen Wahlkämpfers Johannes Gerster (CDU) gesetzt. Dabei nerven ihn politische Sitzungen.

Dann besann sich Simon seines Standardtipps für Ratsuchende, der „Fokussierung“. Er widmete sich voll der kleinen Unternehmensberatung in Bonn, die er mit Partnern nebenbei gegründet hatte. Von 1995 bis 2009 hat der Vielfrontenkämpfer die Firma geleitet, ohne dabei je ein Beratungsprojekt betreut zu haben, was ihn selbst zum Lachen bringt.

Heute hält Simon noch ein paar Anteile, ist Honorary Chairman ohne Stimme im Board und geht einen Tag pro Woche ins Büro. Hauptsächlich ist er als „travelling poet“ die mobile PR-Abteilung der Firma: „Ich kann nicht leugnen, dass es Ego-Massage ist, wenn man in China hofiert wird wie ein Superstar.“

Simon Kucher wird 2018 mit 110 Partnern knapp 300 Millionen Euro umsetzen, ein Weltmarktführer in Sachen Preisberatung. Hier ist zu erfahren, dass bei Bundesligaspielen und heißem Wetter Sonderangebote für Hamburger reüssieren. Man denkt viel über Preisauktionen im Internet nach und pflegt eigene Datenpools. Es gibt sogar zwei Büros im Silicon Valley. „Wir sind mehr auf der Sonnenseite der Beratung“, so Simon, „das ist anders als bei Sanierungsberatern. Wenn die kommen, glaubt jeder, Jobs werden abgebaut.“ Sein Sohn ist Partner bei McKinsey.

In der Welt der Familienunternehmer ist Hermann Simon mit seinen Preisideen zur festen Größe geworden. Manchen hat er beraten, der verstorbene Hans Riegel („Haribo“) wollte ihn sogar zum Aufseher seiner Stiftungen machen, was der Consigliere mit Blick auf die Konflikte zwischen den Stämmen aber dankend ablehnte. Richtig bekannt wurde der Professor 1990 mit dem Begriff „Hidden Champion“ für Mittelständler, der das deutsche Exportwunder erklärte.

Herr Simon, bleiben Hidden Champions ein Markenzeichen des Standorts?
Sie werden auch künftig die Stärke der deutschen Volkswirtschaft ausmachen. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, mit der starken Einwanderung das Qualifikationsniveau der Facharbeiter zu halten.

Noch bedeutungsvoller dürfte sein, ob der Generationswechsel funktioniert.
Klar gibt es manchmal Nachfolgeprobleme und auch skurrile Familienunternehmer. Heute habe ich in dieser Welt eine Eintrittskarte, das ist mein Name. Aus Familienkonflikten aber halte ich mich heraus. Ich rede mit dem Senior lieber über Marketing und Strategie als über die Eignung von Sohn oder Tochter.

Und doch ärgert sich Simon, wenn jemand wie die Wirtgen-Brüder aus Windhagen ihre Firma für Straßenbaumaschinen an John Deere verkaufen und dann in Immobilien machen. Immerhin registriert er, dass es an jungen Familienfirmen nicht fehle, der Nachwuchs gehe nicht aus: „Ich habe neulich sogar ein Dutzend Unicorns in Deutschland gezählt“, also Firmen mit mehr als einer Milliarde Wert.

Hermann Simon ist einer, der aus Neugier unentwegt zählt und fragt. Die Welt macht er sich über Empirie zu eigen. Dass die Globalisierung derzeit so verrufen ist, bekümmert ihn wirklich. Als CDU-Politiker Jens Spahn jüngst auf einer Konferenz in Bonn bekannte, im Grunde zähle für ihn „Germany first“, da stand Simon im Saal auf und sagte: „Ich dachte, das hätten wir seit 70 Jahren überwunden.“

Ein Begriff wie „global village“ gelte für Leute wie ihn, erkennt Simon, aber jemand im Silicon Valley sei nun mal weit entfernt von einem früheren US-Steel-Arbeiter in Midwest, der nun nur noch bei McDonald’s aushelfe. Das führe zur Spaltung der Gesellschaft.

Und dann würden auch Flüchtlingskrise, Demografie und Digitalisierung die Leute nervös machen, die seit Jahren keinen Zins bekämen: „In der Summe wird das der Globalisierung angekreidet.“ Dabei habe zum Beispiel sein Hasborn keinen Bauernhof mehr, aber doppelt so viele Einwohner wie früher – Firmen wie Dunlop im nahen Wittlich sorgen für Arbeitsplätze.

Etwas erkaltet ist seine Liebe zu den USA. Skeptisch sieht Simon inzwischen die „Supermanager“, die dieses Land hervorbringt, Typen wie einst Jack Welch von General Electric (GE), „die Quartal für Quartal Druck machen im Kessel, doch dann geht das Ding nach hinten los“. GE ist heute ein Sanierungsfall.

Das nächste „Superunternehmen“, das fällt, könnte Apple mit seiner iPhone-Abhängigkeit sein, vermutet Simon, der selbst zweimal das Angebot hatte, Konzernvorstand zu werden. „Wenn einer Manager des Jahres wird“, setzt er noch nach, „ist das oft ein guter Frühindikator für baldiges Scheitern.“

Reinhard Sprenger, seines Zeichens Managementberater und ebenfalls ein fleißiger Buchautor, kennt Simon seit Langem und sieht in ihm einen „Advokaten für den Motor der deutschen Wirtschaft, den Mittelstand, und einen Wegweiser für ein eigenständiges, europäisches Management“.

Ein Buch, mindestens, hat sich der Wirtschaftsexperte noch vorgenommen. Es soll den oft verteufelten Unternehmergewinn loben. Ansonsten will Simon sein Pensum etwas reduzieren, gleichwohl sich weiter einmischen. Heimat ist für ihn Marketing, aber auch Schutz.

Er steht einer Stiftung der Stadt Wittlich vor, hilft dem CDU-Bürgermeister von Bonn, kämpft für eine neue Autobahn-Ausfahrt nach Hasborn und streitet mit Ehefrau Cäcilie für einen Eichenwald am Dorfrand, angelegt als Schweinefutterplatz im Dreißigjährigen Krieg. Er soll als nationales Naturmonument anerkannt werden. Vielleicht schreibe er mal an die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, sagt Simon.

Vorträge in der Eifel will er aber weiter halten. Der Professor kommt bei Unternehmern gut an, aber wenn er in Hasborn und Umgebung von „Fertigungstiefe“ redet, kapiert das keiner. Erste Welt eben. Dafür schenken die Nachbarn ihm Tomaten, Bohnen und manchmal sogar Forellen.

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