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Erfolgsbeteiligungen Auf der Suche nach dem Erfolgsmodell: Welche Start-ups braucht das Land?

Das Silicon Valley gilt als Vorbild für Start-ups in Deutschland. Kritiker fordern aber einen eigenen Weg. Es geht um Geld, Macht und die richtigen Anreize für Mitarbeiter.
10.03.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Top-Standort für Start-ups in Deutschland. Quelle: dpa
Skyline Berlin

Top-Standort für Start-ups in Deutschland.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Es ist die moderne Version des Tellerwäschertraums: Start-ups in den USA locken Mitarbeiter mit der Aussicht auf schnellen Reichtum. Sie garantieren Anteile am Erlös, wenn die Firma verkauft wird oder an die Börse geht. Tatsächlich sind dabei schon Arbeitnehmer Millionäre geworden. Auch deshalb hat das Silicon Valley eine so große Anziehungskraft.

Der Hightech-Standort in San Francisco ist das Vorbild für Start-ups in  Deutschland. Gerade jetzt schielt man auf das Valley: Bei der Digitalisierung der Industrie will Deutschland ein ebenso wichtiges Zentrum werden. Experten warnen jedoch, dass der erfolgsbringende Weg für US-Start-ups der falsche für die deutsche Wirtschaft sein könnte. Konkrete Forderungen des Start-up-Verbands geben Anlass zu einer fundamentalen Debatte. Welche Start-ups braucht das Land? Und wie fördert man sie am besten?

Der Verband um den Investor Christian Miele moniert, dass Erfolgsbeteiligungen in Deutschland kaum Wirkung entfalten. Zwar geben schon viele Start-ups Anteile aus. Aber die Steuerpolitik hält die Gewinnchancen kleiner. Während in den USA günstige Kapitalertragsteuern anfallen, müssen Mitarbeiter in Deutschland den höheren Einkommensteuersatz abtreten. Eine Neuregelung soll Deutschland zu mehr Silicon-Valley-Mentalität verhelfen.

Aber der schillernde Erfolg von Google und Facebook ist nur ein Teil der Wahrheit im Valley. „San Francisco ist dysfunktional“, sagt Paddy Cosgrave. Er hat die weltgrößte Tech-Konferenz „WebSummit“ mitgegründet, bei der Chancen und Risiken von Technologie diskutiert werden.

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    Cosgrave verweist auf die vielen Obdachlosen rund um den Hightech-Standort. Dass neureiche Mitarbeiter von Techriesen kaum Steuern zahlen, hat zu sozialen Verwerfungen geführt. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat gerade Pläne vorgelegt, dem Grenzen zu setzen.

    Die deutsche Start-up-Lobby beruft sich aber weiter auf Wettbewerbsnachteile: „Mit den derzeitigen Regelungen liegen wir im europäischen Vergleich bei der Attraktivität unserer Beteiligungsprogramme auf dem vorletzten Platz“, sagt Christian Miele. Der Wagniskapitalgeber Index Ventures hat 2017 verschiedene Standorte verglichen: In Frankreich seien die Bedingungen so gut wie in den USA, im Vereinigten Königreich sogar besser. Deutschland liegt im Ranking weit zurück.

    Christian Miele liefert weitere Argumente: Beteiligungen förderten unternehmerisches Denken. Sie belohnten die Risikobereitschaft, bei einem innovativen Start-up zu arbeiten. Sie könnten Mitarbeiter motivieren und binden.

    Deutsches Steuermodell wenig beteiligungsfreundlich

    Mitarbeiter am Unternehmenserfolg zu beteiligen, ist keine neue Idee. Firmen können zum Beispiel Erfolgsbeteiligungen, Belegschaftsaktien oder Genossenschaftsanteile ausgeben. Bei Start-ups ist die Sache etwas komplizierter, auch weil ihr Wert meist nur auf Hoffnungen beruht. Paradoxerweise können sich viele Mitarbeiter echte Anteile ihres Unternehmens aufgrund der Besteuerung nicht leisten.

    Malte Fritsche vom Branchenverband Bitkom rechnet vor, was eine Mitarbeiterin zahlen muss, wenn sie für einen Euro zu einem Prozent beteiligt wird: „Bei einer Unternehmensbewertung von zehn Millionen Euro bedeutet das ein lohnsteuerpflichtiges Arbeitseinkommen von 100.000 Euro und eine entsprechende Steuerlast von bis zu 50.000 Euro – Fälligkeit: sofort.“ In den USA würden Beteiligungen nach einer gewissen Haltedauer mit null bis 20 Prozent besteuert – „zum Zeitpunkt der Optionsausübung oder Verkaufs der Anteile“.

    Zur Wahrheit gehört aber auch: Mit virtuellen Beteiligungen ist das Problem lösbar.  „Start-ups können mit Mitarbeitern vertraglich Sonderzahlungen vereinbaren, die vom Verkaufserlös abhängig gemacht werden“, sagt Heinrich Beyer, Geschäftsführer beim Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung AGP. Damit verschiebt sich auch die Besteuerung.

    Grafik

    Doch auch bei diesen sogenannten virtuellen Beteiligungen stören sich Start-up-Vertreter an Einkommenssteuer und Sozialabgaben. Miele will einfache Standardlösungen, den Zeitpunkt der Besteuerung verschieben und den Steuersatz für Mitarbeiterbeteiligungen senken – Investoren und Gründer würden für ihre unternehmerische Risikobereitschaft viel stärker belohnt. „Die Idee ist, dass Mitarbeiter ihre Zeit und ihr Talent investieren wie ein Investor sein Geld“, sagt auch Beyer vom AGP.

    Laute Gegenstimmen gibt es bisher nicht. Die Frage ist: Warum eigentlich nicht?

    Die geforderten Steuervorteile kämen vor allem den Firmen zugute, denen Investoren exorbitantes Wachstumspotenzial zutrauen – und die ihnen selbst astronomische Renditen einbringen. Das streitet Miele nicht ab, der selbst Partner beim Wagniskapitalgeber e.Ventures ist. Für diese Firmen würde es billiger, Top-Kräfte von internationalen Wettbewerbern abzuwerben. Eher langsam, aber möglicherweise nachhaltiger wachsende Unternehmen hingegen könnten es dann noch schwerer haben, Fachkräfte zu bekommen.

    Einkommen und Vermögen nicht den gleichen Risiken aussetzen

    „Bei den Geschäftsmodellen, die das neue Google, Facebook, Amazon von Europa werden sollen, muss man in der Lage sein, dem Wettbewerb davonzulaufen“, sagt Miele zu der Strategie. Den US-Techriesen sei das auch durch Mitarbeiterbeteiligungsprogramme gelungen.

    WebSummit-Gründer Paddy Cosgrave hinterfragt diese „Besessenheit in der Tech-Szene, dass alles groß, mächtig und schnell sein muss.“ Jeder sei darauf versessen, eine Milliardenfirma aufzubauen. „Aus einer gesellschaftlichen Perspektive gibt es etwas Besseres: zehn Unternehmen aufbauen, die jeweils 100 Millionen wert sind. Und noch besser ist es, hundert Firmen aufzubauen, die jeweils zehn Millionen wert sind.“

    Das wirft die Frage auf, warum auch in Deutschland so sehr Einhörner gesucht werden, also Start-ups mit einer Milliardenbewertung. Die hiesige Wirtschaft ist traditionell von einem starken Mittelstand geprägt, zu dem das Modell vieler kleiner und lokaler Innovatoren besser passen könnte.

    Den Grund für die Wachstumsfokussierung sieht Cosgrave am Finanzmarkt. „Noch nie konnten Investoren binnen 24 Monaten so viel Geld machen wie heute“, sagt er. „Das macht es so aufregend, in Start-ups zu investieren.“ Mit den Beteiligungen könnten Mitarbeiter auf dieselben Ziele fokussiert werden wie ihre Wagniskapitalgeber. Aber ist das auch im Interesse des Staates?

    Geradezu bedenklich findet das Wirtschaftsprofessor Thomas Zwick. Er forscht an der Universität Würzburg zu Personal und Organisationen. „Solche Anreize treiben blauäugige Mitarbeiter in ihrer Begeisterung in eine Situation, die sie nicht abschätzen können“, sagt Zwick. Junge Menschen akzeptierten unter Umständen Lohneinbußen, weil sie auf das große Geld hofften.

    „Nach einem Jahr ist die Hälfte der Start-ups nicht mehr da“, sagt er. Es sei „fahrlässig“ Mitarbeiter zu ermutigen, Einkommen und Vermögen den gleichen Risiken auszusetzen. Der Staat sollte Start-ups besser über Subventionen fördern, sagt Zwick.

    Miele will die Bedenken nicht wegdiskutieren. „Man muss den Mitarbeitern genügend Informationen geben, um eine realistische Einschätzung über den Gesundheitszustand des Unternehmens und die Aussichten zu bekommen“, sagt er. Wenn durch standardisierte Programme ein gewisser Schutz gewährleistet sei, könnten sie aber auch Unternehmergeist und Verständnis für Risikorenditen fördern.

    Bindungswirkung könnte für Firmen nachteilig sein

    Befürchtungen, dass sicheres Gehalt in unsichere Anteile umgewandelt würde, teilt er nicht. „Die schlechte Bezahlung in der Start-up-Szene ist aus meiner Sicht inzwischen ein Mythos, zumindest in Berlin“, sagt Miele. „Es ist so viel Geld durch Wagniskapital im Markt, dass man sich nicht mehr erlauben kann, die Leute schlecht zu bezahlen.“

    Ob die erhofften Effekte eintreten, ist aus Sicht des Wirtschaftspsychologen Uwe Kanning allerdings fraglich. Er forscht an der Uni Osnabrück zu Personalauswahl und Motivation. „Wir wissen aus Studien, dass Belohnung die Leistung steigert, wenn sie attraktiv ist und beides spürbar zusammenhängt.“ Menschen würden sich mehr anstrengen, wenn zum Beispiel ein Bonus mit zunehmender Leistung kontinuierlich steige. „Die Beziehung zwischen persönlicher Leistung und dem Wert der Anteile ist aber sehr dünn“, sagt er.

    Die Bindungswirkung hingegen könnte für die Firmen gar zum Nachteil werden: „Gründer haben 1000 Sachen zu tun, die werden bei der Personalauswahl anfangs zwangsläufig Fehler machen“, sagt er. Aus Arbeitgebersicht sei es vielleicht sogar wünschenswert, dass manche Mitarbeiter das Unternehmen nach ein, zwei Jahren wieder verlassen.

    Das Start-up könne dann bessere Mitarbeiter finden und wisse vielleicht auch viel genauer, welche Fähigkeiten gebraucht werden. „Eine Strategie wäre, Aktienoptionen nur denjenigen zu eröffnen, die für das Unternehmen wirklich wichtig sind und die Beteiligung leistungsabhängig zu machen.“

    Tatsächlich machen das einige Start-ups bereits so, sagt AGP-Geschäftsführer Beyer. Sehr wertvolle Mitarbeiter bekämen im Erfolgsfall auch mal Boni in sechsstelliger Höhe. Dass sie davon nicht die Hälfte wieder abgeben müssten, habe Vorteile für die gesamte Szene, sagt er: „Mitarbeiter, die durch einen Exit viel Geld gemacht haben, sind als künftige Investoren geeignet“, sagt Beyer. „Die Besteuerung von Beteiligungen als Einkommen entzieht dem gesamten Start-up-Ökosystem viel Geld.“

    Es ist freilich jener Teil des Systems, in dem auf den nächsten Tech-Riesen spekuliert wird. Deutschland und seine Digitalszene muss sich die Gretchenfrage stellen: Will es einen Geldzirkel forcieren, von dem vor allem Software-Start-ups und Investoren profitieren oder eine Digitalwirtschaft, die vielleicht langsamer, aber im Einklang mit anderen Industrien und Gesellschaft wächst.

    Mehr: Zu wenig Künstliche Intelligenz – Was Deutschlands Gründern fehlt

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