Reinhard Grindel

Der DFB-Präsident Reinhard Grindel steht im Fall Mesut Özil stark unter Druck.

(Foto: dpa)

Experte zum Fall Özil „Schuld bekennen, Reue zeigen, Buße tun – erst dann wird vergeben“

Der Deutsche Fußballbund kann den Fall Özil nur abschließen, wenn er harte Konsequenzen zieht, meint Hasso Mansfeld, Experte für Krisenkommunikation.
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StuttgartDer Experte für Krisenkommunikation Hasso Mansfeld erklärt, warum ein möglicher Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel nicht ausreicht um die DFB-Krise zu beenden. Er sieht ebenso Oliver Bierhoff und Jogi Löw in der Verantwortung.

Herr Mansfeld was würden Sie als Spezialist für Krisenkommunikation die Aufarbeitung der Weltmeisterschaft und jetzt den Fall Özil bewerten?
Der DFB hat wiederholt viel zu lange gewartet und geschwiegen. Damit wird die Fallhöhe in einer Krise immer größer. Der DFB  hätte Ilkay Gündogan und Mesut Özil sofort auffordern müssen, zu erklären  wie es zu den Bildern kam und wie sie dazu stehen. Erdogan kommuniziert mit Hilfe von Beratern professionell und hat diese Bilder mit Sicherheit geplant. Beide hätten dann die Möglichkeit gehabt, zu erklären, dass sie die Instrumentalisierung nicht durchschaut haben und sie sich deshalb davon distanzieren. Wenn das den Spielern nicht möglich gewesen wäre, dann hätte der DFB Konsequenzen gegen die Spieler ziehen müssen, allein im Respekt vor den massenhaften Protesten in Deutschland gegen die Inhaftierung des Springer-Journalisten Deniz Yücel. Ohne #FreeDeniz hätte es diese Eskalation nicht gegeben.

Aber gerade das ist nicht passiert?
Der DFB fürchtete offenbar so kurz vor der WM die Diskussion, insbesondere deren Ergebnis. Angst ist in der Krisenkommunikation indes ein schlechter Berater. Man  braucht Haltung, Risikobereitschaft und Frustrationstoleranz. In der Krisenaufarbeitung ist man nur glaubwürdig, wenn man die Option des Scheiterns nicht fürchtet. Handeln trotz Option des Scheiterns nennt man übrigens Mut. Wer den Eindruck vermittelt, um jeden Preis an seinem Sessel zu kleben, wirkt daher weder glaubwürdig noch mutig.

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Experte für Krisenkommunikation. Für seine Arbeit wurde er unter anderem viermal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet.  Quelle: Heike Rost
Experte für Kommunikation

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Experte für Krisenkommunikation. Für seine Arbeit wurde er unter anderem viermal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. 

(Foto: Heike Rost)

Und wieso wird etwas dann immer schlimmer?
Die meisten Menschen verlieren in einer Krise ihren Posten nicht wegen der ursprünglichen Tat, sondern durch mangelnde Aufarbeitung. Krisenbewältigung läuft nach einem biblischen Ritual ab. Die Schuld bekennen, Reue zeigen, Buße tun und erst dann kann eine Vergebung geschehen. Bisher hat der DFB sich um dieses Ritual gedrückt.

Was ist die Folge?
Die Fallhöhe wird immer größer. Auch weil im Fall Özil die Kommunikatoren verschiedener Seiten Interesse an der Eskalation haben. Aber daran hat der DFB und sein Präsident Mitschuld. Durch Nichtstun und Verdrängen verzinst sich die Schuld in der Krise dramatisch.

Am 29. August will  Jogi Löw nicht nur seine Mannschaftsaufstellung für das nächste Länderspiel präsentieren, sondern ein Analyse des WM-Desasters mit personellen Konsequenzen bekannt geben.
Das sind noch über sechs Wochen. Das ist viel zu lang. In der Zwischenzeit ist der DFB gelähmt. Die können nicht einmal den Spielplan der Amateurklassen vorstellen, ohne als erstes nach der Krise gefragt zu werden. Das ist wie bei den Autoherstellern, die bei jeden Quartalszahlen erstmal über den Stand der verschleppten Aufklärung reden müssen. Gestalten kann man da nichts mehr. Und im Fall DFB stellt sich beispielsweise die Frage, wie will der Trainer Spieler aussortieren und sich vor allem beim Thema Konsequenzen außen vorlassen. Da dürfte es mit der Glaubwürdigkeit schwierig werden. Zumal er selbst maßgeblich zum Ausscheiden beigetragen hat.

Wie sehen sie die Chancen für Grindel?
Der Konflikt ist inzwischen so groß, dass er das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei und innerhalb der Bevölkerung hierzulande schwer belastet. Despoten wie Erdogan nehmen das dankend an. Er will  Unruhe im Haus des Gegners stiften, also in Deutschland. Es geht ja auch noch im Hintergrund um die Ausrichtung der EM 2024. Grindels Verhalten hat es Erdogan  ermöglicht Özil als Opfer darzustellen. Ein kommunikatives Desaster.  In Fußballersprache: Grindel hat Erdogan den Ball persönlich direkt auf den Elfmeterpunkt gelegt. Grindel wird sich nicht halten können.

Aber verantwortlich für die Nationalmannschaft sind doch in erster Line der Manager und der Trainer?
Exakt deshalb wird ein Rücktritt von Grindel auch nicht reichen. Beide wurden ihrer Verantwortung nicht gerecht. Aber auch Bierhoff mit seinem Interview und Missmanagement sowie  Löw mit seinem Schweigen und seiner Passivität sind nicht mehr haltbar. Alle drei müssen gehen. Vergebung gibt es nur nach der Katharsis – und die muss spürbar wehtun.

Und wenn nicht?
Diese Krise wird nicht von allein verschwinden. Da wächst kein Gras drüber und wenn dann nur ein paar schüttere Halme. Eigentlich müsste es der DFB besser wissen. Schon beim Skandal um das gekaufte Sommermärchen kostete die Vogel-Strauß-Politik Grindels Vorgänger Wolfgang Niersbach am Ende das Amt. Nur wer Fehler eingesteht und sich glaubhaft an die Spitze der Aufklärung stellt, dass er wirklich daran interessiert ist,  hat eine Chance. Aber dafür ist der Schaden schon zu groß und der Moment verpasst.

In der Dieselkrise beauftragte Volkswagen unabhängige renommierte Anwaltskanzleien. Wäre das ein Weg?
Eigentlich schon, aber richtig funktioniert hat es bei VW ja offensichtlich auch nicht. Ohne eigenes Zutun geht es nicht.

Der DFB hat zuletzt erste Fehler eingeräumt.
Aber da muss doch viel, viel mehr kommen, um die Glaubwürdigkeit und die Deutungshoheit wieder zu bekommen. Dem Führungspersonal hat von Anfang an und bis jetzt das Selbstvertrauen gefehlt. Man muss gerade in einer modernen, demokratischen Gesellschaft auch große Fehler zugeben können. Dabei darf dabei keine Angst vor den Konsequenzen haben, auch wenn sie den Jobverlust bedeuten. Andernfalls kosten sie den nächsten Job auch noch gleich mit, weil man ihn mit der verkorksten Historie gar nicht mehr bekommt.

Das ist aber viel verlangt?
Ja, aber auch in der Industrie sind die Ansprüche von Managern an sich selbst oft so maßlos hoch, dass sie gar keine eigenen Fehler mehr wahrnehmen wollen oder erkennen, geschweige denn zugeben. Erfolg macht da häufig blind. Auf jeden Fall hatte das Führungstrio Wahrnehmungsprobleme bei der Wirklichkeit und zwar sportlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich gehabt.

Und wie könnte der DFB neu anfangen?
Fußball ist zwar nur die schönste Nebensache der Welt. Aber er hat die Kraft eine Gesellschaft zu einen, wie wir beim Sommermärchen 2006 erlebt haben. Es geht indes nur mit neuem Personal an der Spitze und anderer Einstellung. Der DFB ist bislang eine Schönwetterveranstaltung. Wer da zu kritische Fragen stellt, wird systematisch ausgegrenzt. Schmusekurs mit der Bild und Liebesentzug für diejenigen, die allzu kritisch nachfragen. Der DFB lebt in einer ganz seltsamen Blase. Da muss sich vor allem bei der Transparenz viel ändern, will man nicht wieder so eine Irrfahrt wie bei dieser WM erleben. Viel schlimmer als die sportlichen Niederlagen und wirtschaftlichen Einbußen ist aber der angerichtete gesellschaftliche Schaden.

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