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Ferdinand Piëch Ein Krieger, der die Welt veränderte

Detailbesessen, visionär, aber auch knallhart hat Piëch die Autoindustrie geprägt wie kein anderer. Selbst Manager, die er fallen ließ, würdigen nach seinem Tod die Verdienste Piëchs für Volkswagen und die Branche.
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Er hatte, gleich, was man von ihm hielt, eine singuläre Stellung. Quelle: dpa
Ferdinand Piëch

Er hatte, gleich, was man von ihm hielt, eine singuläre Stellung.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, Frankfurt Was wird aus einem Menschen, der seinem Gefühl nach den falschen Namen trägt? Der nicht „Porsche“ heißt, wie der berühmte Großvater, der mit dem Wohlwollen der Nazis einst den „Käfer“ konstruierte und dann 1938 im heutigen Wolfsburg das erste Volkswagen-Werk errichtete? Der stattdessen „Piëch“ genannt wurde, so wie der Kaufmann, den Porsches Tochter Louise geheiratet hat? Immerhin war der Vorname gleich. Opa und Enkel hießen „Ferdinand“.

Die Sache mit dem falschen Namen hatte große Folgen, denn Zeit seines Lebens wollte Ferdinand Piëch beweisen, dass er ein richtiger „Porsche“ ist, der wahre, kongeniale Erbe des „Käfer“-Erfinders. Besser jedenfalls als jeder aus dem anderen Zweig der Dynastie unter seinem Cousin Wolfgang Porsche. Und allemal besser als jeder andere aus der deutschen Automobilwelt.

So führte der Spross der Sippe über Jahrzehnte im Grunde einen extremen Kampf um extreme Anerkennung, einen nie enden wollenden Feldzug. Das hob ihn ab von der Menge bloßer Wirtschaftsplanerfüller, ließ ihn auch zum Manischen werden, zum Sonderling, dem ökonomisch gleichwohl Großes gelang: die Wiederbelebung der damaligen Seniorenmarke Audi in den 1980er-Jahren und schließlich, von 1992 an, die globale Expansion des Volkswagen-Konzerns mit immer mehr Marken und immer mehr Rekorden.

Am Ende baute niemand mehr Autos auf der Welt als die Firma in Wolfsburg, und als das Ziel erreicht war und Machtkämpfe mit unverstellter Wucht ausbrachen, war sie zu Ende, diese Karriere eines Kauzes und Kriegers.

Irgendwie passend, dass das ungewöhnliche Leben des österreichischen Unternehmer-Techniker-Managers am vorigen Sonntag höchst ungewöhnlich endete: Nach einem Kollaps in einem Restaurant, der Residenz Heinz Winkler in Aschau im Chiemgau, verstarb Piëch im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus.

Wie immer bei einem ganz Großen der deutschen Wirtschaftsgeschichte häufen sich die Lobesbezeugungen und Erinnerungen. Er hatte, gleich, was man von ihm hielt, eine singuläre Stellung.

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Die akademische Form liefert der bekannte Wirtschaftshistoriker und Buchautor Werner Plumpe von der Universität Frankfurt/Main. Für ihn war Ferdinand Piëch „zweifellos die Symbolfigur für den Erfolg der deutschen Automobilindustrie seit den 1990er-Jahren“. Das habe viel mit der Sanierung von VW zu tun, vor allem aber mit einer „kompromisslosen Qualitätsorientierung“.

Mit seiner Person verbinde sich die Botschaft, dass technische Qualität und wirtschaftlicher Erfolg zwei Seiten einer Medaille seien – es also nicht um den schnellen Gewinn gehe wie beim Shareholder-Value, der in diesen Tag selbst in den USA aus der Mode kommt.

Nicht alles sei bei Ferdinand Piëch erfolgreich gewesen, in der Summe aber schon, findet der Professor aus Frankfurt. Der internationale Erfolg des VW-Konzerns, ja der gesamten deutschen Autoindustrie, sei in seiner Bedeutung für den Standort Deutschland gar nicht zu unterschätzen.

Die Bilanz von Plumpe: „Für die moderne Unternehmensgeschichte sind Typen wie Piëch absolut prägend gewesen, auch mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung eigener Vorstellungen.“

Die pragmatisch-professionelle Form der Würdigung liefert der frühere VW-Chef Bernd Pischetsrieder, der von seinem einstigen Vorgesetzten rüde rausgeworfen worden war („Zu spät habe ich erkannt, den Falschen gewählt zu haben“). „Wir waren uns in einigen wenigen Punkten nicht einig, aber ansonsten haben wir uns gut verstanden“, sagt Pischetsrieder im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Gegensätze hätte es bei beiden in Fragen des Führungsstils und über die Rolle der Stuttgarter Sportwagentochter Porsche gegeben. Nach seinem Ausscheiden in Wolfsburg sei der Kontakt zwischen Piëch und ihm nie abgerissen. „Deshalb gibt es keinen Grund, etwas Negatives über Ferdinand Piëch zu sagen“, betont Pischetsrieder. Der VW-Teilhaber sei zwar kein einfacher Vorgesetzter gewesen, die klare und direkte Linie habe er aber „immer geschätzt an ihm“.

Winfried Vahland, der frühere Vorstandschef der tschechischen VW-Tochter Skoda, äußert sich ebenfalls durch und durch positiv über den verstorbenen Automanager. Er vergleicht Piëch sogar mit automobilen Größen wie Henry Ford und eben dessen Großvater Ferdinand Porsche. „Piëch gehört zu den größten Automanagern aller Zeiten, auch als Ingenieur und als Erfinder“, sagt er. Piëch habe in die Industriegeschichte eingehen wollen – und dies auch erreicht.

Mit diesen Autos hat Ferdinand Piëch den VW-Konzern geprägt
Porsche Typ 356 2
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Im Wagen: Ferry Porsche; Kinder v.l.n.r.: Ferdinand Piëch, Sohn von Ghislaine Kaes (nicht sicher, ob Edwin oder Phillipp), und Michel Piëch. Über den gelernten Maschinenbau-Ingenieur und Enkel des legendären Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche hört man oft, er habe „Benzin im Blut“. Die Leidenschaft des Autonarren und Technikfreaks erschöpfte sich indes nicht nur in Fantasien. Piëch bewies immer wieder Stehvermögen, konnte seine Ideen trotz Gegenwinds langfristig durchboxen und den Spieß gegenüber Gegnern und Kritikern umdrehen ...

(Foto: PR)
Benzin im Blut – VW-Patriarch Ferdinand Piëch
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Vorstandsmitglied (Technische Entwicklung) Ferdinand Piëch steht auf diesem Archivbild von 1982 neben einem Audi 100. Am 17. April 1937 wurde der VW-Aufsichtsratsvorsitzende in Wien geboren. Er galt als leidenschaftlicher Auto- und Technikfreak. Neun Jahre lang – von 1993 bis 2002 – stand er an der Spitze des Wolfsburger Autobauers Volkswagen, danach wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrates. „Autos bauen“ nannte er einmal als sein größtes Hobby. Das hat der Österreicher fast sein ganzes Leben lang getan: erst bei Porsche und Audi, dann bei VW.

(Foto: dpa)
Porsche Bergspyder 909
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Ferdinand Piëch ist auf diesem Bild mit dem Porsche Bergspyder 909 aus dem Jahr 1968 zu sehen. „Burli“, wie er genannt wurde, wuchs mit Autos auf: Sein Vater leitete in der NS-Zeit das Werk in Wolfsburg, das von Käfer- auf Kriegsproduktion umgestellt wurde. Großvater und Onkel Ferry konstruierten nur wenige Jahre nach Kriegsende die ersten Sportwagen, auf VW-Basis. Mutter Louise übernahm den VW-Import nach Österreich. So war es kein Wunder, dass Autos auch das Berufsleben von Piëch bestimmten.

Gulf Porsche 917
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In Zürich studierte Piëch Technik an der ETH, schloss mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren 1962 ab und ging zu Porsche in die Versuchsabteilung. Piëch machte Blitzkarriere: nach vier Jahren als Abteilungsleiter und nach weiteren fünf Jahren als technischer Geschäftsführer. Piëch war technikbesessen, er baute etwa die Rennmaschine Porsche 917.

Porsche 917
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Der Porsche 917, hier beim Einsatz im 24-Stunden-Klassiker von Le Mans im Jahr 1971, war ein riesiger Imageerfolg für die Sportwagenschmiede. Das extrem schwer beherrschbare und leichtgewichtige PS-Monster spielte praktisch mit der Konkurrenz in den Rennsaisons 1970 und 1971. 14 Rennnsiege wurden allein in diesen beiden Jahren verbucht.

(Foto: picture-alliance / ASA)
Abschied von Porsche
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1972 musste Piëch Porsche verlassen, weil die Familien Porsche und Piëch nach Querelen beschlossen hatten, kein Familienmitglied dürfe mehr bei dem Sportwagenbauer arbeiten. Der Techniker wechselte in den VW-Konzern, zu Audi. Der Aufsichtsrat der Audi NSU Auto Union AG ernannte ihn im Sommer 1975 zum Vorstandsmitglied für den Geschäftsbereich Technische Entwicklung.

(Foto: picture-alliance - dpa)
Bei Audi in Ingolstadt
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Auch bei Audi setzte Piëch seine Ideen durch: Allradantrieb, TDI-Motor, rostfreie Karosserie. Piech machte Audi zu einer Perle im VW-Konzern, 1988 wurde er Chef in Ingolstadt. Am 9. Januar 1990 präsentierte er im Werk Ingolstadt den Jubiläumswagen, einen Quattro. Seit Anlauf der Produktion im Jahr 1965 wurden in dem Werk sieben Millionen Autos der Marke Audi produziert.

(Foto: dpa)

Ein früheres VW-Vorstandsmitglied hebt zwar ebenfalls die positiven Seiten hervor. So habe Piëch mit seinen hohen Qualitätsansprüchen die gesamte Automobilbranche vorangetrieben. Gleichwohl habe er „keine Freunde“ gehabt und im persönlichen Umgang „autistisches Verhalten“ gezeigt.

Auch von anerkannten Kollegen aus dem eigenen Umfeld habe er sich abgewendet, wenn Piëch dafür die Notwenigkeit gesehen habe. Auffällig sei gewesen, dass sich Piëch als gewiefter Machtmensch gegeben habe. „Für einen Ingenieur ist das erstaunlich“, erklärt der frühere VW-Vorstand.

Das Leben des Ferdinand Piëch wird von diesen beiden Seiten bestimmt: von der Sonnenseite des technischen Genies, das auf Dinge kommt, die anderen verschlossen bleiben – und von der dunklen Seite, die Empathie für Mitmenschen ausschließt, die immer nur in einem System von oben und unten, von „perfekt“ und „minderwertig“ denken lässt. Eine Lichtgestalt also in Fragen des Motors, eine Schattenfigur in Fragen der Moral.

Piëch handelte ganz nach dem alten Flick-Motto: „Ich möchte innerhalb eines Jahres schwarze Zahlen sehen – oder neue Gesichter.“ Sein Harmoniebedürfnis sei begrenzt, analysierte er einmal selbst, er sei eben „nicht leicht verträglich“.

Die Härte, die er sich selbst auferlegte, zeigte er auch im Umgang mit anderen. Früh hatte sich Piëch weit entfernt gefühlt von den weichen, kunstsinnigen Mitgliedern des Porsche-Clans, die oft die Waldorf-Schule besuchten.

Er aber, der Sohn der ehrgeizigen Louise Piëch , die über den VW-Vertrieb in Österreich bestimmte und so exklusiv Ruhm und Reichtum anhäufte, musste allein den Weg zur Selbstverwirklichung finden, wobei er den Zustand des wirklichen Glücks vermutlich nie gefunden hat. Die harte Zeit im Internat im schweizerischen Zuoz erinnerte der Legastheniker mit einem drastischen Spruch: „Ich bin als Hausschwein aufgewachsen und musste als Wildschwein leben.“

Klar, dass in dieses Schema einer wie José Ignacio López ganz wunderbar passte, der mit ihm das Projekt der Gesundung von Volkswagen anging. Der frühere Topmanager von Opel brachte Mitstreiter und Dokumentenkisten mit und verteilte eine Fibel: „Feeding the Warrior Spirit“. Da war er in Wolfsburg an der richtigen Adresse, und der juristische Streit mit der damaligen Opel-Mutter General Motors wurde elegant per Vergleich geregelt.

Am Ende zählte ja auch: plus 72 Prozent beim Absatz auf 5,084 Millionen Fahrzeuge, plus 126 Prozent beim Umsatz, Belegschaft plus 28 Prozent auf 326.000 Mitarbeiter und fast drei Milliarden Euro Gewinn nach 992 Millionen Verlust.

So rekapitulierte Piëch in seinem Buch „Auto.Biographie“ seine Jahre als CEO von Volkswagen. Das war die „Salzburg-Kurve“. Seine Kurve, die eines klarmachen sollte: Der Enkel Ferdinand war so gut wie sein Großvater Ferdinand. Ein Piëch hatte es geschafft, so gut wie Porsche zu sein.

1982 präsentiert er stolz die Auszeichnung „Goldenes Lenkrad“. Quelle: dpa
Audi-Vorstand Ferdinand Piëch

1982 präsentiert er stolz die Auszeichnung „Goldenes Lenkrad“.

(Foto: dpa)

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte der langjährige Patron von VW im Hintergrund. Auf dem Podium der Hauptversammlung in der Stuttgarter Porsche-Arena verzog er im Mai 2017 keine Miene. Es war sein letzter Besuch auf der Aktionärsversammlung der Porsche SE. Während sein Bruder Hans-Michel und sein Cousin Wolfgang Porsche sich den Fotografen stellten, blieb der Krieger von einst auf seinem Platz in der hinteren Bankreihe.

In der Sitzung hinter verschlossenen Türen hatte Piëch seinen Lieblingsfeind Wolfgang Porsche weitgehend ignoriert, wie ein Mitglied der Familie anschließend berichtete. Es war eben unvergessen, wie Piëch zwei Jahre zuvor rabiat aus dem Aufsichtsrat von Volkswagen gedrängt worden war, und das nach zwölf Jahren an der Spitze der Kontrolleure und nach neun Jahren zuvor als CEO.

Immer hatte Ferdinand Piëch die Richtung vorgegeben. Jeder aus der Familie oder bei VW mag seine Meinung gehabt haben, entscheidend war aber die Ansicht von „FePi“, wie er familienintern genannt wurde. Größere Einwände oder sogar Widerspruch duldete er nicht. Piëch konnte durchaus eisig in Fragen der Machtausführung sein, ein langjähriger Vertrauter spricht sogar von „Menschenverachtung“. Nur der Erfolg einigte, Misserfolg führte auf Dauer zur Trennung.

Das Umfeld war also gut beraten, ihm zu folgen. Wo er wirkte, war Wachstum, prosperierten die Unternehmen. Beispiel Porsche 917: Mit dem Fahrzeug wollte Piëch vor 50 Jahren, damals Entwickler im familieneigenen Porsche-Betrieb in Stuttgart, unbedingt das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnen, die härteste Prüfung für Mensch und Maschine. Doch die Verantwortlichen bei Porsche lehnten zunächst ab, erst als Piëch selbst in Le Mans in den Wagen stieg und eine Runde in Rekordzeit absolvierte, gaben sie den Widerstand auf. Aus solchem Stoff sind Legenden.

Der 917 sei „das Risiko meines Lebens“ gewesen, befand Piëch, der bei Porsche nach einer der üblichen Familienstreitigkeiten gehen musste, sich dann selbstständig machte und kurz danach 1972 bei Audi anheuerte. Hier avancierte er rasch zum Entwicklungschef und von 1988 an zum Vorstandschef.

Die Innovationen des Diplom-Ingenieurs reüssierten: Allradantrieb Quattro, Aluminiumkarosse, poppiges Image. Um das lädierte Image aufzupolieren, ließ Piëch in einem Werbespot einen Audi die Skischanze hochfahren. Die VW-Tochter wurde zum Herausforderer für BMW und Daimler.

Bei seinem Aufstieg setzte Piëch auf strenge Hierarchie. Er ließ sogar eigens einen Aufzug einbauen, der exklusiv für ihn zwischen den Stockwerken der Ingolstädter Audi-Zentrale verkehrte. Schon damals galt: Wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Freund oder Feind? Loyal oder illoyal?

Piëch (vorne) mit Cousins aus dem Porsche-Clan. Quelle: Pressebild
Familientreffen

Piëch (vorne) mit Cousins aus dem Porsche-Clan.

(Foto: Pressebild)

An zwei großen Feinden im Management arbeitete sich Piëch ab. Erfolgreich bei Wendelin Wiedeking, der in den 1990er-Jahren Porsche saniert hatte und dann auf die Napoleon-Idee verfiel, in Wolfsburg einfallen und den ganzen VW-Konzern übernehmen zu wollen. Piëch fädelte die Fusion der beiden Unternehmen ein und rettete so auch das Vermögen seiner Verwandtschaft.

Den Abgang Wiedekings kündigte er lustvoll mit einem seiner bedeutungsschweren Halbsätze an, wofür er schon mal das Wort „Guillotinieren“ benutzte. Auf die Frage, ob der Porsche-Chef sein Vertrauen genieße, antwortet Piëch: „Zurzeit noch. Streichen Sie das ‚noch‘!“

Weniger glücklich lief am Ende die Fehde mit Martin Winterkorn, seinem langjährigen Paladin, der ihm als CEO von Audi und Volkswagen gefolgt war. Gegen den „Alten“ aus Salzburg wollte Winterkorn lange nicht rebellieren.

Er wusste, dass der misstrauische Piëch im VW-Konzern ein Netz von Vertrauten über die Hierarchiestufen hinweg unterhielt. Sie versorgten ihn mit Interna. Als dann vor sechs Jahren im Umfeld der Internationalen Automobilmesse Gerüchte über Piëchs Gesundheitszustand aufkamen, vermutete der Patron, sie seien aus dem Umfeld Winterkorns gestreut worden. Das Verhältnis war zerrüttet.

Doch Anfang 2015 funktionierte das Guillotinieren mit ein paar Verbalattacken nicht mehr. Piëchs Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ fiel auf ihn selbst zurück. Nach einem Zoff im Gesellschafterkreis legte er sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender nieder und zog sich zurück. Familie, Land und Betriebsrat – alle waren plötzlich auf Distanz zu Ferdinand Piëch.

Winterkorn hielt sich noch ein paar Monate im Amt, ehe er mit dem Aufkommen von „Dieselgate“ gehen musste. Nun erklärt der Manager: „Die gemeinsame Arbeit mit Ferdinand Piëch war stets freundschaftlich und inspirierend. Für seine Unterstützung war und bin ich ihm sehr dankbar.“ Mit großer Bestürzung hätten er und seine Frau die Nachricht von seinem Tode erfahren.

Es kann festgehalten werden: Sein Großvater Ferdinand Porsche hat mit dem Käfer die Basis von Volkswagen geschaffen. Ferdinand Piëch wiederum hat den modernen Konzern von heute maßgeblich geprägt und beeinflusst.

Vieles, was bei dem Autohersteller heute eine Selbstverständlichkeit ist, geht auf die Arbeit von Piëch zurück. Unter seiner Führung wurden bei Audi etwa der Fünf-Zylinder-Motor, außerdem der Diesel mit Direkteinspritzung und der Quattro-Allradantrieb eingeführt. Dass Audi den Aufstieg zur Premiummarke und einen tiefgreifenden Imagewandel geschafft hat, dafür darf sich die Ingolstädter Volkswagen-Tochter bei Ferdinand Piëch bedanken. Bei dem Mann, der als begnadeter Techniker galt.

Der junge Ferdinand Piëch mit Ferry Porsche. Quelle: Pressebild
Lernen vom legendären Onkel

Der junge Ferdinand Piëch mit Ferry Porsche.

(Foto: Pressebild)

Piëch sorgte dafür, dass der Autohersteller aus der niedersächsischen Provinz zum Weltkonzern aufstieg. Ein Unternehmen, das heute auf einen Jahresumsatz von 235 Milliarden Euro kommt und mehr als 650.000 Beschäftigte hat. Mit knapp elf Millionen im Jahr produzierten Fahrzeugen hat Volkswagen den japanischen Konkurrenten Toyota überholt und ist zum weltgrößten Automobilhersteller aufgestiegen.

Ferdinand Piëch war der Treiber, der den Aufstieg der tschechischen Tochter Skoda wesentlich vorantrieb. Piëch war es, der die prestigeträchtigen Automarken Bentley und Bugatti kaufte. Volkswagen hat dadurch heute im Luxussegment viel zu bieten.

Er war es auch, der die Lastwagenhersteller MAN und Scania in den Konzern hineinholte. Zuvor pflegten die Lkws bei Volkswagen nur ein Schattendasein. So sorgte Piëch mit seinen Zukäufen dafür, dass der Konzern heute bei den Lastwagen zu den ganz Großen in der Branche gehört. MAN und Scania wurden später unter dem Dach von Traton verschmolzen, erst vor wenigen Wochen ist die Lkw-Holding an die Börse gegangen.

Berühmt war der Techniker Piëch für seine Detailversessenheit. Alles am Auto musste passen, korrekt montiert und verarbeitet sein. Besonderes Augenmerk legte er auf die Fugen im Autobau, die sogenannten Spaltmaße. Der Abstand von Tür und Motorhaube zum Karosserie-Rahmen musste immer gleich sein, für Piëch („Fugen-Ferdi“) war das der Maßstab wahrer Qualität im Auto.

Besonders die Marke Volkswagen bekam dadurch höhere Imagewerte, die Autos aus Wolfsburg hatten im Vergleich zu den Modellen anderer Massenhersteller wie Renault und Fiat einen klaren Vorteil.

Das Lebenswerk des langjährigen Volkswagen-Chefs ist also – was Autos und Umsätze angeht – beeindruckend und respekteinflößend. Es hätte genügend Gründe gegeben, im Frieden bei Volkswagen und bei Porsche auszuscheiden.

Nach dem Rückzug wurde es still um Ferdinand Piëch. Manchmal machte er sich einen Spaß und fuhr bei einer Veranstaltung vor seinen Familienmitgliedern im Maybach aus einem Konkurrenzkonzern vor – ganz nach dem Motto: Das sind Autos, die wirklich Spitze sind. Der große Alte von VW liebte Symbolpolitik.

Ferdinand Piëch mit Ehefrau Ursula und Martin Winterkorn. Quelle: dpa
GTI-Treffen am Wörthersee

Ferdinand Piëch mit Ehefrau Ursula und Martin Winterkorn.

(Foto: dpa)

Im Großen und Ganzen aber führte er mit seiner Frau Ursula das Leben eines reisenden Rentners. Sie hatte– wie einst zuvor nur Mutter Louise – das Privileg, anderer Meinung sein und ihn auch korrigieren zu dürfen.

Vom Anwesen am Stadtrand von Salzburg brach Ferdinand Piëch gelegentlich zu Stippvisiten auf den Automessen auf. Aber er eilte dort nicht mehr im Tross der Familie zu den Ständen des Mehrmarkenkonzerns, er kam an den Publikumstagen. Sein Interesse galt dem Produkt, dem Automobil. Das war der Spiegel seiner Möglichkeiten, seiner Talente.

Eine seiner letzten öffentlichen Äußerungen datiert aus dem April 2017. Da riet er per „Automobilwoche“ den VW-Mitarbeitern: „Bitte vergessen Sie die Kunden nicht, sie sind für die Existenz des Unternehmens am wichtigsten.“ Das sollte heißen: Sie sind wichtiger als Machtspiele im Management.

Einen letzten Coup landete er im Frühjahr in Genf: Ferdinand Piëch erwarb ein Sondermodell der VW-Edelmarke Bugatti. Mit elf Millionen Euro ist der „La Voiture Noire“ der teuerste Neuwagen der Welt. Piëch lockte weniger der Rekordpreis als vielmehr die Technologie. Dem Vernehmen nach soll er noch wenige Tage vor dem Tod eine Ausfahrt mit dem Bugatti gemacht haben.

Das Leben einer Sphinx

Zeit seines Lebens war Ferdinand Piëch ein Mensch, der Rätsel aufgab. Selbst ihm freundlich gesinnte Weggefährten erlebten ihn als Sphinx – wie jene mystische Gestalt aus dem alten Ägypten, die als undurchschaubar gilt. Ein bleibendes Rätsel ist sein Wissen um die „Dieselaffäre“. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos hat den Konzern bislang 30 Milliarden Euro gekostet.

Heute ist klar, dass Piëch zumindest schon im Frühjahr 2015 von der Dieselaffäre gewusst haben musste, wie seine Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig belegt.

Er selbst machte dazu konkrete Angaben: Andere wichtige Aufsichtsratsmitglieder hat er nach eigener Aussage damals angeblich über die heraufziehende Dieselaffäre informiert – was die Genannten dementierten, darunter auch Wolfgang Porsche. Der Streit über diese Aussage ließ den Riss in der Familie noch größer werden. Was auch erklären dürfte, warum Ferdinand Piëch im Frühjahr 2017 begann, mit der Familie über den Verkauf seiner Porsche-Anteile zu verhandeln.

Piëch (rechts) mit seinem Cousin Wolfgang Porsche. Quelle: dpa
Schwieriges Verhältnis

Piëch (rechts) mit seinem Cousin Wolfgang Porsche.

(Foto: dpa)

Das letzte große Kapitel von Ferdinand Piëch im Volkswagen- und Porsche-Reich hatte begonnen. Der Verkauf seiner Anteile und der Rückzug aus dem Porsche-Aufsichtsrat waren die logischen Schritte einer Entwicklung. Ende 2017 verständigte sich Ferdinand Piëch dann tatsächlich mit dem Rest der Familie über den Verkauf seiner Anteile. Eine knappe Milliarde Euro dürfte er damals damit eingenommen haben.

Das war der Schlussakkord in der großen automobilen Karriere des Ferdinand Piëch. Sein Engagement bei Volkswagen und Porsche war schon zu diesem Zeitpunkt Geschichte.

Ganz zum Schluss hat Ferdinand Piëch der Nachwelt noch ein neues Faktum vermittelt, und zwar bezüglich der Frage nach der Zahl seiner Kinder. Das Privatleben war ohnehin nie ganz persönlich und privat gewesen, weil es im Clan der Salzburger immer auch politisch war – firmenpolitisch.

So war es hier ein großes Thema, dass Piëch zwölf Jahre lang mit der Schwägerin Marlene Porsche eine offene Beziehung gepflegt hatte und zwei Kinder zeugte. In einer Mitteilung des Familienjuristen heißt es nun, dass Ferdinand Piëch insgesamt 13 Kinder gehabt habe. Bislang war immer von zwölf Kindern aus vier Beziehungen die Rede gewesen.

So hat der Spinxhafte mit der Weltgeltung im Automobilwesen am Ende ein Kunststück vollbracht: ein Rätsel zu lösen und zugleich ein neues zu eröffnen. Wer ist Kind Nummer 1?

Mehr: Nach dem Tod des Auto-Managers sind die Fahnen der VW-Werke auf Halbmast gesetzt worden. Wirtschaft und Politik würdigen die Leistung von Piëch. Die Reaktionen im Überblick.

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