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Fitnessstudios „Ich wollte mit McFit die Nummer 1 werden, hatte aber keine Ahnung“

Rainer Schaller war ein schlechter Schüler. Heute ist er reich. Im Interview spricht der McFit-Gründer über sein Leben, Kritik an seinen Fitness-Studios und wie er mit der Loveparade-Katastrophe umgeht.
13.06.2019 - 12:06 Uhr Kommentieren
Rainer Schaller, der Gründer des Konzerns McFit
McFit-Gründer Rainer Schaller

„Warum die Medien immer denken, dass es bei McFit kein Personal gibt, weiß ich nicht.“ (Foto: Andreas Dörnfelder)

Der Boss von Europas größter Fitness-Kette steht in der Küche und schneidet Rindfleisch. Nicht irgendwelches, sondern feinstes Dry Aged Beef, das lange abgehangen ist. Nicht in irgendeiner Küche, sondern in der seiner riesigen Penthouse-Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg – ausgestattet mit einem eigenen Fitness-Studio.

McFit-Gründer Rainer Schaller: Das ist die Geschichte von McFit

Rainer Schaller hat mich zu sich nach Hause zum Mittagessen eingeladen, weil ich mit ihm über sein Leben sprechen will. Wie er vom Supermarkt-Lehrling zum Chef eines Konzerns wurde: mit rund 5.000 Mitarbeitern und mehr als zwei Millionen Kunden.

Ich will aber auch wissen, was er zu der Kritik von Leuten sagt, die sich über zu wenig Trainer in seinen Studios beschweren. Warum sein Unternehmen im Frühjahr mit extremen Sonderangeboten lockte, die bei genauerem Hinsehen deutlich teurer waren. Und schließlich – danach hatten viele Follower auf Instagram gefragt – wie er damit umgeht, dass vor neun Jahren 21 Menschen bei der Duisburger Loveparade umkamen, die er als Veranstalter ausgerichtet hat.

Es wird weit mehr als ein Mittagessen. Rainer und ich unterhalten uns fast drei Stunden lang. Wir führen ein intensives Gespräch, erst recht harmonisch, dann ziemlich konfrontativ – und schließlich sehr emotional.

Rainer, was warst du früher für ein Schüler?
Ein schlechter.

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    Warum?
    Ich war faul. Und ich habe den Sinn nicht gesehen. Ich hatte zum Beispiel fünf, sechs Jahre Latein. Was mache ich mit Latein, wenn ich kein Apotheker und kein Arzt werde? Es war für mich so schwer, Latein zu lernen. In der 9. Klasse bin ich schließlich sitzen geblieben.

    Hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht?
    Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht und nicht gelernt. Nach der 10. Klasse bin ich dann runter vom Gymnasium, habe eine Ausbildung gemacht und ich habe es nicht bereut.

    Dein Bruder hat derweil Medizin und Musik gleichzeitig studiert. Wie hat sich das für dich angefühlt?
    Einen Intelligenten braucht die Familie. Das ist mein Bruder. Für mich war das kein Problem. Ich wollte arbeiten. Ich bin zu Hause aufgewachsen, bei meiner Mama im Laden. Mein Papa war bei Siemens. Da war für mich klar, dass ich Lebensmittel machen will.

    Hast du dich nie mit deinem Bruder verglichen?
    Nein. Dadurch, dass wir so unterschiedlich waren – ich hab‘ nur Sport gemacht, er hat nur Bücher gelesen – sind wir uns nie in die Quere gekommen und haben uns kaum gestritten.

    Du hast Einzelhandelskaufmann bei Edeka gelernt. Warum Kaufmann? Konntest du gut rechnen?
    Das konnte ich. Kann ich auch heute noch. So was wie Geometrie hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. Aber ich kann kalkulieren. Das kann ich relativ schnell im Kopf.

    Wann hast du angefangen, ehrgeizig zu werden?
    Weiß ich nicht.

    Irgendwann muss der Ehrgeiz aber gekommen sein. Nach zehn Jahren bei Edeka warst du mit 27 Chef von vier Märkten.
    Ich glaube nicht, dass das was mit Ehrgeiz zu tun hat, sondern eher mit dem Spaß daran, etwas Eigenes zu haben. Wenn dir etwas leicht von der Hand geht, dann bleibst du dran.

    Wie lange standest du bei Edeka im Laden?
    Als ich das Arbeiten angefangen habe: Kaum unter 100 Stunden in der Woche.

    100 Stunden die Woche? Was hast du denn alles gemacht?
    Ich bin um 3 Uhr aufgestanden, auf den Markt gefahren und habe Obst und Gemüse gekauft. Dann habe ich das bis 8 Uhr in den Märkten verteilt. Dann die Bestellung für den nächsten Tag. Um 10 hab‘ ich ‘ne Stunde geschlafen. Und dann in der Mittagspause die Leute abgelöst. An der Kasse, in der Bäckerei, in der Metzgerei. Wenn damals um 18 Uhr der Laden zu war, habe ich weiter gearbeitet bis 20 oder 21 Uhr. Dann trainiert. Und geschlafen.

    Was ist das Entscheidende, um einen Supermarkt erfolgreich zu machen?
    Dass du zufriedene Kunden hast.

    Okay: Was macht die Kunden zufrieden?
    Dass sie mit einem Einkauf alles abdecken können. Ich hatte mal eine Rechnung mit der Metzgerei gemacht. Ergebnis: Da kann man kein Geld verdienen. Trotzdem braucht man’s. Nimmst du die Metzgerei raus, bist du kein Vollsortimenter mehr. Dann begibst du dich auf die Ebene der Discounter. Und dann bist du nur noch im knallharten Preiswettbewerb.

    Wie schafft man es, dass die Kunden im Supermarkt mehr Geld ausgeben?
    Indem man Kinderschokolade nicht auf 1,60 Metern platziert, sondern auf 60 Zentimetern. Solche Sachen habe ich bis ins kleinste Detail gelernt. Die meisten Menschen sind Rechtshänder, also orientiert man alles rechts. Die Metzgerei packt man ganz nach hinten, damit Kunden alle Abteilungen durchlaufen. Obst am Anfang ist ein Stopper, damit die Leute nicht durch den Markt rennen – denn dann nehmen sie nichts wahr. Oder die Käsetheke…

    …was entscheidet da?
    Die meisten Kunden fragen, welcher Käse im Sonderangebot ist. Aber an dem verdienst du kaum was. Ich habe gelernt, wie man’s macht: Du schneidest ein Stück von einem besonders guten Käse ab und sagst: Probier‘ doch erstmal. Dann sagt der Kunde: Oh, der ist aber gut. Ja, der ist aber nicht im Sonderangebot. Und wenn du dann noch empathisch rüberkommst, hast du schon 150 bis 200 Gramm etwas besser kalkulierten Käse verkauft.

    Wie wichtig war diese Schule für dein späteres Geschäft mit den Fitness-Studios?
    Elementar. Als ich Anfang der 1990er Jahre in die Branche kam, waren da viele aus der Rotlicht-Szene oder ehemalige Bodybuilder. Alles klein und auf das Thema Kraftsport ausgerichtet. Es gab kaum Ketten. Ich glaube, Kieser war die einzige, an die ich mich erinnere, die heute noch da ist.

    Stimmt es, dass du auf dem Dachboden deiner Eltern ein illegales Fitness-Studio eröffnet hast?
    Halb illegal. Ich habe mit ‘nem Kumpel ein paar Bretter vom Baumarkt vor die Isolierung genagelt. Und wir haben einfach ein paar Geräte reingestellt. Gebraucht, aber Qualitätsgeräte. Die habe ich für etwa 15.000 Mark von Frank „The Bank“ gekauft, dem damaligen Weltmeister im Bankdrücken, als der insolvent war. Weiter gab es nichts, keine Toilette, keine Umkleide.

    Du hast Kumpels eingeladen, für 15 Mark pro Monat bei dir zu trainieren. Sind die alle bei euch durchs Wohnzimmer gelaufen?
    Nee, durch den Laden von der Mama. Das war halt früher so. Man hat oberhalb vom Geschäft gewohnt. Als Frank „The Bank“ dann mal kam, oben mit 300 Kilo Kreuzheben gemacht hat und die Hantelscheibe fallen ließ, dann haben im Schrank meiner Eltern die Gläser gewackelt.
    Was wolltest du mit dem Studio auf dem Dachboden erreichen?
    Ich wollte ausprobieren, wie wenig Menschen für Fitness-Sport brauchen und was wirklich wichtig ist. Andere holen sich Berater, schreiben ein Papier. Ich wollte es lieber ausprobieren. Ich ahnte es eigentlich schon, ich hatte den Sport selbst schon mit 15 gemacht und wusste, wie wenig man braucht. Aber ich wollte einfach sehen, ob das auch für Frauen gilt, für Normalos, die vorher den Sport noch nicht gemacht haben.

    Was war das Ergebnis deines Versuchs?
    Toilette brauchste.

    1997 hast du in Würzburg eine alte Möbelhalle umgebaut und dein erstes richtiges Studio eröffnet. Wie haben deine Eltern reagiert?
    Die waren schockiert. Das Wort Fitness gab es ja noch nicht. Das war immer Bodybuilding. Meine Eltern dachten an Arnold Schwarzenegger. An Menschen, die vor Geräten schwitzen. Es war, als hätte ich ein Solarium aufmachen wollen. Das war überhaupt nicht anerkannt.

    Wie hast du deine Eltern überzeugt?
    Gar nicht. Ich hab’s selbst gemacht.

    Haben deine Eltern dich unterstützt?
    Nein, nie finanziell.

    Wie viel Geld hat das erste Studio gekostet und wie hast du es zusammen bekommen?
    Das waren vielleicht 150.000 Mark. Ich habe einen Edeka-Markt verkauft und das Geld da rein gesteckt. Einen Bank-Kredit bekam ich nicht. Ich hatte kein Personal. Und ich hab‘ im Studio geschlafen. Wochenlang. Ich hatte keine Wohnung. Im Büro stand ein Stockbett, meistens hat noch ein Kollege mit im Studio gewohnt. Das ging anderthalb Jahre so.

    Du bist direkt mit dem Namen McFit gestartet. Wie kamst du drauf?
    Wir hatten erst dran gedacht, das Studio „Schottenburg“ zu nennen. Die Schotten gelten ja als sparsam und trotzdem hat niemand was gegen sie. Aber Burg war nicht schön, weil man sich darin ja abschottet. Solche Diskussionen hatten wir. Und dann kam eines Tages meine Ex-Freundin vorbei und meinte: Nimm doch McFit. Keine Ahnung, wie sie darauf kam.

    Ab wann hast du daran gedacht, McFit als Kette aufzubauen?
    Vom ersten Studio an. Ich wollte der Aldi der Fitness-Branche werden und die Nummer 1 in Europa. Ich hatte keine Ahnung, wie ich da hinkomme. Aber ich habe einfach angefangen.

    Es gab damals schon Fitness-Studios. Aber Fitness war ein Randsport. Was haben die Studio-Betreiber von damals falsch gemacht?
    Ich kann dir sagen, was wir richtig gemacht haben: Dass wir gesagt haben, der Sport ist eigentlich nicht Bodybuilding, sondern Fitness. Das ist keine Qual, sondern das macht Spaß und das kann sich jeder leisten. Diesen Ansatz hatte damals aus meiner Sicht niemand.

    Du hast McFit lange im Verborgenen wachsen lassen und keine Zahlen veröffentlicht. Warum so heimlich?
    Wenn man in einen bestehenden Markt kommt und ein bisschen Erfolg hat, versucht die Konkurrenz natürlich, das schlecht zu reden. Damit war der Ruf immer gespalten. Die Leute, die zu uns kamen, waren immer Fans. Die, die nie da waren, haben nicht so gut gesprochen.

    2016 hat dein Unternehmen 246 Millionen Euro Umsatz gemacht und dabei 54 Millionen Euro vor Steuern verdient. Das sind 22 Prozent Gewinn-Marge! Wie geht das?
    Indem man das, was man verdient, auch wieder zurück in die Firma steckt. Und du musst dem Kunden für das, was er zahlt, eine tolle Leistung bieten. Dann kommt er wieder.

    Umsatz und Gewinn

    Liegt es nicht auch daran, dass du extrem auf die Kosten achtest?
    Welcher Unternehmer schaut denn nicht auf Kosten? Er muss ja auf Kosten schauen, damit er seinen Kunden auch wieder was Gutes bieten kann.

    Was ist das Teuerste an deinen Studios: die Miete, die Geräte oder die Mitarbeiter?
    Ausgewogen.

    Wirklich? Ich hatte auf die Miete oder die Geräte getippt.
    Warum die Medien immer denken, dass es bei McFit kein Personal gibt, weiß ich nicht. Ich verstehe es nicht. Es ist nämlich anders. Es ist so, dass wir 20 bis 30 Mitarbeiter allein in einem McFit haben.

    Wenn ich bei McFit trainiere, kommt es schon mal vor, dass ich keinen einzigen Trainer sehe. Und wenn ich den Knopf am Eingang drücke, dauert es dann Minuten, bis jemand kommt.
    Das ist aber auch kein Trainer, das ist eine Service-Kraft, die dann kommt oder dich reinlässt, wenn du deine Karte vergessen hast.

    Manchmal kommt auch jemand von irgendwoher von der Trainingsfläche – aber das dauert. Vielleicht schreiben Medien deshalb, dass McFit am Personal spart?
    Wir sparen nicht auf der Trainingsfläche. Du wirst dort immer einen Trainer finden. Nicht in der Nacht, klar. Und natürlich tut man sich auch schwerer, einen Trainer zu finden, wenn 80 Leute trainieren, als wenn nur acht da sind. Ich glaube aber, die Fitness-Branche hat ein Problem.

    Welches denn?
    Dass manche Leute glauben, es müsste immer ein Trainer nebendran stehen. Wo ist denn auf dem Golfplatz ein Golftrainer? Der steht nur dann nebendran, wenn du ihn bezahlst.

    Ohne eine richtige Einführung kann man sich verletzen.
    Aber die bekommst du ja bei uns. Sie ist nicht verpflichtend, klar, du kannst auch einfach so loslegen. Aber ein bisschen Eigenverantwortung sollte man den Menschen schon zutrauen.

    Wie viele Mitglieder brauchst du, damit sich ein Studio rechnet?
    Von 2.000 bis 5.000. Es kommt drauf an, in welcher Lage und welches Konzept es ist, also McFit, JohnReed oder High5.

    Bei einer John Reed-Eröffnung in Kiel hieß es, dass auf den 2.000 Quadratmetern etwa 8.000 Mitglieder Platz haben. Vier Verträge pro Quadratmeter: Ist das die Größenordnung, mit der du kalkulierst?
    Ja. Man kann es auch umrechnen: Wir haben 300 Filialen mit circa zwei Millionen Mitgliedern.

    Das macht 6.700 Mitglieder pro Filiale. In manchen Studios ist es so voll, dass du weder ein Schließfach bekommst, noch halbwegs entspannt trainierst. Frankfurt-City ist so ein Beispiel. Habt ihr einen Plan, um das zu verbessern?
    Natürlich gibt es Studios, die voller sind als andere, logischerweise. Und daran arbeiten wir.

    Was könnte man da machen?
    Eine neue Filiale aufmachen.

    Ist das in Frankfurt-City geplant?
    Klar, suchen wir. Wenn du einen Standort hast: her damit. Aber in der Frankfurter Innenstadt geeignete Flächen zu finden, 2.000 bis 4.000 Quadratmeter, das ist nicht so einfach.

    Die Mieten sind extrem hoch. Vielleicht sogar so hoch, dass es sich am Ende gar nicht für dich rechnet. Warum solltest du dort überhaupt eine Filiale eröffnen?
    Nun, wir würden jetzt unter John Reed eröffnen. Und dann versuchen, auch mit Wellness reinzugehen.

    Der Mitgliedsbeitrag bei John Reed ist fast doppelt so hoch. Und mit einer einfachen McFit-Karte kommt man nicht rein. Mit anderen Worten: Es wird teurer.
    Es gibt viele, die ein Upgrade machen würden, weil es ihnen um die regionale Nähe geht. Wenn wir John Reed eröffnen, mit einem höherwertigen Konzept, wird sofort ein gewisser Anteil rübergehen und den Mehrpreis zahlen. Aber es werden auch welche bleiben.

    Ist es auch Teil deiner Strategie, dass du die zentralen McFit-Studios mit ihren höheren Mieten in John Reed Studios umwandelst?
    Die Tendenz geht ganz klar zu John Reed, aber umwandeln tun wir kaum noch Studios. Über den höheren Beitrag können wir ganz anders kalkulieren. Es wäre auch denkbar, im gleichen Haus noch zusätzlich einen John Reed aufzumachen. Beide würden funktionieren. Der Markt hat sich verändert. Es ist nicht mehr die Fitnesshalle für alle. Wer will schon immer das gleiche Auto fahren? Das wäre ja wie im Kommunismus.

    Im Januar hat McFit mit einem Sonderangebot von 4,90 Euro pro Monat geworben. Mit allen Zusatzbedingungen und Laufzeit kam man aber auf monatlich 19,01 Euro. War das ein Lockangebot?
    Nee. Wenn du außerhalb der Aktion einen Vertrag unterschreibst, dann zahlst du ja mehr als die 19,01 Euro.

    Beim Standardvertrag läuft es ähnlich: Da werbt ihr mit 19,90 Euro. Mit allen Zusatzgebühren sind es aber im ersten Jahr 24,82 Euro, also 25 Prozent mehr.
    Ich habe mich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, du müsstest also unseren COO fragen. Aber: Wenn Sky Werbung macht, dann sind auch Dinge drin, die dann noch on top kommen. Das ist aus meiner Sicht etwas ganz Normales.

    Aber warum muss das denn sein? Wenn du 24,82 Euro dranschreibst, ist es doch immer noch günstig.
    Das ist eine mühsame Geschichte. Dann müsstest du bei Sky auch hingehen und sagen: Ihr habt ein 29,90 Euro-Paket. Dann habt ihr noch einen Receiver, den man dazu nimmt und vielleicht noch diese Leistung und ich rechne das dann auf die Erstlaufzeit um.

    Mich hat es ehrlich gesagt überrascht. Am Anfang war bei euch alles so transparent und einfach und es gab eigentlich keine versteckten Kosten.
    Wie lange bist du schon Mitglied?

    Seit 12 Jahren.
    Okay, dann musst du auch sehen, was sich in den Filialen alles verändert hat. Zum Beispiel sind jetzt auch Live-Kurse dabei. Die Leistung, die wir jetzt bieten, kannst du nicht mit der von damals vergleichen. Wir haben vor 20 Jahren 30 Mark gekostet, also 15 Euro. Jetzt kostet das Ding 20 Euro, 22 vielleicht mit der Service-Pauschale. Von 15 Euro auf 22!

    Deswegen hätte ich auch überhaupt kein Problem damit, wenn der tatsächliche Preis groß dranstehen würde.
    Ich glaube, dass 19,90 Euro auch ein Schwellenpreis ist. Ich kenn‘ das von Edeka: Wenn du 1,99 Euro hast, ist das was anderes als 2,05 Euro. Das ist auch ein psychologisches Ding. Nur so wie du fragst, denkt man immer, dass alles so negativ belastet ist. Man kann es aber auch anders sehen: Was habt ihr vor 20 Jahren gekostet und was kostet ihr heute? Kauf‘ dir mal einen Audi und schau dir an, wie da in 20 Jahren die Preissteigerung ist. Wir haben halt unsere Philosophie. Und bisher fahren wir nicht schlecht damit.

    2006 hast du mit der Firma Lopavent die Organisation der Love Parade übernommen. 2010 kam es in Duisburg zur Katastrophe mit 21 Toten. Wie gehst du damit um?
    Es gibt einen Rainer Schaller vor der Katastrophe und einen danach.

    Wie unterscheiden sich die beiden?
    Das sind unterschiedliche Charaktere. So ein Ereignis verändert einen. Aber es ist natürlich nichts im Gegensatz zu dem, was Angehörige oder Verletzte durchmachen müssen. Ich bin nachdenklicher. Ich habe bei verschiedenen Religionen Antworten gesucht, war in Tibet, in Indien und in muslimischen Ländern. Aber ich habe bis heute noch keine Antwort gefunden.

    Warum nicht?
    Als Katholik habe ich gelernt: Alles Negative hat auch was Positives. Nur hab‘ ich hier noch nichts Positives erkennen können.

    Stehst du noch mit Angehörigen von Todesopfern und Verletzten in Kontakt?
    Seit dem ersten Tag. Alles koordiniert über die Notfallseelsorge. Das sind Treffen, die finden mit Verletzten und Angehörigen getrennt statt. Über Inhalte, das haben wir alle vereinbart, sprechen wir nicht öffentlich.

    Du bist als Veranstalter nicht angeklagt, warst aber sehr nah dran. Wer ist deiner Ansicht nach Schuld an der Katastrophe?
    Es ist richtig, ich war weder beschuldigt noch angeklagt. Um den Umstand bin ich auch froh. Ich trage aber eine moralische Schuld, ich bin der Geschäftsführer der Veranstaltungsfirma. Ohne mich hätte es die Loveparade nicht gegeben. Juristisch gesehen bin ich Zeuge und habe auch meine Aussage gemacht. Wer am Ende den Fehler gemacht hat – und die Katastrophe ist passiert, weil Menschen Fehler gemacht haben – müssen die Gerichte entscheiden.

    Das Landgericht Duisburg hat das Verfahren gegen sieben Angeklagte eingestellt. Die drei verbliebenen Angeklagten hoffen auf Freispruch. Im Moment stellt es sich so dar: Es gibt 21 Tote, aber keinen Schuldigen. Wie bewertest du das?
    Ich finde das für die Angehörigen, aber auch für die Verletzten fürchterlich. Ich wäre froh, wenn der Prozess viel früher begonnen hätte und eventuell auch schon denjenigen darstellen kann, der die Schuld hat. Zum Prozess selbst kann ich nichts sagen, denn ich bin Zeuge und kann jederzeit wieder geladen werden.

    Wie hat sich die Katastrophe auf dein Unternehmen ausgewirkt?
    Bei McFit hatten wir keine Umsatzeinbrüche. Aber natürlich waren alle Mitarbeiter davon betroffen, auch Mitglieder haben viel in den Studios nachgefragt. Wir haben auch hier mit der Seelsorge große Arbeit geleistet und mit den Mitarbeitern gesprochen.

    Hast du nach 2010 in deiner Arbeit irgendetwas geändert?
    Das müsste man jetzt andere Fragen. Ich würde sagen: Nein. Mir ist nichts bewusst, denn ich bin ja immer noch die Person von vorher. Aber privat bin ich zurückgezogener geworden.

    Triffst du als Unternehmer anders Entscheidungen als vorher?
    Ich würde sagen: Nein. Was ich aber vor zwei Jahren gemacht habe: Ich bin aus dem operativen Geschäft raus und mehr in großen strategischen Projekten drin. Das ist eine große Veränderung für mich als Unternehmer gewesen, hat aber tatsächlich nichts mit dem zu tun, was auf der Love Parade passiert ist.

    Lass uns mal noch ein bisschen über die Zukunft reden. Du hast jetzt 300 Studios mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern. Hast du nicht irgendwann genug?
    Also ich bin noch nicht zufrieden, weil ich gerne noch zwei, drei Projekte umsetzen möchte. Allen voran Amerika, USA. Und das zweite ist The Mirai. Das ist das, was ich noch gerne machen würde. Alle anderen operativen Geschäfte habe ich ja bereits an Vito Scavo abgegeben.

    Was hast du in den USA vor?
    Ende des Jahres werden wir in Los Angeles ein Premium-Konzept eröffnen, wo wir mit einem Durchschnittsbeitrag von 250 Dollar reingehen. Danach kommen San Francisco, Dallas und später Berlin. Und wir sind noch in anderen Städten in Verhandlungen.

    Das wirkt wie das komplette Gegenteil zum ursprünglichen McFit.
    Es ist das Gegenteil. Wenn McFit der VW Golf ist, dann sprechen wir hier über einen Porsche Panamera. Wir bieten dort alles – von Sauna über Wellness, Schwimmbad, Roof Top-Bar, Restaurant, vielleicht kommt sogar ein Hotel dazu, eine Eiskältekammer, solche Dinge.

    Also alles Extras, die du früher als überflüssig und sogar nicht erfolgsversprechend angesehen hast.
    Da muss ich relativieren. Ich glaube, wenn du Fitness machen willst, brauchst du das auch heute noch nicht. Wenn du dich neben dem Fitness aber auch noch in Gesellschaft treffen willst, wenn du den Wellness-Faktor groß schätzt, dann muss das natürlich sein. Der Markt hat sich unheimlich differenziert. Was es mittlerweile gibt, ist die Nische von der Nische von der Nische. Man nennt das heutzutage Boutique-Konzept.

    Wie viele Mitglieder brauchst du für so ein Studio, damit deine Rechnung aufgeht?
    3.000.

    Dann hast du The Mirai angesprochen, das in Oberhausen entstehen und das größte Fitness-Projekt der Welt sein soll. War nicht dieses Jahr schon der Baubeginn geplant?
    Wir wollten nächstes Jahr eröffnen und versuchen das jetzt spätestens Anfang 2021. Das Problem ist, das alle mitmachen wollen und wir jetzt erstmal alles unter einen Hut bekommen müssen. Wir haben über 90 Absichtserklärungen von Firmen aus allen Branchen sowie der Fitness-Industrie.

    Und man soll dort kostenlos trainieren können?
    Ja.

    Ein Fitness-Studio mit freiem Eintritt?
    Es ist kein Fitness-Studio, sondern etwas, das es noch nicht gibt. Der Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hat es so ausgedrückt: Das wäre so, als wenn der FC Barcelona, Bayern München und Manchester United an einem gemeinsamen Ort ihr Trainingsgelände haben, Aus- und Weiterbildung machen, gemeinsam forschen und entwickeln.

    Wie willst du damit Geld verdienen?
    Ich glaube, es wird sehr schwer, ein Business-Modell draus zu machen. Wir wollen es nicht als großes Minus fahren, sondern eine schwarze Null haben. Das wäre unser Ziel.

    Wie soll diese schwarze Null zustande kommen?
    Teilweise durch die Vermietung der Flächen. Und über Sponsoring. Wir sprechen mit Auto-Konzernen über Bewegung von A nach B. Mit Energieversorgen über klimaneutrale Studios. Mit Telekom-Unternehmen über Digitalisierung der Fitness-Szene. Wenn es gelingt, die alle mitzunehmen, dann kann das Ganze zu etwas Großem werden.

    Als Supermarkt-Chef hast du damals 100 Stunden die Woche gearbeitet. Und jetzt?
    70 Stunden.

    Und wie oft machst du selbst noch Fitness?
    Ich schaff‘s noch drei, vier Mal die Woche, mache hauptsächlich Krafttraining und wenig Ausdauer, weil die Zeit einfach fehlt.

    Mehr„Gefahr eines langsamen Todes“: Fitnessstudios drohen massenhaft Insolvenzen

    Dieser Artikel ist am 13. Juni 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

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