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Gründerszene Christian Lüdtke ersetzt Kohle mit Ideen

Christian Lüdtke verließ das Ruhrgebiet für die Start-up-Szene in Berlin. Jetzt will er Gründer in seine alte Heimat locken und fördern.
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Der promovierte Volkswirt gilt als Querdenker. Quelle: Gründerallianz Ruhr
Christian Lüdtke

Der promovierte Volkswirt gilt als Querdenker.

(Foto: Gründerallianz Ruhr)

Essen, BerlinEin „Kind aus dem Pott“ nennt sich Christian Lüdtke. Unzählige rote Backsteine sind hinter ihm zu sehen. Sie bilden die Kokerei der Zeche Zollverein in Essen, in der einst Tausende Tonnen Kohle täglich verarbeitet wurden. Dass seine Heimat das Ruhrgebiet ist, merkt man dem 48-Jährigen kaum an. Anstatt in Geschichten über die alten Zeiten mit dem „schwarzen Gold“ zu schwelgen, spricht er lieber über Digitalisierung und Gründertum. Dabei trägt Lüdtke statt Anzug und Krawatte meist Kapuzenpullover und Jeans.

Der promovierte Volkswirt hatte seiner Heimat vor 20 Jahren den Rücken gekehrt und war in die Gründer-Hochburg Berlin abgewandert. „Das Ruhrgebiet war zu der Zeit noch Brachland, was Start-ups angeht. Da kam nahezu ausschließlich Berlin infrage“, erzählt er. Lüdtke arbeitete in Innovationsabteilungen verschiedener Konzerne und gründete die Digitalberatung Etventure, die Digitalstrategien für Unternehmen entwirft und Start-ups unterstützt. Doch er ist zurück in den „Pott“ gekommen.

Bei einem Gründer-Kongress hätte er Lüdtke 2016 kennen gelernt, berichtet Dirk Opalka. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir dieselbe Passion haben“, sagt der Chef des Initiativkreises Ruhr, eines Zusammenschlusses von 70 regionalen Unternehmen. Der Initiativkreis hatte zuvor die „Gründerallianz Ruhr“ ins Leben gerufen – mit Sitz in einem alten Zechengebäude neben der Kokerei der Essener Zeche.

Lüdtkes Gründer-Expertise kam da gerade recht. „Christian kennt das Start-up-Ökosystem wie kaum ein anderer und weiß genau, wie der Gründer-Standort Ruhrgebiet weiter gedeihen kann“, sagt Opalka. Und so wurde Lüdtke Chefkoordinator der Gründerallianz. Zu koordinieren gibt es zwischen Hamm und Duisburg einiges, denn anders als in Berlin oder dem Silicon Valley ist der Gründerstandort Ruhrgebiet auf 53 Städte verteilt. Lüdtke soll den Gründern eine zentrale Anlaufstelle bieten.

Einst aus dem Ruhrgebiet wegen verkrusteter Strukturen der alles beherrschenden Großindustrie geflüchtet, betrachtet Lüdtke dies heute als große Chance. „Dass das Ruhrgebiet durch die industriellen Datenschätze ein absolutes Alleinstellungsmerkmal hat, war uns von Anfang an klar“, sagt er. Erst aber mit der heutigen Technologie könne man daraus funktionierende Geschäftsmodelle entwickeln. Und so will Lüdtke Gründer locken, die etwa Algorithmen entwickeln, aber keine Daten zum Testen haben.

Lüdtke hat dafür mit der Gründerallianz den Data Hub geschaffen, einen Gründerwettbewerb, bei dem Unternehmen aus dem Ruhrgebiet ihre Datensätze zur Verfügung stellen, die eine intelligente Verarbeitung bräuchten – die sie aber aufgrund ihrer starren Strukturen selbst kaum entwickeln können. Start-ups können sich bewerben, um datenwissenschaftliche Antworten zu entwickeln und dabei von den Unternehmen und der Gründerallianz gefördert zu werden.

Der Data Hub geht im Juni in die zweite Runde. Wie das Handelsblatt erfuhr, werden aus Essen der Stahlbauer Thyssen-Krupp und der Spezialchemiker Evonik, die Duisburger Investmentholding Haniel sowie die Stadtwerke Herne ihre Daten zur Verfügung stellen.

Urknall für Start-ups

Geht es nach Lüdtke, ist der Data Hub erst der Anfang. Was er will, ist ein Start-up-Ökosystem im Ruhrgebiet, in dem schon an den Universitäten das Thema Gründung populär gemacht wird, es weitere Initiativen wie den Data Hub gibt und die Gründer letztendlich einen Company-Builder als Kaderschmiede durchlaufen können. „Nur so kann eine Vielzahl von Start-ups bereit für Investoren werden. Das haben die Samwers in Berlin ja vorgemacht“, sagt er.

Denn Kapitalgeber haben Start-ups aus dem Ruhrgebiet bisher kaum auf dem Zettel. Die Summe an frischem Kapital für Gründer war in Berlin im vergangenen Jahr fast mehr als zehnmal höher als in ganz Nordrhein-Westfalen. Damit die großen Geldgeber ihren Fokus auf das Ruhrgebiet legten, brauche es einen Impuls, im besten Fall einen Exit, glaubt Lüdtke: „so wie es in Berlin mit StudiVZ eine Art ‚Urknall des Start-up-Systems‘ gab“.

Die Gründerszene im Ruhrgebiet stecke noch in den Kinderschuhen, sagt auch Wilken Engelbracht, Partner beim Risikokapitalgeber Tengelmann Ventures in Essen: „Umso wichtiger ist es, dass pragmatische Kenner der Start-up-Szene wie Christian Lüdtke ihre Erfahrungen aus Berlin und anderen Teilen der Republik im Ruhrgebiet an den richtigen Stellen einbringen.“ Und sicherlich sei es auch ein Pluspunkt, dass Lüdtke ein Kind des Ruhrgebiets sei.

Lüdtkes Großväter schufteten beide unter Tage als Bergmänner. Sein Vater machte eine Lehre in einer Kokerei und arbeitete danach über 20 Jahre bei Krupp in Duisburg-Rheinhausen. Dass das Werk im Zuge der Stahlkrise Ende der Achtzigerjahre geschlossen wurde, beschreibt Lüdtke bis heute als prägendes Erlebnis: „Wir haben Menschenketten gebildet, haben protestiert und so immerhin die Aufgabe des Standorts herauszögern können.“ 1988 schloss das Werk dennoch. „Ich habe schon zu Schulzeiten gemerkt, dass diese allgegenwärtige Prägung durch die Industrie im Ruhrgebiet nicht für immer so bleiben wird“, sagt er.

Amazon als Impulsgeber

Obwohl Lüdtke wie viele andere nach Berlin gegangen war, galt er schon damals als Querdenker. In seiner zehnjährigen Zeit beim Medienkonzern Bertelsmann war Anfang der Nullerjahre ein Investment in ein damals noch unbekanntes Start-up ins Gespräch gekommen. „Bei Bertelsmann hatte man da schnell eine Meinung zu: ‚Wie soll etwas funktionieren können, was keine Versandkosten berechnet?‘“, erzählt Lüdtke. Er habe das damals schon anders gesehen: „Warum nicht mal jemandem eine Chance geben, der alles anders macht als bisher?“ Die Rede war von Amazon, dem heute zweitwertvollsten Unternehmen der Welt.

Deshalb habe er 2010 Etventure mitgegründet. Etwa 200 Digitalisierungsprojekte hat man dort seitdem umgesetzt und über 50 Start-ups aufgebaut. Seit Oktober 2017 ist Etventure Teil der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, wird aber als eigenständige Gesellschaft durch Lüdtke und seine zwei Mitgründer geführt. Mittlerweile hat Etventure einen Standort im Ruhrgebiet – auf dem historischen Gelände der Zeche Zollverein in Essen.

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