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Handelsblatt-Jahrestagung Restrukturierung Warum aktivistische Shareholder keine Barbaren sind

Revolution im Handel, Konsolidierungsdruck bei Banken und immer mehr Zombiefirmen – Sanierungsexperten nehmen Firmeneigentümer in die Pflicht.
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Die Wirtschaftsweise sieht dramatische Folgen des Handelskriegs zwischen den USA und China.
Isabel Schnabel und Sven Afhüppe

Die Wirtschaftsweise sieht dramatische Folgen des Handelskriegs zwischen den USA und China.

FrankfurtEs war nur ein Zufall, aber einer mit Symbolkraft. Gerade liefen Meldungen über den massiven Gewinneinbruch der Commerzbank im ersten Quartal ein, da formulierte die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel den Satz: „Den europäischen Banken geht es nicht gut.“ Diese Feststellung war Teil ihrer Risikoanalyse vor 350 Experten auf der Handelsblatt-Tagung Restrukturierung 2019 in Frankfurt.

Commerzbank wie Deutscher Bank bescheinigte Schnabel zum Auftakt der zweitägigen Veranstaltung zwar, sie stünden „nicht am Abgrund“, aber sie müssten ihre Profitabilität in den Griff bekommen. Eine Fusion, wie zuletzt diskutiert, hält die Ökonomin von der Universität Bonn allerdings für falsch. Probleme „verschwinden ja nicht durch eine Fusion“.

Diese Ansicht traf allerdings auf Widerspruch. Stefan Ermisch, CEO der Hamburg Commercial Bank, hält „die Bankenbranche in Deutschland für total überbesetzt“. Ohne eine Konsolidierung werde die Finanzindustrie nicht mehr zu Profitabilität zurückkehren, prognostizierte der Chef der „ersten privatisierten Landesbank“. Seit wenigen Monaten gehört die ehemalige HSH Nordbank den Finanzinvestoren Cerberus und Flowers.

Ermisch eröffnete auf der Tagung allerdings auch eine Debatte um die Rolle der Eigentümer der Unternehmen. Gerade in diesen Tagen, in denen sich die Aktionäre von Bayer, Daimler oder Deutscher Bank auf den Hauptversammlungen öffentlichkeitswirksam Gehör verschaffen, indem sie die Entlastung von Vorständen und Aufsichtsräten verweigern oder Vergütungsmodelle durchfallen lassen, ein hochsensibles Thema.

Der HSH-Chef beklagte vor allem bei Banken in öffentlichem Eigentum ein Desinteresse. Die „organisierte Governance“ zeige keinerlei Interesse an der Gestaltung der Unternehmen. Er habe viele „hochgebildete“ Aufsichtsräte kennen gelernt, mit denen man aber kein Gespräch über die Zukunft der Geldhäuser habe führen können.

Ermisch fordert den Rückzug des Staates aus den Landesbanken – „dafür gibt es keinen föderalen Auftrag“ – und stattdessen privates Geld im Finanzsektor als besseren „Seismografen“ dafür, ob das Management auf dem richtigen Weg ist.

Eine Steilvorlage für Florian Schuhbauer, der als Gründungspartner eines aktivistischen Shareholders, der Active Ownership Capital (AOC), mit dieser Philosophie sein Geld verdient. „Wir sind die Eigentümer“, stellte Schuhbauer unmissverständlich klar. Er zeigte keinerlei Verständnis dafür, dass ein Unternehmen beispielsweise Hunderte Millionen Euro horte, die Eigentümer aber nicht fragten, welchen Sinn das habe.

AOC wurde bekannt, als die Gesellschaft vor einigen Jahren den Vorstand des Pharmakonzerns Stada aus dem Amt jagte. „Wenn Sie in ein Unternehmen kommen und dem Management sagen: ,Ihr habt einen schlechten Job gemacht‘, dann hört das sicherlich keiner gern“, sagte Schuhbauer weiter. Aber Manager seien eben nur Angestellte. Diese Haltung nehmen mehr und mehr selbst passive Investoren wie Fondsgesellschaften von Sparkassen oder Genossenschaftsbanken ein, die zuletzt etwa den Pharma- und Saatgutkonzern Bayer wegen des massiven Kursverlusts an der Börse in Bedrängnis brachten.

Schuhbauer wehrte sich aber dagegen, dass aktivistische Investoren immer die Bösen seien. Und erhielt Unterstützung durch Andreas Warner, Partner der Unternehmensberatung Deloitte. „Wir werfen auch nicht mit Wattebäuschchen“, sagte der Sanierungsexperte.

Aktivisten gingen oft sogar ähnlich vor wie Restrukturierer. Sie schauten auf die Rentabilität einzelnen Geschäfte statt auf Größe, versuchten Komplexität zu reduzieren und auf diese Weise die Effizienz zu steigern. Kurz: Sanierer und aktive Eigentümer versuchten zu agieren statt zu reagieren.

Immer mehr Firmen in Not

„Zeit für mutige Restrukturierung“ lautet das Motto der diesjährigen Handelsblatt-Tagung. Es ist sogar höchste Zeit für Restrukturierung, darin waren sich die Fachleute auf der Bühne und in den vielen Diskussionen am Rande der Tagung einig.

So haben die seit zehn Jahren anhaltenden Niedrigzinsen laut OECD offenbar eine große Zahl sogenannter Zombiefirmen erzeugt. Der Studie zufolge ist deren Zahl in dieser Zeit um 200 Prozent gestiegen. Als Beispiele nannten Experten den Luftverkehr und den Modehandel.

Andere Untersuchungen zeigen: 40 Prozent aller Unternehmen in bestimmten Branchen werden die nächsten fünf Jahre nicht überleben. Zwei Drittel der Sanierungsfachleute rechnen damit, dass in diesem Jahr die Zahl der unternehmerischen Krisenfälle steigen wird.

Grund dafür, dass Unternehmen in Schwierigkeit geraten, ist allerdings nicht allein die in Frankfurt breit diskutierte Eigentümerfrage, sondern es sind auch globale Risiken und technologischer Fortschritt. Die Wirtschaftsweise Schnabel wies unter anderem auf die „dramatischen“ Folgen des Handelskriegs zwischen den USA und China hin.

Die Europäische Union, vor allem aber das exportlastige Deutschland müssten darauf achten, „dass es hier zu keiner Eskalation kommt“. Auch das „gigantische Schuldenproblem Chinas“, warnte sie in Frankfurt, könne durchaus eine neue Finanzkrise auslösen.

Dass aber auch neue Technologien und die Plattformökonomie regelrechte Branchenkrisen auslösen können, machte unter anderem Nils Seebach, Manager, Aufsichtsrat und Mitgründer mehrerer Onlinehändler, deutlich. Sein Credo: „Das traditionelle Handelskonzept steht komplett infrage.“

Hier stehe nicht die Evolution eines Geschäftsmodells zur Diskussion, sondern eine Revolution. Der Konsument entscheide sich heute nach drei Kriterien: Angebot, Preis, Verfügbarkeit. Wer als Händler nicht auf einem der Gebiete der Beste sei, habe keine Chance im Wettbewerb.

Seebach sieht Plattformen wie Amazon schon heute als absolut führend an und die Chance für andere Händler, hier mitzuhalten, dementsprechend als gering. „Amazon funktioniert wie ein Wochenmarkt, nur viel höher skaliert.“ Seebach ist sich zugleich aber auch sicher, dass Amazon wegen vieler Wettbewerbsverstöße noch reichlich Ärger mit den Aufsichtsbehörden bekommen wird. Doch selbst Strafzahlungen werde der Konzern weglächeln, ist er überzeugt.

Dass Amazon den Handel bald komplett beherrschen wird, diese These teilten allerdings nicht alle Teilnehmer der Tagung. Die Statistik liefert zwar schon einen Hinweis, allein der Handel verzeichnete in diesem Jahr schon 300 Insolvenzen in Deutschland.

Doch es gilt die Erkenntnis des Sanierungsberaters Lutz Jäde, Partner bei Oliver Wyman: „Krise schafft Handlungsdruck.“ Und: „Krise ist immer, was man daraus macht.“

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