Entscheider im Talk

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe (l.) führte durch die Diskussion mit Duisport-Boss Erich Staake (m.) und BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Handelsblatt Wirtschaftsclub Von Fehlerkultur und Vorbildfunktion – Was Unternehmer und Fußballer gemeinsam haben

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Duisport-Chef Erich Staake verbindet die Liebe zum Fußball – und zum Ruhrgebiet. Im Gespräch erläutern sie, warum beides wichtig für Unternehmer ist.
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DüsseldorfDer moderne Fußball ist ein gut laufendes, Milliarden Euro schweres Geschäft. An der Spitze haben sich professionell geführte Klubs als Unternehmen, als Umsatzmaschinen etabliert. International sind das Vereine wie Real Madrid, Manchester United oder auch der FC Bayern München. National ist das neben den Bayern in erster Linie Borussia Dortmund.

In der ersten Liga spielt auch der Duisburger Hafen. Der größte Binnenhafen der Welt ist für die Industrie in Nordrhein-Westfalen – und darüber hinaus – das buchstäbliche Tor zur Welt. Vom Ruhrgebiet in den internationalen Markt: Die Unternehmen – BVB und Hafen – verbinden wirtschaftliche Erfolgsgeschichten.

„Wir sind Global Player mit regionaler Verankerung“, bringt es Hans-Joachim Watzke auf den Punkt. Seit 2005 ist der 59-Jährige Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Am Donnerstagabend traf er im Handelsblatt Wirtschaftsclub auf Erich Staake, den Vorstandsvorsitzenden der Duisburger Hafen AG (Duisport).

Staake, Jahrgang 1953, steht seit 1998 an der Spitze des Unternehmens. Die Ruhrgebiets-Konstanten stellten sich zum Thema „Was Unternehmer von Fußballprofis lernen können – und umgekehrt“ vor 120 Gästen den Fragen von Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe.

Eine der Lehren, die beide Entscheider ziehen: Man muss die eigenen Wurzeln kennen. Watzke sieht das als Herausforderung. Es gehe auch für Spieler aus aller Welt darum, die Klub-Identität nicht zu vergessen und das Ruhrgebiet zu verinnerlichen: „Wenn ich Millionen verdiene, heißt das doch nicht, dass ich keine Werte, keine Identifikation leben möchte.“

Mangelnde Identifikation – ist daran die Nationalmannschaft bei der WM in Russland gescheitert? „An Mesut Özil lag es sicher nicht“, sagt Watzke, der dem Team vielmehr mangelnde Motivation und fehlende Leidenschaft vorwirft. Außerdem kritisiert er unzureichende spielerische Flexibilität und strukturelle Probleme in der Nachwuchsförderung. Gemeinsam mit dem DFB werden diese Punkte jetzt auch in den Vereinen angegangen.

120 Gäste verfolgten das Event in den Düsseldorfer Gehry-Bauten. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Volles Haus im Rocca

120 Gäste verfolgten das Event in den Düsseldorfer Gehry-Bauten.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Ist es schwer, eine Mannschaft nach einem Negativerlebnis wiederaufzubauen? „Niederlagen gehören dazu“, sagt der BVB-Geschäftsführer lapidar. Das Stichwort: Fehlerkultur. Doch ist die in Deutschland wirklich so ausgeprägt wie im anglo-amerikanischen Raum?

„Wenn du eine Fehlervermeidungsstrategie vorlebst, steigt nur die Zahl der Fehler“, plädiert Hafen-Chef Staake für eine konstruktive Kritikkultur. „Einem Spieler darf wegen eines Fehlpasses nicht der Kopf abgerissen werden“, schildert Watzke die Fußball-Perspektive, „aber er darf auch nicht den Eindruck bekommen, er dürfe Fehler über Fehler machen.“

Viel schwieriger als während eines Turniers sei es, Spieler über die Distanz einer unbefriedigenden Saison wiederaufzurichten, erklärt Watzke. Das Extrembeispiel lieferten die Dortmunder vergangene Saison selbst. Nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB hätten sich erst nach Monaten die posttraumatischen Belastungen gezeigt. Und während bei den Spielern die Leistungsfähigkeit abnahm, kritisierte der Manager, hätten Medien und Öffentlichkeit den Vorfall schnell ausgeblendet.

Dabei seien die Sportler alles andere als dünnhäutig. „Von einem Profifußballer darf man eine gewisse Stressresistenz erwarten", sagt Watzke. Eine Fähigkeit, die dem Manager zumindest an Spieltagen abgeht: Nach dem knappen Pokalerfolg gegen Greuther Fürth in der Nachspielzeit der Verlängerung am Montag saß Watzke bis in die frühen Morgenstunden schlaflos auf dem Balkon seines Hotelzimmers.

Auch am anderen Ende der Skala, beim Umgang mit Erfolg, sehen die Manager noch Bedarf für einen Kulturwandel. „Im Sport sind hohe Gehälter kein Problem, wenn der Erfolg stimmt. In der Wirtschaft ist das ein bisschen anders. Aber es hängt auch vom Auftreten der Chefs ab“, erklärt Staake, nicht ohne Seitenhieb auf eine „Neidkultur“ in Deutschland. Was ihn richtig ärgere: Dass nach Fällen wie dem Abgasskandal in der Automobilbranche alle Wirtschaftsbosse über einen Kamm geschoren würden.

Umso erfreuter zeigt sich Watzke, nach frühen Erfolgen als Gründer und Unternehmer im Fußball gelandet zu sein: „Im Fußball sind die Strukturen etwas einfacher, dafür muss man sein Schicksal ein bisschen in die Hand des lieben Gotts legen.“ Staakes Einflussmöglichkeiten als Chef sind da größer, aber auch komplexer. Die Rede ist von Mut.

Lässt sich dieser trainieren? „Mut muss man mitbringen“, erklärt Watzke, der beim BVB einst wenige Tage vor einer entscheidenden Gläubigerversammlung die Leitung übernommen hatte. „Mut heißt auch, die richtigen Lehren aus Fehlern zu ziehen“, so Erich Staake. In Deutschland sieht er davon noch deutlich zu wenig. Auch auf Ebene der Bundesregierung: „Die letzte mutige Entscheidung hat Gerhard Schröder getroffen“, sagt der Hafen-Chef und meint die Agenda 2020.

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe hört Erich Staake bei seinen Ausführungen zu Internationalität und Regionalität aufmerksam zu. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Spannende Ansichten

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe hört Erich Staake bei seinen Ausführungen zu Internationalität und Regionalität aufmerksam zu.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Staakes Vision für das Deutschland der Zukunft: „Wir müssen bei der digitalen Transformation an die Spitze. Wir müssen auch eine breite, mutige Gründerkultur entwickeln. Warum sollen wir nicht etwas wie das Silicon Valley schaffen?“ Sein Unternehmen hat sich mit der Gründerplattform Startport bereits deutlich in Richtung Innovation postiert.

Die USA gelten den Machern hier als Vorbild – aber nicht nur als solches. „Die USA sind in vielen Dingen weiter als wir. Auch in der Spaltung der Gesellschaft“, sagt Watzke. Trumps Auftreten erachtet er als „unverantwortlich“. Die aufstrebenden populistischen Kräfte in der Gesellschaft sind ein Problem, was auch die Wirtschaftsbosse umtreibt. „Als Unternehmen dürfen wir nicht alles auf die Politik abwälzen, wir müssen uns auch einmischen“, sagt Staake, „wir müssen Antworten liefern.“ Es mangele in der Gesellschaft vor allem an der Eigenschaft eines guten Managers: Führungsstärke.

Dazu gehöre aber auch, Verantwortung zu übernehmen. „An der Spitze eines Unternehmens muss man etwas zurückgeben“, appelliert Staake weiter, „es geht um unser Land. So patriotisch muss man sein.“

In eskalierenden Handelskonflikten, Protektionismus und nationalistischen Bestrebungen erkennt er eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Der Hafen-Chef warnt vor einem Einbruch des Wachstums, den zunächst die Ärmsten der Armen zu spüren bekämen. Das werde auch in Deutschland ankommen.

Weniger Sorgen macht Staake sich jedoch um die Entwicklung in China, sowohl für den Duisburger Hafen als auch für Borussia Dortmund ein Zukunftsmarkt. „Ich bin verhalten optimistisch“, sagt der Hafen-Chef in Bezug auf die chinesische Wirtschaftsleistung.

Er sehe einen Wandel zu von Konsumenten getriebenem Wachstum. Auch das gigantische Handelsprojekt, die sogenannte neue Seidenstraße, sieht Staake absolut positiv: „Wir haben 2011 den ersten Güterzug von Chongqing nach Duisburg gefahren. Heute sind es 35 pro Woche.“  

Der BVB-Geschäftsführer hatte einen Tag vor der Bilanzkonferenz blendende Laune. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Hans-Joachim Watzke

Der BVB-Geschäftsführer hatte einen Tag vor der Bilanzkonferenz blendende Laune.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

BVB-Boss Watzke sieht den chinesischen Markt als Möglichkeit, nicht als Konkurrenz. „Unsere Auftritte in aller Welt sichern die stabilen Ticketpreise zuhause“, erklärt er. Und zeigt sich skeptisch, dass der chinesische Fußball je auf Weltniveau agieren würde. Die Internationalisierung hat für Watzke aber klare Grenzen. „Ich werde mich bis zum letzten Atemzug dafür einsetzen, dass Bundesligaspiele nur in Deutschland stattfinden.“

Wie gut das Geschäft beim Ruhrgebietsklub läuft, zeigte sich am Freitag mit Veröffentlichung der vorläufigen Unternehmensbilanz. Die Borussia erzielte einen Rekordumsatz von 536 Millionen Euro, von dem ein Vorsteuergewinn von 127 Millionen Euro blieb.

Entsprechend gelassen kann Watzke sich am Donnerstagabend mit Berichten auseinandersetzen, die dem BVB den drohenden Abstieg aus dem Auswahlindex SDax attestieren: „Ich wette um eine gute Flasche Wein, dass wir drinbleiben.“

Watzke begründet die Gelassenheit mit einer „Brandmauer“ der Ankeraktionäre, die den Klub gegen unerwünschte Investoren schützt. Die Konsequenz sei eine nicht allzu hohe Marktkapitalisierung im Streubesitz: „Wenn der Preis dafür der Abstieg aus dem SDax ist, dann zahl ich den gerne.“

Umgekehrt hat die Duisburger Hafen AG keine konkreten Pläne, ihre Anteile an die Börse zu bringen. „Wir liegen unseren Aktionären nicht auf der Tasche“, sagt Staake und führt drei Milliarden Euro Wertschöpfung und Tausende neuer Arbeitsplätze in seiner Amtszeit an. Als börsennotiertes Unternehmen würden Investoren zu viel Wert auf die Gewinnoptimierung legen. Staake selbst läge die Entwicklung der Region mehr am Herzen.

Und welche Eigenschaften definieren die Spitzenmanager für sich als entscheidend? „Demut, Solidarität und Courage“, sagte Watzke. „Anstand, Haltung und Fairness“, ergänzte Staake.

Auf die Frage nach dem deutschen Meister 2018/19 gibt es letztlich nur eine Antwort: FC Bayern München. „Ich habe aber seit Jahren das erste Mal wieder das Gefühl, es wird kein Spaziergang für die Bayern“, macht Staake den Verfolgern Hoffnung. Watzke sieht beim Süd-Rivalen nach wie vor die „überwiegend höchste Wahrscheinlichkeit“. Um dann noch hinterherzuschieben: „Aber das habe ich vor unserer Meistersaison 2011 auch gesagt.“

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