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Joe Kaeser

Erst vor wenigen Wochen hatte Kaeser lange mit der Absage seiner Teilnahme am Investorenforum in Riad gezögert.

(Foto: Daniel Delang für Handelsblatt)

Industriekonzern Kaesers Dilemma – Siemens-Chef plant Reise nach Saudi-Arabien

Nach der späten Absage seiner Teilnahme am „Davos in der Wüste“ will Kaeser auf einer Veranstaltung von Saudi-Aramco reden – obwohl der Fall Khashoggi weiter ein Politikum ist.
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München, BerlinDer Ölreichtum Saudi-Arabiens zieht Joe Kaeser magisch an. Nachdem der Siemens-Chef seine Teilnahme am Investoren-Kongress „Future Investment Initiative“, dem „Davos in der Wüste“, im Oktober erst kurzfristig abgesagt hatte, plant er jetzt offenbar eine andere Reise ins Königreich.

Auf einer Konferenz des weltgrößten Ölkonzerns Saudi-Aramco tritt der Münchener Technologiekonzern als „Platin-Sponsor“ auf – und Vorstandschef Kaeser spricht laut Programm am 26. November in einer Panel-Diskussion zum Thema „Lokalisierung von Produktion in Saudi-Arabien“.

Der Auftritt fällt in eine heikle Zeit, in der die brutale Ermordung des oppositionellen Journalisten Jamal Khashoggi die Beziehungen zu Saudi-Arabien belastet. Khashoggi war laut türkischen Ermittlern von einem speziell angereisten saudischen Kommando im Konsulat des Königreichs in Istanbul getötet worden.

Am Wochenende hatten US-Medien berichtet, dass der US-Geheimdienst CIA davon ausgehe, dass der Kronprinz Mohammed bin Salman persönlich den Mord angeordnet habe. Laut einem Bericht der „Washington Post“, für die Khashoggi als Kolumnist schrieb, soll der Bruder des Kronprinzen Khashoggi am Telefon zugesichert haben, dass sein Besuch in der Botschaft sicher sei. Unklar ist, ob der Bruder Khalid bin Salman von dem geplanten Mord wusste. Sicher scheint dagegen, dass der Anruf auf Geheiß des Kronprinzen stattfand.

Donald Trump nannte die Berichte über die CIA-Einschätzung am Samstag „verfrüht“. Der US-Präsident kündigte an, in den kommenden Tagen einen umfassenden Bericht zum Fall Khashoggi veröffentlichen zu wollen. Die USA hatten am Donnerstag bereits gegen 17 Einzelpersonen Sanktionen verhängt.

Dass Siemens-Chef Kaeser nun wieder eine Reise nach Saudi-Arabien plant, könnte ihn erneut zur Zielscheibe der Kritik machen. Erst im Oktober hatte Kaeser so lange mit der Absage seiner Teilnahme am Investorenforum in Riad gezögert, dass der sonst stets hohe moralische Standards vertretende Topmanager stark in die Kritik geraten war. Deutlich vor ihm hatten bereits Jamie Dimon (JP Morgan), Richard Branson (Virgin Group) und IWF-Chefin Christine Lagarde abgesagt. Siemens war so spät dran, dass der Konzern auf dem „Davos in der Wüste“ sogar seinen Messestand bezahlen musste.

Podium mit Ministern

In Dhahran, dem Konzernsitz von Saudi-Aramco, soll Kaeser nun die „Vision 2030“ diskutieren, jenes gewaltige Reformprogramm des massiv in die Kritik geratenen Kronprinzen bin Salman. Der Siemens-Chef soll dort laut Programm der „In Kingdom Total Value Add-Konferenz“ (Iktva) darüber sprechen, wie im Königreich künftig die industrielle Produktion gesteigert werden und Saudi-Arabien zum Produktions-Hub für die gesamte Region werden könnte.

Diskutieren wird Kaeser mit einem Aramco-Vizepräsidenten, mit dem saudischen Vizeminister für Energie- und Industrie, mit dem Chef der saudischen Initiative für Lokalisierung der Industrie und mit dem Vorstandsvorsitzenden des US-amerikanischen Konzerns Jacobs.

Siemens ist bei der Veranstaltung neben einem Aramco-Joint-Venture mit der texanischen Ölservicefirma Rowan, mit ARO Drilling und mit dem saudischen Ölindustrie-Lieferanten Nesma Platin-Sponsor. Ausländische Konzerne wie McDermott (USA), Sinopec (China) oder Saipem (Italien) sind als Gold- oder Silbersponsoren mit niedrigeren Summen engagiert.

Saudi-Arabien ist ein wichtiger Absatzmarkt für Kaeser. Siemens fertigt unter anderem Turbinen im Osten – dort, wo die großen Ölfelder liegen. In Riad sind die Deutschen am Bau der Metro beteiligt. Außerdem geht es Kaeser um die Ölservicefirma Dresser-Rand. Das US-Unternehmen hatte er 2014 für 7,6 Milliarden Dollar gekauft, was viele als zu teuer kritisierten. Aramco als weltgrößter Ölproduzent gilt als wichtiger möglicher Auftraggeber für die Sparte.

Kaeser ist mit großem persönlichem Einsatz in dem saudischen Königreich unterwegs, aber auch in Ägypten, dem Irak und anderen arabischen Ländern.

Lange konnte der 61-jährige Niederbayer auch auf die Unterstützung der Politik bauen. Doch die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Saudi-Arabien sind schon seit einiger Zeit merklich abgekühlt. Und das nicht erst seit der Ermordung Khashoggis. Auch die scharfen Äußerungen über das „außenpolitische Abenteurertum“ des Königreichs von Sigmar Gabriel (SPD) im vergangenen Jahr hatten Riad sehr verärgert.
Von November 2017 an zog das Land seinen Botschafter für fast ein Jahr aus Berlin ab. Gabriel war zu dem Zeitpunkt seiner Aussage deutscher Außenminister. Das Modell einer Siemens-Turbine, die lange die Empfangshalle der saudischen Botschaft an der Spree schmückte, ist nach der mittlerweile erfolgten Rückkehr des Spitzendiplomaten aus Riad verschwunden.

Siemens bestätigte auf Anfrage bislang lediglich, dass Kaeser auf dem Kongress als Redner geführt werde. Es gelte weiterhin, was er bei seiner Riad-Absage erklärt habe. Damals hatte Kaeser betont, nun müsse in Sachen Khashoggi die Wahrheit herausgefunden werden und Gerechtigkeit erfolgen. Zugleich hatte Kaeser aber auch die Bedeutung des Dialogs betont.

Es sei immer besser, miteinander und nicht übereinander zu sprechen. Und: Er deutete an, die „Vision 2030“ der Saudis könne für Siemens ein Umsatzpotenzial von 30 Milliarden Dollar bergen. Laut Industriekreisen habe der Konzern gute Chancen für einen Großauftrag von bis zu 20 Milliarden Dollar, der nun in Gefahr sei. Kaeser wollte dies nicht bestätigen, betonte aber kürzlich bei der Bilanzpressekonferenz, dass solche potenziellen Großaufträge Beschäftigung auch in Deutschland sicherten.

Im Aufsichtsrat gibt es Verständnis für die schwierige Lage Kaesers. „Es ist wirklich ein Dilemma“, sagte ein Kontrolleur dem Handelsblatt. „Er kommt nur schwer aus der moralischen Diskussion raus, und die wird vielfach nicht fair geführt.“ Große Kraftwerke würden vor allem noch in Ländern gebaut, in denen sich die Industrie und die Gesellschaft noch entwickelten. Es sei richtig gewesen, dass Kaeser in der aufgeheizten Situation Riad abgesagt habe. Doch verkaufe der Konzern keine Waffen, und es sei richtig, Gesprächskanäle offenzuhalten.

Im Umfeld Kaesers wollte man sich nicht darauf festlegen, ob der Siemens-Chef am Ende tatsächlich an der Saudi-Aramco-Veranstaltung teilnimmt. Die Themen seien im Fluss, Kaeser beobachte die Entwicklung genau.

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