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Internetunternehmen Xing-Gründer Hinrichs wechselt in den Aufsichtsrat

Der Xing-Gründer Lars Hinrichs tritt nach fünf Jahren an der Spitze des Internet-Netzwerks für Geschäftskontakte ab. Hinrichs wechselt in den Aufsichtsrat. Damit tritt Deutschlands aktueller Star der Internetunternehmer von der großen Bühne ab.
Lars Hinrichs, Gründer des Online-Business-Netzwerkes Xing, das früher Open BC hieß.

Lars Hinrichs, Gründer des Online-Business-Netzwerkes Xing, das früher Open BC hieß.

DÜSSELDORF. Ein fester Händedruck, behaupten Psychologen und Karriereberater, deutet auf einen festen, selbstsicheren Charakter hin. Das erste, was bei Lars Hinrichs auffällt ist solch ein fester Händedruck - so fest, dass es schmerzen kann.

Lässt dies Rückschlüsse auf seinen Charakter zu, ist davon auszugehen, dass der Vorstandsvorsitzende des börsennotierten Online-Netzwerks Xing sich am vergangenen Wochenende richtig geärgert hat. Weil da etwas überhaupt nicht so geordnet gelaufen ist, wie er es gerne gehabt hätte. Und so zum ersten Mal in der fünfjährigen Geschichte seines Unternehmens die Kommunikation aus dem Ruder lief.

Was verschiedene Medien mit Berufung auf "Kreise" spekulierten bestätigte die Xing AG am Montag Morgen: Hinrichs wechselt zum 15. Januar vom CEO-Posten in den Aufsichtsrat seines Unternehmens. Sein Nachfolger wird Stephan Groß-Selbeck, der bisherige Deutschland-Chef des Online-Auktionshauses Ebay.

Hinrichs geht nicht unter Druck, wie die Nachrichtenagentur DPA gehört haben will, sondern ganz freiwillig. "Xing hat eine neue Größe erreicht und wächst weiterhin", sagt er. Als Gründer aber sei er zu tief im operativen Geschäft: "Bei jeder Entscheidung heißt es: Was sagt Lars wohl dazu? Diesen gordischen Knoten kann ich nur mit dem Schritt Richtung Aufsichtsrat durchschlagen."

In der Tat fiel es selbst verschwörungsliebenden Medien an diesem Wochenende schwer einen Grund zu finden, warum es Druck auf den Xing-Gründer geben sollte, abzutreten. In den ersten neun Monaten stieg der Umsatz des Netzwerks um 91 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 25,09 Millionen Euro. Das Ebitda schoss gar um 229 Prozent auf 9,47 Millionen empor. 6,53 Millionen Mitglieder zählt Xing, 513 000 davon zahlen eine Abo-Gebühr.

Und wer sollte Hinrichs auch bedrängen? Er selbst hält mit seiner Frau zusammen noch immer knapp über 28 Prozent der Aktien. Nächstgrößter Anteilseigner ist das Private-Equity-Unternehmen Wellington mit 8,7 Prozent. Die Kursentwicklung ist vielleicht der einzige Wermutstropfen: Von 40 Euro vor einem Jahr fiel er auf rund 25. Gestern stieg er im frühen Handel gar um 0,81 Prozent. Auch die Wirtschaftskrise werde nicht an der Erfolgsgeschichte kratzen, glaubt Hinrichs: "Die Frage ist doch, kaufe ich mir für fünf Euro noch ein Bier oder investiere ich in mein berufliches Netzwerk?"

Mit solch klaren Sätzen abseits des Managerkauderwelchs wurde der 31-Jährige zu Deutschlands Web-Vorzeigeunternehmer. Einerseits ist sein Lebenslauf so bunt, dass er von einer neuen Zeit zeugt. Andererseits ist sein Auftreten von hanseatischer Zurückhaltung geprägt. In Managerkreisen ist er genauso daheim wie am Wochenende bei der Web-Szene Konferenz Barcamp Hamburg. Gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern sitzt er im Großraumbüro am Hamburger Gänsemarkt. "Er hat die Zügel aber immer fest in der Hand", sagt einer, der ihn aus dem Geschäftsalltag kennt.

Vielleicht rührt die Erdung aus seinen Wurzeln. Sein Urgroßvater gründete einst die Hamburger Stadtbäckerei. Hinrichs aber interessiert Technik mehr als Mehl. Während der Bundeswehrzeit bastelt er den Internet-Auftritt des Verteidigungsministeriums zusammen. Das Studium an der Uni Witten-Herdecke hält er nicht lang durch. Einen Tag, um genau zu sein.

Mit Peer-Arne Böttcher, heute PR-Berater und Geschäftsführer des Business-Club Hamburg, gründet er das unabhängige Polit-Portal "Politik Digital". Das existiert noch heute - hat aber nie den Sprung in Welt des Web 2.0 geschafft.

Selbst bei seiner größten Niederlage war er gedanklich anderen voraus. Gemeinsam mit Böttcher verbrennt er im Jahr 2000 mit der Multimedia-Agentur Böttcher Hinrichs 3,5 Millionen Euro Investorenkapital. "Der teuerste MBA-Kurs aller Zeiten", nennt Hinrichs die Erfahrung. Die Grundidee aber ist heute Alltag in der digitalen Wirtschaft: ein Mutterunternehmen lässt Ideen entwerfen und bringt diese in selbstständige Tochterunternehmen ein unter vom Mitarbeitern - ähnlich arbeitet heute Google.

2003 entwirft Hinrichs eine Online-Kontaktplattform für Berufstätige und nannte sie Open BC. Allein, denn Böttcher Hinrichs hat bei ihm zu einer Abneigung gegen Doppelspitzen geführt. Die Idee entspricht dem Web-2.0-Modell, bevor dieser Begriff ein Jahr später erfunden wird. 2006 folgt der Börsengang und die Umbenennung in Xing. Doch trotz des Namens: Der Sprung in den asiatischen Markt gelingt nicht, dafür wächst das Netzwerk durch Zukäufe in der Türkei und Spanien.

Das Feld scheint bestellt für Hinrichs Nachfolger. Einen Kieler, ein eher nüchternes Nordlicht, wie Hinrichs. Ansonsten aber liest sich Stephan Groß-Selbecks Vita wie aus dem Bilderbuch der Manager - und somit komplett diametral zu der von Hinrichs: Jura-Studium in Freiburg, Lausanne und Köln, Ökonomie-Master-Titel aus Montpellier, MBA vom Insead. Dann die ersten Sporen als Berater bei der Boston Consulting Group - wo er noch immer einen tadellosen Ruf hat. "Aufgeräumt, klar strukturiert", erinnert sich jemand, der ihn damals kennen gelernt hat. Ihm sei der "positive menschliche Umgang miteinander" wichtig, sagte er einmal dem Handelsblatt: "Ich bin ein großer Verfechter der Feedback-Kultur. Nichts verbindet Leute mehr." Hinrichs spricht ihm eine "hohe eimotionale Intelligenz" zu.

In der Hitze der New Economy übernimmt Groß-Selbeck die Sevenone Intermedia, die Online-Tochter der Kirch-Gruppe - und geht kurz vor deren Pleite. 2002 geht er als Marketing-Chef Deutschland zu Ebay, verbringt zwei Jahre in China, wird dann Deutschland-Statthalter.

Dieser Posten dürfte ihm derzeit wenig Spaß bereiten. Das angeschlagene Auktionshaus verlagert die Deutschland-Führung nach Zürich, Stellenabbau inklusive. Kein Wunder, dass Groß-Selbeck neuen Offerten gegenüber offen war. Offiziell sagt er: "Xing ist hervorragend positioniert und die Strukturen für die Skalierbarkeit des Geschäfts sind bereits geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, die anstehende Phase des weiteren Unternehmenswachstums erfolgreich zu gestalten." Sein Nachfolger bei Ebay wird Frerk-Malte Felle, bisher Geschäftführer Marktplätze Deutschland.

Ob Groß-Selbeck bei Xing frei walten kann? Seine Berufung stellt Lars Hinrichs vor die typische Herausforderung von Gründern, die sich neu orientieren wollen: Er muss sich künftig zurückhalten. Eine neue Situation für den Hamburger, der so gerne betont: "Ich bin Unternehmer." Vielleicht hilft ihm ja eines seiner Hobbys: Yoga.

Oder es brodelt in ihm auch schon die nächste Geschäftsidee. Seine Finanzholding LH Cinco zumindest ist schon beteiligt am Aachener Web-Softwareunternehmen Supreme New Media. "Ich werde mich nicht auf die faule Haut legen", sagt er selbst. Und dass er natürlich etwas gründen werde. Ideen gibt es, gesammelt in einem kleinen, schwarzen Notizbuch. Doch um daraus ein Geschäft werden zu lassen, "braucht es einen klaren Kopf".

Nebenbei hat sich der Technik-Fanatiker Hinrichs vor einigen Wochen ein neues Spielzeug angeschafft: einen Apple Mac-Rechner. "Ich fragte mich, ob ich den Umstieg vom PC noch schaffe. Allein dass ich an mir zweifelte, hat mich geärgert." Schon nach kurzer Zeit hat er es geschafft, den Apple zum Absturz zu bringen. Wenn Hinrichs zudrückt, kann es eben auch mal schmerzhaft werden.

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