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Interview mit About-You-Gründer Tarek Müller: „Google war meine Uni“

Der About-You-Gründer spricht im Interview übers Erwachsenwerden von Start-ups und die Frage, ob man selbst Pleiten erlebt haben muss, um ein guter Unternehmer zu werden.
13.12.2019 - 04:00 Uhr Kommentieren
„Vielleicht gründe ich mal eine neue Partei“, meint About-You-Gründer Müller. Quelle: Johannes Arlt für Handelsblatt
Tarek Mueller

„Vielleicht gründe ich mal eine neue Partei“, meint About-You-Gründer Müller.

(Foto: Johannes Arlt für Handelsblatt)

Tarek Müller, Co-Gründer und CEO der Hamburger Mode-Plattform About You, rechnet damit, dass die Lieferzeiten im Online-Handel in wenigen Jahren auf 90 Minuten sinken werden – „zumindest in den urbanen Räumen“, sagte der 31-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Belieferung finde „dann zum Beispiel aus den stationären Läden der Lieferanten statt“.

Müller prognostiziert dem E-Commerce eine weiterhin goldene Zukunft: „Der Kuchen wird noch größer. Das Geschäft wird weiter vom stationären zum Onlinehandel wandern und von Desktop zu mobilen Geräten – allen voran das Smartphone, über das bei About You schon 80 Prozent der Ware verkauft werden. „Heute sind wir europaweit bei rund elf Prozent Onlineanteil am Modeumsatz. Bei rund 30 Prozent dürfte sich der E-Commerce-Anteil einpendeln in zehn, 15 Jahren.“

Es werde auch „nicht mehr lange dauern, dann lässt man die eigenen Körpermaße zu Hause vor der Cam scannen und erspart sich damit viele der heutigen Retouren“, so Müller. „Die Leute bestellen ja nicht zum Spaß fünf Jacken, um dann vier zurückzuschicken.“

About You dürfte dieses Jahr rund 750 Millionen Euro Netto-Umsatz machen und will nächstes Jahr die Milliarden-Grenze knacken. Auch die Zahl der Länder, in der die Plattform vertreten ist, soll 2020 von aktuell zehn um sechs bis zehn neue erweitert werden. Auf die Frage, ob Amazon oder Zalando das Hamburger Unternehmen irgendwann einfach kaufen könnte, sagte Müller dem Handelsblatt: „Solange wir nicht börsennotiert sind, dürfte das schon mal schwer werden.“

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    Müller will einen Börsengang zwar nicht ausschließen: „Wir wären bereit dazu und hätten Banken, die uns dabei gern begleiten würden.“ Aber man müsse „sich immer fragen: Wann macht so ein Schritt welchen Sinn?“ Seine Antwort: „In einer Phase, in der noch so viel Bewegung stattfindet, fände ich es nicht sonderlich hilfreich, meine Zeit mit dem Erstellen von Quartalsberichten zu verbringen. Auch das bremst ja Agilität.“

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Herr Müller, Sie sind jetzt 31. Erleben Sie da schon Momente, in denen die Duzerei im Büro nervt?
    In unserer Branche ist das „Du“ total üblich. Insofern hätte ich auch hier nichts dagegen …

    Hallo Tarek!
    Hi Thomas. Jedenfalls fällt mir auf, dass mich allenfalls Schülergruppen siezen, die uns bei About You besuchen. Ich finde das immer noch sehr ungewohnt.

    Wie wird man als Unternehmer überhaupt erwachsen?
    Es gibt Momente, da fühle ich mich schon wie 60. Da findet mich selbst mein Vater konservativer als sich selbst. Ich muss auch sagen: Die Arbeit mit und im Handel hat mich schon erwachsener gemacht. Den Großteil meines Alltags über halte ich mich aber im Kopf immer noch für Anfang 20, auch wenn ich mit 31 bereits drei Jahre über dem Altersschnitt unserer Firma liege.

    Hätte jemand in meinem Alter überhaupt noch Chancen bei euch?
    Klar, es kommt auf das Mindset an, wie das so schön neudeutsch heißt. E-Commerce ist wirklich keine Raketenwissenschaft. Nur war und ist dieser Sektor eben die Chance meiner Generation, unternehmerisch aktiv zu werden. Und das Digital-Business ändert sich weiterhin so schnell, dass es nicht mal Studiengänge gibt, die einen auf die Realität vorbereiten. So landen eben viele direkt nach dem Abi oder während des Studiums bei uns.

    Du selbst hast deinen Eltern schon mit 14 offenbart, dass du mit der Schule aufhören möchtest.
    Mit 15 hatte ich mit dem Aufbau von Web-Shops schon Tausende von Euro monatlich verdient und meinen Gewerbeschein. Ich habe dann aber doch noch Fachabitur gemacht, was auch richtig war. Aber danach wollte ich mich schnell selbstständig machen. Dazu musste es kein Studium sein. Was ich an Wissen brauchte, habe ich mir selbst vor allem online zusammengesucht. Google war meine Universität und Wikipedia mein Dozent.

    Welche Talente muss ein junger Unternehmer heute mitbringen?
    Noch besser wär’s, wenn es mehr junge Unternehmerinnen gäbe. Der Frauenanteil unter den Gründern ist nämlich immer noch desaströs niedrig. Es gibt da aber meines Erachtens kein Rezept. Man findet für alles Beispiele und Gegenbeispiele.

    Anders gefragt: Woran hapert’s bei den meisten?
    Sie bringen zu wenig Mut auf, es einfach mal zu versuchen. Sie haben Angst vorm Scheitern. Oder sie denken, sie seien nicht schlau genug. Ich habe anfangs nachts jede Menge Unternehmerbiografien gelesen, weil ich dachte: Irgendwo muss doch das eine Erfolgsrezept ableitbar sein. Je mehr Gründer ich dann traf, umso mehr merkte ich: Die kochen alle nur mit Wasser.

    Führst du selbst noch Bewerbungsgespräche, auch wenn ihr mittlerweile bei About You über 700 Angestellte im Headquarter habt?
    Jede neue Vollzeitkraft spricht mindestens einmal mit einem von uns drei Geschäftsführern. Im Schnitt führe ich jeden Tag noch ein Bewerbungsgespräch.

    Worauf achtest du dabei?
    Wir spielen gern Fallbeispiele durch, um zu testen, wie schnell jemand in der Lage ist, sich auf eine neue Situation oder Frage einzustellen – und wie schnell er logische Ableitungen hinkriegt.

    Du warst 18, als du auf einen Schlag 150.000 Euro Schulden hattest, weil du in eine chinesische Fabrik investiert hast, die dann nie gebaut wurde. Ist es wichtig, so eine Pleite mal erlebt zu haben?
    Damals ging es um eine Wasserpfeifenproduktion. Ich war ja schon europäischer Marktführer im Shisha-Business, hatte mehrere Millionen Umsatz und wollte mit den guten Gewinnen richtig durchstarten mit einer eigenen Fabrik in China. Ging völlig schief. Ich bin auf einen Betrug reingefallen, habe viel Geld verloren und bin haarscharf einer Insolvenz entgangen. Aus der Not heraus habe ich dann eine Digitalagentur gestartet, was zum Glück gut funktioniert und mich in die Lage versetzt hat, innerhalb eines halben Jahres meine Schulden abzubezahlen.

    Das muss man erst mal hinbekommen in so kurzer Zeit.
    Ja, die Zeit war nicht lustig. Wenn damals eine gute Fee vorbeigekommen wäre, die gesagt hätte: „Tarek, ich löse all deine finanziellen Probleme, aber das Unternehmertum lässt du künftig bitte sein“ – ich hätte mich sicher sofort darauf eingelassen.

    Weil die Arbeit so hart war?
    Ich musste über 100 Stunden pro Woche arbeiten, aber das war trotzdem das kleinste Problem. Ich fühlte mich völlig unfrei. Eine Zeit lang hätte ich echt jeden Job gemacht, um aus den Schulden rauszukommen. Aus heutiger Sicht hat mich das sicher weitergebracht. Den Fehler, dass ich mich bei dem Geschäft nicht abgesichert habe, mache ich sicher nicht noch mal. Aber wünsche ich solche Erfahrungen jedem Jungunternehmer? Auf keinen Fall! Es ist nicht schön, sondern nackte Existenzangst. Man hat ja auch eine Verantwortung – nicht nur für die eigenen Mitarbeiter, sondern auch für die der Lieferanten und Geschäftspartner.

    Als Dienstleister hast du danach die Otto Group kennen gelernt, die dir About You dann mit ermöglicht hat. Wieso klappt bei euch die Symbiose aus Start-up und Konzern so gut, während das in vielen anderen Fällen scheitert?
    Dazu gehört auch das Glück, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit an die gleichen Dinge glauben. In unserem Fall war’s die Personalisierung des Modegeschäfts. Und wir kannten einander ja schon einige Jahre, bevor About You gegründet wurde. Da war großes Vertrauen. Ich war auch in einer guten Verhandlungsposition und wollte eigentlich mit meiner Firmengruppe gerade in die USA expandieren. Mit Ende 18 war ich aus den Schulden raus und habe in den folgenden sieben Jahren bis zur About-You-Gründung eine hochprofitable und solide positionierte Firmengruppe aufgebaut. Ich war also nicht angewiesen auf irgendwelche Geldspritzen oder externe Investoren.

    Was lernt ihr von der großen Otto Group – und die von euch?
    Am Anfang ist unser kleines Team durch den Konzern gepilgert und hat sich alles freundlich erklären lassen. Der Handel an sich, das Geschäft mit Mode – das ist schon alles sehr speziell. Und ich gebe gern zu: Bis heute hält sich mein persönliches Interesse an Mode in engen Grenzen.

    Du hättest auch Schrauben oder Salatbestecke verkauft?
    Wir haben damals nach einer Branche gesucht, die noch wirklich ausbaufähig war. Die Mode ist auch deshalb interessant, weil sie eher impuls- als bedarfsgetrieben ist. Niemand von uns kauft vier Fernseher, aber gern eine zehnte Hose. Und das wiederum hat wahnsinnig viel mit persönlichem Geschmack zu tun, bei dem es dann wiederum nur bedingt um den Preis geht. Preisgetriebene Produkte sind sehr unsexy.

    Da konnte Otto als großer, wenn auch klassischer Versandhandel dann ja wirklich helfen.
    Vor allem bekamen wir anfangs Zugang zu einem großen Sortiment und zur Logistikinfrastruktur. Wir konnten dann ohne Altlasten auf der grünen Wiese alles so aufbauen, wie wir das für richtig hielten. Natürlich würde ich mich freuen, wenn unsere DNA auch ein bisschen auf die Otto Group abfärbt. Das Unternehmen war aber eh schon agil und jung unterwegs. Die hätten die digitale Transformation auch ohne uns bestens geschafft.

    Wie bewahrt ihr euch jetzt – nach fünf Jahren – die Agilität der Anfangszeit?
    Ich habe mich immer gern in der Angreifer-, der Underdog-Rolle gesehen. Und ganz ehrlich: Jetzt sind wir natürlich selbst schon so groß, dass uns Kleinere attackieren, die dann murmeln: „Die sind schon so behäbig bei About You. Denen zeigen wir’s jetzt mal.“ Damit müssen wir uns auseinandersetzen, während wir ja aber auch immer noch große Gegner vor uns haben wie Amazon oder Zalando. Wichtig ist mir, dass wir unsere Hierarchien flach halten.

    Reicht das? Deine Mitarbeiter werden nun mit der Firma älter, heiraten, kriegen Kinder, suchen neue Sicherheiten.
    Ja, es stimmt: Das Alter verändert Menschen und Unternehmen, ist ja klar. Aber das gehört eben auch zum Erwachsenwerden, das du vorhin erwähnt hast. Und es ist auch gesund. Ewig das superjunge, leicht chaotische Start-up bleiben, das finde ich nicht erstrebenswert. Lieber bewahrt man sich die positiven Aspekte, aber lernt dazu und entwickelt sich weiter.

    Wie wird sich der Online- und Modemarkt in den nächsten Jahren weiter verändern?
    Der Kuchen wird noch größer. Das Geschäft wird weiter vom stationären zum Onlinehandel wandern und von Desktop zu mobilen Geräten – allen voran das Smartphone. Heute sind wir europaweit bei rund elf Prozent Onlineanteil am Modeumsatz. Bei rund 30 Prozent dürfte sich der E-Commerce-Anteil einpendeln in zehn, 15 Jahren.
    Es wird nicht mehr lange dauern, dann lässt man die eigenen Körpermaße zu Hause vor der Cam scannen und erspart sich damit viele der heutigen Retouren. Die Leute bestellen ja nicht zum Spaß fünf Jacken, um dann vier zurückzuschicken. In wenigen Jahren dürfte man außerdem, in vielen Fällen, bei einer Lieferzeit von 90 Minuten sein.

    Im Ernst?
    Klar – zumindest in den urbanen Räumen. Da findet die Belieferung dann zum Beispiel aus den stationären Läden der Lieferanten statt. Und es wird eine weitere Konsolidierung der großen Digitalplayer stattfinden.

    Kann es sein, dass Amazon oder Zalando euch einfach mal kauft?
    Solange wir nicht börsennotiert sind, dürfte das schon mal schwer werden.

    Wärst du gern mit About You an der Börse?
    Wir wären bereit dazu und hätten Banken, die uns dabei gern begleiten würden.

    Aber?
    Man muss sich immer fragen: Wann macht so ein Schritt welchen Sinn? In einer Phase, in der noch so viel Bewegung stattfindet, fände ich es nicht sonderlich hilfreich, meine Zeit mit dem Erstellen von Quartalsberichten zu verbringen. Auch das bremst ja Agilität.

    Du bist Kind einer Ägypterin und eines Deutschen. War es jemals hinderlich, dass du Tarek heißt und nicht Thomas?
    Den einzigen Nachteil habe ich bei der Wohnungssuche erlebt. Als „T. Müller“ hatte ich bei den Maklern deutlich mehr Erfolg als mit „Tarek Müller“. Das habe ich ausgetestet. Ansonsten habe ich nie Nachteile empfunden. Man darf sich die Benachteiligungen, die es sicher gibt, auch nicht einreden.
    Und der Egoismus im kapitalistischen System kann hier auch zum Vorteil werden: Den Geschäftspartnern und Kunden ist völlig egal, wie du aussiehst oder wo du herkommst. Als Unternehmer wirst du zu hundert Prozent an deinen Ergebnissen gemessen.

    Mit 40 willst du dich aus der Wirtschaft zurückziehen. Und dann?
    Mit 18 habe ich mir schon gesagt: „Ich will irgendwas gründen, was in Deutschland jeder kennt – und es dann mit 30 abgeben.“ Der erste Teil hat geklappt, der zweite noch nicht, wie man sieht. Mit 40 will ich aber wirklich alle Anteile verkaufen. Ich habe ja noch Anteile an rund 15 weiteren Firmen, teils aus der Zeit vor About You. Danach möchte ich politisch aktiv werden.

    Bundeskanzler Müller?
    Auf keinen Fall! Ich würde gern in Nichtregierungsorganisationen investieren oder einzelne gemeinnützige Projekte fördern, die ich wichtig finde. Vielleicht gründe ich auf Hamburger Ebene dann auch mal eine neue Partei. Der Klamottenverkauf allein macht die Welt jedenfalls nicht unbedingt besser, und meine zweite Lebenshälfte möchte ich in Dinge investieren, die uns als Gesellschaft wirklich voranbringen könnten.

    Vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Nur wer andere Wege als Amazon geht, kann sich gegen den Marktführer behaupten. Es gibt vieles, was Amazon nicht bietet – etwa Spaß beim Einkauf, meint Handelsblatt-Reporter Florian Kolf.

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