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Interview mit Frithjof Bergmann Warum New Work in deutschen Unternehmen nicht richtig umgesetzt wird

Der Begründer von New Work über die Aktualität seiner Thesen – und warum Firmen hierzulande die neue Arbeitswelt oftmals nicht zu Ende denken.
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„Die Entwicklung entspricht nicht dem, was die Arbeiter wirklich wollen.“ Quelle:  coopp
Frithjof Bergmann

„Die Entwicklung entspricht nicht dem, was die Arbeiter wirklich wollen.“

(Foto:  coopp)

Düsseldorf Frithjof Bergmann ist der Urvater von New Work. Schon 1984 brachte er sein Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ heraus und forderte darin einen radikalen Wandel der Arbeitswelt. Der Philosoph ist selbst überrascht, wie aktuell seine Thesen noch sind. Doch der Arbeitsrealität von heute entsprächen sie nicht unbedingt: „Heute macht man vielerorts nur die Lohnarbeit attraktiver, sympathischer und netter“, findet der 88-Jährige.

Der Mann mit den strubbligen grauen Haaren, der auf New-Work-Konferenzen als Guru gefeiert wird, ärgert sich, dass New Work in Deutschland „von allen Dächern gepfiffen wird“, ohne sie wirklich einzuführen. Er kenne keinen Betrieb hierzulande, der New Work konsequent anwendet. Auch wenn er bei Google-Managern viel Gehör für seine Thesen gefunden hat: Der Konzern aus dem Silicon Valley sei kein Vorbild für deutsche Firmen. „Deutsche Unternehmen sind aus meiner Sicht viel vorsichtiger als Google.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Bergmann, in der neuen Arbeitswelt gehen die Mitarbeiter locker miteinander um. Wollen wir uns duzen?
Ja, natürlich. Ich bin der Frithjof.

In Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sind deine Überlegungen wieder aktuell geworden. Überrascht dich das?
Das hat mich sehr überrascht. Ich habe damals damit gerechnet, dass unsere Idee in einer kleinen Ecke verschwinden würde. Dass sie sich nun durchsetzt, wird mir immer klarer. Die Problematik der Lohnarbeit zeigt sich immer deutlicher. Viele Unternehmen sind der Meinung, dass sie mit der alten Art von Arbeit nicht mehr für die Zukunft aufgestellt sind. Ein weiterer Grund: Die Technologie entwickelt sich so schnell, dass wir eine neue Art der Arbeit nun überhaupt erst gestalten können.

Heute ist New Work ein Sammelbegriff für alles, was Unternehmen hip und modern finden. Entspricht das noch dem, was du dir damals überlegt hast?
Eher nicht. Unser Ansatz war von Anfang an, die Lohnarbeit abzuschaffen und die Neue Arbeit einzuführen. Dieser radikale, einschneidende Wechsel wird heute von Firmen viel weniger betont. Heute macht man vielerorts nur die Lohnarbeit attraktiver, sympathischer und netter. Man kann auch sagen: Es ist Lohnarbeit im Minirock. Firmen beschreiben das, was wir Neue Arbeit nennen, nur in ganz oberflächlicher Art und Weise. Auch wenn es angeblich super läuft, ist es mehr Schein als Wirklichkeit.

So aus der Ferne betrachtet: Welches deutsche Unternehmen macht New Work denn am besten?
Soweit ich weiß, wird in keinem deutschen Betrieb das, was ich die Neue Arbeit nenne, wirklich durchgeführt. Oftmals ist es nur Stückwerk und nicht vollkommen durchdacht. Was mich an Deutschland ärgert: Neue Arbeit wird von allen Dächern gepfiffen, aber es ist nicht die Neue Arbeit, sondern nur eine etwas sympathischer angehauchte Form der Lohnarbeit. Man versucht nicht wirklich, die Neue Arbeit einzuführen. Deutschland braucht die Neue Arbeit aber unbedingt. Nur dann kann es seinen Status als führende Wirtschaftsnation behalten.

Manche Firmen sagen aber: Wir sind mit der bisherigen Arbeitsstruktur zufrieden, die Neue Arbeit passt nicht zu uns. Was sagst du denen?
Ich würde es eine Spaltung nennen. Es gibt in Deutschland auch viele Betriebe, denen es zu gut geht und die die Neue Arbeit nicht brauchen. Aber es gibt auch welche, die die Neue Arbeit akzeptieren und versuchen, sie einzuführen – aber meist zu schnell und meist auch zu oberflächlich.

Woran liegt das?
Weil sie sich nicht richtig auf die Neue Arbeit vorbereiten. Unsere Idee ist radikal neu, ein anderer Begriff vom Menschsein: dass er kein Raubtier ist, das gezähmt werden muss. Dass kein Egoismus in ihm herrscht, den man bändigen muss. Sondern dass wir jetzt den Punkt erreicht haben, wo wir die Menschen entwickeln und stärken können. Es braucht einen neuen Durchbruch, eine neue Radikalität.

Wie genau sollen sich die Unternehmen denn vorbereiten?
Wenn in Betrieben übersprungen wird, dass Menschen entwickelt werden müssen, dann geht das sehr oft schief. Dann scheitert New Work zu Recht.

Du meinst: Man kann die Neue Arbeit nicht von oben herab verordnen?
Das ist ganz und gar meine Meinung. Man kann es nicht diktieren, es muss sich von unten entwickeln – auch wenn es langsam und oft von Widerständen begleitet ist.

Ist New Work denn überhaupt das, was sich Arbeitnehmer heute wünschen?
Im Großen und Ganzen würde ich sagen: ja. Viele Arbeiter sehnen sich nach Arbeit, die sie wirklich, wirklich wollen. Das ist ja der Hauptsatz von New Work. Die Unzufriedenheit mit der jetzigen Arbeit hat stark zugenommen. Deswegen entwickelt sich sehr viel intensiver als früher die Überzeugung, dass wir eine neue Form der Arbeit brauchen.

Dein Konzept war damals auch als Kritik am Kapitalismus gemeint. Heute bewirkt New Work aber mitunter genau das Gegenteil, weil Mitarbeiter zur Selbstausbeutung animiert werden.
Das stimmt, so ist das zum Teil. Die Entwicklung entspricht nicht dem, was die Arbeiter wirklich wollen. Sehr viele werden ausgenutzt. Aber das ist nicht das letzte Wort. Für mich ist das ein Übergang in eine Zukunft, die sympathischer und arbeiterfreundlicher ist als die Vergangenheit. Man bereitet sich derzeit immer mehr auf eine andere Kultur der Arbeit vor.

Gibt es die im Silicon Valley nicht schon längst?
Bei Google habe ich das Gefühl gehabt, dass Frithjof Bergmann der Zukunft mehr entspricht als anderen Leute. Google hat einzelne Dinge aus der Neuen Arbeit erfolgreich imitiert.

Ist Google ein Vorbild für deutsche Unternehmen?
Nein. Deutsche Unternehmen sind aus meiner Sicht viel vorsichtiger als Google. Google ist radikaler, immer zu Versuchen ausgelegt. Google hat schon in sehr früher Zeit den Freitag als den Tag eingeführt, an dem Mitarbeiter machen dürfen, was sie selber entwickelt haben. Es gab eine Menge Google-Leute, die mir zugehört haben, als ich Vorträge in Stanford gehalten habe. Aber das bedeutet nicht, dass man in Deutschland nun Betriebe aufbauen sollte, die genau Google entsprechen. Das würde nicht gut laufen.

Warum nicht?
Ich habe zum Beispiel bei Daimler mitgearbeitet und kenne die Kultur dort. Das Management betont immer, dass die Mitarbeiter Vorschläge machen können. Aber die Vorschläge entsprechen immer genau dem, was das Management bei Mercedes hören will. Was der wirklichen Freiheit der Arbeiter entspricht, kommt bei Daimler nicht zum Zug.

New Work wird oft als Allheilmittel postuliert. Funktioniert es überall – im Mittelstand, beim Konzern?
Nein, absolut nicht. Die Neue Arbeit greift zwar um sich. Aber wir sind weit entfernt davon, dass die Neue Arbeit sich in allen Betrieben durchsetzt.

Berätst du aktuell noch Unternehmen?
Ja, ich berate GM, Chrysler und Ford. Nicht alle klatschen mit großer Begeisterung. Aber ich werde gefragt. Sie wollen meine Meinung hören und nehmen mich ernst. Das freut mich.

Lieber Frithjof, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Alle Mitarbeiter entscheiden mit und tragen Verantwortung. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es oft auch. Über die Stolpersteine von New Work.

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