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Interview mit Verdi-Vorstand Schröder „Unternehmen sollten mehr Mut haben, neue Geschäftsfelder zu erschließen“

Die neue Arbeitswelt bringt viele Herausforderungen mit sich. Der Gewerkschafter spricht über Digitalisierung, Löhne, Arbeitszeiten und Vertrauen.
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Der Verdi-Vorstand ist in weiterer Funktion auch Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom. Quelle: Marko Priske für Handelsblatt
Lothar Schröder

Der Verdi-Vorstand ist in weiterer Funktion auch Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom.

(Foto: Marko Priske für Handelsblatt)

Frankfurt Die Arbeitswelt von morgen ist ungewiss. Die einen fürchten Arbeitsplatzverluste – die anderen haben nur die Vorteile der Digitalisierung im Blick. Lothar Schröder, Mitglied des Verdi-Bundesvorstands, hat eine differenzierte Meinung. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt er: „Aus Untersuchungen wissen wir, dass viele Beschäftigte die Arbeit von zu Hause aus oder unterwegs schätzen. Damit werden auch Nachteile zum Teil ausgeglichen, die durch die Digitalisierung entstehen.“

Auf das Thema Vertrauen legt er besonderen Fokus: „Vertrauen ist ein Geben und Nehmen.“ So ist auch das Arbeiten im Heimbüro heute nichts Ungewöhnliches mehr. Anfangs war das jedoch anders. „Einige Kollegen aus der Gewerkschaftsseite hatten mich damals für verrückt erklärt, weil für sie die Verlegung von Arbeit in die heimischen Wände undenkbar war“, so Schröder.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Die Arbeitswelt hat sich dramatisch verändert. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Merkmale dabei?
Die ausgeprägtere Dienstleistungsorientierung und die wachsende Geschwindigkeit. Die hat gegenüber den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Der Grund dafür ist die Digitalisierung, die es erlaubt, Arbeiten zu verdichten, zeitlich und räumlich zu verschieben oder in neue Geschäftsmodelle zu überführen.

Was bedeutet das konkret?
Bei neuen Formen der Gruppenarbeit oder Plattformarbeiten, bei denen Aufgaben verteilt oder vermittelt werden, müssen die Mitarbeiter nicht mehr ständig und zwingend an einem Ort versammelt sein und zu einer Zeit arbeiten. Diese Entwicklung nimmt in Deutschland Fahrt auf.

Aber insgesamt überwiegen doch die Vorteile der Digitalisierung für die Angestellten, oder?
Aus Untersuchungen wissen wir, dass viele Beschäftigte die Arbeit von zu Hause aus oder unterwegs schätzen. Damit werden auch Nachteile zum Teil ausgeglichen, die durch die Digitalisierung entstehen. Zu denen gehört, dass sich Privatleben und Arbeitswelt enger miteinander vermischen und die Belastung steigt. Da müssen wir Wege finden, diese Bereiche besser voneinander abzugrenzen.

Einige Kollegen aus der Gewerkschaftsseite hatten mich damals für verrückt erklärt, weil für sie die Verlegung von Arbeit in die heimischen Wände undenkbar war. Lothar Schröder (Verdi-Vorstand und Telekom-Aufsichtsrat)

Wie soll das aussehen?
Etwa durch ein Recht auf Nichterreichbarkeit und Grenzen der täglichen Arbeitszeit. Einfach ist das nicht – eben wegen der räumlichen Nähe des Arbeitens zur Privatsphäre und des betrieblichen Ergebnisdrucks.

Nachdem die Unternehmen lange Zeit den Fokus auf Effizienzsteigerungen legen konnten, rücken jetzt die Arbeitszeiten stärker in den Mittelpunkt der Gestaltungsinitiativen. Arbeitszeitlängen sollten wir nun verringern, was wir angesichts des Wegfalls von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung auch brauchen.

Aber sinken dabei nicht die Löhne?
Das muss nicht sein, wie wir bei einigen Tarifabschlüssen gesehen haben. Bei der Deutschen Telekom konnten wir das vermeiden. Viele Teilzeitbeschäftigte haben unfreiwillig eine reduzierte Arbeitszeit. Die Tendenz geht dazu, dass die Menschen mehr freie Tage statt einer verringerten Tagesarbeitszeit haben wollen, aber sie brauchen alle ein Einkommen, das zum Leben reicht.

Sind mit der Digitalisierung denn wirklich so viele Jobs bedroht?
Wir werden Branchenumbrüche erleben. Ich fürchte, gerade in der Fertigungsindustrie aber auch in stark regelbasierten Dienstleistungstätigkeiten werden wir zum Teil erhebliche Verluste bei den Arbeitsplätzen sehen. Dieser Trend wird sich gerade mit der zunehmenden Einführung von Künstlicher Intelligenz verstärken. Da stehen wir am Anfang. Kritisch finde ich aber, dass viele Unternehmer auf das alte Verhaltensmuster zurückfallen, Effizienzen heben zu wollen, um Arbeitsplätze abzubauen. Die Unternehmen sollten mehr Mut und Initiative darauf verwenden, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das schafft Arbeit.

Ist dieser Vorwurf nicht zu pauschal? Gerade der deutsche Mittelstand zeichnet sich doch durch seine Innovationsfreude aus.
Da ist die Neigung, im Vorhandenen zu verharren und nur auf die Kosten zu schauen, in der Tat weniger ausgeprägt. Mittelständler gehen eher ins Risiko. Aber wir brauchen auch die Großkonzerne. Ohne die Entwicklungsbudgets von Volkswagen, BMW und Daimler wird sich die Einführung der Elektromobilität nicht stemmen lassen. Dem Mittelstand allein fehlt da die Kraft. Gleiches gilt auch für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Wer da vorne mitspielen will, braucht die richtige Industrie – und Forschungspolitik.

Die Entwicklung neuer Arbeitsmodelle läuft seit einigen Jahren. Sie selbst haben im Jahr 1996 den ersten Tarifvertrag für Telearbeit ausgehandelt.
Einige Kollegen aus der Gewerkschaftsseite hatten mich damals für verrückt erklärt, weil für sie die Verlegung von Arbeit in die heimischen Wände undenkbar war. Die Beschäftigten wollten das aber, wir hatten eine enorme Nachfrage. Etwa zur selben Zeit wurden Computer tragbar, was Arbeiten etwa im Zug erst möglich gemacht hat. Heute geht’s um mobile Arbeitsformen.

Was bremst die Entwicklung hin zum Arbeiten von unterwegs und zu Hause?
Vielen Führungskräften fiel und fällt das Loslassen nicht leicht. Die tun sich unglaublich schwer, den Menschen das Vertrauen entgegenzubringen, das für neue Arbeitsformen nötig ist. Dabei sollte den Vorgesetzten klar sein, dass auch ihre Position nicht über volle Flure abgesichert ist, sondern über die Fachlichkeit und die Innovationskraft. Gute Führungskräfte können über Distanz ihre Mitarbeiter führen.

Gibt es Geschäftsfelder, in denen sich neue Arbeitsformen vergleichsweise leicht verbreiten können?
Bei Unternehmen aus der IT-Industrie läuft es schneller. Deren Mitarbeiter sind technisch versiert, die wissen, was heute alles machbar ist.

Gerade viele IT-Beschäftigte beklagen aber ein hohes Arbeitspensum …
… das ist insgesamt das Problem bei Vertrauensarbeit, also dem Arbeiten ohne feste Zeiten. Wir haben da die Erfahrung gemacht, dass die Führungskräfte zu viel Arbeit bei den Mitarbeitern abladen. Die wollen dann das Pensum schaffen und machen das auf Kosten ihrer eigenen Freizeit. Auch deren Vertrauen wird damit letztlich missbraucht.

Gegenseitiges Vertrauen ist bei neuen Arbeitsformen der zentrale Begriff. Warum hakt es da?
Über das Thema müssen wir in größeren Zusammenhängen reden. Vertrauen ist ein Geben und Nehmen. Welches Vertrauen sollen überforderte Beschäftigte aufbauen, denen man Arbeitsplätze, Standorte und Wertschätzung streicht? Heute wird die Arbeit von Vorgesetzten verteilt. Was aber ist, wenn eine Maschine mit Künstlicher Intelligenz diese Aufgabe künftig übernimmt? Die wird dann gar keine Rücksicht mehr auf die Belange von Mitarbeitern nehmen. Wir müssen uns daher Gedanken machen, ob wir das wirklich wollen.

Mehr: Svenja Hoferts Buch „Mindshift“ liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für eine moderne, digitale Arbeitswelt. Es stimmt zuversichtlich auf die Zukunft ein.

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