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Jeder Mittelständler geht seinen eigenen Weg Kapital von den Kollegen

Die Beteiligung von Mitarbeitern am Firmenkapital ist ein Thema, das derzeit in der Öffentlichkeit stark diskutiert wird. Dabei gibt es schon heute zahlreiche Unternehmen, bei denen das längst Realität ist. Wie Mittelständler das Thema Investivlohn schon heute umsetzen.
  • Bert Fröndhoff und Wolfgang Gillmann
Montage eines Mähdreschers beim Erntemaschinenhersteller Claas. 4600 Mitarbeiter haben stille Beteiligungen an dem Unternehmen aus dem Münsterland erworben. Foto: Claas

Montage eines Mähdreschers beim Erntemaschinenhersteller Claas. 4600 Mitarbeiter haben stille Beteiligungen an dem Unternehmen aus dem Münsterland erworben. Foto: Claas

DÜSSELDORF. Für viele deutsche Unternehmer ist es eine erschreckende Vorstellung: Wenn beim Mittelständler Grünbeck die Gesellschafter zusammenkommen, um über Investitionen und Strategie zu entscheiden, dann läuft ohne die Mitarbeiter gar nichts. Bei Grünbeck herrscht nicht der intime Kreis der Familie - dort sind 110 Mitarbeiter Miteigentümer.

Ihnen gehören fast die Hälfte der Anteile an dem Unternehmen, das in Höchstädt an der Donau Anlagen zur Wasseraufbereitung fertigt. "Soziale Partnerschaft", nennt Firmengründer Josef Grünbeck das Modell, von dem er so überzeugt ist, dass er verfügt hat: Nach seinem Tod soll das Unternehmen komplett die Hände der Mitarbeiter übergehen.

Grünbeck ist ein extremes Beispiel für die Beteiligung von Mitarbeitern am Firmenkapital - ein Thema, das derzeit in der Öffentlichkeit stark diskutiert wird, seit die Bundesregierung den " Investivlohn" aus der Schublade geholt hat. Sie weiß zwar noch nicht genau wie, aber sie ist gewillt, die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmenskapital stärker zu fördern.

Ein Blick in die Praxis zeigt: Es gibt vor allem im Mittelstand Firmen, die dies seit langem mit guter Erfahrung umsetzen. Aber es machen nicht viele. Nur rund fünf Prozent der Unternehmen beteiligen die Mitarbeiter am Kapital. Ein Grund: "Kleinere Firmen schrecken vor den hohen administrativen und gesellschaftsrechtlichen Kosten zurück", sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Ein anderer: Man will sich nicht in die Karten gucken lassen.

Tatsächlich läuft die Kapitalbeteiligung von Mitarbeitern aus Sicht von Experten nur dann wirklich gut, wenn im Unternehmen partnerschaftliche Zusammenarbeit und Offenheit herrscht (siehe » "Knackpunkt Firmenkultur"). Doch der Blick in die Praxis zeigt ebenso, dass Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten haben, den Einfluss der Mitarbeiter und Höhe der Kosten zu steuern.

Die Motive der Unternehmen, die Kapitalbeteiligungen anbieten, sind einhellig: Sie wollen ihre Mitarbeiter motivieren, das unternehmerische Denken fördern und sie an sich binden. "Wir sind in einer ländlichen Region tätig und müssen für hoch qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv sein", sagt Walter Ernst, Geschäftsführer von Grünbeck. Zudem lockt das Geld als zusätzliche Finanzierungsquelle. Mitarbeiter als volle GmbH-Gesellschafter wie bei Grünbeck sind aber selten zu finden. Der Mittelstand setzt eher auf stille Beteiligungen und Genussrechte.

Beim Erntemaschinenkonzern Claas aus dem westfälischen Harsewinkel können Beschäftigte bis zu 600 Euro pro Jahr in eine Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft einzahlen. Sie werden dadurch stille Gesellschafter, haben also keine Mitentscheidungsmöglichkeiten. Das Geld liegt neun Jahre fest und wird entsprechend dem Ergebnis verzinst - bislang jedes Jahr mit mehr als zehn Prozent. "Es ist das teuerste Kapital, das wir haben", sagt Rüdiger Günther, Sprecher der Claas-Geschäftsführung. "Aber es ist es uns wert, denn es steigert die Motivation der Mitarbeiter." Bei einem Verlust ist die Verzinsung aber auch negativ, das heißt die Beschäftigten werden am Verlust beteiligt. Bei Claas beteiligen sich 4 600 Mitarbeiter, das sind rund 70 Prozent der deutschen Belegschaft. Sie halten ein Kapital in Höhe von 20 Mill. Euro.

Standardmodelle für Mitarbeiterbeteiligung gibt es nicht, jeder Mittelständler geht seinen eigenen Weg. Der Ulmer Trockenfrüchteanbieter Seeberger beteiligt seine Mitarbeiter am Gewinn, so wie es viele Firmen tun. Doch fließt die Hälfte der jährlichen Sonderauszahlung zurück ans Unternehmen. Die Mitarbeiter bekommen dafür Genussrechte, die wie bei Claas nach Gewinn oder Verlust verzinst werden. Vorteil des Modells: Der Verwaltungsaufwand ist überschaubar, die Beteiligungshöhe kann variiert werden, zudem entstehen keine Stimmrechte für die Belegschaft. Seeberger-Geschäftsführer Clemens Keller ist von der Wirkung überzeugt: "Die Fluktuation in unserer Belegschaft ist gleich null."

Ähnliches berichtet die Zimmer aus Neu- Ulm. Dort können die Mitarbeiter zum einen stille Gesellschafter werden. 41 von ihnen haben dies bereits genutzt. Zum anderen können sie ihre jährliche Gewinnbeteiligung auf Kapitalkonten einzahlen lassen, wo das Geld 25 Jahre verbleibt. "Die richtigen Menschen fürs Unternehmen kann man nicht kaufen", sagt Firmengründer Bernd Zimmer. "Die muss man gewinnen."

Doch erreicht eine Kapitalbeteiligung nicht immer alle Mitarbeiter. Bei der Pumpenfabrik Wangen GmbH haben lange Zeit nur diejenigen die Genussrechte erworben, die das nötige Kapital dafür übrig hatten. Junge Mitarbeiter hingegen, die noch vor großen Anschaffungen standen, nutzten das Angebot wenig, sagt Geschäftsführer Günter Heilos. Er ist von der positiven Wirkung einer Mitarbeiterbeteiligung auf die Motivation überzeugt und lotet nun aus, mit welchen Beteiligungsmodellen künftig die gesamte Belegschaft der Pumpenfabrik erreicht werden kann.

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