Joschka Fischer Dick im Geschäft

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Pension reicht nicht

„Man darf in der Beratung nicht zu politisch werden“, doziert er. „Man muss entpolitisieren, sonst gibt es zu viel Widerstände für ein Unternehmen.“ Und dann kommt das volle Pfund zum Mitschreiben: „Meine Beratung hier ist die Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln.“

Vier Jahre nach dem Ende von Rot-Grün, am 2. Juli 2009, gründet Fischer seine Firma zusammen mit dem langjährigen Pressesprecher der Grünen im Bundestag, Dietmar Huber. Fischer hält 51 Prozent, Huber 49 Prozent. Das Stammkapital beträgt 25 000 Euro. Das erste Geschäftsjahr ist im Bundesanzeiger veröffentlicht, es ist ein Rumpfgeschäftsjahr, denn es begann ja erst in der Mitte des Jahres. 209 000 Euro Gewinn machte JF&C 2009 offiziell, dem standen 172 000 Euro Verbindlichkeiten gegenüber – Designermöbel sind teuer. Für 2010 gibt es noch keine Bilanz. Das Zehnfache an Gewinn, grob zwei Millionen Euro, wird erwartet.

Fischer reicht seine Pension als Außenminister a. D. nicht. Die 11 000 Euro im Monat, für die meisten seiner alten Parteifreunde und Bundesbürger ein toller Betrag, wirken läppisch für diejenigen, die er berät und denen er sich zugehörig fühlt. BMW-Chef Norbert Reithofer, Siemens-Lenker Peter Löscher kommen auf das 20-Fache, RWE-Chef Grossmann hat seit seinem 32. Lebensjahr nicht mehr so wenig verdient, ist heute auch noch Stahlunternehmer und 100-facher Millionär. Wer zu Gast bei seinen Hummerpartys auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos ist, spürt den gar nicht so feinen Unterschied.

Und trotzdem ist Fischers eigentliche Benchmark jemand anderes. Sein inneres Auge ruht auf Zug in der Schweiz, dem Sitz der Nordstream Pipelinegesellschaft. Dort residiert „der Altkanzler“, wie Fischer seinen ehemaligen Koalitionspartner und Regierungschef nur noch nennt. Schröder ist Aufsichtsratschef des Unternehmens, das gerade die Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland durch die Ostsee verlegt. In dieser Funktion verdient er 250.000 Euro im Jahr. Der Job ist locker, nicht sehr zeitaufwendig. Entscheidungen bei Nordstream treffen sowieso die Teilhaber, darunter der russische Gaskonzern Gazprom, Gaz de France und Eon aus Düsseldorf.

Fischer muss im Vergleich zu Schröder deutlich mehr ackern. Er präsidiert nicht, die großen Wirtschaftsbosse, die er bedient, wollen Leistung und Präsenz. Deshalb verspricht Fischer seinen Kunden eine Mischung aus Personality-Show, Netzwerk und einem kräftigen Spritzer Nachhaltigkeit.

Was Fischer bringen muss, zeigten die Manager des Lebensmittelhandelskonzerns Rewe im Spätherbst vergangenen Jahres. Auf einer großen Party zur Verleihung des Nachhaltigkeitspreises im Düsseldorfer Maritim-Hotel gab Rewe-Berater Fischer den herausragenden Stargast. 1000 Gäste applaudierten einer Show, die er dem Einsatz für Gesundheit und Umwelt widmete. Mit Rewe-Chef Caparros verbindet Fischer an diesem Abend herzliches Schulterklopfen. Die ausgestreckte Hand von Ernst Ulrich von Weizsäcker hingegen, dem ehemaligen Chef des Wuppertaler Instituts für Umwelt und Energie, lässt er unberührt und geht weiter. Mit „Hallo Joschka“ will Unternehmer Fischer nicht angesprochen werden. Wenige Meter von der Bühne entfernt paffen die Gäste in der Rewe-Raucherlounge, wo Reemtsma kostenlos Zigaretten und Zigarren feilbietet.

Für diese Firmen arbeitet Joschka Fischer
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Seine Firma "Joschka Fischer & Company" ist für die ganz Großen der Industrie im Einsatz. Fischer stellt sich etwa in den Dienst von Rewe. Das Unternehmen will mit Unterstützung des Grünen "umwelt- und sozialverträglicher" werden, wie der Einzelhandelsriese medienwirksam verkündete. Fischer soll helfen, mehr Ökoprodukte in die Regale zu bringen und Energie in den Filialen zu sparen - gestützt auf seine Kenntnisse "über erfolgreiche Trends aus anderen Branchen". Damit das gelingt, hält Fischer (hier mit Rewe-Chef Alain Caparros) Reden vor Marketingmanagern aus der Bier-, Wurst- und Käseindustrie.

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Kritik daran wischt Fischer gekonnt lässig beiseite: "Es handelt sich um eine strategische Orientierung, die letztendlich auf ökologische Glaubwürdigkeit gründen muss, und eben nicht um eine Werbeaktion." Die Tätigkeit seiner Firma liegt laut Handelsregister in der "Erbringung von Beratungsleistungen mit den Schwerpunkten strategischer Beratung zur Flankierung unternehmerischer und politischer Entscheidungsprozesse, PR- und Imageberatung".

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Bisher arbeitet "Joschka Fischer & Company", seine Firma direkt am Berliner Gendarmenmarkt, bereits für den Stromkonzern RWE. Für das Pipeline-Projekt Nabucco soll Fischer politische Lobbyarbeit in den Staaten Zentralasiens leisten, aus denen die Pipeline Gas beziehen will. "Meine Beratung hier ist die Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln", sagt der Ex-Politiker, der jüngst seine Memoiren über die rot-grüne Regierungszeit veröffentlicht hat. Am Nabucco-Projekt hat sich Fischer jedoch bislang die Zähne ausgebissen, greifbare Erfolge lassen auf sich warten.

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Auch der Autokonzern BMW setzt auf Fischers Rat und Kontakte. Aktuell läuft bei dem Hersteller eine Nachhaltigkeitskampagne, die BMW ein grünes Image geben soll - und Fischer soll das Denken dort verändern. Kompetenz lässt Fischer nicht nur nach außen ausstrahlen - er kauft sie auch ein. So warb seine Firma zwei Nachhaltigkeitsexpertinnen vom Bundesverband der Deutschen Industrie ab, der seinen Sitz nur fünf Gehminuten von Fischers Firmenstandort in Berlin hat.

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Ein weiterer Auftraggeber von Fischer und Ex-US-Außenministerin Albright ist Siemens (im Bild: Zentrale in München). Hier legt der Grüne Wert darauf, dass er den Industriekonzern nicht in Atom-Dingen berät. Siemens war durch Korruption schwer in Verruf geraten und will von Joschka Fischers Glaubwürdigkeit profitieren. Der Ex-Minister sorgt darüber hinaus für direkte Kontakte zur US-Politik.

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Für den Münchener Konzern ist Fischer mit guten internationalen Kontakten attraktiv, da Siemens das Umweltgeschäft stark ausbauen will. "Heutzutage braucht man einfach Leute, die zu wichtigen Politikern Zugang haben", heißt es in Industriekreisen.

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Dem Handelsblatt sagte Fischer zur Erklärung für seine Engagements: "Ich treffe bei den Unternehmen auf ein viel größeres Bewusstsein über die Globalisierung und die Notwendigkeit für rasche Veränderungen."

Der Ex-Bundesaußenminister weiß, was gefragt ist bei seinen Gegnern aus Straßenkampfzeiten und was Geld bringt. Beratungsunternehmen wie McKinsey, Accenture oder Kienbaum zücken gewaltige Präsentationen, wenn sie Konzernen Konzepte für Nachhaltigkeit verkaufen wollen. Siemens beschäftigt seine Einkaufschefin Barbara Kux zugleich auch als Nachhaltigkeits-Beauftragte. BMW-Chef Reithofer und sein Rewe-Kollege Alain Caparros organisieren Feten und Workshops für Lieferanten, Hauptsache, der Kaffee dabei kommt aus fairem Anbau, und der Broccoli wurde nicht von allzu armen Erntehelfern gepflückt.

Der Berliner Unternehmensberater Peter Paschek, der mit der amerikanischen Marketing-Ikone Peter Drucker ein Buch über die Kardinaltugenden effektiver Führung herausgab, sekundiert Fischer und seiner Geschäftsidee vehement. Es sei inzwischen so, dass „der Nachweis, dass ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, heute in den USA zur Grundvoraussetzung gehört, mit Kunden überhaupt in Kontakt zu kommen“. Wer nicht nachweise, dass er mit Rücksicht auf Natur und Gesundheit wirtschafte, „fliegt aus den Lieferantenlisten“.

Und deshalb fliegt Fischer genau darauf. Sein Vorbild ist Ex-US-Außenministerin Albright. Dass BMW ihn im Juli 2009 – zunächst in einem recht losen Beratungsverhältnis – anheuerte, verdankt Fischer der Freundschaft zu der mittlerweile 74-Jährigen. Die Demokratin diente von 1997 bis 2001 im Außenamt unter Präsident Bill Clinton. Ihr seitheriger Weg wirkt wie eine Art Road Map, ein Marschweg, für Fischer.

Einstieg in ein neues Leben
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3 Kommentare zu "Joschka Fischer: Dick im Geschäft"

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  • Gott, ist das widerlich.....

  • Was für eine durch und durch korrupte Existenz, was für ein Windei. Bunzelrepublik 2013: Eine Ochlokratie.

  • Tja, so sieht der Marsch durch die Institutionen bei einem
    einstigen Strassenkämpfer aus.
    Sekt und Kaviar machen wohl doch mehr Spaß als Müsli und Adelskronenbier.

    11.000 Euro Pension, also vom Steuerzahler bezahlte Rente für ein paar Jahre Außenminister und etwas mehr Zeit als Abgeordneter, andere buckeln über 40 Jahre und kriegen ggf etwas 11.000 Rente im Jahr.

    Das hat sich doch gelohnt, Joschi... .

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