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Karriere Hip und Grün – Unternehmen setzen verstärkt auf Nachhaltigkeit

Die Jugend demonstriert gegen den Klimawandel, die Grünen sind im Umfragehoch. Für Deutschlands Firmen wird ein ökologisches Image immer wichtiger.
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68 Prozent der Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, dass sich ihr Arbeitgeber ökologisch engagiert. Quelle: mauritius images / Ikon Images
Umweltfreundlicher Geschäftsmann

68 Prozent der Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, dass sich ihr Arbeitgeber ökologisch engagiert.

(Foto: mauritius images / Ikon Images)

Düsseldorf Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Baufritz als Müslifresser verschmäht – allein deshalb, weil sich der Produzent von Holzhäusern aus nachhaltigem und zertifiziertem Baumaterial klar als Ökofirma präsentiert. Der Betrieb liegt im Grünen, jeder neue Mitarbeiter pflanzt einen Baum. Das sichtbarste Zeichen der grünen Bemühungen: fünf Photovoltaikanlagen auf den Produktionshallen.

Jeder Mitarbeiter kann ein Modul für 3000 Euro kaufen und bekommt durch die Einspeisung ins Stromnetz jedes Jahr mehrere Hundert Euro ausgezahlt. Und, man mag es für übertrieben halten: WLAN gibt es auf dem Firmengelände nicht, schließlich könnte die Strahlung ja den Mitarbeitern schaden. Dafür wird das Trinkwasser auf dem Firmengelände „mineralisch vitalisiert“. Maßnahmen, die noch vor einigen Jahren bei umliegenden Firmen belächelt wurden.

Heute profitiert der Mittelständler aus dem Allgäu, der 400 Mitarbeiter beschäftigt, von seinen grünen Bemühungen, gerade im Recruiting: „Viele Jobsuchende identifizieren sich mit unserer Philosophie und haben sich deshalb bei uns beworben“, sagt Baufritz-Personalleiter Manuel Seitz. In den vergangenen vier, fünf Jahren habe sich gerade die Einstellung der jungen Generation zum Thema Nachhaltigkeit enorm gewandelt.

Damit kann Baufritz auch gegen die umliegenden Betriebe aus der Industrie punkten, die mit hohen Tarifgehältern locken. „Obwohl wir nicht so ein hohes Gehalt zahlen können, haben sich Bewerber wegen unserer nachhaltigen Strategie für uns entscheiden.“

Nicht nur im Allgäu ändern sich die Perspektiven. Greta Thunberg bringt mit ihrer Fridays-for-Future-Bewegung Tausende Jugendliche auf die Straße, Deutschland erlebt den zweiten heißen Sommer in Folge, und die Grünen sind im Umfragehoch. Ein solcher Wandel geht an den hiesigen Firmen nicht vorbei.

„Bewerber haben sich wegen unserer nachhaltigen Strategie für uns entscheiden.“ Quelle: andreashuber-fotografie.de
Manuel Seitz, Personalleiter bei Baufritz

„Bewerber haben sich wegen unserer nachhaltigen Strategie für uns entscheiden.“

(Foto: andreashuber-fotografie.de)

Dass sich Unternehmen aus ethischer Verantwortung um die Umweltverträglichkeit ihrer Produkte und Verfahren bemühen sollten, ist eine alte Forderung. Was neu ist: Ein grünes Image wird zu einem immer wichtigeren Marketingwerkzeug bei der Suche nach Personal.

Gerade für besonders begabte Studierende, Uniabsolventen und Berufsneulinge ist die Nachhaltigkeit des Arbeitgebers bei der Berufswahl mittlerweile ein wichtigeres Argument als ein möglichst hohes Gehalt, ein sicherer Arbeitsplatz oder ein internationales Arbeitsumfeld. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey unter 7000 jungen Talenten des Stipendiatenprogramms E-Fellows.

Dass sich ähnliche Ansichten durch alle Generationen ziehen, zeigt eine Onlinebefragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für das Handelsblatt: Für 68 Prozent der Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, dass sich ihr Arbeitgeber ökologisch engagiert.

Die grünen Bekenntnisse in den Umfragen bedeuten zwar noch nicht, dass sich Talente im Zweifel nicht doch lieber für den Job mit dem hohen Gehalt entscheiden. Doch gerade für Unternehmen, die nicht mit Spitzengehältern glänzen oder abseits der beliebten Metropolen liegen, bietet ein grünes Image die Chance, überhaupt das Interesse von Toptalenten zu wecken.

„Das Thema Nachhaltigkeit bekommt durch die jüngeren Generationen gerade einen Schub“, sagt Nicole Richter, Partnerin bei EY und verantwortlich für den Bereich Nachhaltigkeitsberatung. Viele Vorstände hätten erkannt, dass Nachhaltigkeit ein positives Reputationsthema sein kann.

Matthias Wesselmann, Vorstand bei der Kommunikationsagentur Fischer-Appelt, ergänzt: „Damit eine Marke gesellschaftlich akzeptiert wird, können Unternehmen nicht mehr nur ihre Gewinne maximieren, sondern müssen auf die Umwelt Rücksicht nehmen und das werblich vermitteln.“ Seit 2017 sind Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ohnehin verpflichtet, in ihrem Geschäftsbericht auf ihre Nachhaltigkeitsbemühungen einzugehen. Und wer will da schon leere Seiten präsentieren?

Motivation durch Öko-Bemühungen

Nicht nur bei der Personalgewinnung können die Öko-Anstrengungen helfen, sondern auch beim Halten und Motivieren von Personal. 93 Prozent der Beschäftigten von SAP plädierten bei einer internen Umfrage dafür, dass der Softwarekonzern ökologisch wirtschaften solle. Auch Jenny Bittmann zählt zu dieser Mehrheit.

Eigentlich ist sie bei dem Softwarekonzern für Marketing und Eventplanung zuständig, doch zehn Prozent ihrer Arbeitszeit widmet sie dem Klimaschutz. Bittmann ist eine von weltweit mehr als 200 „Sustainability Champions“, wie SAP sie nennt, Mitarbeiter, die den Joballtag so ökologisch wie möglich machen sollen. In monatlichen Telefonkonferenzen suchen sie nach Lösungen. „Diese Zusatzaufgabe hat mir die Sinnhaftigkeit im Job zurückgegeben“, erzählt Bittmann.

Für EY-Expertin Richter ist das Vorgehen von SAP eine wirkungsvolle Maßnahme. „Wenn Mitarbeiter die Nachhaltigkeitsidee ihres Arbeitgebers direkt erleben können, bindet sie das langfristig ans Unternehmen.“ Außerdem erhöhe es die Wahrnehmung der Umweltbemühungen.

Und da hat SAP sich ambitionierte Ziele gesteckt: Bis 2025 will das Unternehmen CO2-neutral wirtschaften. 2018 verbrauchte der Konzern noch 700.000 Tonnen – acht Prozent mehr als im Vorjahr. Ein kleiner Schritt: Auf Jobmessen verteilt die SAP-Personalabteilung keine Give-aways mehr. 11.000 Werbegeschenke, zumeist aus Plastik, fallen dadurch weg.

Die Nachhaltigkeitschampions gibt es bei SAP schon seit 2009 – lange bevor Greta Thunberg die öffentliche Debatte bestimmt hat. Doch seitdem surfen fast alle Unternehmen auf einer grünen Welle – egal, ob sie wirklich nachhaltig sind oder sich nur einen grünen Anstrich geben wollen, beobachtet Kommunikationsexperte Wesselmann: „Fridays for Future sorgt für eine starke Bewusstseinsveränderung bei den Firmen und rückt das Thema Nachhaltigkeit in der Eigendarstellung massiv in den Vordergrund.“

Das zeigt sich auch bei einer Umfrage des Handelsblatts unter den Dax-Konzernen. Die Antworten: lange Mails, in denen Firmen ihre nachhaltigen Projekte rühmen. „Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Baustein der Unternehmensstrategie“, heißt es bei Daimler, für Henkel hat das Thema einen „hohen Stellenwert“. Die Deutsche Bank versteht ihre Maßnahmen als „Beitrag zur gesellschaftlichen Verantwortung“.

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Die grünen Bemühungen sind zahlreich, aber sie wirken doch oft symbolisch und weit entfernt vom Kerngeschäft: Bei der Telekom gibt es an verschiedenen Standorten Bienenstöcke auf dem Firmengelände. Die Allianz baut Quartiere für Igel und Fledermäuse. Die Deutsche Bank rühmt, dass der Kantinenchef aus bisherigen Verkaufsstatistiken die Anzahl der Gerichte ermittelt, die die Küche kochen muss. Das soll verhindern, dass Reste weggeworfen werden müssen.

Ob solch eine Selbstverständlichkeit die Mitarbeiter überzeugt? Katharina Reuter, Geschäftsführerin von Unternehmensgrün, dem Bundesverband der grünen Wirtschaft, hat darauf eine klare Antwort: „Das sind oft Alibimaßnahmen und Feel-Good-Projekte, für die sich Unternehmen auf die Schulter klopfen können.“

Dabei sei es wichtig, dass sich die Firmen ihr Kernprodukt anschauen und dort ansetzen – erst dann zeige sich, ob die Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsbemühungen wirklich ernst meinten. Adidas etwa versucht, sein Geschäftsmodell nachhaltiger auszulegen: 2021 soll „Futurecraft Loop“ auf den Markt kommen, ein Laufschuh, der komplett aus recycelbarem Material bestehe.

Was viele Konzerne schon heute umsetzen: Sie halten ihre Mitarbeiter dazu an, vermehrt auf Videokonferenzen zu setzen. Die Telekom etwa gibt an, dass deren Angestellte allein in Deutschland jeden Monat 312.000 virtuelle Meetings abhielten. Diese Zahl habe sich 2018 verdoppelt.

Doch den großen Trend kehrt das nicht um: „Die Zahl der Geschäftsreisen in deutschen Unternehmen stieg zwischen 2004 und 2018 von 146,4 auf 189,6 Millionen“, sagt Götz Reinhardt, Managing Director in der deutschen Niederlassung von SAP Concur, dem weltweit größten Anbieter von Reisekostenabrechnungen.

Bayer versucht gezielt, seine Angestellten von Bahnreisen zu überzeugen. Für die Strecke von der Leverkusener Konzernzentrale zum Bayer-Standort Berlin hat das Unternehmen mit der Bahn einen Festpreis ausgehandelt, mit dem Bayer pro Einzelfahrt im Vergleich zum Standardtarif etwa 50 Euro spart.

Doch der Versuch, auf Flugreisen zu verzichten, gelingt bislang nur mäßig: 2018 buchten die Bayer-Mitarbeiter 2500 Bahnkarten auf der Strecke zwischen Leverkusen und der Hauptstadt – und 18.000 Flugtickets.

„Schon die Umweltdiskussion war für uns ein Erfolg.“ Quelle: Anke Großklaß/ Weiberwirtschaft
Katja von der Bey, Geschäftsführerin Weiberwirtschaft

„Schon die Umweltdiskussion war für uns ein Erfolg.“

(Foto: Anke Großklaß/ Weiberwirtschaft)

Dass der Umstieg auf die Schiene auch kleineren Firmen schwerfällt, zeigt das Beispiel der Berliner Weiberwirtschaft. Die Genossenschaft, die in der Hauptstadt Gewerberäume an Gründerinnen vermietet, sorgte mit ihrem ungewöhnlichen Beitrag zum Klimaschutz für Aufmerksamkeit: Jeder Mitarbeiter bekomme drei Tage Sonderurlaub, wenn er ein Jahr auf private wie dienstliche Flugreisen verzichte, versprach das Unternehmen im Sommer. Doch bei allen guten Vorsätzen: Fliegen ist verführerisch.

Zwei der zehn Mitarbeiter sind in den vergangenen Wochen schon ins Flugzeug gestiegen. Auch die Geschäftsführerin. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber es ging wirklich nicht anders“, sagt Katja von der Bey. Zum Urlaub nach Norditalien flog sie, weil es keine passenden Nachtzüge gegeben habe.

Zurück setzte sich die 56-Jährige in den Zug – die drei Tage Sonderurlaub sind trotzdem futsch. Doch über ihre Initiative freut sich von der Bey dennoch: Das Echo in den sozialen Netzwerken war enorm – und vier Initiativbewerbungen hatte sie auch im Postkasten. „Schon die Umweltdiskussion war für uns ein Erfolg“, sagt von der Bey.

Nur das Öko-Image polieren

Das Beispiel der Weiberwirtschaft zeigt, wie schnell gut gemeinte Ökopläne nicht aufgehen können. Fischer-Appelt-Chef Wesselmann rät Unternehmen deshalb zu „einer authentischen Darstellung ihrer Nachhaltigkeitsbemühungen“.

Dass ausgerechnet ein Kommunikationsexperte zu kommunikativer Bescheidenheit rät, ist bemerkenswert, aber schlüssig: Wenn der grüne Anstrich der Marketingkampagnen bröckele, drohten Imageverlust und Umsatzeinbrüche, warnt Dieter Brübach, Mitglied im Vorstand des Bundesdeutschen Arbeitskreises für umweltbewusstes Management (Baum). Über 500 Unternehmen sind Mitglied und verschreiben sich ökologischen und nachhaltigen Zielen.

Seine Beobachtung: „Bei familiengeführten Mittelständlern und Start-ups sind die Umweltbemühungen oftmals authentischer als bei Dax-Konzernen, weil die Inhaberfamilie mit einer inneren Überzeugung nachhaltig agiert.“

Bei der Bohlsener Mühle können Mitarbeiter ihr eigenes Gemüse ernten. Quelle: Bohlsener Mühle
Auf dem Acker

Bei der Bohlsener Mühle können Mitarbeiter ihr eigenes Gemüse ernten.

(Foto: Bohlsener Mühle)

Wie das aussehen kann, zeigt sich 30 Kilometer südlich von Lüneburg. Bei der Bohlsener Mühle stehen Chef und Mitarbeiter gemeinsam auf dem Acker. Der Betrieb, der Biobrot, Müsli und andere Backwaren aus regionalem Getreide herstellt, hat Felder angemietet, die die Mitarbeiter in Eigenregie bewirtschaften können. Auf den 40 Quadratmeter großen Parzellen haben sie Kürbisse, Zucchini, Kartoffeln, rote Beete und Kohlrabi angepflanzt.

Die Aktion ist für die 260 Mitarbeiter freiwillig, doch mitunter tummeln sich ganze Abteilungen im Acker. Viele nutzen die Feldarbeit zum Abschalten in der Mittagspause oder zum Entspannen nach der Arbeit. Die Ernte können die Mitarbeiter mit nach Hause nehmen.

Die Bohlsener Mühle will sich damit im ländlichen Raum, wo Fachkräfte knapp sind, bewusst von der Konkurrenz abheben. Bewerber seien von dem Zusatzangebot oft positiv überrascht, heißt es. Nebenbei sorge die Ackeraktion für Bewegung.

Um Bewegung geht es auch im Allgäu. 30 Prozent der Baufritz-Mitarbeiter kommen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Seit Anfang des Jahres kooperiert der Hausbauer mit dem Leasinganbieter Jobrad. Bei dem Freiburger Start-up können Arbeitgeber Diensträder leasen, die Mitarbeiter verzichten dafür auf einen kleinen Teil des Gehalts und können auch privat radeln.

Jobrad ist einer der größten Profiteure der grünen Welle: Die Zahl der Unternehmen, die das Angebot nutzen, hat sich innerhalb eines Jahres auf 15.000 verdoppelt, darunter Bosch, SAP, Porsche und Lufthansa. Allerdings ändert das Geradel bei der Fluggesellschaft und dem Sportwagenbauer wenig am ökologisch problematischen Kerngeschäft.

Baufritz-Personalleiter Seitz hat dieses Problem nicht. Er freut sich über das Jobrad-Angebot: „Die Mitarbeiter sind fit und gesund und tun auch etwas Gutes für die Natur.“ Belächelt werden sie dafür nicht – von Müslifressern spricht im Allgäu mittlerweile kaum noch jemand.

Mitarbeit: Claudia Obmann, Michael Raschke

Mehr: Infografik – Umweltschonung, Ressourcenproduktivität, faire Entlohnung – Konsumenten legen darauf immer mehr Wert. Auch fünf deutsche Firmen haben es auf die Liste geschafft.

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