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TGV von Alstom und ICE von Siemens

Starkes Gegengewicht zu Chinas Anbietern.

(Foto: twitter)

Kartellprüfung Für Unternehmen werden Übernahmen immer mehr zu einem Vabanquespiel

Es dauert immer länger, bis große Deals vollzogen werden können. Firmen könnten künftig davon absehen – denn die Kosten bei einem Scheitern sind immens.
01.10.2018 - 06:03 Uhr Kommentieren

Frankfurt, Düsseldorf, München Der Gipfel sei weiter weg als gedacht, der Weg steiler und es seien deutlich mehr Anstrengungen nötig – so beschrieb Bayer-Chef Werner Baumann den Prozess der Kartellprüfung im Fall der Übernahme von Monsanto. Die Behörden, so Baumann, gingen „unvorstellbar tief ins Detail“. Mehr als vier Millionen Seiten an Dokumenten hatte der Leverkusener Konzern den Wettbewerbshütern zur Verfügung gestellt, bis diese schließlich nach 21 Monaten ihr Go für den Deal gaben.

Ähnlich ergeht es etwa Linde und Praxair, die ihr Fusionsvorhaben bereits vor 20 Monaten starteten, oder aber Siemens und Alstom, deren Zusammenschluss im Bahngeschäft seit zwölf Monaten auf sich warten lässt – Ende offen. Bis große Übernahmen und Fusionen vollzogen werden können, vergeht immer mehr Zeit. Für die Unternehmen werden Akquisitionen und Zusammenschlüsse zu einem Vabanquespiel.

Verstrichen in den Jahren 2010 bis 2013 nach Berechnungen der Sozietät Dechert im Schnitt noch 10,9 Monate von der Bekanntgabe der Transaktion bis zum Ende einer vertieften Kartellprüfung der Phase zwei, waren es 2017 bereits 15,1 Monate. Für die Manager wird das zu einem wachsenden Problem. Offiziell wollen sich die betroffenen Unternehmen nicht äußern. „In laufenden Kartellverfahren ist das schwierig“, begründet eine Führungskraft eines Großunternehmens die Zurückhaltung.

Auch käme etwa Kritik an den Kartellbehörden nicht sonderlich gut an. Doch hinter vorgehaltener Hand räumen die Betroffenen ein, dass das lange Warten mittlerweile zu einer deutlichen Integrationsbremse werde. „Auch wenn das in unserer Branche keiner gerne hören will, aber ich glaube, dass die Unternehmen künftig stärker die Finger von Mega-Deals lassen werden“, sagt ein M&A-Berater.

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    Für den Zeitraum zwischen Vertragsunterzeichnung und Abschluss sei man bislang typischerweise von sechs bis zwölf Monaten ausgegangen, erläutert Christian Kames, Chef des Investmentbankings von JP Morgan in Deutschland: „Bei großen, globalen Transaktionen kann es mittlerweile deutlich länger dauern, und erforderliche Zugeständnisse an die Behörden können deutlich umfangreicher werden als anfangs erwartet. Damit sind auch die Risiken gewachsen.“

    Die Entwicklung hat viele Ursachen. „Kartellbehörden legen heute strengere Maßstäbe an als noch vor Jahren. Dadurch kann es zu unerwarteten Komplikationen kommen“, sagt Eric Fellhauer, Co-Chef bei der Investmentbank Lazard in Deutschland. Im aktuellen Übernahmezyklus seien in verschiedenen Branchen höhere Marktkonzentrationen entstanden. „Da urteilen Kartellbehörden strenger“, so Fellhauer.

    Scheitern Übernahmen, entstehen bei großen Deals schnell Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Eric Fellhauer, Co-Chef Lazard

    Das erfahren etwa Siemens und Alstom. Beide Konzerne mussten die Hoffnung, noch in diesem Jahr zu einem neuen europäischen Zugriesen zu verschmelzen, aufgeben. Zwar hatte man sich wegen der Komplexität der Thematik und der zumindest in Europa starken Marktmacht der beiden großen Anbieter auf eine vertiefte Prüfung eingestellt. Doch nun hat Brüssel zusätzliche Unterlagen angefordert und will bis Ende Januar prüfen.

    Märkte verschieben sich

    Einfach dürfte es für Siemens und Alstom nicht werden, die Genehmigung einzuholen. Denn bei Verkündung der verlängerten Frist hatten die Wettbewerbshüter deutliche Worte gewählt: „Insbesondere befürchtet die Kommission, dass der geplante Zusammenschluss bei Ausschreibungen für Rollmaterial und Signaltechnik wegen des niedrigeren Wettbewerbsdrucks zu höheren Preisen, einer geringeren Auswahl und weniger Innovation führen könnte.“

    So würde der neue Konzern bei Hochgeschwindigkeitszügen zum „unangefochtenen Marktführer“ aufsteigen, argumentiert Brüssel. Bei der Signaltechnik würde der neue Anbieter sogar „einen Marktanteil erreichen, der den des engsten Konkurrenten um das Dreifache übersteigen würde“. Viel Marktmacht also, aus Sicht der Kartellwächter womöglich zu viel. Vor allem eine Frage hat sich als Knackpunkt herauskristallisiert.

    Droht ein massiver Markteintritt des chinesischen Weltmarktführers CRRC? Bislang konnte der Rivale noch keine großen, prestigeträchtigen Aufträge vermelden. Die EU-Kommission urteilt sogar explizit, es sei zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass neue Player, insbesondere mögliche chinesische Anbieter, in absehbarer Zeit in die europäischen Märkte für rollendes Material und Signaltechniklösungen vordringen würden.

    Grafik

    Im Umfeld von Siemens und Alstom sieht man das anders: „Die Chinesen stehen vor der Türschwelle Europas.“ Beide Unternehmen begründen die Fusion ausdrücklich mit der wachsenden Konkurrenz aus China. Die Fusionspartner sind laut Industriekreisen nach wie vor zuversichtlich, in den nächsten Monaten einen Großteil der Bedenken ausräumen zu können. Die Verzögerungen bei der Bahn-Fusion verdeutlichen ein weiteres Problem.

    Es wird immer schwieriger, mögliche Markteinschätzungen und Bedenken der Kartellhüter vorauszusehen. „Heute werden regulatorische Risiken viel früher und intensiver analysiert. Allerdings lassen sich Behörden im Vorfeld eines Deals nicht zu klaren Aussagen hinreißen“, sagt Kames von JP Morgan.

    Hinzu kommt: „Die heutige Welt ist viel stärker von Handelshemmnissen geprägt als früher, Regierungen mischen sich stärker ins Wirtschaftsgeschehen ein, gerade auch bei wichtigen Übernahmen“, sagt Fellhauer von Lazard. Es sei zu erkennen, dass die Kartellbehörden bei der Prüfung mittlerweile neben der Beurteilung der Marktsituation auch industriepolitische Faktoren berücksichtigen, berichten Kartellexperten mehrerer deutscher Konzerne.

    Kartellamt wehrt sich

    Das belegt das Beispiel Linde und Praxair. Beide sind zwar einen großen Schritt bei ihrer geplanten Verschmelzung zum weltgrößten Gasekonzern vorangekommen. Man hat einen Käufer für weitere Teile des Konzerns gefunden und erfüllt damit Forderungen der Kartellwächter. Der Prozess dauert aber bereits deutlich länger als erwartet.

    Zwar war von Beginn an klar, dass das 60-Milliarden-Euro-Projekt kartellrechtlich heikel ist – wollen sich doch auf dem von wenigen großen Anbietern geprägten Gasemarkt die Nummer zwei und die Nummer drei zusammentun. Nach der Ankündigung, fast das komplette Praxair-Gasegeschäft an den japanischen Konkurrenten Taiyo Nippon Sanso zu verkaufen, und dem Ausstieg aus einem Gemeinschaftsunternehmen gab Brüssel unter Auflagen im August grünes Licht für den Zusammenschluss.

    Doch dann forderte die US-Kartellbehörde FTC, dass weitere Aktivitäten in den USA verkauft werden sollten, obwohl der geplante Verkauf eines Großteils des dortigen Linde-Geschäfts an den deutschen Konkurrenten Messer mit ihr abgestimmt war. Zudem zeigte sich die FTC mit dem Käufer Messer unzufrieden, ein Thema, das mittlerweile geklärt wurde. Doch die FTC fahre insgesamt eine härtere Linie, heißt es in Industriekreisen. Das Bundeskartellamt will Kritik an langen Prüffristen so nicht stehen lassen.

    Mehr als 90 Prozent aller angemeldeten Fusionen würden binnen eines Monats, „manchmal sogar binnen weniger Tage“ entschieden, heißt es dort. Pro Jahr erreichen die Bonner Behörde etwa 1200 Anträge von Unternehmen auf Übernahme oder Zusammenschluss. Nur eine kleine Anzahl von Vorhaben gehe in die sogenannte zweite Phase, in der sich das Kartellamt laut Gesetz vier Monate Zeit für eine Entscheidung lassen kann, erklärt ein Sprecher.

    Allerdings würden viele Fusionen von den Unternehmen zwar frühzeitig öffentlich angekündigt, bis zur offiziellen Anmeldung bei den Kartellbehörden vergingen aber oft noch Monate. Und „erst dann tickt die Uhr“, heißt es in Bonn. Dem widersprechen M-&-A-Berater. Es stimme nicht, dass die Unternehmen immer später mit ihren Vorhaben bei den Behörden seien, sagt ein Rechtsberater: „Wir sind sogar immer früher dort, sprechen schon Monate vorher mit den Kartellwächtern.

    „Aber es werden immer mehr Daten eingefordert, schon in den Vorgesprächen.“ Zudem halten die Kartellwächter die Uhr in einem laufenden Verfahren immer häufiger an, für Unternehmen und Übernahme-Spezialisten eine neue Erfahrung. So gab die US-Telekommunikationsaufsicht FCC kürzlich bekannt, die Prüfung der Fusion von T-Mobile US, einer Tochter der Deutschen Telekom, mit dem US-Unternehmen Sprint zu unterbrechen.

    Die beiden Unternehmen würden noch Informationen zu der 26 Milliarden Dollar schweren Fusion nachreichen, heißt es zur Begründung. Maxim Kleine, Wettbewerbsrechtler und Partner der Kanzlei Norton Rose Fulbright, beobachtet grundsätzlich ein „schwindendes Vertrauen“ von Behörden „in die Aufrichtigkeit von Angaben in Fusionskontrollanmeldungen“.

    Das führe zu einem größeren Nachprüfungsaufwand. Wenn das Vertrauensverhältnis beeinträchtigt werde, so Kleine, „handelt es sich nach meiner Einschätzung für Unternehmen um das mit Abstand schwerwiegendste Problem.“

    Unternehmen im Dilemma

    Hinzu kommt laut Kleine die Unsicherheit der Behörden beispielsweise im Umgang mit Online-Vertriebsaktivitäten. „Hersteller, die noch vor wenigen Jahren nur Groß- und Einzelhändler beliefert haben, vertreiben mittlerweile zunehmend direkt an den Einzelhandel und sogar an Endkunden.“ Unternehmen wie Amazon seien in einer Vielzahl von Produktmärkten tätig.

    Die zur Beurteilung einer Fusion wichtigen Märkte und Marktanteile veränderten sich auf diese Weise sehr viel schneller als in der rein analogen Welt. Worin auch immer die Gründe für eine verlängerte Prüfung liegen, die Unternehmen stecken in einem Dilemma: Während sich die Kartellprüfungen in die Länge ziehen, setzt das Wertpapier- und Übernahmegesetz (WpÜG) enge Grenzen.

    Nach dem Ende der Angebotsfrist für die Aktionäre bleiben den Unternehmen exakt zwölf Monate, um ihr Vorhaben auch kartellrechtlich durchzubringen. Im Fall Linde-Praxair endet diese Frist am 24. Oktober. Bis dahin muss alles stehen, sonst ist die Fusion hinfällig. Kames von JP Morgan stellt fest, dass die Frage der Transaktionssicherheit einen immer höheren Stellenwert gewinnt – sowohl für Verkäufer als auch Käufer.

    Denn ein Risiko scheuen die Manager besonders: „Scheitern Übernahmen, entstehen bei großen Deals schnell Kosten in dreistelliger Millionenhöhe“, so Fellhauer von Lazard.

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