Köpfe „Was würden Sie am liebsten tanzen?“

Niemand hat den Deutschen in den vergangenen 60 Jahren mehr Fragen gestellt als Elisabeth Noelle-Neumann: Wie sie die Meinungsforschung kennen lernt und groß macht.
  • Katharina Slodczyk und Christoph Hardt

ALLENSBACH. Ein lauer Spätsommerabend in Peking im Jahr 1938. Auf dem Dach der deutschen Botschaft wird gefeiert und getanzt. Auch eine junge Deutsche ist unter den Gästen. Die 21-Jährige ist nach ihrem Studium auf Weltreise. Auf Hawaii und Hokkaido hat sie bereits Station gemacht, in Seoul und Tokio. In Peking gefällt es ihr besonders gut. „Es war herrlich, das Fest auf dem Dach der Botschaft“, erzählt sie fast 70 Jahre später.

Lange hält sie sich nicht mit den Erinnerungen auf, denn im gleichen Moment kommt ihr eine Idee. Sie nimmt die Brille ab, streckt ihren Rücken durch, zieht die Augenbrauen hoch, und aus ihren Augen blitzt schieres Vergnügen, als ob sie von einem gelungenen Geniestreich erzählen wollte. „Bei einer unserer nächsten Umfragen müsste man die Menschen mal fragen: Wenn Sie die Auswahl hätten zwischen Foxtrott, Walzer, Tango und Charleston, was würden Sie am liebsten tanzen?“

Sie kann es einfach nicht lassen. Elisabeth Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz, Gründerin des ersten deutschen Meinungsforschungsinstituts, einflussreichste Demoskopin des Landes. Sie hat diese Wissenschaft hoffähig gemacht, ihre Methoden auch der Politik an die Hand gegeben. Niemand hat den Deutschen in den vergangenen 60 Jahren mehr Fragen gestellt, niemand weiß besser, wie sich die Nation fühlt. Auch jetzt, im Alter von 89 Jahren, hat sie ihn nicht abgelegt, den Drang, zu fragen, zu forschen, über die Technik eines neutralen Fragebogens, über das Design einer guten Umfrage nachzudenken. „Man muss in Umfragen auch mal ungewöhnliche Dinge einflechten, damit die ganze Angelegenheit nicht zu langweilig wird.“

Den Kopf leicht zur Seite geneigt, die grauen Haare exakt gescheitelt, sitzt sie da in einem zierlichen Sessel in der Bibliothek ihres Hauses in Allensbach am Bodensee, die Mutter der Meinungsforschung, und erzählt von dem Kampf um die richtige Formulierung – nur unterbrochen von der Eisenbahn, die in regelmäßigen Abständen an ihrem Haus vorbeirattert. „Ein guter Fragebogen ist das Qualitätsmerkmal guter Demoskopie.“ Mit vier oder fünf Mitarbeitern habe man in der Regel zusammengesessen und die Fragen entwickelt. Stundenlang. „Manche Fragen hielten uns zwei Stunden auf, bis wir sie endgültig geeignet fanden.“

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