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Kühnert-Debatte Wo Genossenschaften erfolgreich sind – und wo nicht

Juso-Chef Kevin Kühnert spricht sich für die Kollektivierung von Konzernen aus. Dabei gibt es in Deutschland viele Genossenschaften – ein Überblick.
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Kevin Kühnert: Wo Genossenschaften erfolgreich sind und wo nicht Quelle: Jens Büdpa
Edeka-Supermarkt in Gadebusch

Die Kette beschäftigt in Deutschland rund 300.000 Menschen.

(Foto: Jens Büdpa)

DüsseldorfKönnen Genossenschaften ebenso erfolgreich wirtschaften wie Aktiengesellschaften? Die Frage ist entbrannt, seitdem Juso-Chef Kevin Kühnert mit dem Vorstoß überraschte, große Firmen gerne kollektivieren zu wollen. Er wolle eine Kollektivierung von Unternehmen wie BMW auf demokratischem Wege erreichen, sagte der Vorsitzende der Jungsozialisten, der Jugendorganisation der SPD, der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Am Beispiel des Autobauers führte er aus, ihm sei weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW „staatlicher Automobilbetrieb“ steht oder „genossenschaftlicher Automobilbetrieb“ oder ob das Kollektiv entscheide, dass es BMW in dieser Form nicht mehr brauche.

BMW, um beim Beispiel Kühnerts zu bleiben, ist in Hand der Aktionäre. Sie halten Anteilsscheine an dem Münchener Autobauer. Wer viele Aktien hat, besitzt mehr Einfluss, wer wenig Aktien hat, weniger. Eine kollektive Genossenschaft funktioniert anders. Hier hat jedes Mitglied gleich viele Rechte.

Gemeinsam seine Ziele besser zu erreichen als im Alleingang – das ist der Grundgedanke jeder Genossenschaft. Genossenschaftsanteile müssen von den Mitgliedern gezeichnet und gekauft werden, um in den Genuss der gemeinsamen Ziele zu kommen.

Mit am weitesten entwickelt ist das Genossenschaftsprinzip in der deutschen Finanzbranche. Volksbanken, Raiffeisenbanken und Sparda-Banken sind Genossenschaftsbanken. Nicht Aktionäre, sondern Kunden sind die Mitglieder – und sie haben hier das Sagen, meist über gewählte Vertreter.

Weil Genossenschaftsbanken vor allem lokal verankert sind, gerieten sie in der Finanzkrise vor zehn Jahren nicht in die verhängnisvolle Abwärtsspirale aus faulen Immobilienkrediten, wie viele Großbanken, die schließlich mit staatlicher Hilfe gerettet werden mussten.

Jedes Mitglied leistet beim Eintritt in eine Genossenschaft einen finanziellen Beitrag, indem es Anteile erwirbt. Die Genossenschaft finanziert sich aus ihrem Eigenkapital und aus dem laufenden Geschäftsbetrieb. Einer Genossenschaft liegt eine demokratische Unternehmensverfassung zu Grunde.

Das heißt: Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe der finanziellen Beteiligung, und damit das gleiche Gewicht bei Entscheidungen. Einzelinteressen finanzstarker Investoren können nicht dominieren.

Doch es gibt gravierende Nachteile. Geniale Geschäftsideen, so wie sie etwa Steve Jobs bei Apple, Jeff Bezos bei Amazon, Bill Gates bei Microsoft oder die fünf Gründer bei SAP um Dietmar Hopp und Hasso Plattner entwickelten und anschließend kraftvoll auch mit Hilfe neu gezeichneten Aktienkapitals umsetzen konnten, sind bei Genossenschaften praktisch ausgeschlossen. Denn hier liegt die Kraft sehr viel mehr in der Masse und nicht in den Ideen und dem Drang einzelner genialer Personen.

Genossenschaften gibt es aber keinesfalls nur in der Finanz- und Immobilienbranche mit den vielen Wohnungsgenossenschaften, wie der folgende Überblick zeigt.

Edeka/Rewe

Im deutschen Einzelhandel dominieren nicht die börsennotierten Konzerne, so wie etwa in den USA oder in Frankreich, sondern genossenschaftliche Firmen. Größter Arbeitgeber in Deutschland mit über 300.000 Beschäftigten ist die Edeka-Gruppe. Sie kommt auf einen Marktanteil von gut 25 Prozent. Die Nummer zwei in der Branche ist Rewe.

Beide Handelskonzerne entstanden aus Zusammenschlüssen freier Kaufleute, die sich Vorteil beim Einkauf gegenüber Lieferanten erhofften. Der Namen Edeka steht ursprünglich für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“, Rewe ist das Kürzel für „Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften“.

KPMG

Im harten Geschäft der Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater zählt KPMG zu den ganz Großen – und ist dabei ein Exot. Viele Dax-Konzerne setzen auf das Testat der Genossenschaft, die ihren Sitz in der Schweizer Steueroase Zug hat.

Bei KPMG haften nicht die Berater als Genossen, sondern jene Firmen, die sich vor gut drei Jahrzehnten zusammenschlossen: Goerdeler aus Deutschland, Marwick aus den USA sowie Klynveld aus den Niederlanden und Peat aus Großbritannien.

Intersport

Die Gemeinschaft selbstständiger Sportfachhändler mit ihrer Dachgesellschaft im schweizerischen Bern setzt jährlich rund elf Milliarden Euro um. In Heilbronn ist der deutsche Mitgliedsverband ansässig; seit Gründung 1956 als Genossenschaft. Mit über zweieinhalb Milliarden Euro Umsatz sind die Deutschen der größte Mitgliedsverband. Genossen sind unter anderem die Firmen Otto, Breuninger und Wöhrl.

Südzucker

Europas größter Zuckerproduzent mit seinen 18.500 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von sieben Milliarden Euro notiert zwar an der Börse im SDax. Doch die Mehrheit des Mannheimer Unternehmens ist genossenschaftlich organisiert. Die Süddeutsche Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft (SVZG) hält 56 Prozent der Anteile.

Die Kooperative aus Zuckerrüben-Anbauern entstand nach dem zweiten Weltkrieg, als die Westalliierten aus dem Marshallplan Geld für den Bau von Zuckerfabriken zur Verfügung stellten. Bedingung für die Auszahlung war, dass sich die Rübenbauern mit eigenem Geld beteiligten und so Gesellschafter der neuen Fabriken wurden. Jeder Landwirt bezahlte zwei D-Mark pro geernteter Tonne Rüben.

Noch heute bündelt die SZVG die Interessen der bäuerlichen Aktionäre auf der jährlichen Hauptversammlung. Erfolgreich ist diese Konstruktion aus Sicht der Aktionäre eher nicht. In 20 Jahren haben die Aktien nichts gewonnen, gegenüber dem Hoch von 2013 notiert Südzucker gut 60 Prozent im Minus. Die Folge war der Abstieg aus der zweiten Börsenliga MDax in den SDax.

Baywa

Der Handels- und Dienstleistungskonzern mit den Sparten Agrar, Energie, Bau und Logistik notiert ebenfalls an der Börse – auch nicht erfolgreich. In den vergangenen fünf Jahren verlor die Aktie ein Drittel an Wert. Der Groß- und Einzelhändler nannte sich bis Anfang der 70er-Jahre Bayerische Warenvermittlung landwirtschaftlicher Genossenschaften.

Mehrheitlich das Sagen haben Genossen: Die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG hält 34,75 Prozent der Anteile, die Raiffeisen Agrar Invest GmbH weitere 25,01 Prozent. Dahinter stehen Kredit- und Lagergenossenschaften aus Deutschland und Österreich. Die Interessen der Genossen vertritt ein Beirat mit knapp zwei Dutzend Mitgliedern.

Aus Aktionärssicht enttäuscht aber nicht nur die Kursentwicklung, sondern auch die Profitabilität: In den vergangenen zwei Jahrzehnten schwankte die Nettoumsatzrendite nur zwischen 0,1 und 0,9 Prozent. Von 100 Euro Umsatz blieben also nie mehr als 90 Cent übrig – in den vergangenen drei Jahren jeweils nur 20 Cent.

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